krisendialoge
Lieber Konrad, danke, dass Du bereit bist, für die Leser Deiner Texte die philosophischen Grundlagen Deiner Weltanschauung verständlich zu machen, insbesondere Deinen Weg hin zum Konservativismus. Wo fing dieser Denkweg an, welche Veränderungen hat er im Laufe Deines Lebens erfahren?
Konrad von Baruch
Eigentlich verlief er in der Tat gradlinig. Unterscheiden kann man eine religiöse, eine platonische und eine modern abgeklärte Phase meines Denkens, die meinen konservativen Standpunkt jeweils umfassender machten, ihn aber nie verließen.
Schon früh als Kind hatte ich eine religiöse Ader, eine echte Frömmigkeit mit dem Gefühl einer Geborgenheit in einen Gott, der meinem jungen Leben damals Halt und Sicherheit bot. Viele Menschen verharren ihr Leben lang in dieser Haltung, fühlen sich zufrieden, erleben kaum existentielle Krisen oder Grenzsituationen, was sie schon im Kinder- bzw. Jugendalter fertig für das Leben macht. Heute in Zeiten permanenter Krisen ist das kaum mehr möglich, damals in den ersten Jahren nach dem 2. Weltkrieg, der meine Region und mein soziales Umfeld deutlich geringer erschütterte als anderswo in Deutschland, war es das. Gut ist ein so frühes Fertigsein aber nicht. Man bleibt ein Kind zeit seines Lebens.
Wer sich für ein Theologiestudium entscheidet, kann nicht im Status frommer Naivität verharren. Die eigene Frömmigkeit wird an der Universität zweifach herausgefordert: durch den historischen Blick auf das eigene Glaubensgebäude und die Notwendigkeit den geschichtlich relativierten Glauben zu erneuern, systematisch rational für die Gegenwart zu reformulieren, eventuell auch aufzugeben, was beides nur mit Hilfe der Philosophie geht. Der naive kindliche Christus-Glaube wird konfrontiert mit dem Prozess der Entwicklung vom historischen Jesus, einem apokalyptischen Prediger des nahen Weltendes, über den geglaubten nachösterlichen Christus der Urgemeinde und der Verkirchlichung des Christentums danach. Die Theologie beider großen Kirchen hat viele Angebote, den früheren, unreflektierten Standpunkt neu zu bestimmen, alte naive Denkmuster abzulegen, den Glauben zu erneuern und dabei zu bewahren.
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Neben dem Christentum bedeutet Dir die antike Philosophie sehr viel. Ist sie immer noch entscheidend für Deinen Konservativismus?
Konrad von Baruch
Wichtig wurde für mich die antike Philosophie, vor allem die Platons. Mein eigener Denkweg wiederholte ganz unspektakulär den Weg, den auch das Christentum durch seine Hellenisierung vollzog. Erst durch die Begegnung mit der antiken Philosophie gewinnt der christliche Glaube rationales Niveau und wird für Intellektuelle im griechisch sprechenden Umfeld interessant. Der Gott des Alten Testaments trägt noch Züge eines rachsüchtigen Stammesgottes, wandelt sich im Spätjudentum zu einem universellen Weltschöpfer und -herrscher, durch Jesus von Nazareth in einen gütigen Vater und kann so kompatibel werden mit Platons „Ontos on“, dem „seiendem Sein“ als höchster und abstraktester Ebene ewiger Ideen. Für mich als jungen Intellektuellem ein attraktives Angebot. Die Welt des Scheins, des Werden und Vergehens, der vielen Meinungen (doxa) kann überwunden und das Reich ewigen Seins, ein Bereich von Klarheit gefunden werden. Gerade im Umfeld existentialistischer Moden der frühen Nachkriegszeit passte Platon hinein. Aber nicht auf Dauer. Die Moderne zwingt jeden, auch einen Konservativen zur Weiterentwicklung, auch mit der Chance zur Steigerung. Und sie hat intellektuelle Angebote. Für mich waren es Charles Darwin und Arnold Gehlen.
„Es wackelt alles!“ (Ernst Troeltsch) ist das Grundgefühl des modernen Menschen, der Konservative aber sucht Halt und Sicherheit. Das ist im Falle ständiger Bewegung und zunehmender Beschleunigung kaum mehr möglich. Es können nur noch die Einsicht in die Gesetzmäßigkeiten des Werden und Vergehens helfen und deshalb muss Darwin in der Moderne in jedes, gerade auch in ein konservatives Weltbild eingebaut werden. Darwin ist nicht nur ein Theoretiker der biologischen Evolution, sondern der Entdecker eines umfassenden Theorieprogramms, das nicht nur sämtliche Naturwissenschaften mit Erfolg erobert hat, sondern sich auch in den Sozial- und Kulturwissenschaften bewährt und neue Fragen und Wege möglich macht. Variation und Selektion gibt es nicht nur in der biologischen Reproduktion, sondern auch im Bereich der Sprache und Ideen. Selbst die Theologie mit ihrem unsicheren Status als Glaubenswissenschaft im Dienst der Kirche kann nur noch mit einer Rezeption Darwins ernst genommen werden.
Gehlens Stärke ist die neue philosophische Betrachtung von Stabilisierungsprozessen in der Entwicklung der Menschheit im Anschluss an Darwin. Philosophie darf nicht mehr wie die Tradition der Aufklärung am Vernunft-Subjekt ansetzen, sondern muss den Menschen in seinen zu Institutionen geronnenen Sozialbeziehungen sehen. Das eröffnet Chancen der wackelnden sozialen Welt der Moderne wieder Festigkeit zu geben, denn der überzogene Individualismus unserer Gegenwart ist gefährlich. Auch unsere Schulen benötigen neben Mündigkeit als Erziehungsziel die „Ehrfurcht vor Institutionen“. Ein Thema, das unbedingt vertieft werden sollte.
krisendialoge
Aber zu einem späteren Termin zusammen mit allen Dialogpartnern. Konrad, ich danke Dir für dieses Gespräch.