Von Marx zu Kant – Interview mit dem Philosophen Clemens von Baruch

 

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Lieber Clemens, anders als Konrad hat Dich die 68iger Revolte geprägt. Ist Dein Leben als Jüngerer von Euch beiden bis dahin ähnlich verlaufen? Hat Dich erst das Jahr 1968 und die Jahre danach auf einen gesellschaftskritischen Pfad geführt?

Clemens von Baruch

Konrad als der Ältere ist als Kind und Jugendlicher deutlich religiöser gewesen. Wir beide wurden zwar gleichartig erzogen, bei mir schwang aber schon als Kind eine Zug von Skeptizismus mit, den er vielleicht nicht hatte. Dass man Gott und seine Engel nie sehen oder sinnlich spüren konnte, kam mir schon als Kind verdächtig vor. Haben ihn die Eltern bzw. die Erwachsenen nur erfunden? Wollten sie uns besser kontrollieren? Zur Theologie zog es mich nicht hin. Ich entschied mich für ein Philosophie-Studium in Frankfurt a. M. in der Hochzeit der Studentenbewegung der 60iger Jahre. Spannende Zeiten für einen jungen Mann, der dem Mief und der Spießigkeit der Adenauerzeit, die seine Kindheit prägte, entkommen wollte.

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Viele Deiner damaligen Kommilitonen waren überzeugte Marxisten. Welche Bedeutung hatte Marx für Dich und wie wurdest Du Kantianer?

Clemens von Baruch

In der Philosophie darf man sich nicht verzetteln. Wer ständig von Thema zu Thema springt, zu viele Autoren nur oberflächlich kennenlernt, kommt nicht weiter. Der Zeitgeist der Endsechziger half mir diesen Fehler zu vermeiden. Um Marx und seine Adepten der Frankfurter Schule, insbesondere Habermas, dem Nachfolger von Horkheimer auf dessen Lehrstuhl, kam man in dieser Zeit in Frankfurt nicht herum. Jahrelang wurde diskutiert, ob Habermas wirklich ein Marxist sei, wie er selbst behauptete, oder nicht doch ein Abweichler vom wahrem marxistischen Pfad, was immer das auch bedeuten sollte. Leitidee der ersten Studienjahre war die Frage: Welche Relevanz hat Marx nach100 Jahren der Erscheinung des „ Kapital“ und 120 Jahren des „Kommunistischen Manifests“ noch für Grundlagenprobleme der Philosophie und das Verständnis der gegenwärtigen Gesellschaft.

Ich rekapituliere meinen damaligen Einstieg in meinen philosophischen Werdegang! Für Marx werden Ideen in seiner materialistischen Perspektive dialektisch – das Zauberwort von Hegelianern und Marxisten – als Reflex von Klassenverhältnissen analysiert. Motor der Geschichte sind Produktivkräfte, d.h. technische Erfindungen und die damit zusammenhängende Organisation von Arbeitsprozessen. Dabei rechnet er nach erfolgreichen Revolutionen mit einer schnell einsetzenden Dynamik der Entwicklung der Produktivkräfte. In späteren Zeiten eines Gesellschaftssystems nimmt diese Dynamik deutlich ab, dafür steigt aber der revolutionäre Druck durch neue Klassen, die für ein neues Zeitalter kämpfen. Die Dynamik der Produktivkraftentfaltung nimmt im Kapitalismus, der letzten Klassengesellschaft vor dem klassenlosen Sozialismus, gewaltig zu. Der Totengräber des Kapitalismus steht schon bereit: das Proletariat. Auf die Arbeiterklasse als revolutionäres Subjekt setzt die Frankfurter Schule nicht mehr. Auch der Träger der sozialistischen Revolution, die Arbeiterschaft, wendete sich in den 20iger und 30iger Jahren faschistischen Parolen zu. Für Adorno konnte nur noch die kleine Avantgarde moderner Künstler die Rolle der Erlösung aus dem totalen Verblendungszusammenhang im Spätkapitalismus annehmen. Vom revolutionärem Optimismus schalteten die Frankfurter auf Pessimismus um, was sehr schön in der Interpretation Benjamins vom „Engel der Geschichte“ Paul Klees deutlich wird.Der Engel schaut erschrocken in die Vergangenheit und nicht hoffnungsvoll in die Zukunft, in das gelobte Land des klassenlosen Sozialismus. Der Preis des Fortschreitens, die große Zahl der Opfer der Vergangenheit, die Toten und Trümmer, das Zerschlagene, zählen bei Marx nur wenig. Walter Benjamin verzweifelt angesichts des Heraufkommen des Faschismus am Optimismus der marxistischen Tradition. Blickt er auf die Menschheitsgeschichte zurück, sieht er statt Fortschritt eine einzige Katastrophe. Der Prozess der Weltgeschichte geht weiter, wir wissen aber nicht wohin, denn der Sturm des Fortschritts treibt uns in eine offene ungewisse Zukunft. Wer empfindsam war für Gedanken dieser Art war von dem Abtriften der Studentenbewegung in Terror und Fundamentalismus gefeit.

Brauchbar blieben uns Frankfurtern etliche der Grundbegriffe von Marx, überholt war er in zweierlei Hinsicht. Die behauptete Einlinigkeit des Geschichtsprozesses überzeugte nicht mehr, die sich einseitig an der Produktivkraft Technik orientiert. Hier muss Marx ergänzt werden. Neben Fortschritt in der Technik gibt es diesen in der Entwicklung von Recht, Politik und Moral. Vielleicht auch in weiteren Entwicklungsdimensionen wie Kunst und Bildung. Zum Zweiten muss die unbedingte Notwendigkeit des Geschichtsprozesses aufgegeben werden, der teleologisch im Sozialismus zu seinem Endziel kommt. Geschichte ist nicht streng determiniert, sondern ein kontingenter Prozess mit offener Zukunft. Will man sich an Marx orientieren, muss eine kritische Aneignung seines Theoriegebäudes erfolgen. Nur brauchbare Stücke können angenommen werden, alles andere muss man verwerfen. In diesem Sinne hat Habermas seine „Theorie kommunikativen Handelns“ entwickelt und sich in die Tradition Kants begeben. Sozialdemokratische Marxisten, die Marx mit Kant ergänzten, sehen den Geschichtsablauf komplexer. Neben Fortschritt in der Technik gibt es ihn auch in der Entwicklung von Recht, Politik und Moral. Von Marx zu Kant, das wurde der Schritt, den auch ich ging. Die freie Republik gleichberechtigter Bürger, die Marxisten erst in der Zukunft des Sozialismus erwarten, ist jetzt schon möglich und kann stetig verbessert werden.

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Ich danke Dir für dieses Vorstellungsgespräch.