Erziehung und Bildung I – Von Kant zu Habermas

Abstract

Im ersten Teil der zweiteiligen Diskussion stellt Clemens die Grundidee der Pädagogik Kants vor, der einen vierfachen Stufenprozess vom Natur- zum Freiheitswesen Mensch beschreibt. Prinzipiell wird diese Entwicklungsidee Kants für unsere Gegenwart, insbesondere durch die kommunikationstheoretische Transformation der pädagogischen Ideen Kants mit Hilfe der Handlungstypologie von Habermas, als sinnvoll und hilfreich anerkannt, allerdings werden auch gravierende Mängel gesehen. Der Rationalist Habermas kennt weder ein außeralltägliches noch ein emotionales Handeln. Gegen Kants „Erziehung zur Freiheit“ setzen Konrad und Rebekka auf „Anerkennung von Institutionen“ und „Pädagogische Fürsorge“ mit Orientierung am Einzelfall.

krisendialoge

Reflexionen über Erziehung und Bildung tauchten in unseren Diskussionen immer wieder auf. Klar, man kann jede Krise unserer Gegenwart auch auf dieses Thema beziehen, was einigen von Euch ein ernstes Anliegen ist. Heute sollen Eure bisherigen Nebenbemerkungen im Mittelpunkt unserer Betrachtungen stehen. 

Kant hat regelmäßig in der Universität von Königsberg im Rahmen seiner Pflichtveranstaltungen auch über Pädagogik vorlesen müssen. Er soll es gerne getan haben. Kläre uns auf, lieber Clemens, was es damit auf sich hat und was wir heute noch von diesem großen Philosophen zu unserem Thema lernen können.

Clemens von Baruch

Die Lektüre von Rousseaus „Emil“ hatte Kant so gefesselt, dass er ihretwegen einmal die Regelmäßigkeit seiner Sparziergänge unterbrach, nach denen sich die Königsberger (angeblich) ihre Uhren einstellen konnten. Die Faszination Kants von Rousseaus Bildungsroman ist kein Wunder. Die „Entdeckung des Kindes“ und seiner Besonderheit, die es vom Erwachsenen unterscheidet, ferner die Relevanz von Bildung am Kind durch einen Erzieher, der das Kind zur Selbständigkeit und gleichzeitig zur Annahme und Zustimmung des Gesellschaftsvertrages führt, waren es, die ihn in diesem Fall vielleicht einmalig aus der (allzuoft!) zwanghaften Routine seiner Lebensführung rissen. Aber Kant hat, für einen eigenständig reflektierenden Philosophen nicht weiter erstaunlich, Rousseaus Bildungskonzeption weitergedacht und eigene Vorstellungen zur Bildung entwickelt.

Ein Neugeborener ist beim Eintritt in unsere soziale Welt noch kein „freies Wesen“, meldet aber, so Kant, mit seinem Geburtsschrei einen „Anspruch auf Freiheit“ an im Gegensatz zum lautlos geborenen Tier. Freiheit ist, wie auch in seiner politischen Philosophie, oberstes Ziel allen Erziehens. Anders als Rousseau, der im Schonraum der Erziehung fernab der Gesellschaft, auch des Elternhauses, im Erziehungsprozess seitens des Lehrers auf Zwang verzichten und ohne Strafen, allein durch Spüren der Folgen des Handelns auf seinen Zögling einwirken will, weiß Kant: „Zwang ist nötig“ (Über Pädagogik, Werkausgabe, Bd. XII, S. 711). Das Kind „muss früh den Widerstand der Gesellschaft fühlen“. Wie kann aber Erziehung zur Freiheit durch Zwang möglich werden? Das ist die Grundfrage seiner Pädagogik und er hat eine Lösung. Die Entwicklung des Naturwesens Kind zum Freiheitswesen Mensch erfolgt für ihn in vier Stufen.

Erziehung beginnt mit Disziplinierung. Die wilde Natur des Menschen, seine Aggressionen und Wünsche nach unmittelbarer Befriedigung seiner Neigungen, müssen in Schach gehalten und in die Bahnen von Selbstdisziplin gelenkt werden. Das Kind ist nicht von Beginn an ein Vernunftwesen. Die Dominanz von Vernunft muss aufgebaut und seine Wildheit zurückgedrängt werden. Dabei darf es nicht darum gehen, den Willen des Kindes zu brechen. Einsicht in die Geltung von Regeln ist zu lernen, die Eltern und Erzieher repräsentieren. Immer mehr muss für das Kind das Regelsystem im Vordergrund stehen und nicht die Autorität als solche. Im Spiel, so Kant, kann dies am Besten gelingen. Genau dort lernt das Kind Anerkennung und Ehrfurcht vor den Regeln.

Kultivierung  ist die nächste Stufe Im Bildungsprozess. Hier geht es um das Lernen grundlegender Kulturtechniken, die man wie Lesen und Schreiben beherrschen muss um ein „kluger“ Bürger zu werden. Heutzutage gehört in diesem Zusammenhang selbstverständlich die kompetente Nutzung von digitalen Medien, überhaupt all die notwendigen Lernziele, die grundlegend für alle Schüler unserer modernen Gesellschaft sind. 

Zivilisierung, der nächste Schritt, erweitert das kulturelle Lernen dahingehend, andere Mitmenschen „zu seinen Endzwecken zu gebrauchen“. Nicht elementare Kulturtechniken wie Schreiben und Lesen sind gemeint, sondern die Kompetenz in einer Gemeinschaft gleichrangiger Bürger vernünftig kommunizieren zu können. Angesprochen wird von Kant die Ebene einer allgemeinen Theorie der Schule in einer Republik, ohne diese aber genauer zu entwickeln. Man muss dieser Frage nach den „Bedingungen der Möglichkeit einer republikanischen Schule” über seine kursorischen Bemerkungen hinaus sehr gründlich nachgehen. Der “Schonraum Schule” in einer Republik gleicher Bürger kann, das muss explizit gemacht werden, selbst wiederum republikanisch geordnet werden. 

Sichern die drei bisherigen Stufen den Eigenwert als Individuum und die Klugheit eines Bürgers, so überschreitet die vierte und letzte Stufe der Moralisierung die partikulare Ebene der bürgerlichen Gesellschaft und erreicht die universalistische des Menschengeschlechts. Jetzt soll der Zögling fähig werden, den kategorischen Imperativ als Überprüfungsverfahren der Vernunft einzusehen und im Leben immer wieder zu praktizieren. Das ist nie ständig möglich, denn wir Menschen sind für Kant ein „krummes Holz“, aus dem „nichts ganz Gerades gezimmert“ (Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht, 1784. Sechster Satz Werkausgabe Bd. IX S. 41) werden kann. Ein Fortschritt in den Sphären Moral, Politik und Recht, auch der Bildung ist uns Modernen aber möglich, wie auch Rückschläge korrigierbar sind.

krisendialoge

Ich weiß, lieber Konrad, Du bist mit dem kantischen Ansatz von Clemens häufig nicht einverstanden. Gerne reagierst Du aber auf Überlegungen Deines Bruders, das weiß ich auch, die sich von Kant inspirieren lassen. Du hast in unseren bisherigen Diskussionen am meisten das Thema Bildung und Erziehung angeschnitten, deutlich mehr als alle anderen Diskutanten. Jetzt hast Du die Gelegenheit, eines Deiner wichtigsten Anliegen zu resümieren.

Konrad von Baruch

In der Tat, Erziehung und Bildung sind mir ein ernster Sachverhalt, auf den ich immer wieder zu sprechen komme und der mir für die Lösung vieler unserer Krisen heute häufig am Wichtigsten erscheint. Befreit man sich von den falschen Vorstellungen, dass es vor allem bei Krisen auf politische Steuerung ankomme, so alle Linken und viele „übliche“ Konservative oder auf die Regelung durch den Markt und die Förderung wirtschaftlichen Wachstums, so der klassische Liberale als Standardlösung aller Probleme, so verweise ich gerne auf den Primat des Bildungssystems um politischen und vor allem kulturellen Krisen gerecht zu werden.

In den harmonischen Gesellschaften Asiens weiß man das. Unternehmer sind als Egoisten immer wieder nicht weit entfernt vom Gauner und Ganoven (Bankster!) und Politiker machen Versprechen, von denen sie allzuoft nach ihrer Wahl nichts mehr wissen wollen. Anders die Erzieher, sie formen die Jugend, um die Gesellschaft, d.h. ihre Institutionen und Werte, für die nächsten Generationen zu sichern und zu erhalten. In asiatischen Ländern, vor allem in China und Japan, in Europa nur in Skandinavien, vor allem in Finnland, vielleicht noch ein wenig in Frankreich ist diese Einstellung zu finden. Leider nicht in Deutschland.

Ehrfurcht vor den Regeln, lieber Clemens, ist ein Ziel, das mir sehr gut gefällt. Du meinst, die Regeln müssen immer mehr im Vordergrund stehen und die Autoritäten immer mehr zurücktreten. Das wird aber nicht bei allen Schülern gelingen. Autoritätsfixiert sind auch viele Erwachsene, vor allem aus dem Kleinbürgertum. Nach den vier kantischen Stufen kommt für Dich als höchste und 5. Stufe der Erziehung die Kritik der Regeln in einem öffentlichen Diskurs. Dieses Ziel werden noch weniger Schüler erreichen. Warum?

Chancengleichheit im Bildungswettbewerb, ich bin wie wir alle entschieden dafür, bedeutet in letzter Konsequenz: Ungleichheit aufgrund unterschiedlicher Begabungen. Soziale Ungleichheit kann durch ein durchlässiges Bildungssystem, das viele Staaten als Ziel anvisieren, aber nur wenige wirklich erreichen, nicht wirklich abgebaut, aber besser legitimier bar werden. Heute sind wir von einer Leistungsgesellschaft weit entfernt und leben weit eher in einer neuen Ständegesellschaft, in der Reiche die Reproduktion ihrer Klassenlage, d.h. ihre Vermögen und Einkommen u.a. dadurch zu sichern suchen, indem sie ihren dösigen Nachwuchs in Privatschulen und Privat-Universitäten zu unverdienten Abschlüssen und danach zu lukrativen Jobs verhelfen.

Die Selektion im Bildungssystem muss Vorrang haben. Denn nur sie erreicht Gerechtigkeit, die für alle einzusehen und zu akzeptieren ist. Diese Funktion muss die vier Erziehungsstufen Kants überwölben. Disziplinierung ist in der Tat von allen Gesellschaftsmitgliedern zu verlangen. Notwendige Grundlagen dazu hat vor der Schule das Elternhaus zu legen und ist nur durch konsequente Erziehung erreichbar. Ängstliche und unsichere Eltern, ein Massenphänomen der Gegenwart, schaffen das nicht und die Schule kann nur schwer Erziehungsmängel der Eltern beheben. Selbstverständlich müssen auch alle Jugendlichen elementare Kulturtechniken wie Schreiben und Lesen beherrschen. Also gilt Kants zweite Stufe der Kultivierung ebenfalls für alle. Ab der dritten Stufe aber ist zu unterschieden. Sicher müssen alle fähig sein zu kommunizieren. Die zu erlernenden Sprachspiele sind aber für unterschiedliche Altersgruppen und spätere Berufe nicht dieselben. Schüler und Schülerinnen der Grundschule bis zur Sekundarstufe benötigen eine konsequente und zielstrebige Erziehung, die Autorität und Zuwendung kombiniert. Folgsamkeit, nicht blinder Gehorsam muss gelernt werden. Zuhören, Verstehen und Anweisungen ausführen, das müssen Schüler und Schülerinnen in ihren späteren nichtakademischen Berufen beherrschen. Ab der Oberstufe, mit Blick auf Studium und höhere Berufsanforderungen, steigt das Anforderungsniveau. Erst hier machen moralisches Reflektieren und Kritikfähigkeit Sinn und sind auch später notwendige Basis ihrer Tätigkeit. 

Der Aufklärer Kant erhoffte sich von schulischer Bildung das Erreichen höchsten Menschseins. Viele seiner Epigonen, vor allem die humanistischen Pädagogen, wollten dieses Ziel sogar für alle. „Auch ein Tischler“ sollte für Wilhelm von Humboldt „Alt-Griechisch lernen“, um seine Anlagen und Potentiale möglichst voll zu entfalten. Schulen aber selegieren und sortieren auch aus, zeigen also Grenzen auf, die zumindest zu einem Zeitpunkt unerreichbar sind, später vielleicht noch möglich werden, sofern notwendige Reife nachträglich erfolgt und Mängel beseitigt werden. Unsere Gesellschaft heute gibt auch Spätentwicklern ihre Chancen und das ist gut so. An der Selektion durch Bildung, im Einzelfall sicher oft bitter, kommen wir nicht vorbei.

Vor allem die Rolle des Lehrers muss in Deutschland gestärkt werden. Von ihm hängt der Erfolg des Schülers in der Schule weitgehend ab, weit mehr als von deren institutioneller Form wie Gymnasium oder Gesamtschule. Der Lehrer zehrt immer noch, das wird zu wenig gesehen, von seiner historischen Herkunft aus dem Priestertum, das in allen Hochkulturen, auch in Europa, das Erziehungswesen beherrschte. Als Garant der Reproduktion einer Gesellschaft durch Weitergabe ihrer Werte und der Neurekrutierung ihrer herrschenden Eliten sind sie und nicht Politiker oder gar Unternehmer die wirklichen Repräsentanten der Gesellschaft. Die Aura des Heiligen, die jeden Priester immer noch umgibt, kann für die Lehrerschaft in der Moderne nicht mehr erzeugt werden und braucht es auch nicht. Hohe Anerkennung aller Erziehungsberufe, in China und Japan bis heute vorherrschend, reicht aus und sollte Vorbild auch für Deutschland werden.

krisendialoge

Rebekka, Du benutzt immer wieder den Begriff „Fürsorge“, um Krisenphänomene, die wir hier diskutieren, Lösungen zuzuführen. Zuletzt bei der Erörterung Deiner Sozialstaats-Idee. Ist dieser Begriff auch im Zusammenhang von Erziehung und Bildung für Dich wichtig?

Rebekka Baruch

Ja, dieser Begriff ist ein Schlüsselwort meiner Denkungsart und auch hier anwendbar. Du, lieber Clemens, rückst die Vernunftfähigkeit und seine Entwicklung für möglichst alle in den Vordergrund, während für Dich, lieber Konrad, die Selektion durch schulische Leistungsunterschiede den vorrangigen Platz einnimmt. Ich stelle stattdessen die Förderung persönlicher Stärken einer/eines SchülerIn an die erste Stelle, ohne die Notwendigkeit von Vernunftentwicklung und Selektion durch Leistungsdifferenzen zu leugnen. Das Eingehen auf den Einzelfall als oberste Orientierung einer LehrerIn muss Ausgangspunkt pädagogischen Handelns sein. Das bedeutet persönliche Begabungen eines/einer SchülerIn zu fördern und Ihr/ihm bei der Identitätsfindung zu helfen. Die Lehrperson soll der jeweiligen Besonderheit gerecht werden und nicht nur Defizite ihrer familiären Herkunft sehen und kompensieren wollen. Das genau ist es, was Fürsorge in diesem Zusammenhang meint: dem Einzelfall gerecht werden.

Ein zweites Manko Eurer bisherigen Beiträge betrifft den notwendigen Dualismus von allgemeiner und spezieller beruflicher Bildung, die gesehen werden sollte. Schule dient immer, von der Grundschule bis zum Abitur, einerseits dem Aufbau einer persönlichen Identität, die durch Auseinandersetzung mit den Kulturtraditionen einer Gesellschaft und ihren elementaren Kulturtechniken zu erfolgen hat, andererseits aber auch der beruflichen Vorbereitung. Junge Menschen schauen während ihrer schulischen Karriere stets nach vorn, sehen sich also ins Erwachsenenalter versetzt und bilden Zukunftsentwürfe ihrer beruflichen Tätigkeit. Dem werden die allgemein bildenden Schulen schon heute gerecht durch Berufspraktika, Firmen- und Berufsmessen-Besuche etc.. Teil des normalen Unterricht ist diese Dimension des Lernens aber noch zu wenig. Berufsvorbereitung gehört konstitutiv zum pädagogischen Handeln und zur pädagogischen Fürsorge dazu.

Nicht der Lehrer als solcher ist entscheidend für den Lernerfolg, sondern seine soziale Beziehung zur/zum SchülerIn. Ängstliche und unsichere Eltern sind, da hast Du recht Konrad, das gegenwärtig am meisten herausfordernde Problem, weit mehr als autoritäre. Ebenso stimme ich Dir zu, wenn Du Konsequenz-Zeigen beim Erziehen betonst. Ausschlaggebend ist jedoch der Wechsel im Erziehungsstil von primär führungsbetont, verbunden mit Zwang, wenn nötig im frühen Alter bis zur Pubertät, zu immer häufigeren Formen von Zusammenarbeit auf der Basis von sozialer Gleichheit in den letzten Schuljahren. Für Jean Piaget ist diese Abfolge sozialer Beziehungsmuster die Grundlage für die Aufeinanderfolge von der heteronomen zur autonomen Moral. Kant, der noch keine soziologische oder sozialpsychologische Denkart kannte, hat erst mit seiner Phase der Zivilisierung die soziale Ebene betreten. Ein modernes Verständnis von Sozialisation weiß, dass das Soziale sofort mit der Geburt beginnt, vermutlich sogar bereits davor. Kant, lieber Clemens, muss deshalb soziologisch und sozialpsychologisch weitergedacht werden. Und kommunikative Fähigkeiten, lieber Konrad, durchaus bis zur kritischen Hinterfragung von Regeln müssen in unsrer heutigen Welt alle lernen, auch in nichtakademischen Berufen ist das manchmal erforderlich, von der politischen Bildung und Beteiligung ganz zu schweigen.

Clemens von Baruch

Gut, dass Ihr beide, Rebekka und Konrad, meine Einführung einiger Momente einer kantischen Pädagogik mit den Herausforderungen unserer Gegenwart konfrontiert. Immerhin seine Stufenidee scheint immer noch anzukommen. Dass Kants Philosophie mit seiner monologischen Basis, dem Ausgangspunkt eines Vernunftsubjekts und seiner Vermögen, heutzutage nicht mehr überzeugen kann, folglich kommunikationstheoretisch weitergedacht, meinetwegen soziologisiert werden muss, war für mich der Grund von Kant zu Habermas weiterzuschreiten. Um diesen Schritt plausibel zu machen, werde ich versuchen, die linkskantische Wende von Habermas zu testen, indem ich Eure interessanten Überlegungen, Rebekkas Insistieren auf den Einzelfall, auf die Notwendigkeit einer dualen Bildung und das Ziel einer autonomen Moral, wie auch Konrads Plädoyer für Selektion und eine Stärkung der Autorität des Lehrers, aus der Perspektive seiner Sozialphilosophie interpretiere.

Habermas hat mit seinem Hauptwerk „Theorie kommunikativen Handelns“ seine Sozialphilosophie von allen Resten platonischer, überhaupt metaphysischer Überlegungen befreit. Die Zwei-Welten-Lehre Kants, der die Sinnenwelt von der intelligiblen Welt reiner Vernunftwesen unterscheidet und den Menschen beiden Welten zuordnet, wurde überwunden. Die Behauptung einer von der Welt der „Phänomena“ abgehobenen Welt der „Noumena“ braucht nicht mehr erhoben zu werden. Ein moderner nachmetaphysischer Standpunkt als Basis der Soziologie ist gefunden, der tiefer als bei anderen soziologischen Schulen an der die menschliche Gattung konstituierenden Universalie sprachlicher Verständigung ansetzt. Er entwickelt von hier ein Set von Kommunikationsformen bzw. Handlungstypen, mit denen auch unser Feld der Erziehung und Bildung analysiert werden kann. 

Dass Verständigung bei Habermas als konstitutive Basis humaner Kommunikation fungiert, ist gerade für den Sozialbereich Erziehung plausibel. Denn Kommunikationen zwischen Lehrern und Schülern, Lehrern untereinander, Lehrern zu Eltern und Betrieben, die sich für Schulpraktika zur Verfügung stellen, gehorchen einer wechselseitigen Verständigung. Nur wenn man genau zuhört, sich ernsthaft bemüht das Anliegen des Gegenüber zu verstehen, kann hier Kommunikation gelingen. Bei Irritationen, Missverständnissen, Unaufmerksamkeiten ist man im erzieherischen Umgang auf eine verständigungsorientierte Einstellung der Agierenden angewiesen. Ein möglicher Konsens der Beteiligten deckt die normative Grundlage auf und zeigt, dass kommunikatives Handeln normenreguliert ist. Dieser Handlungstypus bildet die Basis, keineswegs die Mehrzahl der Kommunikationen. 

Schule ist immer auch Wettbewerb, vor allem der Schüler untereinander im Unterricht, aber auch von Schülergruppen der eigenen wie auch anderer Schulen bei ganz unterschiedlichen Anlässen, sogar des Lehrpersonals. Lehrer konkurrieren miteinander um Kompetenz, Einsatz für Schülerbelange und Karriere. Habermas analysiert sozialen Wettbewerb nicht mit dem kommunikativen, sondern dem strategischen Handeln. Strategisches Handeln ist nicht verständigungs-, sondern erfolgsorientiert. Ein gesetztes Ziel will man erreichen und einigt sich auf die dafür notwendigen Mittel.

Ein dritter Handlungstyp ist das dramaturgische Handeln. Ein Aktor bewegt sich wie auf einer Bühne vor einem Publikum um sich selbst, d.h. seine Person und Identität vorzustellen. Gar nicht so selten steht dieses Handlungsziel bei Schülern wie Lehrern im Vordergrund. 

Alle Akteure im Schul- wie Hochschulleben bewegen sich in ihrem Alltagsleben mit Aktionen, die diesen Handlungstypen oder Kombinationen von ihnen gehorchen. Sind Handlungsabläufe dieser drei Formen des Handelns eingeschliffen und damit zu Institutionen geronnen, strukturieren sie das alltägliche Miteinander und machen gemeinsame und sich stützende Erwartungen möglich. 

Analysiert man das Handlungsgeschehen mit dem dramaturgischen Typ, liebe Rebekka, dann ist klar, dass die Besonderheit eines Schüler das Thema ist. Jeder Lehrer, der auch selbst immer wieder gezwungen ist, sich als Person zu thematisieren und darzustellen, muss auch ein Gespür dafür entwickeln, was die Besonderheit seiner Schüler ausmacht. Er muss folglich ihrem Einzelfall gerecht werden und sich ihnen in seiner Besonderheit zuwenden. Auch die Verbindung von allgemeiner und vorbereitender beruflicher Bildung muss Konsens und damit Bestandteil von Lehrplänen sein und ist es ja auch bereits. 

Ebenso hat Wettbewerb notwendig Sieger wie auch Verlierer als Folge, lieber Konrad. Anders als im Wirtschaftssystem muss aber den jugendlichen Verlierern geholfen werden mit einer späteren zweiten Chance und/oder mit einem anderen Abschluss, auf einem niederen Leistungslevel. Keiner darf aufgegeben werden. Die Wirtschaft kennt diese Gnade für Unternehmer nicht. Unerbittlich geraten sie in die Insolvenz. Anders unsere Arbeitnehmer – unserem Sozialstaat sei Dank!

Rebekka Baruch

Sehr schön, dass ich an dieser Stelle meine Anfragen an die Sozialphilosophie von Habermas loswerden kann. Insgeheim bin ich ja, wie ihr beiden wisst, von der Position des frühen Piaget überzeugt, der für mich einen überzeugenderen Standpunkt für eine transformierte kantianische Moralphilosophie entwickelt hat. Warum?

Kommunikatives Handeln ist nicht immer normenreguliert. Das Ausräumen von Missverständnissen und Irritationen, deine Beispiele Clemens, sucht häufig die Intention des Gegenüber, den subjektiv gemeinten Sinn und nicht unbedingt die das Handeln steuernde Norm. Die Texte, die Akteure bei ihrer Zusammenarbeit produzieren, haben aber auch einen objektiven Sinn, der umfassender ist als die jeweiligen Intentionen der Handelnden. In einer objektiven Einstellung kann ein Beobachter in der Rolle eines Interpreten versuchen, diesen objektiven Sinn explizit zu machen. Text-Wissenschaft als Hermeneutik, dazu gehören alle Sozial- und Geisteswissenschaften, hat genau diese Aufgabe. Im Alltagshandeln dagegen müssen sich Interagierende mit sehr schnellen Interpretationen ihres Gegenüber zufrieden stellen, die weit unterhalb des real produzierten objektiven Sinns liegen. Einfach deshalb, weil der Anschluss ihrer Reaktionen gelingen muss, sonst stoppt die gemeinsame Kommunikation und kann nicht fortgesetzt werden. Unterricht zum Beispiel verlangt vom Lehrer genau das. Er muss sehr schnell den gemeinten Sinn des/der SchülerInnen erfassen, um Unterricht nicht ins Leere laufen zu lassen. In seiner Nacharbeit lohnt es sich aber, sich zu erinnern und mehr Sinn zu erfassen. Das kann für seine weitere Unterrichtsplanung wertvoll und wichtig sein, auch um den Einzelfällen seiner SchülerInnen gerecht zu werden.

Was Habermas mit „kommunikativer Kompetenz“ meint, hat mit dieser Differenz von subjektiv gemeinten und objektiv produzierten Sinn zu tun. Kommunikative Kompetenz ist nicht Teil eines männlichen oder weiblichen Vernunft-Subjekts, sondern objektiver Sinn in humanen Kooperations- und Verständigungsprozessen, die unsere Gattung von Anbeginn kennzeichnen und an denen sich Kinder beiderlei Geschlechts aktiv im Prozess der Sozialisation abarbeiten. Es geht um eine Gattungs-Kompetenz, nicht um individuelle kommunikative Fähigkeiten. Es geht um die evolutionäre Errungenschaft, die unsere Gattung auszeichnet: durch Zusammenarbeit in all seinen Facetten, z.B. Ziele entwerfen und umsetzen, Störungen sprachlich beheben, den Kreis der Mitarbeitenden aufstocken, eventuell auch verringern und so menschliche Produkte und Kulturen zu erschaffen und zu erhalten. All dies meint Zusammenarbeit im eigentlichen Sinn. Wir müssen uns dieser Mehrdimensionalität von sozialer Zusammenarbeit bewusst werden. Sie ist es, die praktische Vernunft im Sinne Kants wirksam macht und zur Autonomie führt. 

Ob die Begriffsschöpfungen von Habermas weiterhelfen, bezweifele ich. Sicher, Kooperation und Wettbewerb, Selbstdarstellungen und Strategien müssen unterschieden werden. Ebenso wichtig ist aber auch das Alltagshandeln, das schnelle Sinn-Erfassung aller Beteiligten erfordert, vom außeralltäglichem Handeln, das z.B. in der Wissenschaft weiter dringt und sich dem objektiven Sinn annähert, zu unterscheiden. 

Auch irrationales Handeln, von Emotionen, auch Aggressionen gesteuert, gehört zum Menschsein dazu und hat in der Erziehung sehr hohe Relevanz. Erwachsen-Werden bedeutet durch Stürme von Gefühlen geworfen zu werden und dabei trotzdem seine Identität zu finden. All das hat für die Sozialphilosophie des Hyper-Rationalisten Habermas keine hohe Bedeutung, gehört aber gerade in eine Theorie der Erziehung notwendig mit hinein.

Konrad von Baruch

Sehr gut, Rebekka, Deine Habermas Kritik gefällt mir. Ich gehe nur noch einen gedanklichen Schritt weiter und frage nach weiteren „Bedingungen der Möglichkeit“ humaner Kommunikation. Was Du als Hintergrund von Alltagshandeln im Blick hast, wobei der subjektiv gemeinte Sinn der Interagierenden vom objektiv produzierten Sinn unterschieden wird, führt für mich zur These, dass humane Kommunikation von Anfang an nur vor dem Background sozialer Institutionen möglich ist. Sie sind der eigentliche Träger objektiven Sinns, der aktuell nur selten den Handelnden bewusst ist, aber stets notwendiger Bestandteil sozialer Situationen ist und rekonstruiert werden kann. Um soziale Interaktionen verstehen zu können, muss diese institutionelle Einbettung thematisiert werden.  Handlungs- und Institutionen-Ebene müssen unterschieden werden.

Institutionen sind in der Geschichte unserer Gattung bisher stets mit Herrschaft und Autorität verbunden gewesen. Die Moderne hat zwar das Versprechen gegeben, dass Autorität und Herrschaft überwindbar sind, konnte diese Zusage aber bisher nicht einlösen und wird es wohl nie können. Was geschieht, wenn wir die Modernen überfordern, ist heutzutage offensichtlich. Sie geraten als Individuen in einen Zustand von Erschöpfung und Depression. Diesem „erschöpften Selbst“ (Alain Ehrenberg), dem Normalzustand so vieler Zeitgenossen, muss in unseren Schulen und Hochschulen geholfen werden um wieder alltagstauglich zu werden. Noch nie waren Lehrer so wichtig wie heute. Sie sind um diese weitere therapeutische Aufgabe nicht zu beneiden. Wichtiger als eine „Erziehung zur Freiheit“ ist der erzieherische „Mut zur Anerkennung von Institutionen“.

krisendialoge

Ich sehe, lieber Clemens, du willst antworten. Ich bitte Dich aber, bis zu unserer nächsten Zusammenkunft zu warten. Wir konnten heute unser komplexes Thema nicht erschöpfend behandeln, sondern nur in diesen wichtigen Fragenkomplex einführen und müssen unser Gespräch über Erziehung und Bildung fortsetzen. Malte, zur Zeit auf Reisen, will auch noch seine Sicht des Themas loswerden. Bis bald!

Literaturempfehlungen

Immanuel Kant, Über Pädagogik, Werkausgabe, Bd. XII, S.693-761 – Dieser Text basiert auf Vorlesungsmitschriften, die von einem seiner Mitarbeiter aufgezeichnet und von Kant autorisiert wurden.

Jürgen Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns Bd. 1 und 2, Frankfurt a.M. 1981(Suhrkamp). Habermas entwickelt seine Kommunikationstheorie durch Rekonstruktion „blinder Flecken“ bei den Grundbegriffen der soziologischen Klassiker. Im ersten Band sind es Strukturschwächen der Soziologie Max Webers, im Band 2 v.a. diejenigen von Emile Durkheim, George H. Mead und Talcott Parsons. Auf eine Theorie pädagogischen Handelns geht er nicht ein. 

Weitere Literatur-Hinweise im nächsten Blog!