Bundestags-Wahlkampf um die Merkel-Nachfolge

Abstract

Ihr 16 Jahre im Kanzleramt machten Merkel zur Krisenkanzlerin. Als Familienministerin wurde sie mit Auflösungserscheinungen der bürgerlichen Familie konfrontiert, als Umweltministerin wusste sie, dass die von Klimaforschern angekündigte und von aufgeschlossenen Bürgern geteilte globale Klimakrise ein ernstes, drängendes Problem darstellt. In ihre Amtszeit fällt auch der Aufstieg des Populismus mit dem bisherigen Höhepunkt der vier Jahre Trump in den USA. Heute nach 16 Jahren steht auch der Wahlkampf um ihre Nachfolge im Zeichen dieser Krisen, insbesondere der Corona-, der Klima- und zuletzt der Afghanistan-Krise. Dass keine dieser Krisen gelöst werden konnte, überrascht nicht. Dass Angela Merkel keine erfolgreiche und langfristige, nicht allein auf Sicht angelegte Krisenpräventionspolitik zustande brachte, ist ein bitteres Manko ihrer Kanzlerschaft.

Diese Permanenz von Krisen greift das Sicherheitsbedürfnis der Deutschen an, für viele der bedeutsamste politische Wert. Die Komplexität, die hinter den katastrophalen Ereignissen steht, wird nur von wenigen Bürgern wie auch Politikern verstanden. Das Niveau inhaltlicher Auseinandersetzungen im derzeitigen Wahlkampf bleibt oberflächlich und gerät immer mehr zu einem Performance-Ranking der Spitzenkandidaten, bei dem zunehmend mehr der früher blasse und dröge SPD Mann Olaf Scholz die bessere Figur abgibt, das Charisma der grünen Annalena Baerbock im Sauseschritt verschwindet und Armin Laschet verzweifelt darum buhlt mit seinen Kanzlerambitionen ernst genommen zu werden.

Die ehemaligen Volksparteien CDU/CSU und SPD kämpfen wieder um den ersten Platz mit Umfragen im Bereich von 20+, was für die Eroberung des Kanzler*innenamtes erstmalig ausreichen wird. Die abgehängten Grünen halten noch den dritten Platz, mittlerweile knapp vor der FDP. Breitere Mehrheiten können die zwei Kandidaten und die Kandidatin für die Merkel-Nachfolge nicht mehr überzeugen.

Wir gehen auf die Krisenlage, die Chancen der beiden Kandidaten und der Kandidatin ein und versuchen das Ende bzw. den Neustart der Volksparteien zu verstehen, indem wir gesellschaftlich-kulturelle Veränderungen der Wählermilieus und der deutschen Klassenstruktur andeuten. Zuletzt wird Farbe für die jeweils favorisierten Koalitionen der Diskutanten bekannt.

krisendialoge

Die Krisen unserer Gegenwart, die wir in unserem Blog laufend kommentieren, folgen nicht aufeinander, sondern kumulieren permanent. Die Weltwirtschafts-, die Banken- und Eurokrise bleiben im Hintergrund latent bestehen, die Corona-Pandemie ist noch nicht zu Ende, sondern baut trotz vieler Impfungen weltweit eine weitere, in Deutschland eine vierte Welle auf, und die Klimakrise als Superkrise der gegenwärtigen Welt zeigt nach den letzten beiden Dürre- und Hitzesommern in Deutschland ihre andere ebenfalls katastrophale, aber jetzt nasse, zerstörerische Seite mit Überflutungen und riesigen Hochwasserschäden in NRW, Rheinland-Pfalz und Bayern. Dürre, Hitze und Brandkatastrophen gibt es auch weiterhin: in den Weststaaten der USA, in Canada, Griechenland, Italien und der Türkei. Zuletzt bricht noch in Kabul das Chaos aus, weil der 20jährige Afghanistan-Krieg des Westens verloren ging. Welche Bedeutung hat diese Krisen-Lage für den laufenden Bundestags-Wahlkampf?

Malte von Baruch

Zunächst zum chaotischen Abzug des Westens in Afghanistan, genauer der überstürzten Flucht der Verlierer, allen voran des Hegemon des Westens, der USA.

Die erste Phase des „War against terrorism“ in Afghanistan war schnell erledigt. Georg W. Bush erklärte diesen Krieg sofort nach 9/11. Die USA, geschockt von dem Angriff im eigenen Land, dürsteten nach dem Zusammensturz der beiden Türme des World Trade Center nach Rache. Für die stärkste Militärmacht der Welt war die Eroberung der afghanischen Stammesgesellschaft, die noch nie ein Staat im modernen Sinne war, schnell erledigt. Kein Wunder! Wären sie doch nach ihrem schnellen Sieg wieder abgezogen! Stattdessen wollte der damalige US-Präsident aus dem archaischen Afghanistan eine moderne Demokratie machen. „Nation-Building“ war das Zauberwort. Welche Hybris! Von der Archaik in das Differenzierungsniveau der Moderne zu springen hatten schon vorher die Russen vergeblich versucht. Man hätte auch von deren Scheitern lernen können.

Deutschland unter dem damaligen Kanzler Schröder übte nach 9/11 „uneingeschränkte Solidarität“ mit dem getroffenen Verbündeten, nannte diese Aktion aber anders als die USA nie Krieg. Deutsche Soldaten kämpften offiziell nicht in Afghanistan, sondern leisteten Aufbauhilfe. Die Schmutzarbeit des Westens, u.a. Kampfeinsätze, Folter, Gefangenenwillkür in Guantanomo und ähnlichen Gefängnissen außerhalb des US-Rechtsraums, später Morden per Drohnen, leisteten die anderen, vor allem die US-Armee. Deutschen Soldaten war nur Selbstverteidigung erlaubt. Alle beteiligten westlichen Staaten, insbesondere die der NATO, waren sowohl am Anfang wie auch am Schluss so naiv wie ihr Hegemon. Überstürzt und unüberlegt ging man in das Land hinein, gab zusammen Billionen (die USA) und jeweils Milliarden (die meisten Verbündeten) aus und verließ ebenso überstürzt und kopflos das Land. Statt nach dem im Frühjahr erfolgten Abzugsbeschluss der USA die Rückkehr der deutschen Soldaten und der afghanischen Hilfskräfte leise im Hintergrund vorzubereiten, war die deutsche Regierung nicht in der Lage die Arbeit der beteiligten Ministerien (Außen-, Innen- und Verteidigung) und des Kanzleramtes für diesen Zweck zu koordinieren. Keine Spur von Richtlinienkompetenz der Kanzlerin. Nicht nur mit ihrer Klimapolitik, auch mit dem deutschen Afghanistan-Einsatz erlitt Angela Merkel Schiffbruch. Etwa 40.000 Hilfskräfte sind noch im Land. Vermutlich werden sich die neuen Herren in Kabul, die etwas moderneren, aber immer noch genauso radikalen Taliban wie vor 20 Jahren, deren Ausreise teuer bezahlen lassen.

Für den deutschen Wahlkampf wird dieses Thema keine große Rolle spielen. Klima und Corona, aber auch das Grinsen von Laschet und Annalenas Buch-Pleite sind wohl bedeutsamer. Leider!

Konrad von Baruch

Schade, dass es so ist! Das endgültige Scheitern westlicher „Nation-Building“ verdiente es, dass darüber genauer gestritten würde. Egal wer die nächste deutsche Regierung stellen wird, sie muss in Europa eine Antwort auf das Ende westlicher militärischer und bald auch ökonomischer Dominanz finden. Wenn bald das Ende der amerikanischen Suprematie und damit der Niedergang des US-Imperiums ohne Kriegsgefahr zu Ende gehen soll, muss unbedingt die sich abzeichnende räumliche Aufteilung der Welt in einen amerikanischen und chinesischen Großraum – Indien und Russland sind vermutlich wegen ökonomischer Schwäche nicht in der Lage mitzuhalten – mit der EU zu einem dritten Großraum erweitert werden, damit nicht langfristig ganz Eurasien unter chinesischer Hegemonie gerät. Ein Thema, dass wir bald genauer diskutieren sollten.

Zur bedeutsameren Klimakrise! Sie zerstört endgültig das Gefühl von Sicherheit, das sehr grundlegend die Erwartung der Deutschen von der Politik bestimmt. Zwar ist die Klimakrise seit Jahren in aller Munde, katastrophale Zerstörungen durch Hochwasser ordnete man eher asiatischen Ländern wie Bangladesch und Indien zu, nicht aber Deutschland. Diese Illusion ist nun geplatzt. Auch den konstitutiven Zusammenhang von Wetter und Klima schätzte bisher nur eine Minderheit korrekt ein. Jetzt muss von der Mehrheit gelernt werden: Klima ist nichts anderes als die Statistik von Wetterereignissen. Beides darf nicht simpel getrennt, wie man in den letzten Tagen immer wieder hörte, sondern muss in Zeiten unserer Klimakrise stets aufeinander bezogen werden.

Natürlich war die Hochwasserkatastrophe der letzten Tage ein (Un)Wetterphänomen und Katastrophen dieser Art gab es auch schon früher. Der gegenwärtige Klimawandel bedeutet aber, dass Extremereignisse wie Dürre und Hochwasser an Häufigkeit zunehmen. Klimawandel heißt eine rasante Veränderung von Wetterereignissen in die beiden Richtungen: höhere weltweite Durchschnittstemperaturen also Erderwärmung und mehr Wetterkapriolen. Deshalb muss Politik nachhaltiger und vorbeugender werden. Bisher dominiert nicht nur in Deutschland, sondern weltweit ökonomisches Wachstum als Hauptziel aller Politik. Sie muss jetzt konservativer im eigentlichen Sinne werden: die Bestandsvoraussetzungen unserer Gattung ganz nach oben setzen und erst danach für (dann aber!) qualitatives Wachstum sorgen. Für den dominierenden, zögerlichen kleinbürgerlichen Konservativismus, für den Armin Laschet wie kein anderer steht, ist das eine große Herausforderung. Für Markus Söder gilt das eher nicht, denn für die CSU bedeutet „konservativ“ seit Franz J. Strauß „an der Spitze des Fortschritts zu marschieren“.

Rebekka Baruch

Angela Merkel marschierte nie an der Spitze des Fortschritts. Sie hat es nur einmal probiert 2005 mit einem radikalen neoliberalen Programm. Fast hätte ihr diese Programmatik den Kanzler*innenstuhl gekostet. Nur sehr knapp mit 1 Prozent mehr als die SPD konnte sie den damaligen Kanzler Schröder besiegen und ihre erste Große Koalition starten. Seitdem scheut sie programmatische Festlegungen wie der Teufel das Weihwasser, beobachtete 16 Jahre lang sich entwickelnde Veränderungen, schätze analytisch scharf eine mögliche Mehrheitsbildung bei politischen Themen ein und passte sich geschickt und erfolgreich an. Diese Methode asymmetrischer Demobilisierung funktioniert nicht mehr. Die Lage ist zu ernst. Selbst der Kleinbürger Laschet weiß: wir brauchen ein Modernisierungsjahrzehnt, sogar einen „Turbo“ – er hört wohl gern das Geräusch PS-starker Verbrennungsmotoren – für mehr erneuerbaren Strom.

Malte von Baruch

Während für Franzosen Freiheit der eindeutig höchste und wichtigste politische Wert ist, sind Deutsche auf Sicherheit fixiert, die es in Zukunft nicht mehr so einfach geben wird. Auch der deutsche Staat mit seinen Sozialstaatsleistungen, ein Co-Produkt der beiden alten Volksparteien SPD und CDU, hat dieses Sicherheitsgefühl gezüchtet. Der SPD Kanzler Gerhard Schröder war es, der mit seiner Agenda-Politik den Deutschen das soziale Sicherheitsgefühl nahm. Aufgabe der christdemokratischen Kanzlerin Angela Merkel wäre es gewesen, eine Umweltpolitik zu initiieren und durchzusetzen, die sich an Nachhaltigkeit und Vorsorge orientiert. Das ist nicht geschehen. Ein Manko, das auch Angela Merkel am Ende ihrer Amtszeit zugibt. Damit wurde wiederum das Sicherheitsbedürfnis der Deutschen schwer getroffen. Die gegenwärtige Krisen-Lage steigert die Sorge um Sicherheit. Dennoch wollen die Deutschen, dass die Bewältigung der Klimakrise ihnen nicht zu viel zumutet. Sicher ein Grund für das derzeitige SPD Umfragehoch, die im Gegensatz zu den Grünen beim Klima beruhigen will, und überhaupt für die Volatilität bei Wahlumfragen.

Die Klimakrise verlangt programmatische Aussagen, die auch die CDU unter Laschet eher im Undeutlichen lässt. Darüber hinaus sind globale Abstimmungen unumgänglich. Im Schlafwagen, das weiß Laschet mittlerweile nur zu gut, kommt er nicht ins Kanzleramt.

Starke Zumutungen an die Wähler scheuen alle Parteien, sogar die Grünen sind vorsichtiger als früher. Vor vier Jahren war noch ihr Vorschlag eines Veggi-Day pro Woche in Betriebskantinen ein Grund für ihren Absturz in Umfragen. Heute sind nicht nur vegetarische und sogar vegane Gerichte in Kantinen täglicher Usus.

Rebekka Baruch

Bei Vorsorgepolitik gilt: There is no glory in prevention! Wenn gut vorgesorgt wird, ist der mögliche Schaden, der vermieden wird, nicht spürbar, die Kosten der Prävention aber schon. Dass sie wirklich notwendig sind, erfordert hohe Abstraktions- und Reflexionsleistungen. Die Corona Pandemie hat das gezeigt. Vielleicht wird Deutschland mit dieser Erfahrung zur Zahlung hoher Prävention für künftige Pan- und Epidemien bereit.

Vorbeugung heißt im Falle der riesigen Hochwasserschäden in Eifel und Rheinland-Pfalz aber auch, dass nicht einfach neu aufgebaut, sondern das Bauen nahe an Flussläufen neu überlegt werden muss. Freigelegte römische Siedlungen an der Ahr zeigen, die Römer haben in höheren Lagen gebaut als wir. Sie waren klüger.

Konrad von Baruch

Eine entscheidende Frage ist, wie sich steigernde und kumulierende Krisen die Mehrheitsbildung beeinflussen. Die Corona-Krise hat eine Sehnsucht nach einem Zurück zur Normalität vor Corona hervorgerufen. Ein Zurück in verklärte Vergangenheiten ist überhaupt zu einem Kennzeichen verunsicherter gegenwärtiger Massen geworden. Davon profitieren Populisten vom Schlage Trumps. Wahrer Konservativismus darf dieser Illusion nicht folgen. Wir können in entwickelten Gesellschaften der Gegenwart weder die Wachstumszahlen noch die Aufstiegschancen für alle Schichten, die wir in Zeiten der 50iger und 60iger Jahre hatten, einfach zurückrufen. Das keineswegs gesicherte Ziel einer Überlebenschance für unsere Gattung zwingt uns, bescheidener und nachhaltiger in Produktion und Konsum zu werden.

Für die deutsche Politik bedeutet das: den Klimaschutz entschieden voranbringen. Dabei den „Green new deal“ der EU unterstützen und die Zusammenarbeit mit China und den USA suchen. Nur eine Kooperation der drei globalen ökonomischen Zentren kann Erfolge sichern. Leider suchen die USA unter Biden mehr die Konfrontation mit China. Sie sind auf diesen Kampf um Platz 1 in der Welt so fixiert, dass sogar Biden leichtfertig den von Trump mit den Taliban ausgehandelten Rückzugsvertrag – ohne Einbindung der afghanischen Regierung – schnellstmöglich erfüllt hat.

Ich hoffe sehr, die kluge Ursula von der Leyen kann die beiden alten Männer, die die USA und China anführen, in eine kooperierende Richtung lenken.

Clemens von Baruch

„Listen to silence“ ist der Wahlspruch der Fridays for Future Bewegung. Klimapolitik muss sich an gesicherten wissenschaftlichen Ergebnissen und deren Konsequenzen halten. Die Partnerschaft von enthusiastischer Jugend und der Mehrheit der Klimaforscher gibt dieser neuen sozialen Bewegung ihren drive. Leider ist die große Mehrheit der Älteren, vor allem im nichtakademischen Milieu, dafür nicht leicht zu gewinnen. Und diese Älterem sind die große Mehrheit. Sie tendieren zur Zeit – erfreulich für mich – zur SPD, leider auch zur CDU/CSU. Die Jüngeren, insbesondere zwischen 18 und 30, zu den Grünen, aber auch – was mich erstaunt – zur FDP.

Nicht nur die Minderheit der Verschwörungstheoretiker und Querdenker sitzt diesem antiwissenschaftlichen Impuls auf. Auch große Gruppen politischer Freiheitsfreunde, die Kritiker der politischen Corona-Maßnahmen und Impfskeptiker, die sich vor allem an die eigene Freiheit denken und weniger an die Freiheit der anderen, d.h. Willkürfreiheit im Sinne Kants, tuen sich schwer in der Anerkennung wissenschaftlichen Wissens. Einige Anhänger der FDP müssen diesen Gruppen zugeordnet werden. Ökonomie und Freiheitsrechte scheinen bei ihnen wichtiger als wissenschaftliche Fakten und Argumente und aus ihnen abgeleiteter politischer Folgerungen zu sein.

Aus der zur wissenschaftlichen Forschung gehörenden konstitutiven Unsicherheit wird in diesen Kreisen die falsche Konsequenz gezogen, Wissenschaft sei nicht relevant. Neues Wissen etwa zum Covid 19 Komplex muss sich aber erst durch weitere Forschung bewähren, bevor es als sicheres Wissen zu betrachten ist. Und neues Wissen kann nicht mehr absolut sein, wie noch in Antike und Mittelalter, sondern ist stets hypothetisch, d.h. nur solange gültig, bis es durch besseres, mit der Realität kompatibleres Wissen ersetzt werden kann. Diese Paradoxie von wahrer Geltung bei gleichzeitig ständigem Zweifel an wissenschaftlichen Theorien und Aussagen muss beim „Listen to silence“ ausgehalten werden.

Malte von Baruch

Auch die richtige Einschätzung dessen, was Modellierungen leisten und leisten können, gelingt nur wenigen. Zunächst staunte man, wie genau Physiker und Mathematiker, sie dominieren in dieser Disziplin, die Bewegungsstruktur menschlicher Kontakte voraussagen und mit dieser Datenlage künftige Inzidenz Werte angeben können. Das wundert vor allem deshalb, weil ihr theoretischer Ansatz nicht auf den Sinn und die Bedeutung sozialer Handlungen rekurriert, sondern einzig menschliche Körperbewegungen im Blick hat. Ihre Ungenauigkeit, die im Laufe der Pandemie zunahm, hat aber genau damit zu tun. Je mehr Menschen auf die Warnungen vor steigenden Inzidenzen achten und ihr Verhalten ändern, sich also an die AHA Regel halten, Maske tragen und generell Kontakte vermeiden, müssen die Modellierungen geändert werden. Der „subjektiv gemeine Sinn“ verändert die Bewegungsstruktur menschlicher Kontakte, fordert neue Berechnungen und kommt dann zu anderen Ergebnissen.

Das ist bei den Modellierungen der Klimaforscher anders. Die Komplexität ihres Objektbereichs ist höher und es gibt Kipppunkte im globalen Klima-System, die allerdings einen hypothetischen Charakter haben und vielleicht nie endgültig bestimmt werden können. Wenn wir diese Kipppunkte überschreiten, treffen uns die prognostizierten Folgen unausweichlich. Von Kipppunkten des Klimas habe ich bisher im Wahlkampf noch kein einziges Wort gehört. So trivial funktioniert er gegenwärtig. Die Modellierungen der Klimaforscher können von kurz- und mittelfristiger politischer Klimapolitik überhaupt nicht beeinflusst werden. Unser „subjektiv gemeinte Sinn“ stört diesen Naturablauf nur wenig. Erst langfristig angelegte und vor allem globale Maßnahmen, die von (fast) allen Staaten gemeinsam koordiniert werden, könnten helfen. Aber diese können nur den Prozess der Klimaveränderung verlangsamen. Schlimmer wird es leider ganz sicher.

Clemens von Baruch

Faszinierende Einblicke in den rasanten Verlauf evoluierender Prozesse im Nanobereich von Zellen, bietet die Corona-Krise der Evolutionsforschung. Während es Millionen von Jahren dauerte, bis in der Primaten Evolution aus unseren gemeinsamen Vorfahren, den wir mit den Schimpansen teilen, der Homo sapiens sapiens entstand, evoluiert der neue Corona Sars 2 Virus in erstaunlicher Schnelle. Zur Zeit macht die Delta Variante Sorgen. Sie ist infektiöser, steckt statt 2 bis 3 nun 5 bis 9 Personen an, ist aber noch nicht die gefürchtete Escape-Mutation. Als eine solche schätzen einige Forscher die Lambda-Variante ein, die vor allem in Südamerika grassiert, aber auch schon in Europa vereinzelt aufgetaucht ist. Sollte sie sich durchsetzen, droht der ganzen Menschheit in der Corona-Pandemie hoffentlich kein „Zurück auf Los“.

krisendialoge

Die Wahlumfragen für die Parteien und Kandidaten und die Kandidatin schwanken seit Wochen enorm. Die persönlichen Werte von Baerbock, Laschet und Scholz, was Kompetenz-Zuschreibung und Beliebtheit betrifft, können die Wählerschaft bisher nicht überzeugen. Am besten schneidet noch Olaf Scholz ab. Er zieht seine SPD erstaunlich sicher aus ihrem Umfragetief hoch und hat für sie den ersten Platz erobert.

Vor einigen Wochen hatten die Grünen ein Umfragehoch, als ihre Kandidatenkür im Gegensatz zum Konkurrentenstreit von Söder und Laschet einvernehmlich gelang. Annalena Baerbock zog zwar (ausschließlich?) die Frauenkarte um Kanzler-Kandidatin zu werden und Robert Habeck drückte öffentlich in einem Zeit-Interview seinen persönlichen Schmerz aus, dennoch überflügelten die Grünen zunächst erstmalig in Umfragen die CDU/CSU. Ihr Glück währte nur kurz. An die Bundestagsverwaltung nichtgemeldete Gratifikationen ihrer Partei, Ungenauigkeiten und etliche für ihre Generation typische „Aufhübschungen“ ihres Lebenslaufes, dann nicht wenige Plagiat-Stellen in ihrem neuen Buch „Jetzt“ ließen sie in der Wählergunst schnell abstürzen. Erst die Flutkatastrophe und ein am falschen Platz lachender und ebenfalls von Plagiatvorwürfen getroffener und immer wieder vom CSU Chef Söder an- und getriebener Laschet, dem jener zu viel Zaudern vorwirft, stoppte bzw. verlangsamte ihren Abwärtstrend.

Welcher der beiden Kandidaten und der Kandidatin hat die besseren Chancen und wer wäre eigentlich der/die Bessere für diese politische Spitzenposition in Deutschland?

Rebekka Baruch

Sicher, die Grünen gingen ein Risiko ein, eine noch junge und vor allem regierungsunerfahrene Kandidatin vorzuschlagen. Dennoch galt Annalena in inhaltlichen Fragen sicherer als Habeck, der sich bei öffentlichen Auftreten oft mehr als Generalist, als neuer softer Männertyp, als Intellektueller und „homme de lettres“ präsentiert mit klugen anregenden Ideen, obwohl er in seiner Zeit als Minister bei konkreten politischen Problemen auch sehr erfolgreich zwischen den Interessengruppen von Bauern, Fischern und Naturschutzverbänden in Schleswig-Holstein vermitteln und bis heute allseits zufriedenstellende Gesetzes-Entscheidungen durchsetzen konnte.

Grundsätzlich sind es Petitessen, die Annalena Baerbock vorgeworfen werden. Dass ihre nichtgemeldeten Einkommen von ihrer Partei und ihr ungenauer Lebenslauf publik werden, zeigt eine mangelhafte Professionalität ihres Teams. Wer sich um diesen Spitzenjob bewirbt, muss damit rechnen, dass die Gegner alle öffentlich zugänglichen Daten durchforsten, um möglichst viel „shit“ zu finden, mit dem man werfen kann. Das ist nicht nur in den USA, sondern auch hier in Deutschland der Fall. Dennoch fällt auf! Früher war es schlimmer. Gegen Brandt als Kanzlerkandidat wurden von der „christlichen“ CDU/CSU Vorwürfe von Landesverrat (Brandt war während der Naziherrschaft Exilant in Norwegen), von angeblicher Sympathie mit dem Kommunismus, sogar sein Status eines unehelichen Kindes einer alleinerziehenden Mutter in öffentliche Debatten geschleudert, während Annalena Baerbock von ihren beiden Konkurrenten sogar Zuspruch erhielt. Man solle doch diese Vorwürfe nicht zu hoch hängen, so äußerten sich beide. Verständlich ist das, weil man sich nach der Wahl in Koalitionsverhandlungen wiederfinden wird. Eindeutig frauenfeindlich, sogar frauenverachtend präsentierten sich die sozialen Medien.

Warum um alles in der Welt musste sie aber ein Buch schreiben und dabei auch noch etliche Passagen übernehmen? War es der falsche Ehrgeiz, neben dem Schriftsteller Habeck, der neben seiner Dissertation und seiner überarbeiteten Magisterarbeit mehrere Romane und Gedichtsammlungen und als Politiker bereits vier Sachbücher veröffentlichte, eine bessere Figur abzugeben und gleichzuziehen? Anders als Habeck, der nur seine literarischen Arbeiten zusammen mit seiner Frau, ebenfalls Schriftstellerin, seine wissenschaftlichen und Sachbücher aber alleine schrieb, hatte Analena wie die meisten Politiker bei ihrer Buchproduktion einen Coautor herangezogen. Mit dieser oft üblichen Praxis kann man als Politiker sehr schnell zum „betrogenen Betrüger“ werden, weil fast immer unklar bleibt, wer für die Plagiate verantwortlich ist. Diese Frage stellt sich auch Armin Laschet, der in seinem Buch, vermutlich ebenfalls mit Hilfe eines Coautors geschrieben, einiger Plagiat-Stellen überführt wurde.

Malte von Baruch

Dass Annalena Baerbock und Armin Laschet den Mainstream ihrer beiden Parteien sehr gut präsentieren, erstaunt nicht. Ist aber ein Problem. Annalena ist typische Vertreterin der grünen realpolitischen Mehrheit, auch des starken Feminismus in ihrer Partei, der einen reinen Wettbewerb von Männern um das Kanzleramt kaum ertragen hätte. Auch Laschet, der den Politikstil von Angela Merkel nachzuahmen versucht, gehört zur immer noch stärksten Mitte-Strömung innerhalb der Christdemokraten. Im Vergleich zu seinem Vorbild Merkel zeigt er aber deutliche Mängel bei Ausstrahlung, Intelligenz und Professionalität.

Scholz gelingt die Merkel-Nachahmung deutlich besser. Mit Raute posiert er im SZ-Magazin und vertraut wie Merkel bei den Bürgern darauf, dass man ihn kennt. Dass er trotz seiner Niederlage beim Kampf um den Parteivorsitz in diesem Wahlkampf die SPD geschlossen hinter sich weiß, erstaunt nun doch. Bisher waren nur SPD Kanzlerkandidaten erfolgreich, die Beinfreiheit zeigten, d.h. mit ihrer Politik die SPD-Wahlprogramme überschritten, sich damit von ihrer Partei distanzierten und damit in die Anhängerschaft anderer Parteien hineinstrahlten. Brandt, Schmidt und Schröder konnten so gewinnen. Heute käme die SPD mit der alten Schlachtordnung von linken gegen rechten Flügel, die sich auch in Wahlkampfzeiten hart bekämpfen, nicht weiter. Sie hätte vermutlich weniger Zustimmung als gegenwärtig. Mit Scholz hat die SPD einen Kandidaten, der einerseits eine geschlossene SPD hinter sich weiß, dennoch genügend Unabhängigkeit zeigt und der mehr als seine Mitkonkurrenten an die Kompetenz und Erfahrung der bisherigen Kanzlerin anschließen kann. Kann er aber auch den Zuspruch über SPD Sympathisanten hinaus in Stimmen für seine Partei verwandeln? Das scheint durchaus möglich zu sein. Seine Zustimmungswerte sind herausragend.

Konrad von Baruch

Es ist müßig sich vorzustellen, wie heute die Lage einer Konkurrenz der drei Kanzlerkandidaten und Alpha-Typen Habeck gegen Scholz und Söder aussähe. Sicher trauen größere Mehrheiten eher Habeck, Scholz und Söder als Baerbock und Laschet Kanzler-Fähigkeit zu. Aber es ist wie es ist. Und es ist nicht gut für die Grünen, was ihre Kanzler-Chancen betrifft. Ihre Professionalität ist in der Tat beschämend. Schaut man auf die Nichtzulassung ihrer Parteiliste im Saarland, an deren Zustandekommen auch die Bundesspitze beteiligt war, kann man nur staunen. Ein bis zwei Parlamentssitze werden ihnen sicher fehlen. Damit haben sich Adenauer und Brandt ihre Kanzlerschaft gesichert. Um die Kanzlerschaft scheint es einigen Grünen schon gar nicht mehr zu gehen. Mit dem zweiten oder dritten Platz hat man sich anscheinend abgefunden.

Zu erinnern ist aber, dass in Deutschland nicht das Volk, sondern das Parlament den Kanzler wählt. Wenn es wirklich zur Kanzlerwahl kommt, könnten die Grünen immer noch Robert Habeck und die Christdemokraten Markus Söder aufstellen, eventuell im dritten Wahlgang, bei dem die relative Mehrheit ausreicht. Legitimität erreicht man erst mit der Kanzlermehrheit im Parlament, weder mit Umfragen noch mit den Ergebnissen der Bundestagswahl. Die Chancen der Grünen überhaupt mitregieren zu können bei deutlich besserem Ergebnis als vor vier Jahren bleibt von all diesem Trouble unberührt. Darauf können sie hoffen. Ein Glück, dass in den letzten Wochen der Wahlkampf endlich wichtige inhaltliche Ebenen erreicht hat.

krisendialoge

Wir haben die Krisenlage und die Kandidaten angesprochen. Wir sind aber noch nicht auf die neue Lage des Endes von Volksparteien in Deutschland eingegangen. Während in Europa schon länger das Ende von Sozial- und Christdemokratie beklagt wird, hat sich nur die SPD in ihren zwölf (sic!) Jahren mit Merkel beinahe zerbröselt. Ist ihre gegenwärtige Erholung dauerhaft oder allein den beiden schwachen Gegenkandidaten geschuldet? Erleiden CDU und CSU mit einer Niederlage Laschets demnächst dasselbe Schicksal eines Verschwindens als Volkspartei? Und wie werden sich die Grünen, die sich ja mehr als alle anderen Parteien als Juniorpartner auf eine Koalition mit den Christdemokraten vorbereitet hatten und demnächst diese Rolle vielleicht in einer Ampelkoalition einnehmen werden, in den nächsten vier Jahren weiter entwicklen?

Malte von Baruch

Dass die Grünen das Schicksal der europäischen, weniger der deutschen Sozialdemokratie erleiden werden, ist unwahrscheinlich. Das Erbe der Sozialdemokratie, die sozialstaatliche Zähmung des Kapitalismus, ist in ganz Europa prinzipiell gesichert. Dazu braucht man keine Sozialdemokraten mehr. Selbst die Horrorvorstellung einer Machtübernahme der Populisten, in Frankreich und Italien weit eher wahrscheinlich als in Deutschland, würde den Sozialstaat nicht abschaffen. Die Grünen dagegen präsentieren ein Jahrhundertprojekt, dessen Erfolg unsicher, aber notwendig ist: die Transformation des weiterhin bestehenden Kapitalismus in eine ökologisch-soziale Marktwirtschaft. Diese Aufgabe wird ihnen von einer ständig wachsenden Wählerschaft zugetraut. Das sichert ihnen vermutlich weiterhin wachsenden Bestand. Sie werden trotz aller derzeitigen Unprofessionalität und allem Ärger mit Annalena zu den Gewinnern am 26. September gehören.

Ein analytischer Blick auf die Lage der Parteien bleibt wichtig. Volksparteien bündeln als große Wähler-Sammelstellen unterschiedlichste Milieus, Klassen und Schichten. Die CDU tat das nach Kriegsende 1945 von Anbeginn an. Die konfessionelle Grenze des alten katholischen Zentrums konnte überschritten und der protestantische Teil Deutschlands gewonnen werden. In der alten Bonner Republik dominierten die Christdemokraten auf dem Lande, bei den Kirchgängern beider Konfessionen und den Bewohnern der besseren Stadtviertel. Aber mit der christlichen Gewerkschaftsbewegung hatten sie auch Anschluss an die Arbeiterschaft, das Hauptstandbein der Sozialdemokratie, gefunden. Ihr Wählerreservoir war deutlich größer als das der SPD. Diese hat aber auch mit ihrem Godesberger Programm die Bindung an eine (immer freiheitlich verstandene) marxistisch inspirierte Arbeiterschaft verabschiedet und wurde offen für breitere Bevölkerungskreise, sogar das Wirtschaftsbürgertum der Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen und in NRW. Um regierungsfähig zu werden, brauchten sie mehr Zustimmung. Das gelang erst in den 60iger Jahren mit Brandts Ostpolitik und der breiten Unterstützung von Intellektuellen und Künstlern. Jetzt erst wurde ein Regieren im Bund für sie möglich.

Die FDP war in den 50iger und 60iger Jahren Zünglein an der Waage. Sie gab der Ostpolitik und vielen Sozialreformen unter Brandt ihren Segen, später nach dem Erstarken des linken SPD Flügels, der den NATO Doppelbeschluss ablehnte, wechselten sie zur CDU und verhalfen Kohl ins Kanzleramt. Wenn sie am 26. September wieder zum Zünglein an der Waage werden sollten, werden sie es eher zusammen mit den Grünen sein. Damals 1966 gab es einen breiten Sozial- und Rechtsstaatsflügel in der FDP, der begeistert den dumpfen Kleinbürgerkonservativismus der Adenauerzeit zusammen mit der SPD abschaffen wollte. Diesen linksliberalen Flügel hat die FDP gänzlich an die Grünen verloren. Während die Grünen mit ihrem Kandidatenteam sich um Wirtschaftskompetenz bemühen und mit ihrem Selbstverständnis als Bündnispartei sich vom rot-grünen Projektdenken verabschiedet haben, verharrt die FDP im Neoliberalismus, dessen Zeit aber abgelaufen scheint. Die CDU hat mit Merkel, nach ihrem knappen Sieg gegen Schröder allem neoliberalen Reformradikalismus abgeschworen, die FDP dagegen erklärt weiter ihre neoliberales Mantra: „Steuern runter“ (wenigstens nicht erhöhen) und „der Markt wird es schon richten“, auch den Klimaschutz. Zur Zeit kann sie mit ihrem Erfolg von 12-13 Prozent bei Wahlumfragen vermutlich über ihre Stammwählerschaft von 7-8 Prozent in wirtschaftsliberalen Kreisen der CDU punkten. Für diese soll die FDP in einer möglichen Ampel, mit der die CDU/CSU in die Opposition geschickt wird, das Schlimmste verhüten.

Bleibt die AFD. Ist die Hochzeit des Rechtspopulismus ebenso wie die des Neoliberalismus abgelaufen? Das wird sich nicht in Deutschland entscheiden. Noch wichtiger als Europa sind für diese Frage die USA. Dort ist das Schicksal des Populismus, der dort Trumpismus heißt, mit der Biden Regierung nicht entschieden. Die Republikaner, die einst die Sklaverei der Südstaaten in einem blutigen Bürgerkrieg stoppten, ohne den Rassismus wirklich abzuschaffen, haben die Kurve zurück zu ihrer alten Stärke als Hort von ökonomischer Freiheit, Welthandel und Multilateralismus nicht geschafft. Trump selbst und etliche seiner „Erben im Geiste“ lauern auf die nächsten Midterm Wahlen im November 2022. Nur eine klare Niederlage der Republikaner könnte ein Wiederauferstehen der alten Grand Old Party im alten Geiste sichern. Das ist nicht sicher. Dieses alte Erbe vertreten nur noch wenige. Liz Cheney und Mitt Romney haben kaum noch Anhang. Ein Scheitern der Demokratie in den USA ist nicht unmöglich.

Konrad von Baruch

Wir haben den Faschismus überwunden, die USA haben ihn noch vor sich!

Clemens von Baruch

Wenn, dann wird es eine Art von Soft-Faschismus werden, denn nach Marx kann sich der Faschismus nur als Farce wiederholen. Aber Du hast Recht. Der Westen Deutschlands hat seine Vergangenheit bewältigt. Die Chancen der AFD sind trotz hohem Zuspruch in den östlichen Bundesländern bescheiden. In den westlichen Bundesländern wurde aus unserem Höllenritt in den Faschismus gelernt und die große Mehrheit der Bevölkerung scheint immunisiert zu sein. Völkische Parteien sind im Westen der Bundesrepublik chancenlos. Jedes Flirten der CDU im Osten Deutschlands wird im Westen der Republik abgestraft werden. Darauf kann man sich verlassen. Anders sehen die Chancen rechtspopulistischer Parteien in Frankreich, Italien, Polen, Ungarn und auf dem Balkan aus. Deshalb ist das Schicksal der EU, die sich ebenfalls als erfolgreiche Bewältigung der faschistischen Epoche Europas versteht, leider ungewiss.

Rebekka Baruch

Konfrontieren wir unsere Parteienstruktur mit einer Klassenanalyse, wird das langfristige Schicksal eines Endes unserer alten Volksparteien noch deutlicher. Die historische Verankerung der FDP geht bis auf den Aufstieg des Bürgertums, der Unternehmer im 19. Jahrhundert zurück. Immer trat das Bürgertum in mehreren Varianten auf: das reiche, wohlsituierte Großbürgertum als Kapitalistenklasse, das oft auch arm gebliebene Bildungsbürgertum der Akademiker*innen und die große Masse der in Ressentiments befangenen Kleinbürger*innen. Die FDP kann sich des Großbürgertums heutzutage nicht sicher sein, es wählt oft die CDU und die Grünen, die insbesondere das neue seit der Bildungsrevolution der 60iger Jahre wachsende akademische Stadtbürgertum darstellen und damit Nachfolger des alten Bildungsbürgertums geworden sind. Klassisches Klientel der FDP bleiben die freien Berufe, v.a. Anwält*innen und Ärzt*innen und der Mittelstand der Unternehmer*innen.

Die Partei der Grünen stellt nicht nur ein neues Bürgertum dar, sondern hat Wurzeln, die über das frühe Bildungsbürgertum hinaus die andere, unkonventionelle Seite des alten Bürgertums der Künstler*innen und Dandys hineinreichen. Die bürgerliche Klasse war von Anbeginn an in verschiedene Milieus differenziert und ist es bis heute. Die Christdemokraten hatten in der Nachkriegszeit, dem Zeitalter des Fordismus, des Wirtschaftswunders der alten BRD und einer relativ homogenen Massenkultur noch alle bürgerlichen Schichten abgedeckt, was ihr heute nicht mehr gelingt. Mehrheiten jenseits der 40 Prozent, zu schweigen von den über 60 Prozent der CSU in Bayern, werden nicht mehr erreicht werden. Nicht nur die Dominanz in den Städten, die die Christdemokraten noch nie hatten, ging an die Grünen verloren. Ebenso die Einbindung kleinbürgerlicher Massen, die populistische Bewegung der Gegenwart mit ihrer Ablehnung von Eliten und Medien, v.a. der Qualitätspresse und öffentlicher Sender haben Christdemokraten nicht nur in Deutschland, sondern im ganzen EU-Raum verloren. Der Teil der AFD, der euro-skeptisch und neoliberal am Beginn dominierte, verwandelte sich jetzt in dumpfes bis militantes Kleinbürgertum, das einstmals den Faschismus hervorbrachte. Heute ist zumindest in Deutschland, das Kleinbürgertum dazu glücklicherweise nicht mehr in der Lage. Bei uns geriete ein neuer Faschismus in der Tat zur Farce. Man stelle sich nur Höcke als „Führer“ vor!

Der Niedergang linker Parteien wurde bereits angedeutet. Die sozialstaatliche Transformation des Kapitalismus in den modernen westeuropäischen Wohlfahrtstaat ist gelungen trotz vieler Mängel, die es immer zu beheben gilt. Nicht zuletzt wegen dieses Erfolges, den sozialdemokratischen Sozialstaat abzusichern, war die SPD in ihren 12 Regierungsjahren mit Angela Merkel immer der bessere Teil. Anders als die CDU/CSU war sie der Regierungsteil mit klarer, vor allem sozialstaatlicher Programmatik. Steigert sie ihr Ergebnis vor vier Jahren nur leicht, kann sie mit 20+ Prozent Olaf Scholz zum Kanzler küren. In Umfragen zu einer möglichen Kanzlerdirektwahl führt er seit Wochen. Armin Laschet liegt deutlich zurück. Dennoch! Begeisterung kann keiner der Kandidaten und die Kandidatin entfachen. Weit abgeschlagen rangieren Laschet und Baerbock nach Merkel, Söder und Habeck im Politiker-Ranking. Nur Olaf Scholz kann mithalten.

krisendialoge

Wie bewertet ihr den bisherigen Wahlkampfverlauf und welche Koalition wäre die beste für Deutschland? Erwartet ihr auch, dass sie sich zuletzt durchsetzen wird?

Rebekka Baruch

Wenn es zu einem rot-grün-roten Bündnis reicht, sollte es ausgelotet werden. Ihre außenpolitischen Ziele muss die Linkspartei dabei zurückstellen. Bekenntnisse zu NATO und EU, von SPD und Grünen gefordert, gehören nicht in den politischen, sondern in einen religiösen Raum. Die Linke sollte ihren Nachdruck auf sozialpolitische Vorhaben legen. Hier liegt ihre Kompetenz. Die SPD mit Scholz steht dann zusätzlich für Wirtschafts- und die Grünen für Umweltkompetenz.

Wählen werde ich mit meiner Zweitstimme grün, auch wenn es zur Kanzler*innenschaft diesmal noch nicht reichen wird. Unabhängig von Annalenas Fehlleistungen war auch nicht zu vermuten, dass das strukturell konservative Deutschland zwei Frauen hintereinander in das Kanzler*innen-Amt schickt. Für politischen Fortschritt muss man Geduld haben. Angela Merkel hat sich erst am Ende ihrer Kanzler*innenschaft als Feministin geoutet. Für die Gleichberechtigung der Frauen, insbesondere für die Verbesserung der Lebensumstände armer Frauen hat sie jedoch nicht viel getan.

Clemens von Baruch

Wahlkampfzeiten sind für mich kaum auszuhalten. Sie sind Kampf- und keine Diskurs-Zeiten. Es wird nicht argumentiert, sondern gegen den Gegner, manchmal wie gegen einen „Feind“, geholzt. Ein Glück, dass diese Zeit bald vorbei ist. In den schwierigen Koalitionsverhandlungen nach der Wahl wird auch weiterhin das strategische Handeln überwiegen. Nur wenige Bereiche des politischen Betriebes gehorchen einer Verständigungslogik.

Meine Präferenz gilt ebenfalls einer hoffentlich möglichen rot-grün-roten Koalition. Scholz ist mir mit seiner Vorsicht ein Garant für die Seriosität dieses Experiments. Ohne ihn geht es nicht. Sozialpolitische Programme, v.a. der Umbau von Hartz IV, die Sicherung der Renten, Wohnungspolitik, Steuererhöhungen für Investitionen, auch mit weiterer Verschuldung können nur in dieser Koalition mit der ökonomischen Kompetenz des rechten SPD Flügels und der Klima-Kompetenz der Grünen gelingen. Wählen werde ich wie bei früheren Wahlen, wenig erstaunlich für Euch, mit der Zweitstimme meine SPD.

Konrad von Baruch

Man kommt als älterer Wähler bei dieser Bundestagswahl ins Grübeln. Wähler, die älter als 60 sind, würden die Große Koalition, immer noch unter CDU Führung, bestätigen. Jüngere Wählern unter 30 präferieren eine neue große Koalition von FDP und Grünen unter grüner Führung. Das ist mir, wie schon früher gesagt, deutlich sympathischer. Im auch weiterhin existierenden Kapitalismus braucht es nach dem möglichen Ende der Volkspartei CDU/CSU eine Partei, die primär für das Organisationsprinzip Markt steht. Wie schon in den Niederlanden wird es eine liberale Partei sein. Hier in Deutschland also die FDP. Sie braucht, insbesondere der selbstverliebte Herr Lindner, einen stärkeren, führenden Partner. Noch wird es diesmal Olaf Scholz und seine SPD sein. Langfristig sollten diese Rolle die primär an sozialen Wohltaten, insbesondere für die ältere Rentnergeneration und am Erhalt alter Industriebranchen orientierten Sozialdemokraten an die deutlich konservativeren Grünen abgeben.

Wählen werde ich am 26. September erstmals die Grünen. Bedauerlich, dass sie Frau Baerbock und nicht Robert Habeck als Kanzlerkandidat aufstellten, der mit seinen Büchern, seiner rhetorischen Begabung, seiner Bündnis-Idee Hoffnung gibt auf einen neuen, umfassenderen Pragmatismus als Kanzlerin Merkel. Einen neuen, zeitgemässeren Konservatismus, der auch Härte in der Auseinandersetzung mit dem Mafia-Oligarchen-System Russlands und der baldigen Weltmacht China zeigt, traue ich dieser Partei zu. Auch einer möglichen Außenministerin Baerbock, die in allen Wahlsendungen einen starken und selbstsicheren Eindruck machte.

An Angela Merkel schätzte ich in all den Jahren ihren Pragmatismus und ihre Uneitelkeit. Sie hat die CDU nicht sozialdemokratisiert, sondern offen Ziele angesteuert, die aufgrund neuer, sich plötzlich und adhoc auftretender Krisenkonstellationen ergaben. Was Klima-, Europa- und Weltpolitik betraf, war sie nie weit genug gegangen. Wohl aus Rücksicht auf Belastungsgrenzen ihrer Partei und der deutschen kleinbürgerlichen Bevölkerung, der sie meinte nicht mehr zumuten zu können, hat ihre Ambitionen gebremst. Das muss sich vor allem wegen der Klimakrise, die zur alles entscheidenden Frage der nächsten Jahrzehnte werden wird, ändern. Politik muss in Zukunft vor allem ökologisch werden.

Malte von Baruch

Die von Euch, Rebekka und Clemens, geschätzte Rot-grün-rote Koalition und deine, lieber Konrad, gewünschte Ampel sind nur zwei Möglichkeiten von vielen. Was mit unseren Stimmen dieses Mal geschieht, wir wählen ja keinen Kanzler oder eine Kanzlerin, sondern Parteien, ist unsicherer als bei den bisherigen Bundestagswahlen.

Nicht nur die Grünen Umfragewerte werden oft überschätzt, ich vermute, das gilt auch für das gegenwärtige Stimmenhoch der SPD. Scholz hat nicht das Charisma und eine ähnlich zündende Idee wie der erste SPD Kanzler der Bundesrepublik. Willy Brandt hatte mit seiner Ostpolitik sogar viele CDU Politiker, sogar die Klügsten dieser Partei, von sich und seinem Anliegen eines Ausgleichs mit dem Osten und zu einer Stimmabgabe für ihn überzeugen können. Zwar sind seit zwei, drei Wochen die Umfragen stabil, dennoch können immer noch im letzten Augenblick etliche liberale Merkel-Wähler, um sie wird vor allem gekämpft, zurück zur CDU schwenken. Wenn Armin Laschet nur knapp vor der SPD liegt, wird es für eine Ampelkoalition schwer. Die Grünen stehen dann vor der Wahl, sich für eine von mehreren Alternativen eines Kanzler-Machers zu entscheiden. Um den Kanzler zu stellen, werden CDU und CSU verlockende Angebote machen. Die FDP, an die CDU gekettet, spielt dann keine wichtige Rolle mehr. Warum sollten die Grünen ein gutes CDU Angebot ablehnen und sich stattdessen auf das Wagnis einer vielleicht knapp möglichen 2Rot-grünen Koalition oder gar einer Rot-grünen Minderheitsregierung – eigentlich eine interessante Alternative – einlassen? Vielleicht ist eine Jamaika- oder sogar eine Kenia-Koalition für eine deutsche Klimapolitik besser als eure beiden Koalitionsmodelle. Auch sie sind möglich, vielleicht sogar wahrscheinlicher. Deshalb werde ich wie immer auf die letzten Wahlumfragen warten und mich am 26. September auf dem Weg ins Wahllokal letztlich strategisch entscheiden.

krisendialoge

Für Eure Beiträge zur Merkel-Nachfolge-Wahl besten Dank. Nur noch wenige Tage bis zur Wahlentscheidung und zum Beginn des zweiten Teils der Entscheidungsfindung dieses Erbes. Dann beginnen die vermutlich schwierigen und langwierigen Koalitionsverhandlungen zur Bildung der nächsten Bundesregierung. Wir werden darüber reden!

Besprechung des Alterswerks von J. Habermas „Auch eine Geschichte der Philosophie“ – 

Teil 1 Von der Archaik über die Kulturen der Achsenzeit zur Konstitution der römisch-katholischen Kirche Westeuropas

Abstract

Alle vier Diskutanten haben das Alterswerk von J. Habermas „Auch eine Geschichte der Philosophie“ gelesen und dazu ihre Anfragen und Probleme notiert. Wir würdigen und besprechen das neue Buch und werden es auf den Diskussionsstand unserer bisherigen Blog-Themen beziehen. Habermas schreibt keine weitere Geschichte der Philosophie, sondern hat eine Genealogie der beiden Sphären Wissen und Glauben im Blick, die sich im Rahmen der okzidentalen Entwicklung zu Funktionssystemen (N. Luhmann) oder Wertsphären (M. Weber) Wissenschaft und Religion ausdifferenzierten. Beschrieben wird der Siegeszug der Metaphysik in den Traditionen der Achsenzeit (K. Jaspers), ihr Höhepunkt im hohen Mittelalter und der Aufklärung und ihre Ende im 19. und 20. Jahrhundert. Unser neues Blog-Thema wird gleichzeitig damit zu einer Rezension.

Zunächst beschränken wir uns auf den 1. Band. Mit Paulus beginnt und mit Augustinus gewinnt die Platonisierung des Christentums eine erste Form, in der sich der Prozeß der Versprachlichung des Sakralen nach den Anfängen in archaischen Gesellschaften fortsetzt und das katholische Christentum die Nachfolge des Römischen Reiches antritt.

Die Fortsetzung im nächsten Blog handelt von der Wiederentdeckung des Aristoteles im 13. Jahrhundert unseres Kontinents, die im Mittelalter die transzendentalphilosophische Wende der modernen Philosophie vorbereitet. Mit der Reformation, vor allem Luthers, wird die Trennung von Glauben und Wissen im Christentum vollständig erreicht.

krisendialoge

Lieber Clemens, du bist derjenige, der sich dem Werk von Jürgen Habermas am meisten verbunden fühlt. Versuche, den Gedankengang seines Alterswerks im ersten Band zu skizzieren!

Clemens von Baruch

Auch wenn sich Habermas mit seiner Genealogie von Glauben und Wissen vor allem auf die westeuropäische Entwicklung konzentriert, geht er in seinem neuen Buch von einem für die großen eurasischen Kulturtraditionen allgemeinen und kulturell gleichartigen Ausgangspunkt aus. Die von Karl Jaspers vorgestellte Achsenzeit ist ein soziokultureller Evolutionsschub der menschlichen Gattung, der ein gleiches kulturelles Niveau der großen eurasischen Kulturräume anzeigt: das Potential für einen individualistischen und egalitären Universalismus. Die Achsenzeit ist die bedeutsamste kulturelle Weggabelung unserer Gattung um 500 v. Chr.. Nicht nur die jüdische Prophetie und die griechische Philosophie haben im ersten Jahrtausend v. Chr. dieses Niveau ihrer Weltbilder erreicht. Gleiches gilt auch für die Traditionen von Konfuzianismus und Buddhismus.

Die von ihm herausgearbeiteten europäischen Lernschritte waren prinzipiell auch in den großen asiatischen Kulturräumen möglich. Habermas hat ein universelles Entwicklungspotential im Blick, das allein in Europa zur vollständigen Trennung von Glauben und Wissen und zur Moderne führten. In der westeuropäischen Entwicklung verschmolz das Christentum und sein jüdisches Erbe mit der griechischen Philosophie, der römischen Rechts- und Verwaltungsstruktur und ließ Glauben und Wissen, damit Religion und Wissenschaft auseinander treten. 

Weiterführende und diese These bestätigende Kulturanalysen der asiatischen Traditionen der Achsenzeit müssen – von anderen! – geschrieben werden. Erst wenn diese Analysen vorliegen, kann geklärt werden, warum zuerst in Europa die Ausdifferenzierung von Glauben und Wissen auftrat und welche Ursachen Asien davon abhielt, die Moderne eigenständig zu erreichen. 

Malte von Baruch

In Bezug auf die Moderne ist Asien ein verspäteter Kontinent, der kräftig aufgeholt hat und gegenwärtig Europa und die USA am Überholen ist. Die Moderne ist zwar in Europa entstanden, ihre Eigenentwicklung wird aber gegenwärtig in Asien, vor allem China forciert und auf neue Ebenen geschoben. Am Ende unserer Habermas-Besprechung müssen wir dieses Problem im Auge behalten.

In Bezug auf Buddhismus, Konfuzianismus und Taoismus sei er, Habermas, nur Laie und Dilettant. Er geht auf diese Traditionen nur kursorisch ein. 

Clemens von Baruch

Ich beginne seinen Ausgangspunkt bei der Achsenzeit und skizziere seinen Blick zurück in die Anfänge menschlicher Entwicklung (1). Danach werde ich die Weiterentwicklung im Christentums bis zur Konstitution der römisch-katholischen Kirche mit Augustinus (2) erläutern. Unterbrecht mich gerne, stellt Zwischenfragen und macht Anmerkungen zum Gedankenweg von Habermas.

Von der Archaik zur Achsenzeit

Im ganzen eurasischen Raum wird in der Achsenzeit der bisherige „sakrale Komplex“ von Riten und Mythen, der sowohl die frühen Stammes- wie auch die ersten Hochkulturen beherrschte, mit einem rationalem Weltbild überwölbt. Nicht gänzlich überwunden, denn die breite Masse der Menschen verharrt auch in nachaxialer Zeit weitgehend im Traditionalismus mythisch-magischen Denkens. 

Träger des neuen Bewusstseins sind intellektuelle Führer und deren engere Anhängerschaft: Propheten in Israel, Philosophen in Griechenland, Mönche und politische Berater in Indien und China. Weil das neue Denken dem vorherigen strukturell überlegen ist, gehörte dem neuen Weltbild die Zukunft. Institutionen können jetzt theoretisch mit Rekurs auf Doktrinen statt narrativ durch mythisches Erzählen legitimiert werden. Weltwissen verlässt die konkretistische Ebene der Mythen (C. Levy-Strauss) und erreicht die abstrakte Ebene kosmischer Spekulation. 

Religiöse Riten, die ihren Ursprung vermutlich schon in vorsprachlichen Kommunikationsformen der Vorfahren des Homo sapiens haben, bestimmten zusammen mit der durch die Evolution grammatischer Sprachen möglich gewordene Erzählkunst der Mythen die Jäger- und Sammlergesellschaften sowie die nach der neolithischen Revolution entstandenen stratifizierten frühen Hochkulturen. Riten reichen weit in die Vorgeschichte unserer Gattung zurück und Mythen sind die erste Form einer „Versprachlichung des sakralen Komplexes“. Die Bedeutung der zunächst vermutlich sprachlosen Riten wird durch mythisches Erzählen manifest und kann weitererzählt werden. Weitere Schübe der Versprachlichung des Sakralen folgen im Laufe der okzidentalen Entwicklung. 

Wir müssen beim Auftreten unserer Gattung drei evolutionäre Durchbrüche unterscheiden,

die vor der Achsenzeit erfolgten: die Entstehung menschlicher Sprachen, Lebenswelten mit ihren Weltbildern und politischer Herrschaftsformen. 

Die Sprachentstehung hat sich in paläolithischer Zeit spätestens mit den Frühformen des Homo sapiens, vielleicht schon vorher ereignet und ändert den Modus der Evolution weg vom biologischen Mechanismus von Variation und Selektion hin zum kulturellen Lernen. Habermas beschreibt die Evolution unserer grammatischen Sprache aus der Gestenkommunikation unserer Hominiden-Vorfahren in Anschluss an Michael Tomasello. 

Die Umweltgebundenheit und der Egozentrismus der Primaten öffnet sich zur „Lichtung“ neuer kultureller Lebenswelten als unhintergehbare Basis unserer Kommunikationen. Mit dem neuen Medium Sprache können Menschengruppen in der Auseinandersetzung mit der Natur „Weltwissen“ aufbauen, in ihren Lebenswelten normorientiertes, d.h. regelgebundenes Handeln erproben und Bilder für ihr Selbst- und Weltverständnisfinden. Moralisches Bewusstsein und moralisches Lernen werden möglich.

Die Ausdifferenzierung politischer Herrschaft ist ein weiterer großer evolutionärer Lernschritt nach der neolithischen Revolution (Übergang zum Ackerbau), wobei Recht und Politik sowie Religion noch zusammengehören. Derjenige, der über den Kreis von Stammesangehörigen hinaus in der Lage war, verbindliche Normen durchzusetzen, musste gleichzeitig derjenige sein, der neues Recht schöpfen und Recht sprechen konnte. Das geschah immer dann, wenn es dem politischen Herrscher gelang, seine genealogische Abstammung von seinen Stammesfesseln zu befreien und von den Göttern glaubhaft zu machen. Die Legitimation politischer Herrschaft war abhängig vom neu interpretierten „sakralen Komplex“, der nicht mehr nur Stammesriten, sondern jetzt auch Staatsriten miteinschloss. 

krisendialoge

Was macht das neue Entwicklungspotential der Achsenzeit aus? 

Clemens von Baruch

Die Intellektuellenbewegung der Propheten und Philosophen gewann einen neuen rationalen Standpunkt des menschlichen „Geistes“. Sie wurden fähig ihre jeweiligen Gesellschaften im Ganzen zu transzendieren. Sie waren nicht mehr in ihre Lebenswelten eingeschlossen, in denen sie mit ihren Göttern, Dämonen und (Ahnen-)Geistern in „Geschichten“ verwoben waren. Sie gewannen einen neuen Standpunkt, von dem sie von außen, also jenseits ihrer Lebenswelten, auf sich und ihr Umfeld blicken konnten. Bis dahin war das Selbstverständnis der Menschen gruppenorientiert, damit ohne Chance zur postkonventionellen Ich-Identität und ihr Weltverständnis in einem alternativlosen Traditionalismus verhangen trotz Spannungen zwischen rituellem Traditionalismus und wachsendem Weltwissen. Die Transzendierung des Denkens und damit eine Befreiung vom Bann gesellschaftlicher Zwänge gelang durch den Durchbruch zum Monotheismus in der jüdischen Religion, ebenso zur Seins- und Kosmosspekulation bei den Griechen und im Konfuzianismus, sowie durch die buddhistische Nirwana-Idee. Dank dieser charismatisch qualifizierten Propheten, Philosophen und Intellektuellen gewannen zunächst sie und mit ihnen einige ihrer Anhänger, und durch ihren kulturellen Erfolg auch wir alle Chancen zur Individualisierung, die damals sie, heute uns aus traditionellen Verankerungen in bestehenden Lebenswelten reißen. Sie ermöglichten den Aufbau neuer Identitäten und damit abstrakter Weltbilder, die sich auch kritisch gegen Ungerechtigkeiten der Herrschenden wenden ließ. Statt durch Mythen Herrschaft und Institutionen narrativ zu legitimieren, wird jetzt argumentiert, werden moralische Prinzipien eingefordert und die theoretische Ebene von Lehren erreicht. Die frühere gemeinsame Welt von Göttern, Geistern und Menschen, eine gemeinsame Schicksalsgemeinschaft, wird überwunden. Die Trickserei von Göttern, ihre Abhängigkeit von Opfern und ihr moralisch bedenkliches Agieren haben ein Ende. Die Götterwelt im Ganzen wird ethisiert. Dieser evolutionäre Lernschritt setzte sich in weiten Teilen Eurasiens durch. 

Konrad von Baruch

Habermas meint, dass ein Universalismus, der vollständig alle Fremden inkludiert, den Traditionen der Achsenzeit noch nicht möglich war. Das gilt für den Partikularismus eines auserwählten Volkes im Judentum mit der Trennung von Binnen- und Außenmoral und für die Exklusivität der Griechen, die sich von allen Barbarentum ihrer Umgebung, aber auch als Philosophen vom gemeinen griechischen Volk abgrenzten, gilt aber nicht für den Buddhismus, der eine Einladung an beide Geschlechter und alle Kasten des antiken Indiens war. Auch nicht für das politische Denken Chinas, das mit seinem Tiaxania Konzept (das antike China als Vorbild für alle Völker seiner Umgebung) universalistisch die ganze Welt erfasste. Im Westen haben erst das Christentum und danach die europäische Aufklärung mit ihrem universalistischen Denken und darauf gründende Institutionen nachgezogen. China war schneller, was für die Zukunft einer postamerikanischen Weltordnung wichtig werden könnte. 

Ein Konservativer wie ich kann viel von Habermas lernen. Das ist mir schon lange klar, seit er seine „Theorie kommunikativen Handelns“ durch eine Wendung zur Entwicklung des Rechts weiterentwickelte. Die Logik von Rechtsinstitutionen steht im Mittelpunkt seines Interesses in seinem zweiten großen Werk „Faktizität und Geltung“ und auch jetzt in seinem Alterswerk. Neben der kantischen Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit von rational-diskursiver Kommunikation, d.h. der Ebene des Transzendentalen, tritt gleichberechtigt die Ebene sozialer Institutionen, die mich schon immer primär faszinierte und die ich als eine Konstitutionsbedingung der Entstehung der Sozialwelt des Menschen sehe. Diese Wertschätzung von Institutionen finde ich auch in seinem Alterswerk wieder.

Bei seiner knappen Rekonstruktion der frühen Geschichte unserer Gattung berührt er die Ebene sozialer Institutionen, indem er das Verhältnis von Riten und Mythen anspricht. Riten sind erste Formen von Institutionen, d.h. von eingeschliffenen Handlungsmustern, die vielleicht in die Zeit der frühen Hominiden zurückgehen, soziales Erwarten wechselseitig ermöglichen und sichern. Sie leisten als Institutionen gesellschaftlichen Zusammenhalt und haben mit dem Erwachen religiösen Bewusstseins auch die Funktion Unheil abzuwehren und Heil zu erbitten. Unsere Gattung startete mit Institutionen als Bedingung der Möglichkeit unserer Lebensformen, die im Fall der Riten auf Hominiden-Vorfahren unserer Gattung zurückgehen könnte. 

Dass wir bei einer theoretischen Betrachtung historischer Entwicklungen um eine Theorie soziokultureller Evolution nicht herumkommen ist für mich selbstverständlich. Diese Theorie muss auch eine Evolutionstheorie sozialer Institutionen sein. Die Weiterentwicklung von Stammes- zu Staatsriten wurde angesprochen. Abendmahl und Taufe sind die Riten, die grundlegend für das Christentums sind. Dass Riten auch in der Moderne noch notwendig sind, werden wir erörtern müssen.

Malte von Baruch

Riten sind bei frühen Hominiden noch keine Institutionen, sondern zunächst soziale Praktiken, deren Bedeutung nicht sprachlich artikuliert werden musste bzw. konnte. Sie sind noch keine Institutionen, d.h. eingeschliffene Kommunikationen, deren normativer Sinne durch Ja- und Nein-Stellungnahmen artikuliert werden kann. Das wird erst beim Homo sapiens möglich. Wir pochen beim Alltagshandeln im Enttäuschungsfall auf ihre Geltung, die auch sprachlich erfolgen muss. Sicher, auch Institutionen gehören zu den Konstitutionsbedingungen unserer Gattung. Das Set dieser Bedingungen ist komplex und noch nicht überschaubar. Ein evolutionstheoretischer Ansatz, der die Entstehungsbedingungen unserer Gattung erklären will, muss in der Lage sein, auf Übergänge von Institutionen mit ihren Kontinuitäten und Brüchen einzugehen. 

Wir dürfen uns bei der soziokulturellen Evolution nicht primär auf Lernschritte, so Habermas, oder wie Du Konrad allein auf Institutionen versteifen. Gesellschaftliche Evolution meint das Ausdifferenzieren sozialer Systeme mit ständiger Zunahme von Komplexität. Dafür ist das Programm der biologischen Evolutionstheorie, in der Nachfolge Darwins neben Variation und Selektion um Stabilisierung erweitert, immer noch das beste Modell, um die humane Kulturentwicklung zu verstehen und zu erklären.

Habermas behauptet, einerseits das Paradigma „Evolution“ durch das neue Paradigma „soziales Lernen“ ersetzen zu können, nimmt an vielen Stellen aber immer wieder auf beide Modelle Bezug. Richtig ist, dass Menschen lernen, sowohl kognitiv wie auch normativ und dabei ihre Sozialsysteme ändern. Die großen evolutionären Durchbrüche der Sprachentstehung, des Aufbaus von Verwandtschaftssystemen, der Sesshaftwerdung durch Ackerbau und Tierdomestizierung (neolithische Revolution) und in deren Folge der Städtebau und die Herausbildung politischer Herrschaftssysteme können besser durch die evolutionären Mechanismen von Variation, d.h.durch überraschende Kommunikation, deren Selektion und Stabilisierung erklärt werden als durch einfache Akkumulation von Wissen. Evolution basiert allerdings beim Menschen auf „Sinn“ und nicht auf Leben. 

Habermas bezieht sich permanent auf die Dualität von Lebenswelt und System. Das sollte ihn auch zur Anerkennung einer Dualität von Evolution und Lernen führen, wobei erstere die Strukturentwicklung dominiert und erklären kann.

Rebekka Baruch

Nein, lieber Malte, auch Lernen erfolgt strukturell, sowohl das kognitive wie auch das moralisch-normative. In beiden Dimensionen geht es nicht um Inhalte, die vom lernenden Subjekt bloß wie durch einen Trichter aufgenommen werden, sondern – nach Piaget – um eine sich stufenförmig entwickelnde Bearbeitung dieser Inhalte. In der Achsenzeit erfolgte der Durchbruch zum postkonventionellem Denken der Moral in kleinen Kultureliten, natürlich noch verbunden mit Religion und Politik. Erst auf diesem Niveau ist die Transzendierung der eigenen Lebenswelt möglich. Diese Stufe abstrakten Denkens wurde damals erstmalig erreicht. Die Inhalte der jeweiligen axialen Kulturtraditionen sind deutlich unterschiedlich, ihr neues Denkniveau aber gleich. 

Dieser Referenz auf Piaget und Kohlberg hat Habermas in seinem neuen Alterswerk nicht widersprochen. Er hat sich auch nicht eindeutig zu einer an Darwin oder den Neo-Darwinismus anschließenden soziokulturellen Evolutionstheorie bekannt. Das unterscheidet ihn von Luhmann und Parsons. Beide tun es ausdrücklich. Am Ende seines Werkes weist er deutlich auf Lamarck hin. Leider wird die Differenz von Lamarck und Darwin nicht herausgearbeitet. Lamarcks These einer Vererbung erworbener Eigenschaften auf die nächste Generation macht im Zusammenhang mit kulturellem Lernen viel Sinn. Der Mensch ist ein Tier, das mit Hilfe von Sprache in der Lage ist, Traditionen weiterzugeben und ein Gedächtnis aufzubauen, das zunächst mündlich, dann schriftlich späteren Generationen weitergegeben wird. Vielleicht ist auch die Annahme eines sozialen Unbewussten analog dem psychischen eine sinnvolle Hypothese. Alle Primaten sind zur Weitergabe ihrer Fähigkeit zum Gebrauch von Werkzeugen nur begrenzt fähig. Fertigkeiten werden bei Tieren konkret durch Nachahmung tradiert. Nur beim Homo sapiens gibt es einen gemeinsamen Gedächtnispool. 

Ohne Zweifel ist Darwin die Basis der biologischen Evolutionstheorie. Für die Entwicklung der menschlichen Kultur aber ist Lamarck bedeutsamer. Es wird Zeit den Giganten Darwin für soziologische Kulturtheorien zurückzustufen und Lamarck zu pushen. 

Das frühe Christentum bis Augustinus

Clemens von Baruch

Eure drei Streitfragen: die Konstitutionsbedingungen von Institutionen, die Rolle evolutionärer Mechanismen und der Gegensatz von Darwin und Lamarck müssen wir noch einmal aufgreifen. Zunächst will ich die Grundideen des Habermas’schen Argumentationsstranges für die Entwicklung des Christentums sichtbar machen. 

Das Christentum, entstanden aus der apokalyptisch-jüdischen Jesus-Bewegung, hat durch die schnelle Ausbreitung im römischen Reich die beiden großen axialen Kulturtraditionen der griechischen Philosophie und des Judentum zusammengeführt und eine eigenständige „Tradition des Geistes“ ins Leben gerufen. Erst mit Hilfe der spätantiken griechisch-römischen Philosophie wurde im Christentum theologisches Niveau gewonnen. Jesus und seinem Anhängerkreis war abstraktes Theologisieren und Intellektualisieren fremd. Sie erwarteten das Ende der Welt und den Beginn des Gottesreiches unmittelbar und predigten eine neue Liebesethik, die Fremde und Feinde einschließt und damit den jüdischen Partikularismus endgültig überwindet. 

Paulus wurde als griechisch gebildeter, kleinbürgerlicher Intellektueller zum ersten Theologen des Christentums. Aus dem Verkünder des unmittelbar bevorstehenden Gottesreiches wird bei ihm die Verkündigung der Erlösung der Menschheit durch den Gottessohn Jesus Christus. Paulus versteht das Ostergeschehen, Jesu Tod und Auferstehung, nicht mehr primär eschatologisch als Beginn des Endzeitgeschehens, sondern als „Erlösung“ vom Joch der Sünde, die mit Adam in die Welt kam. Gottes Heilsplan sah die Inkarnation und den Opfertod seines Sohnes vor. Der Hoheitstitel „Gottes Sohn“ wird nicht mehr funktional wie beim altisraelitischen König, sondern neuplatonisch als Hypostase (Wirklichkeitsebene unterhalb) des „Einen“ verstanden. Den alttestamentlichen Bund Jahwes mit Israel deutet Paulus als Öffnung des jüdischen Glaubens für alle Menschen. Das jüdische Gesetz ist nicht mehr primär die normative Grundlage eines Bundes zwischen Gott und seinem Volk, also der Lebensform des antiken Israel, sondern Anzeiger einer allgemeinen Sündhaftigkeit, die seit Adams Fall jeden Menschen betrifft. Gerettet werden wir allein durch den von Gott geschenkten Glauben, nicht durch unsere Taten, unseren Verdienst. Diese Interpretation prägt das christliche Ritual des Herrenmahls (Eucharistie), das den Kreuzestod und die Auferstehung Jesu in Gottesdiensten immer wieder vergegenwärtigt. 

Konrad von Baruch

Die meisten Exegeten sehen in dem Hoheitstitel „Gottessohn“, er ist einer von vielen im Neuen Testament, eher einen gnostischen als neuplatonischen Hintergrund. Sobald die christliche Urgemeinde ihren jüdisch-palästinensischen Raum überschritt, wurden sie Teil der pluralistischen hellenischen Kulturwelt mit ihren vielen Sekten, Glaubensgemeinschaften, Erlösungsreligionen. Die frühen Christen, eher der Mittelschicht zuzuordnen, verstanden sich zunächst als Teil der jüdischen Glaubenswelt, ebenso die aus dem Heidentum neu Zugestoßenen. Das Bedürfnis sich vom Judentum abzugrenzen wurde mit zunehmenden Missionserfolg stärker. Vor allem die Gnosis bot sich als ein Lehrgebäude an, das sowohl Abgrenzung wie auch Bewahrung und Uminterpretation wesentlicher christlicher Glaubensinhalte möglich machte. 

Gnostiker glaubten an einen göttlichen Demiurgen, einen bösen Gott, der diese Welt erschuf als Nachahmung der himmlischen Lichtwelt. Ein vom Lichtgott Gesandter (Sohn) soll alle mit göttlichen Funken ausgestatteten Menschen erlösen, ihnen das Wissen vermitteln den Weg zurück zur himmlischen Heimat finden zu können. Die Gnosis konnte leicht mit christlichen Inhalten verbunden werden und bot sich als Abgrenzung zum jüdischen Glauben an. Vermutlich musste sich Paulus weit mehr mit gnostischen als mit neuplatonischen christlichen Gruppen auseinandersetzen, denn neuplatonisch, also philosophisch dachte vor allem die gebildete Oberschicht, für die der christliche Glaube lange zu primitiv und im Vergleich zum Neuplatonismus, zum Stoizismus und zum Epikureismus wenig attraktiv war. 

Erst im Laufe der nächsten beiden Jahrhunderte, als immer mehr Christen in höhere Kreise aufstiegen und ihre Theologen philosophisch gebildet und zur anspruchsvollen Apologetik fähig wurden, änderte sich das. Dann erst wurde das Christentum die erfolgreichste Erlösungsreligion der Antike. Diese ersten Jahrhunderte der frühen Christenheit, die Jahrhunderte der hellenistischen Patristik, übergeht mir Habermas zu schnell. 

Malte von Baruch

Er kann sie übergehen, weil er erst nach der Zeit des Hellenismus und der konstantinischen Wende im Christentum eine neuartige „Form des Geistes“ erkennen kann, die nicht nur die beiden axialen Kulturtraditionen von Judentum und griechischer Philosophie verschmilzt, sondern auch das katholische Christentum zum Erbe der römischen Rechts- und Verwaltungstradition befähigt, ein gewaltiger Schritt in seiner Rekonstruktion der Genese von Wissen und Glaube in Westeuropa. Dennoch sollte an den enormen Pluralismus der antiken Welt in den beiden ersten Jahrhunderten n. Chr. erinnert werden. Mit ihm verbindet uns heutzutage mehr als mit Augustinus, der eine lang anhaltende autoritäre Phase des Christentums einleitet. In den ersten beiden Jahrhunderten herrschte in der damaligen antiken Welt eine enorme kulturelle Diversität mit viel Toleranz. Christenverfolgungen waren nicht die Regel, nur zeitweise traten sie auf. Der römische Kaiserkult verlange im Grunde nicht viel Einsatz von römischen Bürgern und Untertanen. Ein einfaches formal korrektes Mitmachen war genug. Ansonsten konnte jeder römische Bürger seine frei wählbaren Götter huldigen. Und die Auswahl war groß.

Clemens von Baruch

Richtig Malte, das Christentum als neuartige Form eines „Geistes“ brauchte 400 Jahre bis der römische Philosoph und christliche Bischof Augustinus diese neue christliche Geistesform autoritär durchsetzte. Der hellenistische religiöse Pluralismus, die christlichen Gruppen waren ein Teil davon, verkümmerte und endete, nicht zuletzt durch den Zusammenbruch des weströmischen Reiches. Die siegreichen Christen werteten die Spätantike als dekadent. Aus den Wirren dieser Zeit, aus Niedergang und Ende des Imperiums ging die christliche Kirche gestärkt hervor und Augustinus wurde zu ihrem Interpreten, dessen theologisches Programm und Zeitdiagnose lange wirken sollte. 

Augustin war lange Anhänger des Manichäismus, einer gnostischen Strömung mit dualistischem Weltbild, eine der vielen religiösen Strömungen der Spätantike. Seine Hinwendung zum Christentum hatte neben seiner christlichen Mutter auch mit dem platonisierenden Bischof von Mailand Ambrosius zu tun, der Plotin zur Grundlage seiner christlichen Philosophie machte. Plotin hat stärker als Platon die Transzendenz des „Einen“ von der Immanenz der Welt getrennt. Bei Platon ist das „seiende Sein“ mehr ein Standpunkt, von dem aus die Ideenwelt als ein Netzwerk überschaut werden kann. Bei Plotin ist diese kosmische Schau weit mehr als in der griechischen Klassik das Heilsziel des Weisen. Im Gegensatz zu Platon gewinnt bei ihm ein soteriologisch-religiöses Moment an Gewicht und anders als in der griechischen Antike sind Philosophen mit dem gläubigen Volk und ihren Riten verbunden. Die klassischen griechischen Philosophen waren als Weise und Nur-Intellektuelle rein kognitiv vor allem an einem theoretischen Durchdringen der Welt interessiert mit deutlichem Desinteresse an Mythen, kultischen Ritualen und auch an Politik. Der Neuplatonismus ist daher mit dem jenseitigen Schöpfergott des Judentums deutlich kompatibler und war für Augustin ein Grund, den gnostischen Manichäismus mit seinem Gleichgewicht von Gut und Böse ablegen zu können. 

Augustin wendet den griechischen Heilsweg, den Blick in den Kosmos, jetzt in das Innere des Menschen, um den Bewusstseinsstrom des sündigen Menschen zu erfassen und vom Glauben zum Erkennen (credo ut intelligam) des Schöpfergottes zu gelangen. Damit beginnt in der Geschichte der Philosophie die Hinwendung zum Subjekt und der lange Marsch der Theologen-Philosophen des katholischen Christentums, die die Vereinbarkeit von Glauben und Wissen vertreten – sogar die Höherstufung des Wissens vor dem Glauben – , bis mit Reformation und Aufklärung diese Einheit zerfällt. Mit der Überlegenheit des Wissens vor dem Glauben wird das Christentum bei Augustin in den Rang einer besseren Philosophie erhoben. Die griechische Naturphilosophie wird mit dem Glauben an den einen Schöpfergott verbunden und über das griechische Denken hinaus die Geltung des göttlichen Liebesgebotes für alle anerkannt, unabhängig vom Ansehen der Person. Kognitive Einsicht und moralische Anstrengung, vor allem die willentliche Überwindung der „Knechtschaft des Fleisches“, gehören zusammen. 

Damit werden bei Augustin weit mehr als beim jüdisch gebliebenen Paulus die beiden axialen Kulturtraditionen des Judentums und der griechischen Philosophie eigenständig verknüpft.

Paulus Interpretation des jüdischen Gesetzes als Hinweis einer allgemeinen Sündhaftigkeit des Menschen radikalisiert Augustinus zur Erbsündenlehre und verknüpft sie mit einer Gnadenwahl-Lehre, die die Teilung der Menschheit in die vielen Gottlosen und die wenigen Erlösten vornimmt. Wegen seiner Allwissenheit entscheidet bzw. sieht Gott vor der Geburt jedes Menschen dessen jenseitiges Schicksal voraus, denn vor ihm liegen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in ewiger Präsenz. Unser Leben mit unseren Entscheidungen aufgrund unseres freien Willens anerkennt er durchaus. Die philosophische Reflexion auf unser inneres Bewusstsein spiegelt für Augustinus das göttliche Gegenüber und lässt uns unsere „Gottesebenbildlichkeit“ erkennen. Ein Gedanke, der sich in unserer säkularen Welt zum Wert uneingeschränkter Würde jedes einzelnen Menschen weitergebildet hat und damit zu einem Beispiel der Übersetzung religiöser Ideen in unsere gegenwärtige säkulare Sprache wird. Ein Verfahren, das für Habermas auch gegenwärtig noch nicht ausgeschöpft ist.

War die Lehre der göttlichen Prädestination Augustins immer wieder Anlass zur Kritik, am schärfsten durch eine Lehre der Allversöhnung, die nicht nur jeden Menschen, sondern auch allen gefallenen Engel samt Satan letztendlich die ewige Seligkeit zuspricht, hat neben Augustins „Wendung zum Subjekt“ auch seine „Wendung zur Geschichte“, eine erste Form abstrakter Durchdringung des Historischen, also eine Geschichtstheologie, neue Kapitel in der westlichen Philosophie eröffnet. Geschichte wird nicht mehr als ein Kreislauf immer wiederkehrender Abfolgen von Herrschaftssystemen verstanden, wobei eine Monarchie in die Tyrannei, die nachfolgende Aristokratie zur Oligarchie abgleitet und die anschließende Demokratie zur Ochlokratie, d.h. zur Pöbelherrschaft wird, aus der nur wieder eine Monarchie retten kann. Ein ewiger Kreislauf! Diesem resignierenden Blick auf die politische Geschichte der Menschheit begegnet Augustinus mit einem neuen analytischen Konzept. Er macht aus einem hoffnungslosen Kreislauf ein utopisches Moment, indem die bisherige Menschheitsgeschichte bis Christus und die zukünftige seit Christus als Koentwicklung zweier Ereignisketten, eines Gottes- und eines Weltstaates entworfen werden, die beide auf zwei unterschiedliche Ziele zusteuern: ewige Seligkeit oder ewige Verdammnis. Der Gottesstaat sammelt die Erlösten und Gottesfürchtigen als „unsichtbare“ Kirche ein, während sich im Weltstaat die Macht- und Lustgierigen tummeln. 

Sacerdotium, die geistliche Gewalt , und Regnum, die politische Gewalt, sind nicht identisch mit den real existierenden Mächtigen in Kirche und Imperium, denn in der Kirche trifft man Machtlüsternde wie auch Fromme unter den Kaisern und seiner Beamtenschaft. Augustin unterscheidet streng analytisch, gewinnt einen doppelten Blick auf die Gesellschaft und gewinnt so für die Sphäre des Historischen ein utopisches Moment mit zwei Zielen.

Augustin löst so das Problem der Parusieverzögerung, das Ausbleiben des von Jesus, Paulus und vielen Kirchenvätern erwarteten Weltuntergangs, indem die irdische Welt und mit ihr die katholische Kirche Dauer gewinnt. Die neue Form des „katholischen Geistes“ wertet den im griechischen Denken abgewerteten Bereich des Vergänglichen kognitiv auf. Das jüdische Erbe, Geschichte als Heilsgeschichte des einzigen und wahren Gottes mit seinem Volk zu betrachten, wird auf das Niveau griechischer Philosophie gehoben und die bisherige Weltgeschichte, sofern sie damals bekannt war, damit verknüpft. Alles Vergängliche und Einzigartige, seien es Ereignisse, die Geschichte konkreter Menschen und Menschengruppen, wird gleichberechtigt neben das rationale Erfassens des Wesens der Naturdinge, den Kern des „griechischen Geistes“, gestellt. Diese rationale Verschmelzung der beiden axialen Traditionen verändert den europäischen philosophischen Diskurs grundlegend. 

Rebekka Baruch

Im augustinischem Denken dominiert aber das Moment des Narrativen. Geschichte wird als von göttlichen Mächten gelenkt vorgestellt und erzählt. In der Tat, hinter den Intentionen und Handlungen von einzelnen und Gruppen wirken mächtige Strukturen, die aber wieder Intentionen und Handlungen metaphysischer guter und böser Mächte sind. Dieses Niveau hatte schon das Judentum erreicht. Neu ist im Christentum die Kombination dieses jüdisch-historischen mit dem rational-griechischen Zugang zur Sphäre von Natur und Kosmos, der nicht mehr als ewig vorgestellt wird, so in der griechischen Philosophie, sondern einen Anfang mit einem Schöpfer und eine neue Form von Ewigkeit in einer künftigen von Leid und Bösem erlösten Form hat. Eine Geschichtstheologie, die Heils- und Weltgeschichte zusammenführt, wird von Augustinus im Vergleich zu jüdischen Vorstellungen nur in seinem Radius erweitert. Augustinus kennt Entstehung und Verlauf des Imperium Romanum sowie seine griechische Vorgeschichte und verbindet sie mit der Geschichte des Alten Testaments. Neu ist diese Form einer Geschichtstheologie nicht.

Das Moment eines hoffnungsvollen historischen Ablaufschemas hat geistesgeschichtlich gewirkt. Das marxistische Denken, Geschichte zielgerichtet auf einen klassenlosen Zustand sich hinentwickelnd zu fassen, ist eine säkulare Form dieses metaphysischen Konzepts (Karl Löwith). Dieser metaphysische Rest, insbesondere die Annahme einer einlinearen und determinierten gesellschaftlichen Entwicklung, musste überwunden werden. Und wurde es auch im 20. Jahrhundert, vor allem durch die Frankfurter Schule.

Die Bewahrung wesentlicher Errungenschaften des römischen Reiches durch die sich erfolgreich entwickelnde und durchsetzende katholische Kirche ist ein starkes Argument und wirft geschichtstheoretische Fragen auf. Wenn es stimmt, dass Auswege aus dem Zusammenbruch eines Imperiums nur dann gelingen können, wenn autoritäre Lösungen versucht werden, sollte diese Überlegung uns heute bei gegenwärtigen Krisen wie der des Imperium Americanum und der Klimakrise zu Denken geben. Brauchen wir zur Gesundung der westlichen Welt eine Phase des Autoritären und wie können dabei Errungenschaften des Westens bewahrt werden, wie es der katholischen Kirche mit dem römischen Recht und der rationalen Verwaltungsstruktur des antiken Rom gelang?

Malte von Baruch

Der erfolgreiche Ausdifferenzierung von Wissenschaft und Religion in Westeuropa lag aber nicht allein an der autoritären Form der katholischen Kirche. Sie hätte für die europäische Entwicklung nicht Bedeutung finden können, wäre sie ein Gebilde wie die durch und durch autoritäre byzantinische Kirche Ostroms geworden. Habermas betont mit Recht die andauernde Konkurrenz von geistlicher und politischer Macht, von Kaiser und Papst in Westeuropa, die nie zur dauerhaften Dominanz einer Seite geführt hat. Es waren sogar drei Mächte, die mit- und untereinander konkurrierten. Zu einem war Westeuropa nach Augustinus bis zur Moderne nie politisch geeinigt, sondern trotz des Kaisertums seit Karl dem Großen und danach des „Heiligen römischen Reiches deutscher Nation“ ein Geflecht konkurrierender König-, Fürstentümer und des Kirchenstaates. Zum anderen war zwar das Christentum die integrierende Klammer all dieser Völker und Staatengebilde, selbst aber wieder gespalten in den politisch agierenden Weltklerus mit seinen Tendenzen der Verweltlichung und das Mönchstum, das die alten frühchristlichen ethischen Ideale von universeller Liebe, Armut, Keuschheit und Gehorsam in den Klöstern lebte und immer wieder zu Reformen mahnte. Die Christianisierung der Volkskultur veränderte auch die germanische Rechtstradition mit ihrer Prägung von Blutrache und Ehre der Stammesangehörigen in Richtung Individualisierung, Nächstenliebe und allgemeiner Vergebungsbereitschaft, vor allem gefördert durch die Institution der Beichte. Der Ethisierungsschub des Monotheismus, das Erbe der Achsenzeit, wirkte weiter. 

Clemens von Baruch

Richtig Malte! Alle diese erwähnten Tendenzen unterminieren die autoritären Formen, in denen das katholische Christentum sich durchsetzte. In vormodernen stratifizierten Gesellschaften waren Hierarchien ein notwendiges Muss. Aber die „Wendung zum Subjekt“ stärkte Individualisierungstendenzen, die universalistisch ethischen Potentiale des Judentums und der Jesus-Bewegung förderten den Umbau des römischen und germanischen Rechts, die Beibehaltung der Verwaltungsstrukturen des Imperium Romanum stabilisierte die kulturelle Einheit Westeuropas, die Spannung von Kaiser und Papst führte letztendlich zur Ausdifferenzierung von Politik und Religion in der Moderne und die „Wendung zur Geschichte“ bereitete der Transzendentalphilosophie der Aufklärung den Boden. Zum Beispiel wurde die „unsichtbare Kirche“ im Gottesstaat von Augustinus bei Kant zur „ethischen Gemeinschaft“ sublimiert, die auch zum Vorbild des Diskurses bei Habermas wurde.

krisendialoge

Mit diesen letzten Beiträgen habt Ihr den Übergang zum Thema unserer Anschlussdiskussion getroffen, die uns ins hohe Mittelalter und die Aufklärung führen wird. 

Alle bei Euch umstrittenen Fragen müssen wir im Auge behalten und wieder aufgreifen. Vielen Dank für Eure Diskussion. Bleibt gesund und bis bald!

Literaturhinweise

Jürgen Habermas, Auch eine Geschichte der Philosophie, Bd. 1, Die okzidentale Konstellation von Glauben und Wissenschaft, Suhrkamp, Frankfurt a.M., 2019 

Wir besprechen in unserer Auseinandersetzung mit diesem Werk zunächst die ersten vier Kapitel. 

Augustinus von Hippo (354 – 430) De civitate Dei (lat. „Über den Gottesstaat“), entstanden zwischen 413 und 426

Hintergrund für die Entstehung war die Eroberung Roms durch die Westgoten im Jahre 410. Für Habermas findet das Christentums durch dieses Werk eine neuartige „Form des Geistes“ , die die beiden axialen Kulturtraditionen von Judentum und griechischer Philosophie verschmilzt.

Karl Löwith, Weltgeschichte und Heilsgeschehen, Die theologischen Voraussetzungen der Geschichtsphilosophie, Stuttgart 1959. Zuerst erschien dieser Klassiker der Geschichtstheorie in den USA 1949 unter dem Titel „Meaning in History“. 

Er belegt überzeugend die Abhängigkeit der Aufklärungstradition von theologischen Vorgängern, die bis in die biblische Auslegung der Geschichte zurückgehen.

Michael Tomasello, Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation, Suhrkamp, Frankfurt a.M. 2009; ders. Eine Naturgeschichte des menschlichen Denkens, Suhrkamp, Frankfurt a.M. 2014

Preisgekrönte (Hegel Preis der Stadt Stuttgart 2009 mit einer Laudatio von Jürgen Habermas, Max Planck Forschungspreis der Humboldt Stiftung 2010) Rekonstruktionen des evolutionären Übergangs von der Primaten- zur Kommunikation des Homo sapiens. 

Claude Lévi-Strauss, Das wilde Denken, Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1973

Ein Reisebericht seiner Besuche indigener Stämme in Südamerika, deren Form des Denkens er in seinen vielen Mythen-Interpretationen erschlossen hat und hier noch einmal einzufangen versucht, bevor das wilde Denken als gelebte und gesprochene Praxis untergehen wird.

Evolution und Gesellschaft in Zeiten der COVID-19 Pandemie – Erziehung und Bildung III (Teil A)

Abstract

Wir erleben erneut eine gravierende globale Krise. Nach Finanz- und Klimakrise setzt als Neuestes eine Pandemie unseren Globus in Angst und Schrecken. Nach den Abebben erster Wellen in Europa, nach staatlich verordneten Shut- und Lockdowns und dem Beginn vieler Lockerungen auch in Aufregung und Widerstand. Es folgen zweite Wellen in Europa und Asien, eine Verschärfung der Lage in den USA und vielen Entwicklungsländern. Darauf gehen wir in unserer Diskussion ein und erörtern Hintergründe und Szenarien möglicher Weiterentwicklungen. Gleichzeitig schließen wir unseren Dreiteiler „Erziehung und Bildung“ ab, indem wir das Alterswerk von J. Habermas „Auch eine Geschichte der Philosophie“ auf den bisherigen Diskussionsstand und unser neues Thema beziehen. Wir würdigen und besprechen sein neues Buch in einem bald folgenden Teil B. Damit wird unser neuer Blog gleichzeitig zu einer Rezension.

krisendialoge

Die Abschluss-Diskussion unseres Dreiteilers „Erziehung und Bildung“ muss sich, das habt ihr alle gefordert, auch auf die global grassierende Pandemie des Coronavirus SARS-CoV-2 beziehen. Diese neue Krise wird unsere Welt noch lange im Griff haben und unabsehbare Folgen haben. Konzentrieren wir uns zunächst auf die Stichworte „Schule“ und „Evolution“.

Schulen wurden europaweit nicht nur geschlossen, sondern es wurde versucht sie in Pandemie-Zeiten in digitalisierter Form weiterzuführen. Schüler sollen nicht nur in verlängerte Osterferien gehen, sondern sich zuhause zum schulischen Lernen mit ihren Lehrern vernetzen und so neue Lernerfahrungen machen, die zukunftsrelevant werden können. Nichtintendiert, aber wirkungsvoll gab es einen Schub in Richtung Digitalisierung der Schulen. Erste Auswertungen liegen nach vorsichtigen Lockerungen von schulischen Shutdowns vor, wobei die bekannten Schwächen des deutschen Bildungssystems nicht behoben wurden: schwache digitale Ausstattung und ungleiche Bildungschancen. Auf dieses Thema werden wir am Ende unseres Gesprächs im Teil B eingehen.

Das Stichwort Evolution ist aus zwei Gründen zu erörtern. Wir haben in unseren letzten beiden Gesprächen unser Thema Bildung theoretisch von Kant über Habermas bis zu Luhmann verfolgt und dabei die Entwicklung dieser gesellschaftlichen Sphäre evolutionstheoretisch in Augenschein genommen. Jeder der beiden Groß-Soziologen folgt diesem Pfad. Malte hat zuletzt den Versuch unternommen, eine Skizze der soziokulturellen Evolution der Bildung von der Archaik bis zur Moderne zu entwerfen mit Hilfe einiger Begriffe der Systemtheorie Luhmanns. Clemens hat knapp den Ansatz von Jürgen Habermas dagegen gesetzt. In der Zwischenzeit hat Habermas sein Alterswerk „Auch eine Geschichte der Philosophie“ vorgelegt, das die Differenzierung von Glauben und Wissen evolutions- und lerntheoretisch von der Einheit und den Spannungen dieser Bereiche in vorgeschichtlich und hochkultureller Zeit bis zu deren Trennung in der Moderne genealogisch rekonstruiert. Ein beachtliches Werk eines großen Gelehrten von 1700 Seiten in zwei Bänden. Jeder von Euch hat es gelesen, so dass ich gespannt bin, wie ihr es auf unsere Thematik bezieht. 

Evolution ist aber auch auf die neueste Krise der gegenwärtigen Covit-19 Pandemie in Beziehung zu setzen. Viren sind evoluierende Systeme, die sich extrem schnell ausbreiten können und ständig mutieren. Was auch für den neuentdeckten Coronavirus SARS-COV-2 gilt. Er nutzt in unserer Spezies eine neue Ausbreitungschance, nachdem er es schaffte, vielleicht von Fledermäusen oder Schuppentieren auf den Menschen überzuspringen. Eine absichtliche oder unfallartige Entwicklung des Virus in einem chinesischen Labor in Wuhan gehört eher in den Bereich gegenwärtig explodierender Verschwörungstheorien.

Malte von Baruch

Eher Verschwörungsidiotien. Theorien verlangen anspruchsvolle, an wissenschaftlichen Methoden geschulte Voraussetzungen. Die gegenwärtig kursierenden und sich widersprechenden Verschwörungsideen erfüllen sie nicht im Entferntesten. Die neuen digitalen Medien verhindern eher rationale Aufklärung als sie zu ermöglichen.

krisendialoge

Einverstanden!

Der neue Virus hat einen neuen riesig globalen Raum für sich gewonnen und rast nun um die Welt. Im menschlichen Körper trifft er auf ein komplexes System von Antikörpern, die seiner Ausbreitung Paroli bieten. Ist der Virus aber, wie jetzt der Sars-CoV-2, dem Immunsystem des Menschen unbekannt, stößt er auf weniger Gegenwehr, die erst mühsam aufgebaut werden muss. Alte und Vor-Erkrankte sind dem neuen Virus hilfloser ausgeliefert als Junge und Gesunde, bei denen viele ohne Beschwerden mit dem Virus fertig und immun werden. Anders die Älteren. Bei ihnen kann der Virus leicht vom Rachen in die Lunge gelangen, dann Atembeschwerden und Lungenentzündungen, oft auch Trombosen bis zu totalen Organversagen bewirken. Die Abwehrsysteme kollabieren bzw. überreagieren, was zu einem schnellen Tod gerade bei diesem Personenkreis führen kann. 

Schon in frühen Phasen der Krankheit noch ohne Symptome kann man andere infizieren. Eine Herdenimmunität, die uns nach neuen Grippewellen hilft, werden wir erst langfristig erreichen, wenn etwa 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung die Krankheit durchlaufen haben. Das kann Jahre dauern. 

Medikamente fehlen gegenwärtig, auf neue bzw. die Zulassung einiger im Zusammenhang mit Ebola und HIV zugelassener Pharmaka, die vielleicht helfen können, laufen erste Versuche. Remdesivir wurde mittlerweile zugelassen. Ob es wirklich in der Lage ist, Symptome bei Schwererkrankten zu lindern, wird man erst nach längerem klinischen Einsatz sehen. Noch länger, viele Experten hoffen bis zum Frühjahr bis Herbst 2021, werden wir auf Impfstoffe warten müssen. Vielleicht gelingt die Entwicklung eines Impfstoffes nicht, denn für die bekannten Erkältungsviren des Corona-Typs konnte noch kein Impfstoff konstruiert werden. Dann heißt es für die Menschheit. Wir müssen mit dem neuen Corona Virus für immer leben.

Ausnahmezustände sind, das merken jetzt alle, die Stunde der Exekutive. Mediziner haben als Berater das große Wort und höchsten Einfluss auf unsere Regierungen. Einige der führenden Virologen Deutschland sind plötzlich in aller Munde und wurden als neue Superstars schon als nächste Kanzler gehandelt, um kurz darauf mit Morddrohungen überzogen zu werden. Die emotionale Erregung unserer Weltgesellschaft hat sich gesteigert. Darüber müssen wir sprechen. 

Hoffnung gepaart mit Szenarien eines guten Endes dieser Krise wechseln sich ab mit Sorgen und Panikattacken, die nur noch das Schlimmste für einen Selbst, die eigene Familie und die Gesellschaft im Ganzen befürchten lassen, schnell gefolgt von erstaunlicher Unbekümmertheit beim Nachlassen der Fallzahlen. Viele meinen bereits – fälschlicherweise – das Schlimmste sei in Deutschland überstanden. Wir sind weltweit alle herausgerissen aus der Normalität des bisherigen Alltags und erleben, wie fragil unser aller Existenz ist. Sammeln wir zuerst Eure Hoffnungen und Befürchtungen ein, die Euch zur Zeit bewegen, wie auch die Themen, die Euch zunächst mit Covid-19 besonders am Herzen liegen und die wir gemeinsam ansprechen und erörtern sollten!

Rebekka Baruch

Auf diese Pandemie war Deutschland schlecht, aber viele Länder noch schlechter vorbereitet. Das hätte nicht sein müssen. Pandemie-Planungen, sogar mit der Annahme eines neuen Corona Virus, wurden 2013 in Deutschland durchgeführt, im Bundestag diskutiert und vom Robert-Koch-Institut (RKI) ausgewertet. Wichtige Schlussfolgerungen blieben aus, so dass zunächst einfachste Dinge wie Schutzkleidungen, Masken, Desinfektionsmittel etc., aber auch Beatmungsgeräte für einen erwarteten Ansturm auf die Krankenhäuser wie in Italien, Spanien, den USA und Brasilien auch bei uns zu fehlen schienen. Nur das Glück, dass uns der neue Virus zwei bis drei Wochen nach Italien erreichte, bot genügend Zeit uns ohne Überforderung unseres Gesundheitssystems der Pandemie zu stellen und auf ein totales Kontaktverbot wie in Spanien, Italien und Frankreich verzichten zu können.

Dass die Wahrscheinlichkeit von Pandemien steigen kann, predigt die WHO seit Jahren. Gelagert für mögliche Katastrophen werden in Deutschland aber Gas, Erdöl, Benzin und Diesel, auch eine riesige Anzahl vieler Nahrungsmittel, aber nicht medizinisches Material in ausreichenden Mengen. Dabei hätte allen klar vor Augen stehen können, dass die Wahrscheinlichkeit von Kriegen deutlich geringer ist als die von Pandemien. Covid-19 wird nicht die letzte sein. Von einem neuen Schweinegrippenvirus, der auf den Menschen überspringen kann, berichten chinesische Wissenschaftler jetzt im Juli 2020 schneller.

In nur wenigen Tagen hat sich der Alltag in Deutschland und weltweit durch einen Shutdown der Wirtschaft und einen Lockout der BürgerInnen gewandelt, der jetzt wieder gelockert wird. Weil Deutschland bei der Vorbeugung der Pandemie so erfolgreich war, was die Verhinderung eines Kollaps des Gesundheitssystems und die Anzahl von Toten betrifft, verfängt umso mehr das Präventionsparadox bei vielen, d.h. die Logik des Verdachts, dass die politischen Maßnahmen, vor allem die vielen Freiheitseinschränkungen, überhaupt nicht erforderlich gewesen wären.

Die Bevölkerung trifft der neue Virus nicht gleich. Hoffnung kann man für Jüngere und auch für Frauen, sogar Schwangere haben, die nach Expertenmeinung deutlich günstigere Prognosen einer Erkrankung haben. Sorgen müssen sich die ältere Generation und alle diejenigen machen, die mit ihren Vorerkrankungen für den neuen Virus anfällig sind. Das können auch Jüngere sein.

Wirklich bedrohlich wird sich die Covid-19 Pandemie im Rest außerhalb Chinas und Europas auswirken. Was wird in den schlecht vorbereiteten USA weiter geschehen? Die neue Krise tobt sich jetzt im Süden der USA schlimmer als zuletzt in New York aus, d.h. in den Kernstaaten von Trump. Patriotische US Amerikaner, die Trump verehren, sehen es als Pflicht an ohne Maske und möglichst unbekümmert der Corona-Krise zu begegnen. 

Wie wird sich in den nächsten Monaten oder sogar 2 bis 3 Jahren, solange rechnen Epidemiologen mit einer endgültigen Bewältigung, die Krise in anderen Weltregionen mit katastrophalen Gesundheitssystemen entwickeln? Wie wird es Afrika, Südamerika und asiatische Länder außerhalb Chinas mit ihrem mangelhaften Gesundheitsschutz für Arme treffen? Für Indien und Nigeria muss man sehr besorgt sein. Für Staaten im Osten Europas scheint das auch zu gelten. 

Häufig hört man, Covid-19 sei die Ebola Epidemie der Reichen. Das kann nicht stimmen! Nach China und Europa hat der neue Virus den Rest der Welt erreicht und macht vor den Armen nicht Halt. Er wird sie härter treffen als uns. Das ist in Brasilien zu sehen. Soziale Distanzierung von 1,5 bis 2 Meter, für uns schon schwer, ist in den Slums Afrikas, Asiens und Lateinamerikas gänzlich unmöglich. Wer weiß, wie schlimm es dort wirklich angesichts weit überforderter Krankenhäuser und Arztpraxen ist? Wir haben zu wenig Informationen. Es wird in vielen Ländern zu wenig getestet. Den offiziellen Zahlen kann man nicht trauen, sie treffen nicht die Anzahl der wirklich Infizierten. Wir müssen auf die harten Zahlen der Statistiker zur Übersterblichkeit warten. Erste Zahlen legen eine coronabedingte Erhöhung nahe und das weltweit.

Konrad von Baruch

In den weniger entwickelten Staaten, vor allem Afrikas und des Nahen Ostens, wird die Pandemie weniger Aufregung bewirken. Die jüngeren Generationen, sie sind im Gegensatz zum (alten!) Westen die weit größere Mehrheit, werden den Virus besser bewältigen als die Älteren, deren Lebenserwartung weit geringer ist als bei uns. Man lässt sie sterben, ohne dass die Übersterblichkeit, liebe Rebekka, besonders auffällt und kommuniziert wird. Erst später werden Übersterblichkeiten von Wissenschaftlern genauer erhoben werden. 

Vorbildlich reagierte Südkorea auf die neue Corona Pandemie. Drei Strategien vor allem sorgten dafür, dass die Zahl der Infizierten nicht nur reduziert, sondern sogar gestoppt werden konnte. Und das alles ohne den großen Shutdown wie in den europäischen Kernstaaten. 

Erstes wurde früh und massenhaft getestet, so dass man der wahren Zahl der Infizierten nahe war und die Dunkelziffer niedrig bleiben konnte. Das wird bei uns mit unseren zu frühen Lockerungen verspielt. Drive-Ins zum Testen haben sich in Südkorea besonders bewährt. 

Zweitens wird das Bewegungsprofil der Infizierten und der Personen in Quarantäne digital überwacht und per App ein möglicher Kontakt mit ihnen auf jedem Smartphone gemeldet, so dass man ihn vermeiden kann. Wir haben uns auch dazu durchgerungen, warteten monatelang auf die Einführung einer App. Seit Juni ist sie endlich da.

Drittens werden sehr genau bei jedem Infizierten die Kontaktpersonen ermittelt und bei positivem Testergebnis in Quarantäne geschickt. Ähnlich und ebenso erfolgreich ist Taiwan vorgegangen. Das klappte bei uns nur am Anfang der Epidemie in München. Von diesem Land sollte man lernen. Neue zweite Wellen kann man vermutlich so bewältigen.

China verdient bei dieser neuen Krise kein Lob. Auch wenn sie zuletzt erfolgreich mit ähnlichen Mitteln wie Südkorea Neuinfektionen stoppen konnten. Die anfänglichen Vertuschungen, Beweisunterschlagungen und Verfolgung der alarmierenden Ärzte sind nicht zu entschuldigen. Nach diesen Verfehlungen hat China aber wie Südkorea vieles richtig gemacht. Die totale Isolierung von Wuhan und der ganzen Provinz Hubei, vor kurzem auch für Teile Pekings, hat die exponentiell steigende Kurve der Infektionen flach werden lassen, so dass China die gestoppten Industrien wieder starten lässt. Langfristig kann China trotz seines kapitalen Anfangfehlers zum Profiteur der Krise werden. 

Richtig! Der Ausnahmezustand ist die Stunde der Exekutive und das merkt man. Vor allem in Deutschland steigen die Zustimmungswerte der Regierung bei Umfragen und die Opposition tut zunächst gut daran, weitgehend mitzuspielen und nur verhalten zu opponieren. Der Föderalismus unseres Landes scheint sich besser zu bewähren als das Agieren zentralistisch regierter Länder wie Frankreich. Die Bundes- und die Länderregierungen arbeiten trotz Spannungen erfreulich zusammen, einigten sich auf vergleichbare Bestimmungen und riesige finanzielle Hilfen. Mit haushaltswirksamen Maßnahmen von insgesamt 353,3 Milliarden Euro und mit Garantien von insgesamt 819,7 Milliarden Euro. Differenzen werden jetzt in der Phase der Lockerungen aber deutlich. Vorsichtig und staatsmännisch, damit kanzlerfähig reagiert Söder in Bayern, unsicher und unglücklich, damit kanzlerunfähig dagegen Laschet in NRW. 

Wichtig ist, dass das Zusammenspiel der verschiedenen Eliten funktioniert. Sie sind die Träger unserer bedeutsamsten Institutionen, die gerade in außeralltäglichen Notlagen wie jetzt aufeinander zu hören, natürlich auch zu kritisieren und sich abzustimmen haben. Haben nur Virologen und Epidemiologen genügend Einfluss auf die Regierung? Gilt das auch für andere Fachmediziner und für Ökonomen? In China durchbrach erst die Meldung einer Gensequenzierung des neuen Virus an die WHO durch einen führenden Virologen die fatale Vertuschung durch die herrschende Klasse und änderte Chinas Politik in die richtige Richtung. Tut eine Regierung alles Wichtige, um die Epidemie für das Gesundheitssystem beherrschbar zu machen? In der ersten Welle der Pandemie muss der Wert Gesundheit vor anderen rangieren und das politische Entscheiden primär bestimmen. Das ändert sich aber sofort bei den jetzigen Lockerungen. Die eingeschränkten Freiheitsrechte kommen wieder zum Zuge. Dabei muss man Vorsicht walten lassen und neue Infektionen sofort stoppen.

In den Massenmedien muss unseren Eliten mehr Raum zugestanden werden als dem Geplapper der sozialen Medien. Ähnlich den Museen, Theatern und den vielen Künstlern, die jetzt umsonst Internetangebote für jedermann anbieten, sollten auch die führenden Qualitätsmedien wie FAZ, Süddeutsche, Welt, Spiegel, Die Zeit etc. ihre Onlineausgaben allen Interessierten längere Zeit als Probeabo zur Verfügung stellen als üblich. Viele werden sich an niveauvolle Informationen und Kommentare gewöhnen und an einem Dauerabo interessiert und zum Bezahlen bereit sein. Dann vielleicht geraten die Massen weniger in Panik, Furcht und Schrecken und verschwörungstheoretischen Widerstand. 

Jetzt nach dem Abebben der ersten Welle muss die ausgebremste Wirtschaft wieder angekurbelt werden. Die kommende Rezession wird stärker als in der Banken- und Eurokrise von 2009 sein. Aber wir können hoffen. Das Kurzarbeitergeld, in der letzten Wirtschaftskrise erfolgreich eingeführt, wird sich bewähren und hilft beiden Seiten des Arbeitsmarktes, sowohl den Unternehmen wie auch den Arbeitenden. Neu ist in der gegenwärtigen Krise, dass sowohl die Angebots- wie auch die Nachfrageseite zu kollabieren drohen und nicht nur mittelgroße und Kleinbetriebe, sondern auch viele Selbständige und fast alle Künstler in ihrer Existenz gefährdet sind. Das große Hilfspaket der Bundesregierung von zunächst 156 Mrd. Euro und einen Rettungsschirm von 600 Mrd., flankiert von diversen Bundesländer- und EU-Hilfen wird allein nicht ausreichen. Das Paket kann in den nächsten Monaten aufgestockt werden. Zusätzlich ist ein Wiederaufbaufond der EU-Kommission geplant. Die EU-Hauhalte der nächsten 7 Jahre sollen mit 500 Mrd. Euro an Zuschüssen und 250 Mrd. an Krediten für die Länder aufgestockt werden, die von der Corona-Krise besonders getroffen wurden. Dieser Fond vergemeinschaftet erstmals gemeinsame Schulden in der EU. Ein gewaltiger Schritt, den Kanzlerin Merkel bisher vermied und zu dem sie sich endlich bereit erklärt hat. Kredite im Rahmen des Euro-Rettungsfond ESM und der Europäischen Investitionsbank, vor allem für Kurzarbeitergeld, stehen EU Mitgliedsstaaten auch weiterhin wie schon nach der Euro-Krise 2012 zur Verfügung. Man sieht in Deutschland und der EU wird Geld in großen Mengen geflutet, wie es die USA schon immer machen. Die „schwarze Null“, seit gefühlter Ewigkeit unantastbare „heilige Kuh“ der CDU Haushaltspolitik, wird doch noch annulliert. Endlich! Mal sehen, ob Frau Merkel im letzten Jahr ihrer Kanzlerschaft den entscheidenen Schritt zur historischen Größe durch politische Leistung schafft, die ihrem CDU-Vorgänger Einheitskanzler Helmut Kohl historisch ohne viel Zuarbeit in den Schoß fiel.

Aber de Corona Krise ist für unsere Gesellschaft nicht in gleichem Maße wie die zuletzt diskutierte und weiter andauernde Klimakrise gefährlich. Nicht die Gattung ist gefährdet, sondern vor allem die ältere Generation und viele Vorerkrankte. Kinder und Jugendliche, wie auch 80 Prozent der Bevölkerung werden sie vermutlich weitgehend problemlos überwinden. Für ca. ein Prozent der Infizierten allerdings wird sie tödlich verlaufen. Das sind viele. Für uns sterbliche Menschen galt schon immer und wird immer gelten: Memento mori!

Malte von Baruch

Die Funktionssysteme unserer Gesellschaft sind in dieser neuen Krise nicht außer Kraft gesetzt. Vor ihr lebten wir alle in der modernen funktional differenzierten Weltgesellschaft. Wir tun es auch während der Krise und gleiches gilt für das Danach. Es gibt aktuell auch keinen Primat der Medizin, dem die Politik einfach folgen muss um das Problem zu lösen. Irritationen gehen nur von diesem System in alle anderen Funktionssysteme aus. Sie müssen systemadäquat reagieren. Eine funktional differenzierte moderne Gesellschaft kennt keinen Primat eines Funktionssystems.

Nur scheinbar entwickelt sich ein Primat der Politik. Die für unser staatliches Handeln beteiligten Funktionssysteme reagieren nur schneller. In Windeseile werden Gesetze beschlossen, ohne die übliche langanhaltende Aufregung in den Medien und die sonst wenig bemerkte Beteiligung der Lobby- und wissenschaftlichen Expertengruppen. Jetzt dominieren Mediziner, vor allem Virologen und Epidemiologen. Die brutal ausgebremste Gesamt-Wirtschaft wird aber sofort von dem riesigen Teilsystem der Wirtschaft, den staatlichen Geldzahlungen, durch ökonomisches Reagieren wieder angekurbelt.

Lernen müssen wir, dass die Taktschläge, das ständige Auf und Ab von Be- und Entschleunigungsprozessen in unserer Gesellschaft ständig wechseln können. Wir setzten bisher zu sehr auf ein dynamisches Weiter, Größer, Schneller, also auf Wachstum. Jetzt zeigt sich, es gilt und gibt in der Moderne auch das Gegenteil. Nämlich Entschleunigen, Retardieren, das Langsamwerden gesellschaftlicher Prozesse. 

Die Wirtschaft stand in weiten Bereichen still, die Künste versiegen, die Umwelt erholt sich (sicher nur kurzfristig!), aber systemrelevante Systeme wie die medizinische Versorgung und Forschung laufen auf Hochtouren. Verkäuferinnen und Verkäufer in den Supermärkten, Ärzte und Pfleger in Krankenhäusern und Altersheimen arbeiten unter größtem gesundheitlichem Risiko bis zum Limit. Das was Max Weber grundlagentheoretisch unterschied, das alltägliche und das außeralltägliche soziale Handeln, muss auch in die systemtheoretische Betrachtung eingebaut werden. Es gibt den Normal- und den Ausnahmezustand von Gesellschaft. Stärker als die Ausnahme ist aber die Normalität. Es scheint nur, der Virus ändert alles. Wir merken aber, je länger die Pandemie dauert, die Normalität bricht sich Bahn. Der Virus ändert letztlich an der Struktur der Moderne nichts. Die Funktionssysteme laufen surrend weiter.

Wie schon bei der Umwelt- und Klimakrise müssen auch bei der neuen Pandemie die Abhängigkeiten und kausalen Verknüpfungen von Natur- und sozialen Systemen beachtet werden. Besonders bei den Funktionssystemen Gesundheit und (Land-)wirtschaft, natürlich bei den Naturwissenschaften. Hier wie dort verbietet sich eine isolierte Betrachtung, weil die Sozialsysteme notwendig mit Natursystemen gekoppelt sind. Natur ist nicht an sich gut oder böse, schön oder häßlich, sondern läuft autopoetisch ab. Vor allem gilt, sowohl Natur wie auch Gesellschaft sind systemisch organisiert. Dieselben Grundbegriffe gelten für beide Bereiche. Auch wenn die Basis der Natursysteme „Leben“ und die der Gesellschaft „Sinn“ sind, so können ihr Zusammenspiel, ihre Abhängigkeiten und ihre Kausalzusammenhänge mit derselben Grundbegrifflichkeit analysiert und verstanden werden. Komplizierter wird es, wenn wir evolutionäre Prozesse in Natur und Gesellschaft verstehen wollen. Denn die Gesellschaft wie deren Funktionssysteme evoluieren und Mikroben deutlich schneller als alle Säugetiere. Darauf müssen wir bei unserer Besprechung und Würdigung des neuen Buches von J. Habermas eingehen.

Clemens von Baruch

Noch sind in unseren ersten Stellungnahmen zur Covid-19 Pandemie unsere Differenzen nicht herausgearbeitet worden. Ich erwarte, lieber Konrad, Du wirst mir widersprechen.

Vielen sehen in der digitalen Kontrolle von Infizierten, von Personen in Quarantäne und deren Kontaktpersonen, wie sie in den hochentwickelten asiatischen Staaten geschieht, ein Vorbild für uns, um möglichst schnell aus den Gefahren der Pandemie herauszukommen. Effizient ist diese soziale Kontrolle, weil Bewegungsprofile durch GPS Daten, Bankbewegungen der Einkäufe, Gesichtserkennung und Warnhinweise für Personen, die ihnen nahe kommen, ausgewertet werden und mit harten Sanktionen bei Verstößen verbunden sind. In den asiatischen Ländern, die diese Sozialkontrolle des Handy-Tracking durch einen Daten sammelnden und auswertenden Staat praktizieren, gelten nicht unsere Datenschutzstandards. Wir können nicht einfach wie sie unsere Grundrechte suspendieren und totalitär wie China Millionen Menschen wochenlang isolieren und brutal überwachen. In dieser neuen Krise muss Europa beweisen, dass es einen anderen ebenso erfolgreichen Weg aus der Pandemie gibt, wie ihn China, Südkorea und Taiwan praktizieren. Für freiwilliges Tracing, das anonym und zeitlich begrenzt erfolgt, hat sich Deutschland entschieden. Die neue Corona-Warn-App wurde von über 15 Millionen hochgeladen. Hoffen wir, dass sie sich bewährt. Alle Einschränkungen unserer Freiheit dürfen nur während der neuen Krise gelten, danach müssen sie aufgehoben werden. Überhaupt, so mein Ratschlag an die Politik, sollte man viele Gesetze zeitlich begrenzen und sie nicht einfach unbegrenzt gelten lassen, bis neue sie ersetzen.

Konrad von Baruch

Nicht unbedingt von China, vor allem wegen der fatalen Anfangsfehler, aber von Südkorea und Taiwan ist durchaus zu lernen. Die Chancen, die eine digitale Überwachung bieten kann, müssen genutzt werden. Vor dem Individualrecht, das auch ich schätze und würdige, rangiert der Schutz unsere bedeutendsten Institutionen und ihrer Eliten. Die Digitalisierung unserer modernen Gesellschaft, fatal in ihrer Ausbreitung von Trivial- und Trash-Kommunikation und Fake-News, die nur Eliten ausbremsen können, kann mit dieser neuen Krise endlich in die richtige Richtung gelenkt werden. Apps mit diesen Chancen müssen unbedingt in Europa entwickelt und angewandt werden. Asien ist uns in der Entwicklung der Pandemie voraus. Lasst uns von ihnen lernen. Nicht alles muss nachgemacht und möglichst viel in Europa entwickelt werden. 

Wir müssen auch so schnell wie möglich unsere Wirtschaft wieder ankurbeln. Gerade die erfolgreichen Länder Asien fahren nicht die Wirtschaft derartig zurück wie wir mit unserem shutdown. Die Geschäfte, Restaurants, Theater blieben in Südkorea offen. Regeln der Hygiene und für „Social distancing“ werden diszipliniert befolgt. Zusammen mit dem Sozialkontrolle des handy-tracking und der Infektionsketten werden ökonomische Einbrüche vermieden. 

Auch müssen wir uns Gedanken machen, wer am Ende die große Rechnung zu bezahlen hat. Das darf nicht wieder wie immer die Mittelschicht sein, die alles trägt. Vergleichbar ist unsere Lage mit Kriegszeiten. Damals nach dem 2. Weltkrieg gab es einen Lastenausgleich, den die Vermögenden, und sehr hohe Einkommensteuersätze, die die besserverdienenden Einkommensbezieher zu zahlen hatten. Daran werden wir denken müssen. Weiter, warum sollte man nicht jetzt für die daniederliegende Kunst, also für alle einkommenslosen Künstler und Künstlerinnen ein bedingungslose Grundeinkommen auf bescheidenem Niveau einführen? Machen wir doch einmal mit dieser Gruppe die ersten Erfahrungen dieses interessanten Sozialexperiments.

Malte von Baruch

Keiner muss die neuen Schulden bezahlen, wenn der erhoffte Effekt eintritt: das Generieren von Wachstum unserer Wirtschaft. Die neuen Schulden Deutschlands zur Bewältigung der Wirtschaftskrise von 2009 wurden nicht zurückbezahlt. Wir haben durch den lang anhaltenden Wirtschaftsboom nach der Krise nur unsere auf über 80% des BIP gestiegene Schuldenquote erfolgreich auf unter 60% gedrückt und so die Maastricht-Kriterien wieder erreicht. Das ist das Schöne an Staatsschulden: sie müssen nie zurückgezahlt werden, wenn sie erfolgreich genügend Wachstum erzeugen. Spannend wird aber sein zu beobachten, ob die als einmalig geplante Verschuldung des EU-Haushalts durch den Wiederaufbaufond wirklich einmalig bleibt oder nicht doch die EU in einigen Jahren einen weiteren Schritt in Richtung Bundesstaat mit ständiger Staatsverschuldung geht. Wenn die EU genügend Wachstum generiert, wird auch sie nie wieder Staatsschulden zurückzahlen. Dass die EU endlich gemeinsame Schulden einführt und die Bundesregierung ihr Festhalten an der schwarzen Null aufgibt, das lieber Konrad, war in der Tat fällig. Fragen zur Wirtschaftspolitik und Grundsätzliches zur Wirtschaft sollten wir in einem unserer nächsten Blogs unbedingt vertiefen.

Clemens von Baruch

Die EU drohte durch die neue Krise irrelevant zu werden und zu zerbrechen. Sie war und ist immer noch in großer Gefahr. Aber europäische Solidarität kann endlich mit dem mutigen Vorschlag von der EU Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen über 750 Mrd. für den EU-Wiederaufbaufond starten. Leider siegte am Beginn der neuen Krise das Nationale. Grenzen wurden geschlossen, Lieferketten unterbrochen. Der Binnenmarkt versiegte, der die EU doch reich und wohlhabend gemacht hat. Erst spät lief gegenseitige Hilfe an, als Intensivbetten in Grenzgebieten wechselseitig angeboten wurden. Der wichtigste Grund war sicherlich, dass Gesundheit und damit der Infektionsschutz nicht zur Kompetenz der EU, sondern in die Zuständigkeit nationaler, oft regionaler und kommunaler Instanzen gehört. Ihr habt Recht, Rebekka und Konrad, auf Kriege, die doch eher in Europa unwahrscheinlich sind, ist man besser vorbereitet als auf mögliche Pandemien. Die bestehenden Regelungen zur Bewältigung von Infektionen wie auch die vielen früheren Hinweise von Experten und Warnern wie z. B. Bill Gates wurden nicht ausreichend bekannt gemacht und diskutiert. Auch ein Manko unserer Medienwelt! Ein weiteres Problem! Im Osten Europas sehen die Herrschenden die Chance zum Ausbau ihrer „illiberalen Demokraturen“. Auch hier muss die EU aufpassen und darf nicht eine Verletzung unserer Standards, was Gewaltenteilung, Rechte des Parlaments, Unabhängigkeit der Gerichte und der Medien und Chancengleichheit für die Opposition betrifft, durchgehen lassen.

Richtig Konrad, um die ökonomischen Folgen der Pandemie zu überwinden, wird Europa den Wiederaufbaufond benötigen. Den wird es geben, ohne ihn Corona- bzw. Eurobonds zu nennen. Diese können ganz logisch dessen spätere Folge sein.

krisendialoge

Unterbrechen wir an dieser Stelle unsere Diskussion einer ersten Bewertung der neuen Corona-Krise. Wir vertiefen in einem bald erscheinenden Teil B unser Thema, wenn wir das neu erschienene Alterswerk von Jürgen Habermas „Auch eine Geschichte der Philosophie“ gemeinsam aus Euren unterschiedlichen Perspektiven rezensieren werden. Bis dann!

Literaturhinweise folgen im Teil B

Erziehung und Bildung III (Teil A)

Klimakrise, Europa und die Welt

Abstract

Die gegenwärtige Klimakrise wird zunächst historisch in die ältere Umweltbewegung und deren Vorläufer eingeordnet und dann dem Klima-Paket der Bundesregierung, einem Versuch auf den Druck der „Friday for Future“ Bewegung zu antworten, teils zugestimmt, teils wird es als mangelhaft abgelehnt. Einerseits kann es der „Großen Koalition“ (die „groß“ schon lange nicht mehr ist) gelingen mit diesem Thema wieder Regierungsfähigkeit zu zeigen und die laufende Legislaturperiode erfolgreich zu bestehen, andererseits reichen ihre Vorhaben bei weitem nicht aus, weshalb Schritte über das Klimapaket hinaus vorgeschlagen werden. Ein Erfolg die Klimakrise global bald zu bewältigen ist eher unwahrscheinlich. Hoffnung und viel Skepsis sind bei unseren Diskutanten zu finden. Zuletzt wird geprüft, ob die kommende neue EU-Kommission erfolgreich sein kann, den Klimaschutz auch global zu verankern und die großen Weltmächte und weite Teile unserer Erde zum Mitmachen zu gewinnen und welche Koalition in Deutschland beim Klimaschutz führend sein sollte. Man ist sich nicht einig.

krisendialoge

Die weltweiten Klima-Demonstrationen am 20. September d. J. sind bisheriger Höhepunkt der sich seit einem Jahr steigernden Klimakrise, die mit der Schülerin Greta Thunberg in Stockholm begann und seitdem Politiker vor allem in Deutschland, in Europa, auch auf UN-Ebene zwingt zu reagieren. Dem wollen wir in unserem heutigen Gespräch gerecht werden.

Rebekka, ordne bitte diese beeindruckend lang andauernde Aufregung zur Klimakrise in die älteren Umweltbewegungen und ihre Diskurse ein! Was ist das Besondere an der gegenwärtigen Lage?

Rebekka Baruch

Der Hype zur Klimakrise als Teil unserer zahlreichen globalen Umwelt-Krisen will nicht mehr aufhören. Erstaunlich ist das nicht. Anders als die Umwelt-Bewegungen zuvor, die seit den 60iger Jahren immer wieder Aufmerksamkeit erregten, dabei stets ab ebneten um einige Zeit später erneut aufzuflammen, ist die Erregung jetzt stärker und das weltweit. Sicher, weil das Problem zunehmend breit anerkannt wird und wohl lange und andauernd zum wichtigsten politischen Thema des 21 Jahrhunderts werden kann. Am 20. September zeigte sich das mit Millionen friedlicher Demonstranten auf den Straßen weltweit sehr eindrücklich. Nicht nur in der jüngeren auch in der älteren Generation ist man betroffen, geht auf die Straße und bringt die politisch Mächtigen in Bedrängnis. 

Jugendliche Schüler*innen demonstrieren seit über einem Jahr als „Fridays for Future“ Bewegung nach dem einsamen Start von Greta Thunberg mit ihrem Pappschild „Skolstrejk för klimatet“ vor dem Schwedischen Reichstag in Stockholm weltweit. Der Erfolg dieser Einzelperson, die innerhalb eines Jahres eine riesige Zahl junger Schüler*innen und Student*innen gewann, ist außergewöhnlich. Man hofft, diese junge Frau ist stark genug, die Begeisterung wie auch die Ablehnung und den Hass vieler verkraften zu können. Ein Glück, dass der Friedensnobelpreis an ihr vorbei ging. Viele aus der älteren Generation schließen sich mehr und mehr als „Scientists, Parents, Farmers, Teachers etc. for Future“ an. Die Politik kommt an diesem Thema nicht mehr vorbei, weiß das und muss reagieren. Bisher noch zaghaft! 

Soziale Bewegungen waren schon immer Antreiber für große Veränderungen. Im Gegensatz zur letzten global erfolgreichen Studentenbewegung der 68iger setzen die Jugendlichen heute auf Wissenschaft, hoffen auf wirkungsvolle Entscheidungen unserer Politiker und wollen sich nicht mehr mit wohlklingenden Worten abspeisen lassen. Sie grenzen sich nicht mit Sex & Drugs & Rock & Roll von der Spießer-Welt ab, sondern fordern Verantwortung ein. Es geht den Jugendlichen nicht primär um Gesellschaftskritik, sondern um das Überleben der Gattung. Damals protestierte und demonstrierte man radikal von Links mit marxistischer Rhetorik gegen den Kapitalismus und dessen Hegemon die USA, heute spielt Links oder Rechts keine bedeutende Rolle mehr.

Vorläufer der heutigen Umweltbewegung waren die Sozialbewegungen der Lebensreformer des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Als Spätromantiker waren sie Anhänger von Vegetarismus, Freikörperkultur, Naturheilkunde, ökologischer Landwirtschaft, Esoterik (Mazdaznan, Yoga, Theosophie) u.ä. Ihr Impetus lag auf Zivilisationskritik. Die Moderne mit Industrie und Urbanisierung wurde nicht mehr als Fortschritt gesehen, sondern als Niedergang verdammt. Man träumte im Sinne Rousseaus von einem idealen Naturzustand, dem man sich annähern wollte. Diese romantische Tradition kann bis in die Verschmelzung von 68iger Bewegung und der neuen Umwelt-Bewegung der 60iger Jahre zur Partei der Grünen verfolgt werden. 

Aber die Umwelt-Bewegung der 60iger Jahre hatte sich von diesem romantischen Erbe auch abgesetzt. Gestartet wurde sie von Wissenschaftlern des Club of Rome, die die „Grenzen des Wachstums“ ausloteten, so der Titel der ersten Veröffentlichung von 1972. Den Trend damaliger Industrialisierung und Umweltzerstörung in die Zukunft prolongiert kamen sie zum Ergebnis, dass unsere Ressourcen fossiler Brennstoffe begrenzt und unser Weltmodell in ca. 100 Jahren erschöpft sein wird. Das wird heute anders gesehen. Kohle, Erdöl und Erdgas gibt es noch reichlich. Sie müssen aber im Boden bleiben, um die gefährliche Erwärmung von Erde und Meeren zu stoppen. Die heutigen Klima-Aktivisten orientieren sich wie damals an dem Forschungsstand der Wissenschaft, vor allem dem der Klimaforscher. Das gibt ihnen heute einen wichtigen Drive und macht sie überzeugender als fast all ihre erwachsenen, blind und blauäugig wirkenden Kritiker. Greta Thunberg agiert wie eine Erwachsene im Alter von jetzt 16 Jahren, die Populisten der Gegenwart, allen voran Donald Trump, wie unvernünftige Kleinkinder. Eine traurige Welt mit einem neuen sich scharf entfaltenden Antagonismus der Generationen, der unbedingt überbrückt werden muss! 

krisendialoge

Nicht alle politischen Führer durften auf der letzten UN Klima-Konferenz in New York eine Rede halten. Nur diejenigen durften sprechen, die Pläne zur CO2 Reduzierung vorweisen konnten. Angela Merkel gehörte dazu und sprach unmittelbar nach einer sehr emotionalen Rede der Klimaaktivistin Greta Thunberg. Wie bewertest Du, Clemens, die Klima-Kanzlerin Merkel und ihr Klima-Paket?

Clemens von Baruch

Große Erwartungen ruhten am großen Demonstrationstag, Freitag dem 20. September, der gleichzeitig der große Tag des deutschen Klima-Pakets der Großen Koalition war, sowohl bei den vielen Demonstrierenden wie auch bei allen politisch Interessierten auf der Entscheidung der deutschen Regierung. Zu große Erwartungen darf man an die Große Koalition nicht richten. Es konnte kein alle beeindruckendes Paket sein, das beschlossen wurde. Es wurde aber auch kein „kleines Päckchen“. Immerhin ein Neustart für die Klima-Politik.

Der Regierung gelang der Anschluss an den Paradigmenwechsel, der in der EU bereits für Industrie und Energieerzeugung gilt: die Bepreisung von CO2 durch einen Zertifikate-Handel. Er soll auch für die Bereiche Gebäude und Verkehr eingeführt werden. Die Regierung verpflichtet sich dabei zu jährlichen Kontrollen und Überprüfungen ihrer Ziele und muss nachsteuern, wenn diese nicht erreicht werden. 

Beide Vorhaben sollten nicht unterschätzt werden. Auch wenn der Rest des Paketes mit seinen 54 Milliarden eher wie ein konventionelles Konjunkturpaket wirkt: 

  • mit Kaufprämien für E-Autos, 
  • dem Bau von einer Million Ladestationen, 
  • finanziellen Hilfen von 40% der Kosten beim Wechsel von Öl- zu klimafreundlicheren Heizungen, 
  • dem Verbot neuer Ölheizungen ab 2026,

sind etliche Anreize zur CO2 Reduzierung nicht zu übersehen: etwa

  • die Mehrwertsteuersenkung von 19 auf 7% für Bahntickets, 
  • mehr Zuschüsse für den Nahverkehr und 
  • energiesparende Sanierungen für Häuser und Wohnungen, 
  • eine Erhöhung der Luftverkehrsabgabe von deutschen Flughäfen und
  • der Umbau der KFZ Steuer zugunsten abgasarmer Kraftfahrzeuge. 

Zusätzlich will man den Ökostrom, Moorlandschaften und die Ökolandwirtschaft ausbauen sowie Düngergesetze verschärfen.

Anders als die beratenden Klimaforscher vorschlugen, allen voran der Direktor des Potsdam-Instituts-für-Klimafolgenforschung (PIG) Ottmar Edenhofer, entschied sich die deutsche Regierung beim Zertifikate-Handel für keinen sofortigen Beginn, sondern für 2021 als Starttermin bei einem eher symbolischen Anfangspreis von 10 Euro pro Tonne CO2. Der soll langsam bis zum Jahr 2025 auf 35 Euro anwachsen um danach beim Höchstpreis von 60 Euro enden. 

Die Regierung will eine Mehrheit in Deutschland zum weiteren Mitmachen gewinnen und den Verbraucher nicht vor den Kopf stoßen, z.B. durch die Erhöhung der Pendlerpauschale von 30 auf 35 Cent ab dem 21. Entfernungskilometer zur Arbeitsstelle, befristet bis 2026. Das Ziel breite Akzeptanz zu erreichen sollte anerkannt werden. Nur so geht Klimapolitik. In den Bereichen Industrie, Energie und Gebäuden kann man seit 1990 auf Erfolge in der CO2 Reduzierung zurück schauen. Auch im Verkehr will man jetzt endlich erfolgreich werden.

Rebekka Baruch

Das ist viel zu wenig und viel zu zaghaft gerade für dieses wichtige Ziel! Die wissenschaftlichen Berater hatten einen Preis von 50 Euro als Startpreis vorgeschlagen, um einer CO2 Tonne einen echten Marktpreis zu geben, der zu deutlichen CO2 Reduktionen führen würde. Faktisch startet der Zertifikate-Handel wie eine bescheidende, nicht spürbare CO2 Steuer, wie von der SPD favorisiert. Die anfangs bei Kraftstoffen zu erwartende Preiserhöhung von 3 Cent pro Liter wird am Fahrverhalten nichts ändern. An den Tankstellen schwanken die Preise zur Zeit täglich oft zwischen 12-15 Cent je nach Tageszeit. 

Ottmar Edenhofer hatte zudem vorgeschlagen die CO2 Einnahmen an alle Bürger zurück zu erstatten. Stattdessen fängt man noch vor der geringen Mehrbelastung an, den Pendlern „Zuckerbrot“ zu reichen, ohne auch nur anzufangen mit der „Peitsche“ zu drohen. Gänzlich kontraproduktiv! Bei einer Rückerstattung für alle Bürger hätten auch die Armen etwas davon. Die neue Pendlerpauschale dagegen hilft nur den mittleren Einkommen, deren Steuerlast sinkt. Geringverdiener zahlen überhaupt keine Lohn- bzw. Einkommensteuer und haben damit von der Pendlerpauschale nichts. Die pure Angst vor möglichen deutschen Gelbwesten hat die Koalition geleitet. Ressourcenarmes Verhalten im Verkehr wird so nicht gefördert. Angela Merkel versucht am Ende ihrer Amtszeit ihren alten Ruf als Klima-Kanzlerin wieder herzustellen. Das glückt ihr mit diesem Paket garantiert nicht. 

Clemens von Baruch

Deine Kritik muss ich akzeptieren! Sie sitzt! Vermutlich haben die Kanzlerin und ihre Regierung aber für die notwendigen Verhandlungen mit den Grünen eine spätere Erhöhung des CO2 Startpreises bereits im Blick. Im Bundesrat muss man sich mit den zur Zeit in neun (vermutlich bald sogar 11) Bundesländern mit regierenden Grünen einigen. Beim Startpreis ist sicher Luft nach oben und vielleicht schon eingepreist. 

Entscheidend für meine Zustimmung zum Klimapaket sind der Paradigmenwechsel hin zum Zertifikate-Handel und vor allem die jährliche Kontrolle durch Experten, d.h. Klimaforscher. Das stimmt mich gnädiger, weil die Richtung hin zur Zustimmung einer Mehrheit gelingen kann. Die Große Koalition kann so bis 2021 Bestand haben. Danach werden die Grünen ziemlich sicher an einer Regierung beteiligt werden, vielleicht sogar diese anführen und nötigen Druck erzeugen. Leider verkauft die SPD ihre GroKo Politik grottenschlecht. Faktisch bestimmt sie die wichtigsten sozialpolitischen Vorhaben aller Großen Koalitionen, schadet aber mir ihrer Jammerei permanent sich selbst. Mit einem besseren Marketing ihrer politischen Vorhaben hätte sie trotz Absinken beider Volksparteien in der Wählergunst relativ mehr Zuspruch gewinnen können als CDU/CSU. Ich hoffe, die SPD stabilisiert sich bald, auch durch eine neue Führung, und lernt das Regieren wieder, das sie doch eigentlich beherrscht.

Konrad von Baruch

Da schwingt sehr, sehr viel Hoffnung mit, lieber Clemens. Ich fürchte, Du wirst enttäuscht werden. Die beiden Regierungsparteien sind zu abhängig von den kleinbürgerlichen Massen und der Autoindustrie. Das macht sie mutlos. Sie sehen Zuwächse bei der AFD kommen und zu viel Druck auf der deutschen Automobilindustrie lasten. Beides lähmt ihre Politik. 

Wie ist Lage? Ernst!

Das ist sie, ohne Zweifel! Um den Klimawandel zu begrenzen, muss man sich anstrengen und viele Wege einschlagen: Markt-Anreize, Verbote, Reduzierung schädlicher Subventionen. Dazu gleich mehr. 

Ein Stop bzw. eine Reduktion der Erd- und Meererwärmung sind schon gar nicht mehr möglich, nur eine Limitierung kann noch gelingen. Radikalität und Verweise auf die Wissenschaft helfen auch nicht. Wissenschaft kennt nicht die eine Lösung, sondern viele Alternativen. Auf die Wissenschaft zu verweisen, ehrt die jungen Demonstranten, ist aber allzu naiv und blauäugig. Wissenschaft verkündet nicht die eine Wahrheit, an der man sich mit Gewissheit orientieren kann, sondern forscht permanent weiter, was dann jeweils als gegenwärtige Wahrheit gilt. Allein die Politik ist die Instanz der großen Entscheidung, die erfolgreich durchdringen kann. Vom wahren Wissen führt kein direkter Weg zum richtigen politischen Handeln.

Auch der einzelne Bürger mit seinen kleinen Beiträgen spielt keine Rolle. Lobenswert, wenn er seinen „ökologischen Fußabdruck“ verbessern will. Letztlich aber unerheblich. 

Was ist zu tun? Sehr viel!

Die richtigen Schritte über das Klimapaket hinaus sind einzuleiten! Schnell muss der Preis für CO2 die ökologische Wahrheit aussagen. Das kann mit 10 Euro nicht erreicht werden. Nicht nur richtige Anreize für den Kauf von E-Autos und die Förderung des Bahn- und Nahverkehrs müssen gesetzt, sondern auch die falschen beseitigt werden. Z.B sind

  • die Diesel Subventionierung zu stoppen und 
  • das Dienstwagenprivileg auf E-Autos zu beschränken. 
  • Fleischkonsum sollte reduziert werden, auch die dazugehörende industrielle Tierhaltung. 
  • Die Landwirtschaft muss ökologischer und
  • die Innenstädte zunehmend autofrei werden.
  • Das Ende des Verbrennungsmotors sollte man terminieren,
  • ökologische Forschung fördern, dabei muss
  • Technologieoffenheit (z.B. Wasserstoffantriebe) gesichert werden, denn Batterien sind erst ökologisch sinnvoll, wenn deren Recycling in einer Kreislaufwirtschaft gelingt.
  • Verbote darf man nicht scheuen: Geschwindigkeitsbegrenzungen sollten auf Autobahnen auf 130 km/h – wie überall in Europa – und innerorts weitgehend auf 30 km/h eingeführt werden.

Diese Schritte der Klimapolitik, sicher noch einige mehr, müssten schnell und unverzüglich erfolgen und auch auf die europäische und sogar globale Ebene gehoben werden. Alles in allem ist Klimapolitik die wichtigste Jahrhundertaufgabe. 

Wer kann es schaffen? Nicht die Große Koalition!

Bei politischen Entscheidungen braucht es Augenmaß und Pragmatismus. Ob unsere Kanzlerin sich dazu noch einmal aufschwingen kann, sehe ich eher nicht. Sie hat in ihren 14 Regierungsjahren zwar immer wieder politische Wenden eingeleitet, aber stets unerwartet. Klimapolitik verlangt keine überraschenden Entschlüsse, sondern einen langen Atem für eine langfristig angelegte Politik. Das ist nicht Frau Merkels Sache. Sie fuhr erfolgreich politisch auf Sicht, was nicht mehr ausreicht. Am Ende ihrer politischen Karriere kann sie als „Lame Duck“ den dafür notwenigen Elan nicht mehr aufbringen.

Aber irgend eine Koalition muss es richten! Welche wäre dazu in der Lage? Nicht die Große Koalition! Die CDU, verbohrt in die Schwarze Null und stets bereit viel Geld für die innere Sicherheit in die Hand zu nehmen, unterschätzt den Ernst der Lage. Gäbe es Krieg, wäre die Bereitschaft zu immensen Anstrengungen und viel Geldeinsatz gerade für diese Partei keine Frage. Dabei geht es jetzt um mehr als Krieg. Vom Krieg konnte sich eine Gesellschaft bisher immer erholen (natürlich nicht möglich bei Atomkriegen), die Selbstgefährdung der Gattung dagegen ist, wenn es schief geht, ein langes Siechtum hin zum Gattungstod. Ähnlich die Sozialdemokratie. Ihr Bemühen zielt wie immer auf Verwöhnung des Kleinbürgers und dessen Passion von sozialer Sicherheit. Nicht die Gefährdung der Gattung, sondern die Finanzsorgen der arbeitenden Pendler stehen im Vordergrund und sind Hauptsorge der SPD. Beide Großkoalitionäre eint die Angst vor der AFD, die nur zögerlich das Thema Klimakrise anerkennt. 

Einer finanziellen Kompensation für Geringverdiener ist zuzustimmen. Sicher, Armen muss man helfen. Mittlere und höhere Einkommen müssen die ökologische Wende aber finanzieren. Warum sollte eine Rückerstattung aus den Zertifikate-Handel nicht auf die Ärmsten, d.h. auf Geringverdiener und untere bis mittlere Einkommen, die der Staat unverhältnismäßig schröpft, beschränkt bleiben, statt ihn gleichmäßig – von 100 Euro ist die Rede(sic!) – auf alle, sogar Millionäre und Milliardäre zu verteilen? 

Nötig wäre eine Koalition, deren Wähler Einsicht in die Notwendigkeit der ökologischen Situation zeigen, wozu hohe Bildungskompetenz, breites, nichtideologisches politisches Urteilsvermögen und Verantwortungsbewusstsein unabwendbare Voraussetzung sind. Das ist bei den Wählern der AFD in geringer Weise, bei den Wählern von CDU und SPD etwas besser der Fall. Anders bei den Grünen, die überproportional von den höher Gebildeten gewählt werden. Ihnen steht bei dieser Jahrhundertaufgabe eine Führungsrolle zu. Sie müssten mit den Liberalen koalieren, deren Insistieren auf Markt- und Techniklösungen sie zum idealen Juniorpartner machen würde, denn auf Märkten erfolgreiche Technologien sind nötig. Mit meinem Vorschlag einer unterschiedlichen Gewichtung der Wahlstimme, abhängig vom Bildungsstatus, wäre diese Koalition schon lange in Deutschland Realität und ihr wechselseitiges Ressentiment abgebaut. Interessant, dass die Grünen in Baden-Württemberg nach dem Entschluss von Ministerpräsident Kretschmann wieder anzutreten, in neuen Umfragen auf 38% hochschnellen. Kretschmann, so neueste Meldungen, zieht eine neue Koalition mit der FDP 2021 ernsthaft in Erwägung. Gut wäre sie auch für den Bund. Den nötigen konservativen Part übernähmen Bündnis 90/Die Grünen. Wirtschaftskompetenz – immer notwendig für politische Siege – strahlen beide aus, denn in Baden-Württemberg ist der linke Flügel der Grünen erfreulich klein. Pragmatisch will man der deutschen Autoindustrie dort eine neue sichere Zukunft im Jahrhundert der Ökologie ermöglichen. 

Wird es gelingen? Eher nicht!

Nie werden Parteiprogramme in Mehrparteiensystemen, die Koalitionsregierungen notwendig machen, Eins zu Eins umgesetzt. Das gilt auch für unsere Vorschläge. Sie werden keine einfache Mehrheit der Bürger und Politiker überzeugen. Kompromisse und damit Halbwahrheiten sind, wie überall im Leben, auch in Zukunft zu erwarten. Das wird notwendigerweise Enttäuschungen produzieren. 

Große Pläne können scheitern! Was wird passieren, wenn wir das 1,5 Grad Ziel der globalen Erwärmung unserer Erde überschreiten? Was beim Scheitern bei 2, 3, 4 und mehr Grad? Auch dann hilft keine Wissenschaft. Sie kann uns nur weitere, radikalere Wege aufzeigen, die vermutlich mit demokratischen Mitteln bald nicht mehr kompatibel sind und auf eine Ökodiktatur hinauslaufen. 

Weltuntergangsstimmung ist nicht angesagt! Erfreulich, bei Greta und ihrer Bewegung ist davon keine Rede. Man schaut allein auf die Wissenschaft. Apokalyptischen Tönen in unserer Gegenwart muss widersprochen werden. In der jüdischen und christlichen Apokalyptik glaubte man an ein plötzliches Weltende durch Weltbrände, letzte Schlachten, Hungernöte und moralischen Verfall. Dies führt aber nicht zum wirklichem Ende der Menschheit. Das Endzeitgeschehen meint die letzten Momente, bevor Gott eingreift, rettet und Neues schafft. So schlicht und naiv kann ein aufgeklärter Christ, Jude und Moslem heute nicht mehr hoffen. Ein modern religiöses Weltbild, das sich vom Stockwerkdenken (Übereinander von Hölle, Erde und Himmel) der Antike verabschiedet, muss mit moderner Biologie (Evolution) und Astrophysik (Wärmetod durch Entropie) vereinbar sein und sich vor den bedeutendsten Strömungen der Gegenwartsphilosophie behaupten können. Das ist die Hauptaufgabe einer modernen Theologie. Das buddhistische Weltmodell eines ewigen Kreislaufes von Werden, Vergehen und Neuentstehen unendlich vieler Universen ist einfacher mit modernen, naturwissenschaftlichen Anschauungen vereinbar als die metaphysische Tradition der drei großen monotheistischen Religionen, die ihre Gottes-Konzeption überfrachtet. 

Das Ende unserer Gattung ist ein Prozess, der irgendwann sicher eintreten wird. Spätestens dann, wenn unsere Sonne zur Supernova wird. Eher früher, wenn wir unsere Gattung weiter wie bisher gefährden. Das Ende unser Erde wird dann schleichend eintreten, kann aber auch plötzlich und unerwartet geschehen. Die Millionen Jahre dauernde Dominanz der Saurier wurde (vermutlich) durch den Einschlag eines Meteoriten katastrophal und abrupt beendet. Sie wußten nicht, was ihnen geschieht. Wir werden unseren Untergang mit Bewusstsein erleben. Entweder plötzlich durch ähnliche Gefahren, etwa den Ausbruch eines Supervulkans, oder durch den Misserfolg unserer politischen Bemühungen unserer ökologischen Selbstgefährdung zu entgehen. Eine Theologie und ein Konservativismus auf der Höhe unserer Zeit muss auf diese Gefährdungen eine angemessene Antwort finden. Glaube, Zweifel und Skeptizismus bilden dabei eine Einheit. Noch höre ich wenige Stimmen, die das ernsthaft versuchen und dann auch durchdringen.

krisendialoge

Danke, Konrad, für Deinen interessanten und ernsten Beitrag, der einiges Gemeinsame Eurer unterschiedlichen Positionen ausdrückt und ein guter Schluss unseres Gespräches wäre. Dennoch habe ich noch eine Frage. Zuerst an Malte, dann an alle .

Lenkt man den Blick auf die Neukonstitution der EU Kommission, die nach vielen Jahrzehnten ab November wieder von einer Deutschen geführt wird, erscheint die Klima-Rettung als eines der Hauptziele ihrer Agenda für die nächsten fünf Jahre. Kann die EU dieses Ziel auch global verankern und die großen Weltmächte und weite Teile unserer Erde zum Mitmachen gewinnen? 

Malte von Baruch

Lieber Konrad, Du hast den Ernst unserer Lage gut beschrieben und viele Vorschläge gemacht, die bei uns größtenteils Zustimmung finden können. Nicht so leicht aber bei unserer Regierung und ihren Wählern, von einer weltweiten Zustimmung ganz zu schweigen. Deiner Entschiedenheit sowohl zum Handeln aufzurufen und das mit vielen Vorschläge zu konkretisieren, als auch gleichzeitig skeptisch in Bezug auf den Erfolg dieser Bemühungen zu sein, kann nicht viel Substanzielles hinzugefügt werden. Nur drei Bemerkungen.

1) Die Klimakrise ist bereits ein Weltthema. Auf die EU und globale Ebene muss sie nicht mehr geschoben werden. Was Frau von der Leyen mit ihrem Team daraus machen wird, werden wir sehen. Ein Hauptanliegen der neuen Kommission wird dieses Problem sicher werden. Das hat die neue Kommissionspräsidentin oft genug zugesagt. Auch auf UN Ebene ist das Klima seit bereits 27(!) jährlich stattfindenden UN-Klima-Konferenzen angekommen. Die nächste ist bald in Santiago di Chile vom 2. bis 13. Dezember d.J.. Greta, die zu einer Art kindlicher Erlöserin aufgestiegen ist (ein noch garnicht wirklich verstandenes neues Sozialphänomen), wird sich bis dahin in Amerika aufhalten. 

2) Der Klimawandel ist keine Gefahr, die uns droht, sondern ein Risiko, das unsere Weltgesellschaft eingegangen ist. Wir müssen also, lieber Konrad zwei Varianten eines Gattungstodes unterscheiden. Supervulkanausbrüche und große Meteoriteneinschläge mit diesem Ergebnis wären Gefahren von außen, d.h. Katastrophen, die aus der Umwelt unserer Weltgesellschaft auf uns, die in ihr kommunizieren, einstürzen und uns unter Umständen vernichten. Dagegen sind wir trotz Vorbereitungen letztlich machtlos. Unsere ökologische Selbstgefährdung aufgrund unserer Lebens- und Gesellschaftsform dagegen ist ein Risiko, das von uns aufgrund unserer Umweltbeziehungen zu Natur-Systemen eingegangen wurde. Nicht als ein Vertrag untereinander, sondern als Ergebnis evolutionärer Differenzierungsprozesse unserer Gesellschaft. Das macht keinen zum Schuldigen, aber alle zu Betroffenen. Erst recht geht es um keinen Vertrag mit der Natur selbst. Sie kann kein Vertragspartner sein, sondern ist ein Netz hochkomplexer Systeme verbunden mit unseren Sozialsystemen, dem wir keine Eigenschaften wie Gleichgültigkeit, Interesse, Kälte etc. zuschreiben dürfen, was die Natur nur vermenschlichen würde. Auch Natursysteme reagieren auf Veränderungen ihrer Umwelt, also der Wirkungen unserer Gesellschaft auf sie. Sie leiden und empfinden aber nichts, sondern reagieren nur. Ohne uns Menschen wird die Natur weiter evoluieren. Kein Mensch wird jemals wissen, wohin?!

3) Wie kann, zumindest für eine überschaubare, angemessene Zeit das Riesenproblem unserer Selbstgefährdung eingehegt werden? Weder allein durch politische Steuerung, noch allein durch neue wissenschaftliche Technologien, noch allein durch eine Selbstregulierung der Märkte. Denn kein Funktionssystem agiert in der Moderne mehr als zentrale Steuerungsinstanz. Nur wenn in allen Funktionssystemen der Moderne durch wechselseitige Irritation (Niklas Luhmann) auf dieses Problem adäquat reagiert wird, kann die Lage sich verbessern. Adäquates Reagieren kann aber in jedem Funktionssystem nur systemspezifisch erfolgen, also viele unterschiedliche, sich widersprechende operative Wege aufzeigen. Nie wird daraus ein ideales „Paket“, das die jeweiligen ökologischen Krisen löst. Die Rationalität einer Entscheidung vernünftiger Subjekte löst sich –

systemtheoretisch betrachtet – auf in die Vielfalt rationaler, differenter Wege. Aus diesem Gestrüpp von Rationalitäten muss unsere moderne Weltgesellschaft sich ihre Pfade bahnen. Wir wissen nicht, ob das gelingt.

Aber es tut sich überall etwas. Nicht nur herrscht Aufregung in der Politik, in der alte Konstellationen wie Volksparteien sich auflösen, neue Parteien entstehen, auch dieses Thema entdecken und die Grenzen des Nationalstaats supranational überwunden werden und alle Teilnehmer weltweit zum gemeinsamen Agieren zwingen, hoffentlich friedlich. Auch in den Wissenschaften tüftelt man an neuen technischen Möglichkeiten, die bereits von Entrepreneurs in der Wirtschaft aufgegriffen werden, die es schaffen Risikokapital zu akquirieren, von denen sich nicht wenige neue hohe Profite versprechen. Das Rechtssystem ist ebenso aktiv und interpretiert das Grundrecht auf „Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen“, das in vielen Verfassungen der Welt zu finden ist, oft extensiv und zeigt neue Wege seiner Durchsetzung auf. Im System der Massenmedien und im Bildungssystem ist Klimakrise gegenwärtig sogar das Topthema schlechthin. Wir sehen. Es tut sich viel Unterschiedliches. Beobachten wir weiter, was geschieht.

Rebekka Baruch

Nur beobachten ist mir aber zu wenig, lieber Malte. Mann und Frau muss auch Vernünftiges tun, sowohl im privaten Bereich durch Veränderung des Lebensstils, wie auch im öffentlichen durch Unterstützung politischer Akteure und eigenes Engagement. Nur wenn der Druck aus der Zivilgesellschaft anhält, wird die Politik entscheidende Schritte tun. Dank „Fridays for Future“ , der SchülerInnen Bewegung des letzten Jahres, und der sich anschließenden „Extinction Rebellion“, die den mutigeren Schritt hin zum gewaltfreien „zivilen Ungehorsam“ bereit ist zu gehen, dürfen wir ein wenig hoffen.

Lieber Konrad, ich freue mich über viele Deiner Vorschläge, bezweifele aber, dass eine grün-liberale Koalition der beste Weg wäre sie zu verwirklichen. Schwarz-Grün ist die wahrscheinlichere Variante für die nächste Regierung. Diesem Bündnis traue ich zwar zu, richtige Schritte einer vernünftigen Klimapolitik einzuleiten, aber nicht diese konsequent genug zu verfolgen. Die Grünen werden in Umfragen stets überschätzt und die beiden christdemokratischen Parteien werden grüne Hoffnungen ausbremsen. Letztlich hoffe ich auf Grün-Rot-Rot. Vorrang muss jetzt das Klima vor dem Sozialen haben.

Was die neue EU-Kommission angeht, so werden Frauen dominieren. Neben Ursula von der Leyen als Kommissionschefin ihre Vize die Dänin Margrethe Vestager für Wettbewerb und Digitalisierung. Anders als Kanzlerin Merkel, die ohne jede Vision ihre 14 Kanzlerjahre verbrachte, ist Ursula von der Leyen eher in der Lage zusammen mit starken Frauen, aber auch feministischen Männern in der Kommission eine Vision feministischer Politik in Europa einen Schritt (Singular!) voranzubringen. Hier arbeiten eine links-liberale deutsche Christdemokratin und eine Liberale aus Dänemark an der Kommissionsspitze zusammen. Übrigens, beide wurden von dem neuen EU-Leader Emmanuel Macron mit eingesetzt. Leider spielen die Grünen auf EU-Ebene noch eine marginale Rolle. Ich hoffe, das wird sich ändern.

Clemens von Baruch

Wenn Rot und Rot zusammenfinden könnten, meinetwegen so genial wie CDU und CSU als Schwesterparteien mit der Linken im Osten und der SPD im Rest der BRD, dann hätte Rot-Grün vielleicht noch einmal eine Chance zur Mehrheit, wie 1998 mit Schröder und Fischer.

Malte und Konrad von Baruch

Na, dann träumt mal schön!

krisendialoge

Herzlichen Dank für Eure engagierten Beiträge. Natürlich müssen wir an diesem Thema dranbleiben! 

Unsere Diskussion zum Thema Erziehung und Bildung wurde aus aktuellen Gründen des heutigen Themas unterbrochen und wird bald mit einem 3. Teil abgeschlossen.

Literaturhinweise

Grenzen des Wachstums, Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit, Stuttgart 1972 – Der Klassiker, der die Erschöpfung fossiler Brennstoffe als Erster berechnete und unserem Weltmodell nur noch 100 Jahre gab. Weitere Berichte erfolgten 2012 und 2017. 

Niklas Luhmann, Ökologische Kommunikation – Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen, Opladen 1986ff – Die ökologische Frage wurde von Luhmann sofort aufgegriffen und mit den Mitteln seiner Systemtheorie analysiert, die Relevanz sozialer Bewegungen inbegriffen. 

Erziehung und Bildung II – Von Habermas zu Luhmann – Pädagogisches Handeln und/oder Funktionssystem Bildung?

Abstract

Im ersten Teil unserer Diskussion stellte Clemens die Grundidee der Pädagogik Kants vor, der einen vierfachen Stufenprozess vom Natur- zum Freiheitswesen Mensch beschreibt. Prinzipiell wurde diese Entwicklungsidee Kants für unsere Gegenwart, insbesondere durch die kommunikationstheoretische Transformation seiner pädagogischen Ideen mit Hilfe der Handlungstypologie von Habermas, als sinnvoll und hilfreich anerkannt, aber als gravierender Mangel gesehen, dass der Rationalist Habermas weder außeralltägliches noch emotionales Handeln in Erziehungsprozessen erkennt. Gegen Kants „Erziehung zur Freiheit“ setzten Konrad und Rebekka auf „Anerkennung von Institutionen“ und „Pädagogische Fürsorge – mit Orientierung am Einzelfall“.

Malte entwickelt im zweiten Teil seine Idee einer Theorie der „Erziehung in der Gesellschaft“ im Anschluss an system- und evolutionstheoretische Überlegungen Niklas Luhmanns. Seinen Thesen wird entgegengesetzt, dass Evolution kein „telos“ kennt, Bildungsprozessen aber mehrere antagonistische Ziele wie Mündigkeit und Selektion innewohnen. Der Streit zwischen system- und kommunikationstheoretischer Analyse von Bildungs- und Erziehungsprozessen bleibt offen.

Rebekka stellt die Orientierung von Schulen an Werten und Lebensformen der Mittelschichten heraus, die bildungsferne Schichten benachteiligen. Die alte, dreigliedrige Klassenordnung von Schulen ist noch nicht überwunden. Die entscheidende Rolle der Lehrers und die mangelhafte Professionalisierung dieses Berufes werden allzuoft übersehen. Auch diesmal plädiert sie wiederum dafür statt systemtheoretischer Ansätze die strukturalistische Theorie des frühen Piaget mit der Analyse von Klassenstrukturen zu kombinieren, wobei sie sich der Klassentheorie von Pierre Bourdieu anschließt und sie auf unser Thema bezieht. 

Da abzusehen war, dass das Thema Erziehung eine dritte Runde beanspruchen wird, endet das Gespräch mit Fragestellungen der Diskutanten, die bei der dritten und letzten Runde angesprochen werden sollten. Noch zu besprechen sind das unzureichende Niveau der Beherrschung von essentiellen Kompetenzen in Schreiben, Lesen und Rechnen bei zu vielen Schülern, die Verirrungen der pädagogischen Didaktik-Diskurse mit ihrer Übertreibung von Schülerorientierung, sowie die Relevanz von Technik in pädagogischen Prozessen. Ferner sollen mögliche unterschiedliche und sich widersprechende Identitätsentwürfe, die für gegenwärtige Schulen Vorbildcharakter haben können, vorgestellt werden. Dazu werden neuere Bücher zu unserem Thema rezensiert werden.

krisendialoge

Malte, Du hast den letzten Blog mit Interesse verfolgt und zugesagt, Deine Sicht der Dinge zum Thema Erziehung und Bildung zu erläutern. Bitte schön!

Malte von Baruch

Erfreulich, dass in der letzten Gesprächsrunde Clemens seinen Schritt von Kant zu Habermas gründlich dargelegt hat. Unser Thema Erziehung und Bildung ist geeignet, um einen weiteren Schritt verständlich zu machen, der für mich wichtig geworden ist, der von Habermas zu Luhmann. Ich werde a) den Stellenwert von Evolution bei beiden Theoretikern kurz anreißen; b) Luhmanns Rezeption einer neodarwinistischen Evolutionstheorie knapp vorstellen und c) auf die Evolution von Bildungsprozessen eingehen.

Zu a) Beide Theoretiker waren in den 60iger bis 80iger Jahren des letzten Jahrhunderts die beiden berühmten Antipoden der damaligen gesellschaftstheoretischen Diskurse, bilden aber keinen einfachen Gegensatz. Nicht nur Luhmann argumentiert systemtheoretisch, auch Habermas, aber mit deutlichem Unterschied. Habermas baut die Systemtheorie in seinen kommunikationstheoretischen Ansatz ein ohne wichtige Grundbegriffe wie „Lebenswelt und System“, „soziale und Systemintegration“ ausreichend genug zu begründen. Hinweise auf die Differenz von objektivierender Beobachter- und handelnder Teilnehmer-Perspektive sind unzureichend. Erstere bezieht sich auf den Objektivismus der Wissenschaften, letztere auf die Teilnehmer-Perspektive, die sich auf die philosophische Tradition der Phänomenologie gründet, die insbesondere Ansätze zur Soziologie des Alltags fundiert. Lebenswelten und Systeme werden als differente Ebenen und als mögliche Perspektiven unterschieden, wobei Systeme bei Habermas erst in der Moderne als Funktionssysteme der Weltgesellschaft auftauchen, die Vormoderne dagegen von der Archaik bis zu allen Hochkulturen als Lebenswelten erscheinen. Insbesondere stellt er für die Moderne das Wirtschafts- und das politische System als strukturdominant heraus, ohne wie Luhmann zu sehen, dass keinem von beiden eine beherrschende Stellung und Steuerung der Gesellschaft mehr gelingt. Während Habermas System- und Kommunikationstheorie als Perspektiven-Differenzen kombiniert, baut Luhmann seine Theorie der Gesellschaft grundsätzlich und konsequent mit Hilfe der Tradition des Systemdenkens auf und rezeptiert modernste Theoretiker der neueren Biologie, wie es schon Talcott Parsons, Luhmanns Vorbild einer modernen Soziologie, vor ihm tat.

Bis heute sind die unterschiedlichen Ansätze einer Evolutionstheorie bei beiden Groß-Soziologen nicht gründlich genug gegenübergestellt worden. Ich konzentriere mich auf die Rezeption dieser Tradition bei Luhmann. Er hat diesen Teil seiner Gesellschaftstheorie von Beginn an umfassend bearbeitet, während Habermas bisher keine entsprechende Theorie soziokultureller Evolution entwickelt hat. Es wird gemunkelt, dass er an an diesem Projekt immer noch arbeitet. Es wäre noch mehr als seine „Theorie des kommunikativen Handelns“ sein eigentliches Hauptwerk. Bisher ist es bei kursorischen Bemerkungen in seiner „ Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus“ geblieben. 

Zu b) Die Evolutionstheorie hat seit ihren Entstehung im 19. Jahrhundert seit Darwin einen Siegeszug sondergleichen vorgelegt und für alle wissenschaftlichen Disziplinen ein erfolgreiches Paradigma geschaffen, das jede Art von „creation science“ argumentativ an die Seite und bereits lange vor der sprachtheoretischen Wende in der Philosophie nachmetaphysisches Denken auf Erfolgskurs schob. Es geht nicht mehr um zeitlos geltende (Natur-)Gesetze, sondern um die Entwicklungslogik des Werdens. Alles Seiende entsteht, entwickelt sich weiter, verändert sich und vergeht. Sein kann nicht mehr als etwas Beständiges verstanden werden und steht nicht neben der Zeit, sondern folgt als zeitliches Werden und Vergehen einer besonderen evolutionären Entwicklungslogik: der Wahrscheinlichkeit des Unwahrscheinlichen (Luhmann). Das gilt sowohl für die biologische „Evolution des Lebens“ wie auch für die „Sinn-Evolution der Gesellschaft“. Mit Evolutionsprozessen wird Unwahrscheinliches zur Realität. Die Differenz beider Formen der Evolution muss unterschieden werden. 

Die vor allem von theoretisierenden Biologen (H. Maturana u.a.) entwickelte Systemtheorie verabschiedet sich von allem Seins-Denken, arbeitet mit der Differenz von System und Umwelt, lehnt damit Ganzheitskonzepte ab und unterscheidet drei evolutionäre Mechanismen: Variation, Selektion und Restabilisierung. Zufällig auftretende Mutationen von genetisch programmierten Zellen sind bei der Evolution von Lebewesen Ausgangspunkt von Variation, das Überleben von Organismen Basis der Selektion und ökologisch stabile Populationen Gegenstand von Restabilisierung. 

Die drei Mechanismen müssen für die soziokulturelle Evolution abstrakter gefasst werden. Variation ereignet sich, wenn Unerwartetes und Überraschendes in Kommunikationen auftaucht. Die jederzeitige Möglichkeit zum Negieren, d.h. eine kommunikativen Offerte abzulehnen, stört die normale Reproduktion sozialer Systeme und kann Variation auslösen. Negationen in humanen Kommunikationen sind ein Varianz-Antreiber. Meistens wird die abweichende Erwartung folgenlos verworfen, also negativ selegiert. Sporadisch aber kann die Struktur des Kommunikationssystems, das heißt der Aufbau von Erwartungen, verändert, damit in neue evolutorische Bahnen gelenkt werden. Diese positive Selektion muss, um Dauer zu gewinnen, stabilisiert werden. Restabilisierung, der neue dritte evolutionäre Mechanismus der Neo-Darwinisten, sichert den erfolgten evoluierenden Vorgang ab, bis das Gesellschaftssystem sich durch neue evolutionäre Schritte weiter differenziert. Soziokulturelle Evolution ist folglich immer auch Systemdifferenzierung.

Zu c) Wenden wir diese hochabstrakten Überlegungen auf unser Beispiel Bildung und Erziehung an und beginnen wir mit der ersten, der segmentär differenzierten Gesellschaftsform, mit der der Homo sapiens startete. Sie kennt zwar als Einheiten nur gleichartige Stämme (zusammen lebende Gemeinschaften) und Clans (Verwandtschaftssysteme), in denen aber unterschiedliche und vielfältige, potentiell evoluierende Kommunikationen die soziokulturelle Evolution angetrieben haben.

Fangen wir mit der Erziehung des Kleinkindes an. Sie verlief von der archaischen Gesellschaft bis zur Entdeckung des Kindes in der europäischen Aufklärung, thematisiert bei Rousseau, in traditionellen Formen, die den einfachen Aufbau der frühen Stammesgesellschaften und der Hochkulturen sicher reproduzierten. Eigentlich war es noch keine absichtliche, also zielorientierte Erziehung, sondern unabsichtliche, hinter den Rücken der Handelnden stattfindende Sozialisation. Erst in der Moderne wird dieses Feld zu einem umstrittenen Thema. Erst jetzt wird Erziehung als geplante Einwirkung entdeckt, erforscht, hinterfragt, problematisiert und die Besonderheit des Kindes herausgestellt, das kein „kleiner Erwachsener“ mehr ist. 

Für gegenwärtige, allzu oft verunsicherte Eltern, steht eine riesige Masse von Beratungsliteratur für die ersten Lebensjahre zur Verfügung, die die Jahrtausende alte Traditions-Sicherheit in Erziehungsfragen wieder gewinnen soll. Was nur schwer zu erreichen sein wird. Gegenwärtig hofft man auf eine Lösung durch Professionalisierung. Wie schon in den Schulen sollen in Zukunft akademisch ausgebildete Erzieher in Kittas und Kindergärten nicht nur die Berufstätigkeit von Müttern, sondern auch die alte Sicherheit in der frühkindlichen Erziehung her- und sicherstellen und familiale Defizite ausgleichen helfen. 

Anders verlief die Entwicklung bei beruflichen Ausbildungsprozessen. Sehr gut, Rebekka, dass Du beides im Blick hast. Erziehung ist in der Tat sowohl Sozialisation und Erziehung in der Familie (früher der Stamm, danach der antike oikos, die mittelalterliche „große Haushaltsfamilie“, danach die bürgerliche Familie bis zur Pluralität familialer Formen heute), wie auch schulische und berufliche Ausbildung.

Die Arbeitsteilung in den frühen archaischen Gesellschaften war einfach strukturiert. Das Sammeln von Früchten, Samen und Wurzeln lernte man durch einfache Nachahmung in kollektiven Aktionen des Stammes schon in frühem Alter. Ähnliches gilt für das gemeinsame Jagen bei Älteren. Auch militärisches Üben, wichtig und beliebt bei Jüngeren im gemeinsamen Spiel, und reales kriegerisches Kämpfen sind kollektive Akte, bei denen einfache Nachahmung überwiegt. Überraschende individuelle Einfälle und Neuerungen, die Waffen betreffend, bieten Variation an und machen, sofern die neuen Varianten angenommen werden, technisch-militärischen Fortschritt möglich, der kriegsentscheidend werden kann. Variation wird so stabilisiert. Noch gehören Krieger in Stammesgesellschaften – meistens Männer – zu keiner Profession wie später Soldaten und Söldner in den Hochkulturen, sondern haben eine Aufgabe, die jedem Mann, selten Frauen, im Verteidigungs- bzw. Angriffsfall zugemutet wird. Herausragende Erfolge einzelner Kämpfer sind Bedingung und Chance für spätere Führungsaufgaben als Häuptlinge, die Vorform für die späteren Könige in den stratifizierten Hochkulturen. 

Auch wenn kollektive Aktionen in frühen Stammesgesellschaften dominant waren – beim Sammeln, Jagen, in Kriegen und religiösen Riten – so kamen exklusive Interaktionsformen von zwei Partnern auch vor. Natürlich in sexuellen und Freundschaftsbeziehungen wie heute auch. An diesen Kommunikationsformen konnten evolutionäre Errungenschaften, die zu Systemdifferenzierungen führen, nicht ansetzten. Sexuelle und Freundschaftsbeziehungen, auch von mehreren, können sich auflösen, neue werden gestartet. Sie selbst werden aber nicht komplexer und differenzieren sich nicht aus. Evolution kann hier nicht ansetzen.

Die entscheidende Partner-Beziehung, die zum Ausgangspunkt für spätere Differenzierungsprozesse wurde, ist das Verhältnis des Schamamen zu seinem Jünger und Nachfolger. Exklusiv ist diese Beziehung, weil die Sphäre des Heiligen beide abschirmt und schützt. Dem Schamanen als charismatisch Qualifizierten werden hohe Einflusschancen zu den als willkürlich wirkenden religiösen Mächten zugesprochen. 

Er agiert als religiöser Führer zwar vor allem in Kollektiv-Riten wie Wetter-Zauber, Begräbnissen, Kriegstänzen, Potlatchs (Tausch von Geschenken unterschiedlicher Stämme, die ersten Formen ökonomischen Austauschs) etc., aber auch in der Bewältigung von Alltagsproblemen bei Krankheit, Streit, Liebesleid, Hoffnungen und Wünschen aller Art, mit denen einzelne Stammesmitglieder zu ihm kommen. Wir haben hier die erste Proto-Profession vor uns, die Kundenwünsche bedient. Neben die dominanten kollektiven Akte der Riten mit allen Stammesmitgliedern tritt eine exklusive Paarbeziehung mit Klienten als Interaktionsform, die Chancen für evolutive Differenzierungsprozesse in den späteren Hochkulturen und unserer funktional differenzierten Weltgesellschaft bieten wird. Solange die magischen Handlungen des Schamanen Erfolge zeigen, und dafür wird alles, natürlich auch alles Trickreiche getan (C. Lévi-Strauss), ist seine Stellung gesichert und seinem jungen Nachfolger der Boden für Anerkennung bereitet. Erziehung ist also in archaischen Gesellschaften vor allem Schamanen-Ausbildung, während Kindererziehung weitgehend in den Bahnen traditioneller Sozialisation erfolgt.

Der Übergang von den segmentären Stammesgesellschaften zu stratifizierten Hochkulturen wurde nach Sesshaftwerdung, Ackerbau und Stadtgründungen möglich. Alle drei Entwicklungsschritte sind erfolgreiche evolutionäre Errungenschaften. An die sozialen Ungleichheiten der proto-politischen Häuptlings-Rollen, der Kriegs- und Friedensanführer – nicht immer in Personalunion – wurde angeknüpft und die neu konstituierten politischen Spitzen der Königshäuser konnten gebildet werden. Die Entstehung von Priesterschaften setzte an der zweiten Ungleichheit der Stammesgesellschaft an, der exklusiven Paarbeziehung von Schamane und seinem Zögling. In der neuen Gesellschaftsformation wurde die Sphäre des Politischen dadurch nicht nur mit der Sphäre der Religion, sondern auch mit der Sphäre von Erziehung und Ausbildung verknüpft. Ermöglicht wurde dieser evolutive Prozess aber nur, weil der Evolution der Sprache der Durchbruch zur Schrift gelang. Die Priesterschulen der Hochkulturen machten ihre Reproduktion wie auch die neue Profession der Schreiber möglich, die als Verwaltungsfachkräfte für die Herrschaft der neuen Könige eine notwendige Bedingung waren. Sie sicherten das soziale Gedächtnis durch das neue Medium Text, das ganz neue Kommunikationen ermöglicht. Die beiden Führungsrollen der frühen gleichartigen Stammesgesellschaften, Häuptlinge und Schamanen, wandelten sich zum Königtum und zur Priesterschaft der neuen hochkulturellen Gesellschaftsformation und machten soziale Ungleichheit zur Selbstverständlichkeit für alle späteren Gesellschaftsformen – bis heute. 

Vieles änderte sich mit dem Durchbruch zur funktional differenzierten Gesellschaft der Moderne. Auf die Herausbildung von Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst und Politik als neue Funktionssysteme habe ich in unseren Dialogen oft hingewiesen. Auch das Bildungssystem wurde zu einem Funktionssystem. Die Verbindungen zur Religion, Priester beherrschten und dominierten die Bildung in allen Hochkulturen, wurden gekappt. Zunächst aber sicherte sich der moderne Staat den entscheidenden Einfluss auf das Bildungssystem. Er anerkennt zwar die Autonomie dieser Sphäre, regiert aber munter in sie hinein. 

Im Ergebnis ist zu konstatieren: die exklusive Paar-Beziehung von Schamane und Zögling ist die Proto-Form eines Bildungsverhältnisses, das sich über die Priester und Schreiber der Hochkulturen weiterentwickelte und zum Bildungssystem der Gegenwart mit ihren Lehrern, Erziehern und Ausbildern führte. Sie sind die Agenten, die heute nicht nur alle Personen unserer Sozialsysteme weltweit erfassen, sondern auch in einem zunehmend autonomen Funktionssystem lebenslanges Lernen, sogar über die Berufstätigkeit hinaus, professionell sicherstellen. 

Richtig, Rebekka, Erziehung und Ausbildung gehören zusammen und haben mit jedem als einen Einzelfall zu tun. Allerdings kennen nur Menschen die lebenslange Fürsorge für jeden. Tiere sehen das nur für ihren Nachwuchs vor und solange es lohnend erscheint. Und die Selektion durch Bildungsanstalten, die Du lieber Konrad betonst, ist eine der Grundfunktionen der Evolution generell. 

Das Bildungssystem begleitet den Lebenslauf einer jeden Person. Er beginnt nach der familialen Erziehung mit Schule, Berufsschule, Hochschule und setzt sich mit permanenter Weiterbildung fort. Auch im Alter kann Bildung jenseits des Berufes gehaltvolle Anregungen bieten. Die mehr sozialpsychologisch vorgestellten Stufen Kants müssen in ein breiter evolutives Spektrum gestellt werden, dann machen sie in der Tat immer noch Sinn. 

Clemens von Baruch

In der Tat! Eine Theorie kultureller Evolution liegt bei Habermas noch nicht vor. ImmerhIn zeigen aber seine bisherigen sporadischen Bemerkungen seinen grundlegenden Ansatz. Er stellt ein Set an Universalien (Kompetenzen) vor, die konstitutiv für die Menschheit sind. Dabei nennt er zuerst im Anschluss an Chomsky eine allgemeine Sprach- und kommunikative Kompetenz, die zur Verständigung über rechtliche und moralische Regulierungen führt, auch zum Aushandeln für strategische Ziele und zu Natureingriffen befähigt, aber ebenso ästhetisches Agieren des Menschen im Blick hat. D.h. die von Habermas unterschiedenen Typen sozialen Handelns werden kompetenztheoretisch begründet. Die Anzahl seiner Gattungskompetenzen erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, denn erst im Nachhinein erkennt der menschliche Geist die Bedingungen, die ihn ermöglichen. Späteren Generationen wird Einsicht in weitere Grundfähigkeiten mit universellem Status möglich sein. Die von ihm genannten Kompetenzen sind aber ausreichend genug ein Theorieprogramm anzudeuten, dass die bei Luhmann vorgestellten Funktionssysteme beschreiben und erklären kann und das überzeugender als er.

Luhmann, wie Parsons bewegen sich im Banne der Biologie, die in der Tat gegenwärtig in wissenschaftlichen Diskursen hohe Anerkennung, sogar Dominanz erworben hat und vielleicht die Physik ablöste, die bis in die Hälfte des letzten Jahrhundert als Modell wissenschaftlichen Vorgehens tonangebend war.

Was Du unzureichend begründet siehst, die Kombination von System- und lebensweltlicher Perspektive, ist gerade ein Ansatz, der überzeugen kann. Mit dem Systembegriff wird die biologisch-evolutionäre Ebene objektivierender Erkenntnis anerkannt, der alle Wissenschaften einschließen kann und mit der lebensweltlichen die wichtige Einsicht zugestanden, dass die Soziologie selbst Teil des Gegenstandes ist, den sie analysiert. Wir dürfen nicht übersehen, dass wir Menschen kommunizierende Wesen sind, die sich auf sich selbst beziehen können.

Malte von Baruch

Richtig, lieber Clemens! Wenn dieser Selbstbezug wissenschaftlich erfolgen soll, muss er wiederum in objektivierender Einstellung geschehen. Auch Luhmann weiß, „dass die Soziologie selbst Teil des Gegenstandes ist, den sie analysiert“. Er vergleicht den Soziologen als Beobachter „im Krähennest“, der auf die Gesellschaft und ihre sozialen Systeme blickt und sie analysiert. Sein Hauptwerk heißt deshalb auch „Die Gesellschaft der Gesellschaft“. Ein Titel, der sich nur dem erschließt, der erkennt, dass das Thema Gesellschaft nur in der Gesellschaft als eigenständige Disziplin des Funktionssystems Wissenschaft behandelt werden kann. Die Systemtheorie innerhalb der Soziologie beansprucht nur erfolgreicher zu sein und höhere Komplexität zu erfassen als handlungstheoretische Ansätze. Das muss natürlich empirisch belegt werden.

krisendialoge

Danke Euch beiden für diesen interessanten Disput. Habermas gegen Luhmann zu stellen und umgekehrt , darauf werden wir sicher noch oft eingehen müssen. 

Liebe Rebekka, sind wir mit den letzten Beiträgen von Malte und Clemens in unserer Vertiefung in das Thema Erziehung und Ausbildung weiter vorangekommen? Welche Aspekte sind Dir noch wichtig?

Rebekka Baruch

Nein, wir sind nicht wirklich weiter gekommen. Förderung einzelner und Selektion aller im Bildungssystem wurden von Konrad und mir bereits in unserem ersten Gespräch hervorgehoben. Neu und interessant am evolutionstheoretischen Ansatz von Malte ist , dass er dies mit evolutionärer Logik bestätigt und ebenso wie ich Bildung und Ausbildung als zwei Seiten einer Medaille sieht, die zusammen gehören. 

Aber führt ein evolutionstheoretischer Ansatz wirklich weiter als der strukturalistische von Piaget, der sich an der Strukturhomologie von Onto- und Phylogenese, also ebenfalls an der Biologie orientiert? Ich denke eher Nein! Die Grundtendenz gesellschaftlicher Entwicklung hin zu mehr Zusammenarbeit und den Abbau von Hierarchien, die Zwang ausüben, kann Piaget überzeugend ableiten.

Malte von Baruch

Beachte Rebekka! Evolutionstheorien verzichten auf teleologische Annahmen. Es gibt kein Ziel der Evolution. Evolutive Prozesse entwickeln sich in eine offene Zukunft hinein. Piagets Ansatz einer sozialen Entwicklung denkt noch alteuropäisch. Geschichte ist für ihn, wie für alle Aufklärer, ein Prozeß hin zu Freiheit , Emanzipation und Autonomie. Die Aufklärungsphilosophie von Kant und Hegel steht auf seiner Seite. Luhmann bricht deutlich mit dieser Tradition.

Rebekka Baruch

Mit Autonomie rechnet aber auch seine These von Funktionssystemen in der Moderne, die nicht mehr zentral gesteuert werden, sondern ihrer Eigenlogik folgen. Um das Telos Autonom-Werden kommt auch Luhmann nicht herum.

Dabei scheint mir eine wirkliche Autonomie des Bildungssystems im Vergleich zur Eigenlogik von Wirtschaft und Politik nicht gegeben zu sein. Im Gegensatz zu Ärzten und Juristen ist für Lehrer eine eher mangelhafte Professionalisierung festzustellen (U. Oevermann). Ein deutliches Zeichen insuffizienter Autonomie des Funktionssystems Bildung im Gegensatz zur Medizin und zum Rechtssystem. Die Ausdifferenzierung des Funktionssystems Bildung ist noch nicht wirklich gelungen. Es hat sich aber globalisiert. Lehrern an Schulen wird Autonomie im Sinne pädagogischer Freiheit trotz vieler rechtlicher Regeln gewährt und die Wirkung ihrer Erziehungsarbeit weltweit verglichen und bewertet. Das Ranking der Nationen bei den Pisa-Tests stößt überall in der Welt auf breites Interesse.

Bedeutsamer als evolutionstheoretische Reflexionen sind mir klassentheoretische Überlegungen zu unserem Thema. Sie sind noch nicht gründlich genug angesprochen worden. Die klassische Schule des letzten Jahrhunderts wurde dominiert von der Mittelschicht. Zwar spiegelt das alte dreistufige Bildungssystem (Volks-, Realschule und Gymnasium) Unter-, Mittel- und Oberschicht der bürgerlichen Gesellschaft wieder, nichtsdestotrotz zwingt die Schule den Kindern den Sprachstil der Mittelschichten auf. Man beachte Basil Bernsteins berühmten „elaborierten Code“ vor allem dann, wenn höhere Bildungsabschlüsse anvisiert werden. SchülerInnen müssen ihn lernen und beherrschen. Diese Anpassung an Mittelschichtstandards ist trotz aller gegenwärtig beobachtbarer Auflösungserscheinungen dieser Schicht und der Herausbildung einer neuen dualen Struktur schulischer Bildung (Gesamtschule und Gymnasium) bis heute spürbar. Man muss das Sprachniveau dieses Codes, differenziertes Sprechen und Schreiben, inkorporiert haben um Bildungsabschlüsse höherer Art zu erwerben und damit höhere berufliche Positionen zu erringen. Vor allem in Deutschland haben Kinder nichtakademischer Eltern nur geringe Chancen für universitäre Ausbildungsgänge. 

Noch tiefgründiger als Bernstein Sprach-Codes erklärt das Habitus-Konzept von Pierre Bourdieu diese Benachteiligung unterer Klassen. Sprachverhalten, Geschmack- und Werturteile konstituieren die Basis von Kulturklassen, die sich voneinander abgrenzen. Die alte tonangebende Mittelschicht differenziert sich seit den 70iger Jahren zunehmend mehr in einen verängstigten Teil, der für sich und seine Kinder sozialen Abstieg befürchtet, den alten fordistischen Zeiten stetigen ökonomischen Wachstums der Nachkriegszeit nachtrauert, die sich steigernde Globalisierung fürchtet und auf all das mit nationalen Reflexen reagiert und einer neuen akademischen Mittelklasse, die global-universalistisch eingestellt ist, in gutdotierten Jobs Arbeit gefunden hat, einen neuen Habitus ausbildet, der zur Distinktion von der alten Mitte genutzt wird. Was auch umgekehrt gilt. Die mobilen und urbanen „Anywheres“ stehen den lokal gebundenen „Somewheres“ (David Goodhart) gegenüber. Der alte Rechts-Links Gegensatz rückt neben – viele meinen, er werde ersetzt – durch den Widerstreit von Stadt und Land, Freiheit und Sicherheit, Offenheit und Tradition. Das hat auch Folgen für das Bildungssystem. Die gut situierten „Anywheres“ schicken ihre Kinder in Privatschulen und Gymnasien, fördern ihren Nachwuchs so gut es geht, um gute Ausgangschancen für deren universitäre Ausbildung zu erreichen, was den „Somewheres“ immer weniger gelingt. Der politische Erfolg der neuen national-populistischen Parteien hat auch hier seinen Grund.

krisendialoge

Da abzusehen war, dass unser Thema auch in der zweiten Runde unabgeschlossen bleiben wird, haben wir uns auf eine abschließende dritte Gesprächsrunde zu unserem Thema Erziehung und Bildung geeinigt. Sagt mir bitte, welche Aspekte beim nächstenmal unbedingt angesprochen werden sollten?

Clemens von Baruch

Aktuell meldet der Suhrkamp Verlag, dass im Herbst das Alterswerk von Habermas erscheint mit dem Titel „Auch eine Geschichte der Philosophie“. Vielleicht finde ich hier Neues zum Thema „Soziokulturelle Evolution“. Der Titel allerdings läßt aufhorchen. Sollte sich Habermas am Ende seines langes Weges mehr als Philosoph und weniger als Soziologe verabschieden? Bekanntlich verstand er sich wissenschaftlich immer gleichberechtigt als beides, obwohl er weit bekannter als Intellektueller klassischen Schlages wurde, der erfolgreich und öffentlichkeitswirksam große Debatten lostrat. Wir werden „lesen“!

Konrad von Baruch 

Klar, dass Du Dich auf das Neueste aus der Habermas-Denk-Fabrik stürzen wirst. Sympathisch finde ich bei ihm die Wende zur Anerkennung moderner Rechts-Institutionen in seinem zweiten großen Werk „Faktizität und Geltung“, faktisch eine Hinwendung zu einer konservativeren Position. In diese Richtung muss auch die Bedeutung pädagogischer Institutionen gesucht werden. Auch sie sind wie alle Institutionen Träger von objektiven Sinn. Rebekkas Insistieren auf diesem Punkt ist in unserem heutigen Gespräch nicht vertieft worden. Ebenso gefallen mir Habermas viele Plädoyers für die EU, die zeigen, dass er postnationales Niveau erreicht hat. Bei ihm leider(!) ohne Rekurs auf imperiale Ambitionen. Er hofft immer noch auf den „Ewigen Frieden“ Kants. Eine Illusion! Realistischer denkt man die EU in Frankreich weiter. Imperiale Töne sind im Umfeld Macrons zu hören. Sehr Erfreulich und nicht weiter erstaunlich für Franzosen!

Vor allem müssen in unser nächsten abschließenden Sitzung die vielen Rückstände von Schulabgängern in elementaren Rechentechniken wie Bruch-, Prozent- und Rechnen mit Potenzen und Wurzeln erklärt werden, was ebenso für die Rechtschreibsicherheit gilt. Sogar Erstsemester in den Ingenieurwissenschaften müssen, so hört man, mathematische Basisqualifikationen nachholen. Für ihr Studium sind sie mit ihrem Abitur nicht wirklich studierfähig. Woran liegt das?

Rebekka Baruch

Vermutlich an einem Missverhältnis von Lernen und Lehren in den Schulen. Die seit Jahrzehnten dominierende schülerorientierte Didaktik in allen Fächern führt zu Übertreibungen. So richtig es ist die Schülerperspektive als LehrerIn einzunehmen, um Unterrichtsinhalte an deren Denk- und Lebensformen anschlussfähig zu machen, so falsch ist es das Lehren zu vernachlässigen. Das selbständige Lernen von SchülerInnen als entscheidende pädagogische Orientierung degradiert LehrerInnen immer mehr zum Moderator, der kaum noch einschreitet. SchülerInnen brauchen Autoritäten, an denen sie sich abarbeiten können. Erst dann gewinnen sie Autonomie. Noch schlimmer wird es, wenn die guten alten Lernziele im neuesten Schrei einer kompetenzorientierten Didaktik zu einer unübersichtlichen Vielfalt von Kompetenzen umdeklariert werden, die SchülerInnen nach jeder Unterrichtseinheit beherrschen sollen.

Clemens von Baruch

Sehr gut Rebekka! Wenn ich dies höre, wie klarer und präziser ist die Übersichtlichkeit von allgemeinen und universellen Gattungskompetenzen bei Chomsky, Piaget und Habermas! Sie unterscheiden zudem noch deutlich die Kompetenz als Ideal von der empirisch auftretenden Performanz.

Malte von Baruch

Ich sehe, wir haben genug Themen für eine weitere, hoffentlich abschließende Sitzung. Mich interessiert dabei die Relevanz von Technik für pädagogische Prozesse. Sie war immer bedeutsam, wurde oft überschätzt und war nicht selten ein Fiasko, wenn man an die Sprachlabore der 60iger bis 70iger Jahre denkt. Gegenwärtig geht es natürlich um Internet und Computer. Wie wichtig sind sie eigentlich, wenn Schüler dabei nicht selten ihren Lehrern etwas vormachen.

krisendialoge

Herzlich Dank auch diesmal für Eure, wenn auch nicht unbedingt weiterführenden, so doch vertiefenden Beiträge zu unserem Thema. Weiterführendes wurde aber von Euch für unsere Abschlusssitzung angekündigt.

Literaturhinweise

Niklas Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft I und II, Frankfurt a.M. 1997 

Im Band I Kapitel 3 entwickelt Luhmann die Grundlagen seiner soziokulturellen Evolutionstheorie als Teil seines gesellschaftstheoretischen Projekts.

Habermas, J., Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus, Frankfurt a.M. 1976

Der Titel mit seinem „Zur“ deutet den vorsichtigen Start einer Theorie soziokultureller Evolution an, den er in dieser Aufsatzsammlung im Anschluss an die marxistische Geschichtstheorien in Grundzügen vorstellt. Bisher ist es bei diesen vorläufigen Überlegungen geblieben.

Oevermann, Ulrich, Theoretische Skizze einer revidierten Theorie professionalisierten Handelns, in: Pädagogische Professionalität, Hg. Combe A.u.a. Frankfurt a.M. 1996, S.70ff U. Oevermann, ehemaliger Assistent von Habermas in Frankfurt, entwirft in diesem langen Aufsatz seine Theorie der pädagogischen Profession in Anlehnung an die auf ihn zurückgehende sozialwissenschaftliche Methode einer „Objektiven Hermeneutik“, auf die sich Rebekka mit ihrem Insistieren auf den objektiven Sinn sozialer Gebilde bezieht.

Lévi-Strauss, Claude, Der Zauberer und seine Magie, in: ders. Strukturale Anthropologie I, Frankfurt a.M. 1978, S. 183-203

Der berühmte französische Ethnologe und Begründer des Strukturalismus hat die Verwandtschaftssysteme, Heiratsregeln und das Wilde magische Denken früher Kulturen erforscht. 

Bourdieu, Pierre, Die feinen Unterschiede, Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt a.M. 1982ff

Diese berühmte Studie des französischen Soziologen, der die Konstituientien ökonomischer, sozialer und kultureller Klassen entwickelt hat, wird gegenwärtig beim Blick auf die Herausbildung und Spaltung neuer Mittelklassen wieder hoch aktuell. Das Bildungssystem der Moderne wurde von ihm lebenslang analysiert.

Geplante Rezensionen

Kaube, Jürgen, Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder?, Berlin (Rowohlt) 2019

Precht, Richard David, Anna, die Schule und der liebe Gott, München (Goldmann) 2013

Erziehung und Bildung I – Von Kant zu Habermas

Abstract

Im ersten Teil der zweiteiligen Diskussion stellt Clemens die Grundidee der Pädagogik Kants vor, der einen vierfachen Stufenprozess vom Natur- zum Freiheitswesen Mensch beschreibt. Prinzipiell wird diese Entwicklungsidee Kants für unsere Gegenwart, insbesondere durch die kommunikationstheoretische Transformation der pädagogischen Ideen Kants mit Hilfe der Handlungstypologie von Habermas, als sinnvoll und hilfreich anerkannt, allerdings werden auch gravierende Mängel gesehen. Der Rationalist Habermas kennt weder ein außeralltägliches noch ein emotionales Handeln. Gegen Kants „Erziehung zur Freiheit“ setzen Konrad und Rebekka auf „Anerkennung von Institutionen“ und „Pädagogische Fürsorge“ mit Orientierung am Einzelfall.

krisendialoge

Reflexionen über Erziehung und Bildung tauchten in unseren Diskussionen immer wieder auf. Klar, man kann jede Krise unserer Gegenwart auch auf dieses Thema beziehen, was einigen von Euch ein ernstes Anliegen ist. Heute sollen Eure bisherigen Nebenbemerkungen im Mittelpunkt unserer Betrachtungen stehen. 

Kant hat regelmäßig in der Universität von Königsberg im Rahmen seiner Pflichtveranstaltungen auch über Pädagogik vorlesen müssen. Er soll es gerne getan haben. Kläre uns auf, lieber Clemens, was es damit auf sich hat und was wir heute noch von diesem großen Philosophen zu unserem Thema lernen können.

Clemens von Baruch

Die Lektüre von Rousseaus „Emil“ hatte Kant so gefesselt, dass er ihretwegen einmal die Regelmäßigkeit seiner Sparziergänge unterbrach, nach denen sich die Königsberger (angeblich) ihre Uhren einstellen konnten. Die Faszination Kants von Rousseaus Bildungsroman ist kein Wunder. Die „Entdeckung des Kindes“ und seiner Besonderheit, die es vom Erwachsenen unterscheidet, ferner die Relevanz von Bildung am Kind durch einen Erzieher, der das Kind zur Selbständigkeit und gleichzeitig zur Annahme und Zustimmung des Gesellschaftsvertrages führt, waren es, die ihn in diesem Fall vielleicht einmalig aus der (allzuoft!) zwanghaften Routine seiner Lebensführung rissen. Aber Kant hat, für einen eigenständig reflektierenden Philosophen nicht weiter erstaunlich, Rousseaus Bildungskonzeption weitergedacht und eigene Vorstellungen zur Bildung entwickelt.

Ein Neugeborener ist beim Eintritt in unsere soziale Welt noch kein „freies Wesen“, meldet aber, so Kant, mit seinem Geburtsschrei einen „Anspruch auf Freiheit“ an im Gegensatz zum lautlos geborenen Tier. Freiheit ist, wie auch in seiner politischen Philosophie, oberstes Ziel allen Erziehens. Anders als Rousseau, der im Schonraum der Erziehung fernab der Gesellschaft, auch des Elternhauses, im Erziehungsprozess seitens des Lehrers auf Zwang verzichten und ohne Strafen, allein durch Spüren der Folgen des Handelns auf seinen Zögling einwirken will, weiß Kant: „Zwang ist nötig“ (Über Pädagogik, Werkausgabe, Bd. XII, S. 711). Das Kind „muss früh den Widerstand der Gesellschaft fühlen“. Wie kann aber Erziehung zur Freiheit durch Zwang möglich werden? Das ist die Grundfrage seiner Pädagogik und er hat eine Lösung. Die Entwicklung des Naturwesens Kind zum Freiheitswesen Mensch erfolgt für ihn in vier Stufen.

Erziehung beginnt mit Disziplinierung. Die wilde Natur des Menschen, seine Aggressionen und Wünsche nach unmittelbarer Befriedigung seiner Neigungen, müssen in Schach gehalten und in die Bahnen von Selbstdisziplin gelenkt werden. Das Kind ist nicht von Beginn an ein Vernunftwesen. Die Dominanz von Vernunft muss aufgebaut und seine Wildheit zurückgedrängt werden. Dabei darf es nicht darum gehen, den Willen des Kindes zu brechen. Einsicht in die Geltung von Regeln ist zu lernen, die Eltern und Erzieher repräsentieren. Immer mehr muss für das Kind das Regelsystem im Vordergrund stehen und nicht die Autorität als solche. Im Spiel, so Kant, kann dies am Besten gelingen. Genau dort lernt das Kind Anerkennung und Ehrfurcht vor den Regeln.

Kultivierung  ist die nächste Stufe Im Bildungsprozess. Hier geht es um das Lernen grundlegender Kulturtechniken, die man wie Lesen und Schreiben beherrschen muss um ein „kluger“ Bürger zu werden. Heutzutage gehört in diesem Zusammenhang selbstverständlich die kompetente Nutzung von digitalen Medien, überhaupt all die notwendigen Lernziele, die grundlegend für alle Schüler unserer modernen Gesellschaft sind. 

Zivilisierung, der nächste Schritt, erweitert das kulturelle Lernen dahingehend, andere Mitmenschen „zu seinen Endzwecken zu gebrauchen“. Nicht elementare Kulturtechniken wie Schreiben und Lesen sind gemeint, sondern die Kompetenz in einer Gemeinschaft gleichrangiger Bürger vernünftig kommunizieren zu können. Angesprochen wird von Kant die Ebene einer allgemeinen Theorie der Schule in einer Republik, ohne diese aber genauer zu entwickeln. Man muss dieser Frage nach den „Bedingungen der Möglichkeit einer republikanischen Schule” über seine kursorischen Bemerkungen hinaus sehr gründlich nachgehen. Der “Schonraum Schule” in einer Republik gleicher Bürger kann, das muss explizit gemacht werden, selbst wiederum republikanisch geordnet werden. 

Sichern die drei bisherigen Stufen den Eigenwert als Individuum und die Klugheit eines Bürgers, so überschreitet die vierte und letzte Stufe der Moralisierung die partikulare Ebene der bürgerlichen Gesellschaft und erreicht die universalistische des Menschengeschlechts. Jetzt soll der Zögling fähig werden, den kategorischen Imperativ als Überprüfungsverfahren der Vernunft einzusehen und im Leben immer wieder zu praktizieren. Das ist nie ständig möglich, denn wir Menschen sind für Kant ein „krummes Holz“, aus dem „nichts ganz Gerades gezimmert“ (Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht, 1784. Sechster Satz Werkausgabe Bd. IX S. 41) werden kann. Ein Fortschritt in den Sphären Moral, Politik und Recht, auch der Bildung ist uns Modernen aber möglich, wie auch Rückschläge korrigierbar sind.

krisendialoge

Ich weiß, lieber Konrad, Du bist mit dem kantischen Ansatz von Clemens häufig nicht einverstanden. Gerne reagierst Du aber auf Überlegungen Deines Bruders, das weiß ich auch, die sich von Kant inspirieren lassen. Du hast in unseren bisherigen Diskussionen am meisten das Thema Bildung und Erziehung angeschnitten, deutlich mehr als alle anderen Diskutanten. Jetzt hast Du die Gelegenheit, eines Deiner wichtigsten Anliegen zu resümieren.

Konrad von Baruch

In der Tat, Erziehung und Bildung sind mir ein ernster Sachverhalt, auf den ich immer wieder zu sprechen komme und der mir für die Lösung vieler unserer Krisen heute häufig am Wichtigsten erscheint. Befreit man sich von den falschen Vorstellungen, dass es vor allem bei Krisen auf politische Steuerung ankomme, so alle Linken und viele „übliche“ Konservative oder auf die Regelung durch den Markt und die Förderung wirtschaftlichen Wachstums, so der klassische Liberale als Standardlösung aller Probleme, so verweise ich gerne auf den Primat des Bildungssystems um politischen und vor allem kulturellen Krisen gerecht zu werden.

In den harmonischen Gesellschaften Asiens weiß man das. Unternehmer sind als Egoisten immer wieder nicht weit entfernt vom Gauner und Ganoven (Bankster!) und Politiker machen Versprechen, von denen sie allzuoft nach ihrer Wahl nichts mehr wissen wollen. Anders die Erzieher, sie formen die Jugend, um die Gesellschaft, d.h. ihre Institutionen und Werte, für die nächsten Generationen zu sichern und zu erhalten. In asiatischen Ländern, vor allem in China und Japan, in Europa nur in Skandinavien, vor allem in Finnland, vielleicht noch ein wenig in Frankreich ist diese Einstellung zu finden. Leider nicht in Deutschland.

Ehrfurcht vor den Regeln, lieber Clemens, ist ein Ziel, das mir sehr gut gefällt. Du meinst, die Regeln müssen immer mehr im Vordergrund stehen und die Autoritäten immer mehr zurücktreten. Das wird aber nicht bei allen Schülern gelingen. Autoritätsfixiert sind auch viele Erwachsene, vor allem aus dem Kleinbürgertum. Nach den vier kantischen Stufen kommt für Dich als höchste und 5. Stufe der Erziehung die Kritik der Regeln in einem öffentlichen Diskurs. Dieses Ziel werden noch weniger Schüler erreichen. Warum?

Chancengleichheit im Bildungswettbewerb, ich bin wie wir alle entschieden dafür, bedeutet in letzter Konsequenz: Ungleichheit aufgrund unterschiedlicher Begabungen. Soziale Ungleichheit kann durch ein durchlässiges Bildungssystem, das viele Staaten als Ziel anvisieren, aber nur wenige wirklich erreichen, nicht wirklich abgebaut, aber besser legitimier bar werden. Heute sind wir von einer Leistungsgesellschaft weit entfernt und leben weit eher in einer neuen Ständegesellschaft, in der Reiche die Reproduktion ihrer Klassenlage, d.h. ihre Vermögen und Einkommen u.a. dadurch zu sichern suchen, indem sie ihren dösigen Nachwuchs in Privatschulen und Privat-Universitäten zu unverdienten Abschlüssen und danach zu lukrativen Jobs verhelfen.

Die Selektion im Bildungssystem muss Vorrang haben. Denn nur sie erreicht Gerechtigkeit, die für alle einzusehen und zu akzeptieren ist. Diese Funktion muss die vier Erziehungsstufen Kants überwölben. Disziplinierung ist in der Tat von allen Gesellschaftsmitgliedern zu verlangen. Notwendige Grundlagen dazu hat vor der Schule das Elternhaus zu legen und ist nur durch konsequente Erziehung erreichbar. Ängstliche und unsichere Eltern, ein Massenphänomen der Gegenwart, schaffen das nicht und die Schule kann nur schwer Erziehungsmängel der Eltern beheben. Selbstverständlich müssen auch alle Jugendlichen elementare Kulturtechniken wie Schreiben und Lesen beherrschen. Also gilt Kants zweite Stufe der Kultivierung ebenfalls für alle. Ab der dritten Stufe aber ist zu unterschieden. Sicher müssen alle fähig sein zu kommunizieren. Die zu erlernenden Sprachspiele sind aber für unterschiedliche Altersgruppen und spätere Berufe nicht dieselben. Schüler und Schülerinnen der Grundschule bis zur Sekundarstufe benötigen eine konsequente und zielstrebige Erziehung, die Autorität und Zuwendung kombiniert. Folgsamkeit, nicht blinder Gehorsam muss gelernt werden. Zuhören, Verstehen und Anweisungen ausführen, das müssen Schüler und Schülerinnen in ihren späteren nichtakademischen Berufen beherrschen. Ab der Oberstufe, mit Blick auf Studium und höhere Berufsanforderungen, steigt das Anforderungsniveau. Erst hier machen moralisches Reflektieren und Kritikfähigkeit Sinn und sind auch später notwendige Basis ihrer Tätigkeit. 

Der Aufklärer Kant erhoffte sich von schulischer Bildung das Erreichen höchsten Menschseins. Viele seiner Epigonen, vor allem die humanistischen Pädagogen, wollten dieses Ziel sogar für alle. „Auch ein Tischler“ sollte für Wilhelm von Humboldt „Alt-Griechisch lernen“, um seine Anlagen und Potentiale möglichst voll zu entfalten. Schulen aber selegieren und sortieren auch aus, zeigen also Grenzen auf, die zumindest zu einem Zeitpunkt unerreichbar sind, später vielleicht noch möglich werden, sofern notwendige Reife nachträglich erfolgt und Mängel beseitigt werden. Unsere Gesellschaft heute gibt auch Spätentwicklern ihre Chancen und das ist gut so. An der Selektion durch Bildung, im Einzelfall sicher oft bitter, kommen wir nicht vorbei.

Vor allem die Rolle des Lehrers muss in Deutschland gestärkt werden. Von ihm hängt der Erfolg des Schülers in der Schule weitgehend ab, weit mehr als von deren institutioneller Form wie Gymnasium oder Gesamtschule. Der Lehrer zehrt immer noch, das wird zu wenig gesehen, von seiner historischen Herkunft aus dem Priestertum, das in allen Hochkulturen, auch in Europa, das Erziehungswesen beherrschte. Als Garant der Reproduktion einer Gesellschaft durch Weitergabe ihrer Werte und der Neurekrutierung ihrer herrschenden Eliten sind sie und nicht Politiker oder gar Unternehmer die wirklichen Repräsentanten der Gesellschaft. Die Aura des Heiligen, die jeden Priester immer noch umgibt, kann für die Lehrerschaft in der Moderne nicht mehr erzeugt werden und braucht es auch nicht. Hohe Anerkennung aller Erziehungsberufe, in China und Japan bis heute vorherrschend, reicht aus und sollte Vorbild auch für Deutschland werden.

krisendialoge

Rebekka, Du benutzt immer wieder den Begriff „Fürsorge“, um Krisenphänomene, die wir hier diskutieren, Lösungen zuzuführen. Zuletzt bei der Erörterung Deiner Sozialstaats-Idee. Ist dieser Begriff auch im Zusammenhang von Erziehung und Bildung für Dich wichtig?

Rebekka Baruch

Ja, dieser Begriff ist ein Schlüsselwort meiner Denkungsart und auch hier anwendbar. Du, lieber Clemens, rückst die Vernunftfähigkeit und seine Entwicklung für möglichst alle in den Vordergrund, während für Dich, lieber Konrad, die Selektion durch schulische Leistungsunterschiede den vorrangigen Platz einnimmt. Ich stelle stattdessen die Förderung persönlicher Stärken einer/eines SchülerIn an die erste Stelle, ohne die Notwendigkeit von Vernunftentwicklung und Selektion durch Leistungsdifferenzen zu leugnen. Das Eingehen auf den Einzelfall als oberste Orientierung einer LehrerIn muss Ausgangspunkt pädagogischen Handelns sein. Das bedeutet persönliche Begabungen eines/einer SchülerIn zu fördern und Ihr/ihm bei der Identitätsfindung zu helfen. Die Lehrperson soll der jeweiligen Besonderheit gerecht werden und nicht nur Defizite ihrer familiären Herkunft sehen und kompensieren wollen. Das genau ist es, was Fürsorge in diesem Zusammenhang meint: dem Einzelfall gerecht werden.

Ein zweites Manko Eurer bisherigen Beiträge betrifft den notwendigen Dualismus von allgemeiner und spezieller beruflicher Bildung, die gesehen werden sollte. Schule dient immer, von der Grundschule bis zum Abitur, einerseits dem Aufbau einer persönlichen Identität, die durch Auseinandersetzung mit den Kulturtraditionen einer Gesellschaft und ihren elementaren Kulturtechniken zu erfolgen hat, andererseits aber auch der beruflichen Vorbereitung. Junge Menschen schauen während ihrer schulischen Karriere stets nach vorn, sehen sich also ins Erwachsenenalter versetzt und bilden Zukunftsentwürfe ihrer beruflichen Tätigkeit. Dem werden die allgemein bildenden Schulen schon heute gerecht durch Berufspraktika, Firmen- und Berufsmessen-Besuche etc.. Teil des normalen Unterricht ist diese Dimension des Lernens aber noch zu wenig. Berufsvorbereitung gehört konstitutiv zum pädagogischen Handeln und zur pädagogischen Fürsorge dazu.

Nicht der Lehrer als solcher ist entscheidend für den Lernerfolg, sondern seine soziale Beziehung zur/zum SchülerIn. Ängstliche und unsichere Eltern sind, da hast Du recht Konrad, das gegenwärtig am meisten herausfordernde Problem, weit mehr als autoritäre. Ebenso stimme ich Dir zu, wenn Du Konsequenz-Zeigen beim Erziehen betonst. Ausschlaggebend ist jedoch der Wechsel im Erziehungsstil von primär führungsbetont, verbunden mit Zwang, wenn nötig im frühen Alter bis zur Pubertät, zu immer häufigeren Formen von Zusammenarbeit auf der Basis von sozialer Gleichheit in den letzten Schuljahren. Für Jean Piaget ist diese Abfolge sozialer Beziehungsmuster die Grundlage für die Aufeinanderfolge von der heteronomen zur autonomen Moral. Kant, der noch keine soziologische oder sozialpsychologische Denkart kannte, hat erst mit seiner Phase der Zivilisierung die soziale Ebene betreten. Ein modernes Verständnis von Sozialisation weiß, dass das Soziale sofort mit der Geburt beginnt, vermutlich sogar bereits davor. Kant, lieber Clemens, muss deshalb soziologisch und sozialpsychologisch weitergedacht werden. Und kommunikative Fähigkeiten, lieber Konrad, durchaus bis zur kritischen Hinterfragung von Regeln müssen in unsrer heutigen Welt alle lernen, auch in nichtakademischen Berufen ist das manchmal erforderlich, von der politischen Bildung und Beteiligung ganz zu schweigen.

Clemens von Baruch

Gut, dass Ihr beide, Rebekka und Konrad, meine Einführung einiger Momente einer kantischen Pädagogik mit den Herausforderungen unserer Gegenwart konfrontiert. Immerhin seine Stufenidee scheint immer noch anzukommen. Dass Kants Philosophie mit seiner monologischen Basis, dem Ausgangspunkt eines Vernunftsubjekts und seiner Vermögen, heutzutage nicht mehr überzeugen kann, folglich kommunikationstheoretisch weitergedacht, meinetwegen soziologisiert werden muss, war für mich der Grund von Kant zu Habermas weiterzuschreiten. Um diesen Schritt plausibel zu machen, werde ich versuchen, die linkskantische Wende von Habermas zu testen, indem ich Eure interessanten Überlegungen, Rebekkas Insistieren auf den Einzelfall, auf die Notwendigkeit einer dualen Bildung und das Ziel einer autonomen Moral, wie auch Konrads Plädoyer für Selektion und eine Stärkung der Autorität des Lehrers, aus der Perspektive seiner Sozialphilosophie interpretiere.

Habermas hat mit seinem Hauptwerk „Theorie kommunikativen Handelns“ seine Sozialphilosophie von allen Resten platonischer, überhaupt metaphysischer Überlegungen befreit. Die Zwei-Welten-Lehre Kants, der die Sinnenwelt von der intelligiblen Welt reiner Vernunftwesen unterscheidet und den Menschen beiden Welten zuordnet, wurde überwunden. Die Behauptung einer von der Welt der „Phänomena“ abgehobenen Welt der „Noumena“ braucht nicht mehr erhoben zu werden. Ein moderner nachmetaphysischer Standpunkt als Basis der Soziologie ist gefunden, der tiefer als bei anderen soziologischen Schulen an der die menschliche Gattung konstituierenden Universalie sprachlicher Verständigung ansetzt. Er entwickelt von hier ein Set von Kommunikationsformen bzw. Handlungstypen, mit denen auch unser Feld der Erziehung und Bildung analysiert werden kann. 

Dass Verständigung bei Habermas als konstitutive Basis humaner Kommunikation fungiert, ist gerade für den Sozialbereich Erziehung plausibel. Denn Kommunikationen zwischen Lehrern und Schülern, Lehrern untereinander, Lehrern zu Eltern und Betrieben, die sich für Schulpraktika zur Verfügung stellen, gehorchen einer wechselseitigen Verständigung. Nur wenn man genau zuhört, sich ernsthaft bemüht das Anliegen des Gegenüber zu verstehen, kann hier Kommunikation gelingen. Bei Irritationen, Missverständnissen, Unaufmerksamkeiten ist man im erzieherischen Umgang auf eine verständigungsorientierte Einstellung der Agierenden angewiesen. Ein möglicher Konsens der Beteiligten deckt die normative Grundlage auf und zeigt, dass kommunikatives Handeln normenreguliert ist. Dieser Handlungstypus bildet die Basis, keineswegs die Mehrzahl der Kommunikationen. 

Schule ist immer auch Wettbewerb, vor allem der Schüler untereinander im Unterricht, aber auch von Schülergruppen der eigenen wie auch anderer Schulen bei ganz unterschiedlichen Anlässen, sogar des Lehrpersonals. Lehrer konkurrieren miteinander um Kompetenz, Einsatz für Schülerbelange und Karriere. Habermas analysiert sozialen Wettbewerb nicht mit dem kommunikativen, sondern dem strategischen Handeln. Strategisches Handeln ist nicht verständigungs-, sondern erfolgsorientiert. Ein gesetztes Ziel will man erreichen und einigt sich auf die dafür notwendigen Mittel.

Ein dritter Handlungstyp ist das dramaturgische Handeln. Ein Aktor bewegt sich wie auf einer Bühne vor einem Publikum um sich selbst, d.h. seine Person und Identität vorzustellen. Gar nicht so selten steht dieses Handlungsziel bei Schülern wie Lehrern im Vordergrund. 

Alle Akteure im Schul- wie Hochschulleben bewegen sich in ihrem Alltagsleben mit Aktionen, die diesen Handlungstypen oder Kombinationen von ihnen gehorchen. Sind Handlungsabläufe dieser drei Formen des Handelns eingeschliffen und damit zu Institutionen geronnen, strukturieren sie das alltägliche Miteinander und machen gemeinsame und sich stützende Erwartungen möglich. 

Analysiert man das Handlungsgeschehen mit dem dramaturgischen Typ, liebe Rebekka, dann ist klar, dass die Besonderheit eines Schüler das Thema ist. Jeder Lehrer, der auch selbst immer wieder gezwungen ist, sich als Person zu thematisieren und darzustellen, muss auch ein Gespür dafür entwickeln, was die Besonderheit seiner Schüler ausmacht. Er muss folglich ihrem Einzelfall gerecht werden und sich ihnen in seiner Besonderheit zuwenden. Auch die Verbindung von allgemeiner und vorbereitender beruflicher Bildung muss Konsens und damit Bestandteil von Lehrplänen sein und ist es ja auch bereits. 

Ebenso hat Wettbewerb notwendig Sieger wie auch Verlierer als Folge, lieber Konrad. Anders als im Wirtschaftssystem muss aber den jugendlichen Verlierern geholfen werden mit einer späteren zweiten Chance und/oder mit einem anderen Abschluss, auf einem niederen Leistungslevel. Keiner darf aufgegeben werden. Die Wirtschaft kennt diese Gnade für Unternehmer nicht. Unerbittlich geraten sie in die Insolvenz. Anders unsere Arbeitnehmer – unserem Sozialstaat sei Dank!

Rebekka Baruch

Sehr schön, dass ich an dieser Stelle meine Anfragen an die Sozialphilosophie von Habermas loswerden kann. Insgeheim bin ich ja, wie ihr beiden wisst, von der Position des frühen Piaget überzeugt, der für mich einen überzeugenderen Standpunkt für eine transformierte kantianische Moralphilosophie entwickelt hat. Warum?

Kommunikatives Handeln ist nicht immer normenreguliert. Das Ausräumen von Missverständnissen und Irritationen, deine Beispiele Clemens, sucht häufig die Intention des Gegenüber, den subjektiv gemeinten Sinn und nicht unbedingt die das Handeln steuernde Norm. Die Texte, die Akteure bei ihrer Zusammenarbeit produzieren, haben aber auch einen objektiven Sinn, der umfassender ist als die jeweiligen Intentionen der Handelnden. In einer objektiven Einstellung kann ein Beobachter in der Rolle eines Interpreten versuchen, diesen objektiven Sinn explizit zu machen. Text-Wissenschaft als Hermeneutik, dazu gehören alle Sozial- und Geisteswissenschaften, hat genau diese Aufgabe. Im Alltagshandeln dagegen müssen sich Interagierende mit sehr schnellen Interpretationen ihres Gegenüber zufrieden stellen, die weit unterhalb des real produzierten objektiven Sinns liegen. Einfach deshalb, weil der Anschluss ihrer Reaktionen gelingen muss, sonst stoppt die gemeinsame Kommunikation und kann nicht fortgesetzt werden. Unterricht zum Beispiel verlangt vom Lehrer genau das. Er muss sehr schnell den gemeinten Sinn des/der SchülerInnen erfassen, um Unterricht nicht ins Leere laufen zu lassen. In seiner Nacharbeit lohnt es sich aber, sich zu erinnern und mehr Sinn zu erfassen. Das kann für seine weitere Unterrichtsplanung wertvoll und wichtig sein, auch um den Einzelfällen seiner SchülerInnen gerecht zu werden.

Was Habermas mit „kommunikativer Kompetenz“ meint, hat mit dieser Differenz von subjektiv gemeinten und objektiv produzierten Sinn zu tun. Kommunikative Kompetenz ist nicht Teil eines männlichen oder weiblichen Vernunft-Subjekts, sondern objektiver Sinn in humanen Kooperations- und Verständigungsprozessen, die unsere Gattung von Anbeginn kennzeichnen und an denen sich Kinder beiderlei Geschlechts aktiv im Prozess der Sozialisation abarbeiten. Es geht um eine Gattungs-Kompetenz, nicht um individuelle kommunikative Fähigkeiten. Es geht um die evolutionäre Errungenschaft, die unsere Gattung auszeichnet: durch Zusammenarbeit in all seinen Facetten, z.B. Ziele entwerfen und umsetzen, Störungen sprachlich beheben, den Kreis der Mitarbeitenden aufstocken, eventuell auch verringern und so menschliche Produkte und Kulturen zu erschaffen und zu erhalten. All dies meint Zusammenarbeit im eigentlichen Sinn. Wir müssen uns dieser Mehrdimensionalität von sozialer Zusammenarbeit bewusst werden. Sie ist es, die praktische Vernunft im Sinne Kants wirksam macht und zur Autonomie führt. 

Ob die Begriffsschöpfungen von Habermas weiterhelfen, bezweifele ich. Sicher, Kooperation und Wettbewerb, Selbstdarstellungen und Strategien müssen unterschieden werden. Ebenso wichtig ist aber auch das Alltagshandeln, das schnelle Sinn-Erfassung aller Beteiligten erfordert, vom außeralltäglichem Handeln, das z.B. in der Wissenschaft weiter dringt und sich dem objektiven Sinn annähert, zu unterscheiden. 

Auch irrationales Handeln, von Emotionen, auch Aggressionen gesteuert, gehört zum Menschsein dazu und hat in der Erziehung sehr hohe Relevanz. Erwachsen-Werden bedeutet durch Stürme von Gefühlen geworfen zu werden und dabei trotzdem seine Identität zu finden. All das hat für die Sozialphilosophie des Hyper-Rationalisten Habermas keine hohe Bedeutung, gehört aber gerade in eine Theorie der Erziehung notwendig mit hinein.

Konrad von Baruch

Sehr gut, Rebekka, Deine Habermas Kritik gefällt mir. Ich gehe nur noch einen gedanklichen Schritt weiter und frage nach weiteren „Bedingungen der Möglichkeit“ humaner Kommunikation. Was Du als Hintergrund von Alltagshandeln im Blick hast, wobei der subjektiv gemeinte Sinn der Interagierenden vom objektiv produzierten Sinn unterschieden wird, führt für mich zur These, dass humane Kommunikation von Anfang an nur vor dem Background sozialer Institutionen möglich ist. Sie sind der eigentliche Träger objektiven Sinns, der aktuell nur selten den Handelnden bewusst ist, aber stets notwendiger Bestandteil sozialer Situationen ist und rekonstruiert werden kann. Um soziale Interaktionen verstehen zu können, muss diese institutionelle Einbettung thematisiert werden.  Handlungs- und Institutionen-Ebene müssen unterschieden werden.

Institutionen sind in der Geschichte unserer Gattung bisher stets mit Herrschaft und Autorität verbunden gewesen. Die Moderne hat zwar das Versprechen gegeben, dass Autorität und Herrschaft überwindbar sind, konnte diese Zusage aber bisher nicht einlösen und wird es wohl nie können. Was geschieht, wenn wir die Modernen überfordern, ist heutzutage offensichtlich. Sie geraten als Individuen in einen Zustand von Erschöpfung und Depression. Diesem „erschöpften Selbst“ (Alain Ehrenberg), dem Normalzustand so vieler Zeitgenossen, muss in unseren Schulen und Hochschulen geholfen werden um wieder alltagstauglich zu werden. Noch nie waren Lehrer so wichtig wie heute. Sie sind um diese weitere therapeutische Aufgabe nicht zu beneiden. Wichtiger als eine „Erziehung zur Freiheit“ ist der erzieherische „Mut zur Anerkennung von Institutionen“.

krisendialoge

Ich sehe, lieber Clemens, du willst antworten. Ich bitte Dich aber, bis zu unserer nächsten Zusammenkunft zu warten. Wir konnten heute unser komplexes Thema nicht erschöpfend behandeln, sondern nur in diesen wichtigen Fragenkomplex einführen und müssen unser Gespräch über Erziehung und Bildung fortsetzen. Malte, zur Zeit auf Reisen, will auch noch seine Sicht des Themas loswerden. Bis bald!

Literaturempfehlungen

Immanuel Kant, Über Pädagogik, Werkausgabe, Bd. XII, S.693-761 – Dieser Text basiert auf Vorlesungsmitschriften, die von einem seiner Mitarbeiter aufgezeichnet und von Kant autorisiert wurden.

Jürgen Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns Bd. 1 und 2, Frankfurt a.M. 1981(Suhrkamp). Habermas entwickelt seine Kommunikationstheorie durch Rekonstruktion „blinder Flecken“ bei den Grundbegriffen der soziologischen Klassiker. Im ersten Band sind es Strukturschwächen der Soziologie Max Webers, im Band 2 v.a. diejenigen von Emile Durkheim, George H. Mead und Talcott Parsons. Auf eine Theorie pädagogischen Handelns geht er nicht ein. 

Weitere Literatur-Hinweise im nächsten Blog!

Gerechtigkeit und Moral III – durch ein bedingungsloses Grundeinkommen (bGE)?

krisendialoge

Nicht wenige sozialwissenschaftliche Prognosen sagen dem sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaat, der in unterschiedlichen Formen in ganz Westeuropa zu finden ist, eine Verschärfung seiner Krise voraus. Ursachen sind: die niedrigen Geburtenraten in den meisten europäischen Staaten, die sich schon lange zu einer demographischen Überalterungs-Krise ausgewachsen haben; die baldige Verrentung der Babyboomer, die die etablierten, ebenfalls sehr unterschiedlichen staatlichen Rentensysteme aushebeln werden, weil weniger Arbeitende weit mehr Ruheständlern als bisher gegenüberstehen werden; vor allem aber der sich weiter beschleunigende Prozess der Digitalisierung, der viele unserer etablierten Berufe kräftig umstrukturieren, sogar teilweise vernichten wird. Mit erfolgreicher Künstlicher Intelligenz (KI) werden nicht nur bessere Roboter für die Industrieproduktion, sondern komplexe Systeme entwickelt werden, die auch Standardarbeiten akademischer Berufe und weit mehr Verwaltungs- und Entwicklungstätigkeiten als bisher ersetzen können. Das wird unsere Arbeitswelt, unser Rentensystem, überhaupt unseren Sozialstaat herausfordern. Wohin muss er verändert werden?

Einer der interessantesten Vorschläge seit etlichen Jahren bildet in diesem Zusammenhang das „bedingungslose Grundeinkommen“ (bGE). Es soll heute unser Thema sein. Wir haben in zwei unser letzten Gesprächen Eure Grundpositionen zum Verhältnis von Politik, Moral und Gerechtigkeit deutlich werden lassen und sind damit für diese neue Diskussion bestens vorbereitet.

Lieber Malte, stellte bitte zur Einleitung die Grundidee des bGE und einige seiner bisherigen Modellversuche vor!

Malte von Baruch

Erfunden wurde das bGE nicht von Links. Der liberale Ökonom und Vater des Monetarismus Milton Friedman war es, der mit dem Konzept der „negativen Einkommensteuer“ den Sozialstaat vereinfachen wollte. Sozialbürokratien können abgebaut werden, wenn die Finanzämter mit diesem Konzept die Sozialtransfers übernehmen. Der Normalbürger zahlt wie bisher seine Steuern, die Bedürftigen erhalten ihre Unterstützung ebenfalls von dort. Mehre Modellversuche wurden in den USA von 1968 bis in die 80iger Jahre durchgeführt. Konservative Kreise befürchteten eine Zunahme von Faulheit und Abnahme von Arbeitsbereitschaft. Sozialwissenschaftlich begleitende Forschung konnte das nicht bestätigen. Im Gegenteil, Verbesserungen bei Gesundheit und Wohnqualität wurden bei den Betroffenen festgestellt. Diese US-Modelle gewährten den Betroffenen aber nur ein bescheiden berechnetes Existenzminimum. Deutlich großzügiger ist das von Teilen der Links-Partei befürwortete bGE konzipiert. Jedem Deutschen soll über das Existenzminimum hinaus mit 1.500 Euro p. M. ein „gutes Leben“ ermöglicht werden, zu dessen Bezahlung große Umverteilungen, vor allem durch eine Vermögens- und Luxussteuer vorgesehen sind. Allein durch eine Finanztransaktionssteuer, d.h. eine Mikrosteuer von ca. 0,05% auf den gesamten Zahlungsverkehr, die vor allen den Hochfrequenz-Handel trifft, will Richard David Precht in seinem leidenschaftlichen Plädoyer ein bGW von ebenfalls 1.500 Euro finanzieren. Das in Berlin durch eine Crowdfunding privat initiierte „mein-grundeinkommen.de“ experimentiert mit dem deutlich geringeren Betrag von 1.000 Euro. Auf eine wissenschaftliche Auswertung der bisher knapp über 100 Auszahlungen wird leider verzichtet. Bekannt geworden ist in Deutschland ein weiteres Modell. Der Unternehmer und dm-Gründer Götz Werner plädiert für ein vor allem durch eine hohe Konsumsteuer finanziertes bGE, das jedem Deutschen ebenfalls 1.000 Euro p.M. im Rahmen einer „negativen Einkommenssteuer“ garantiert. Der Unternehmer will die Einführung mit einer vollkommenen Liberalisierung des Arbeitsmarktes ohne Mindestlohn verbinden und das bestehende Sozialversicherungssystem weitgehend abbauen. Außer in den USA gab es auch Modellversuche in Finnland, Kenia, Kanada und Brasilien und zuletzt ein 2016 durch ein Volksentscheid abgelehntes Grundeinkommen von 2.500 CHF in der Schweiz, das immerhin knapp über 20% der Schweizer befürwortet haben.

krisendialoge

Fangen wir unsere Diskussion mit kurzen Statements an. Seht ihr in diesem Konzept eine geeignete Reform für den deutschen Sozialstaat der Zukunft?

Clemens von Baruch

Das bGE entwertet kräftig den Wert von Erwerbsarbeit, der bisher in unserer Gesellschaft tief verankert ist. Sicher, nicht jeder Arbeitsplatz ist für die abhängig Beschäftigten sinnvoll, befriedigend und wirklich zumutbar, von gefährlichen Bedingungen des Arbeitens ganz zu schweigen. Dennoch hat die Linke den Wert der Lohnarbeit mit Recht hochgehalten. Auch der klassische proletarische „Malocher“, der im 19 und 20. Jahrhundert in den Kohlegruben und Hüttenwerken seine Gesundheit ruinierte, war stolz auf seine Erwerbsarbeit. Zusammen mit seinen Genossen kämpfte er für besseren Lohn und bessere Arbeitsbedingungen. Seine Gefühle von Entfremdung bei seiner Tätigkeit, sein Wissen von Ausbeutung und Abhängigkeit durch die Klasse der Kapitalisten hielten ihn nicht davon ab, seine Arbeit als sinnvoll anzusehen. Er war kein Bettler, der von Almosen lebte, auch kein Diener des Kapitals, sondern dessen Gegner und stolzer Proletarier, der mit Hoffnung in die bessere Zukunft des Sozialismus blickte. So kann sich ein mit einem bGE Beschenkter nicht empfinden. Sein Grundeinkommen erhält er gänzlich leistungsfrei. Dankbar muss er nicht sein, auch sein Chef erhält es, sogar die „Nervensäge“, der Nachbar von nebenan.

Mir erscheinen die bisherigen klassischen Kampfziele linker Organisationen bedeutsamer. Gewerkschaften und Sozialdemokraten können zufrieden auf ihre Geschichte der Durchsetzung des modernen Wohlfahrtstaates zurückblicken. Sie haben viel erreicht und es gibt auf diesem Weg noch viel zu tun. Vor allem sollte der bisher erfolgreiche Kampf um eine Verkürzung der Arbeitszeit für alle fortgesetzt werden. Das bGE würde die Spaltung in gering Entlohnte und hochbezahlte Spezialisten weit mehr als bisher fördern. Vermutlich letztere sogar zu einer neuen Klasse befördern, der ein riesiges Heer von befristet bezahlten Arbeitskräften gegenübersteht, die mit diesen Verträgen ihr Grundeinkommen aufbessern. Diese Tendenz ist heute schon zu sehen. Deshalb sollte „das Reich der Notwendigkeit“, die Arbeit, für alle verringert und „das Reich der Freiheit“, die arbeitsfreie Zeit, für alle erweitert werden. Ich bin beim bGE skeptisch. Zum Lernen durch bessere Argumente aber durchaus bereit.

Rebekka Baruch

Weil vor allem benachteiligte Familien und hier Frauen im Besonderen, ferner Langzeitarbeitslose, Geringverdiener, arme RentnerInnen von einem bGE profitieren, bin ich grundsätzlich dafür. Den Kampf ums Dasein gibt es auch in reichen Ländern wie Deutschland immer noch. Er hat als Grundbedingung menschlichen Lebens nie aufgehört und ist für untere Klassen natürlicherweise am härtesten. Weil vor allem der untere Rand unserer Gesellschaft von einem bGE einen Nutzen hat und damit die fatale Umverteilung von unten nach oben der letzten Jahre korrigiert werden kann, sollte es eingeführt werden. Selbstverständlich in kleinen Reformschritten, denn der Übergang von unserem System zu diesem neuen sozialstaatlichen Konzept verlangt Behutsamkeit und darf nicht alle Elemente des erfolgreichen sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaates abschaffen, sondern muss davon so viel wie möglich erhalten. Anfangen sollte man mit den Ärmsten in unserer Gesellschaft: mit Kindern und alleinerziehenden Frauen, RentnerInnen, Langzeitarbeits- und Obdachlosen und StudentInnen. Sie haben eine Verbesserung ihrer Lebenssituation verdient. Der Rest kann warten.

Konrad von Baruch

Die Riesenaufregung um dieses Thema ist mir unverständlich. Glühende Begeisterung stößt auf entschiedene Ablehnung. Und das sogar quer bei Linken und Rechten. Warum eigentlich? Mit den Hartz IV Reformen wurde in Deutschland eine Existenzsicherung für alle, sogar für Ausländer und nicht nur Deutsche, mit gutem Recht eingeführt. Dass dieses sozialstaatliche Einrichtung reformiert, vor allem entbürokratisiert werden muss, ist richtig. Entscheidend ist nicht, ob man für das bGE oder dagegen ist, wichtiger ist die finanzielle Höhe des Einkommens, die gewährt wird. Leicht unter den Hartz IV Sätzen festgesetzt, die ich für etwas zu hoch halte, ist es sicher finanzierbar. Auch wenn es bedingungslos gewährt wird, ein hoher Anreiz einen Arbeitsplatz anzunehmen muss gesichert sein. Vermutlich ist auch aus diesen Gründen in der Schweiz das bGE durch den Volksentscheid abgelehnt worden. Mit Recht! Es fehlten sinnvolle Übergangsschritte und es war mit 2.500 CHF verdammt großzügig konzipiert. Vielleicht kann unser unübersichtlich und komplizierter Sozialstaat, den vor allem die höhere Mittelschicht bezahlt und an die untere Mittelschicht verteilt, strukturell vereinfacht, entbürokratisiert und sogar abgebaut werden. Oberschichten sind an der Finanzierung des Sozialstaates nur unangemessen beteiligt. Sie wissen am besten Steuern zu sparen und zu hinterziehen. Natürlich nicht alle, viele von ihnen sind vorbildliche, spendable, politisch und sozial engagierte und einfühlsame Menschen. Ein Reichen Bashing ist nicht angesagt.

Malte von Baruch

Das Bewerten des bGE fällt mir nicht schwer. Alle politischen Entscheidungen, die den Armen in unserer Gesellschaft nutzen, sind zu unterstützen. Das war Konsens in unserer Runde in unseren Gesprächen zu Moral und Gerechtigkeit trotz divergierender Weltanschauungen. Dass ein bGE vor allem den Armen hilft, ist zweifellos der Fall. Höhe und damit die Finanzierbarkeit des bGE verlangen aber präzise Berechnungen und klare Entscheidungen, welche der bisherigen sozialstaatlichen Programme darin aufgehen und welche wie bestehen bleiben. Noch wichtiger ist einzuschätzen, welche politischen Kräfte es durchsetzen bzw. verhindern können. Die Beharrungskräfte halte ich für noch lange Zeit für deutlich stärker. Sehr langfristig allerdings kann ich mir eine immer größere Annäherung an dieses Projekt vorstellen. Vor allem, weil es quer zu linken und rechten Positionen liegt und staatliche Verwaltung kräftig abbauen kann. Koalitionen vieler Parteien, in Zukunft sicher der Normalfall, können so ein großes Zeichen einer Reform setzen, die eine neue Epoche des sozialdemokratischen Wohlfahrtstaates einläutet und damit Armut deutlicher abschaffen würde als bisher.

krisendialoge

Die am meisten geäußerte Kritik am bGE bezieht sich auf die Sorge, dass die Bereitschaft zur Arbeit bei zu vielen zu stark zurückgeht. Kaum einer will bei einem monatlich garantierten bGE noch arbeiten, so hört man es oft, denn die Menschen sind eher faul als fleißig und können sich dann einen „schönen Lenz“ machen. Liegen diese sich oft konservativ bezeichnenden Kritiker richtig?

Konrad von Baruch

Ich staune immer wieder, wer sich alles konservativ nennt. Bei dieser Befürchtung geht es eher um ein typisch kleinbürgerliches Ressentiment. Ein Kleinbürger ist nie großzügig. Er gönnt seinem Nachbarn kein Leben, das nur aus Muße besteht. Er ist das Gegenmodell zum weltläufigen und großmütigen Konservativen, aber auch zum klassischen stolzen Arbeiter, der anderen vieles gönnt.

Erwerbsarbeit um ihrer selbst willen ist ein modernes Phänomen. Max Weber lokalisierte diese moderne Einstellung zur Arbeit im protestantischen Calvinismus und Sektenwesen, die den mittelalterlichen Traditionalismus ablöste, der sich mit einer einfachen Befriedigung konventionell eingelebter Bedürfnisse zufrieden gab. Die frühen Fabrikanten müssten ihren Arbeitern diesen Traditionalismus mühsam austreiben. Erst dann konnte der Kapitalismus in Gang gesetzt werden. Auf die „protestantische Ethik“ ist der moderne Kapitalismus schon lange nicht mehr angewiesen. Er setzt auf Hedonismus statt auf Askese, mehr auf Konsum als auf Sparen. Die frühbürgerlichen Tugenden sollten aber wieder gestärkt werden. Deshalb darf ein bGE nicht zu großzügig sein.

Geht man historisch noch weiter bis in die griechische Antike zurück, so beruhte die gesellschaftlich notwendige Arbeit damals weitgehend auf der Tätigkeit unfreier Sklaven, die ihren männlichen Herren Muße ermöglichten, die sie für erfolgreiche Kulturleistungen in Politik, Kunst und Philosophie nutzten. Der entwickelte Kapitalismus unserer Tage macht es nun möglich, dass diese Last und Plage früherer Sklavenarbeit und Frondienste, in der Moderne das Joch der Unterschichten, durch Roboter-Maschinen geleistet werden kann. Wenn dadurch Teile der freigesetzten Menschen statt zu arbeiten in Eigenregie „tätig“ sein können, ist das einfach wunderbar. Nur, so schnell wird das nicht möglich sein. Es muss finanziell sorgsam und genau überprüft werden, bevor man ein bGE einführt. Noch gibt es für die Mehrheit der Arbeitsfähigen viel zu tun. Ein Anreiz zum Arbeiten mit der Chance zu Mehrverdienst über das Existenzminimum hinaus muss bestehen bleiben, was bei der gegenwärtigen Hartz IV Regelung nicht der Fall ist. Hier sollte man beginnen. Ein schleichender Übergang vom Hartz System zum bGW ergibt sich automatisch im Laufe der Zeit.

Rebekka Baruch

Konrad, Du nennst nur ein Problem von Hartz IV, den mangelhaften Anreiz zur Erwerbsarbeit. Der stellt sich automatisch dann ein, sobald die Besteuerung von Arbeit angemessen ist und das Einkommen vor allem beim Arbeitenden verbleibt und nicht beim staatlichen Transfer angerechnet wird, wie es bei Hartz IV der Fall ist. Nur wenig darf hier zuverdient werden.

Noch problematischer ist bei Hartz IV aber die bürokratische Kontrolle. Hier tobt sich der moderne Sozialstaat als Disziplinarmacht aus, der sich nicht scheut, Bad und Betten der Hartz IV Berechtigten, die intimsten Bereiche ihrer Privatsphäre, genauestens zu überprüfen. Damit muss Schluss sein. Die finanzielle Ausstattung der BürgerInnen kann beim bGE ohne hohe Verwaltungskosten durch die Finanzämter erledigt werden, die bisher reine Ämter zur Steuereintreibung sind.

Recht hast Du mit Deiner These zum kleinbürgerlichen Ressentiment. Es ist der neidische Blick des Kleinbürgers nach oben und unten, sobald von der Faulheit des Menschen die Rede ist. Neidisch ist er auf die Reichen, die ohne Arbeit und vermeintlich ohne Sorgen ihren Luxus genießen. Noch größer aber wird seine Missgunst, wenn Menschen im Gesellschaftsgefüge unter ihm, ebenfalls fröhlich und ohne Arbeit mit Arbeitslosengeld und danach mit Sozialhilfe in den Tag hinein leben, während er für jedes kleine Extra in seinem Leben rackern muss. Weil die kleinbürgerlichen Massen immer noch die große Mehrheit sind, ist die These von der Faulheit des Menschen nicht auszurotten. Ich halte das Gegenteil für richtig. Der Mensch ist ein tätiges Wesen, der Sinn und Zufriedenheit in seinem Leben sucht. Deshalb wird ein bGE nicht die Mehrheit zu Konsum und Arbeitsscheu verführen, sondern es vielen ermöglichen, Neues zu wagen und damit Neues für unsere Gesellschaft anzustoßen.

krisendialoge

Wäre die Einführung eines bGE wirklich ein epochaler Reformschritt oder nicht doch nur die Anpassung des sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaates an die neuen Bedingungen von forcierter Globalisierung und Digitalisierung? Der Kapitalismus wird nicht überwunden, sondern eher flexibler gemacht. Stimmt das? Was denkt Du, Clemens?

Clemens von Baruch

Für radikal dogmatische Marxisten war der sozialdemokratische Wohlfahrtsstaat schon immer ein Sedativ, das die Arbeiterklasse einschläferte und vom revolutionären Handeln abhielt. Man betonte die Differenz zwischen reformorientierten Gewerkschaften, die ihren Frieden mit dem kapitalistischen System gemacht hatten, wozu auch die Sozialdemokraten zu zählen sind, und konsequent revolutionär eingestellten Kommunisten, die das System überwinden wollten. Über diese Diskussionen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist die Zeit hinweg geschritten. Der Kapitalismus als marktwirtschaftliches Organisationsprinzip wird bestehen bleiben. Alle sozialistischen Alternativen einer nichtkapitalistischen Wirtschaftsordnung (Sowjet-Union, das frühe moderne nicht das gegenwärtige China, Kuba, zuletzt Venezuela) sind gescheitert. Immer muss eine Marktwirtschaft mit einem Sozialstaat kombiniert sein, der durch Umverteilung soziale Grundrisiken und Armut beheben kann. Sonst würde allein das brutale Gesetz des Dschungels herrschen und sich stets der Stärkere durchsetzen.

Linke Politik darf aber nie allein nur die Ärmeren im Blick haben, sondern muss stets an die Mitte der Gesellschaft denken, die eine Gesellschaft am Laufen hält. Ein Existenzminimum für die Armen? Selbstverständlich! Das muss sein und ist mit Hartz IV in Deutschland auch eingeführt. Daneben muss Folgendes weiterhin gesichert sein: eine angemessene Absicherung bei Arbeitslosigkeit; Qualifikationsangebote für neue Berufschancen, wenn Globalisierung und Digitalisierung die Berufswelt verändern; laufende Fortbildungen in bestehenden Jobs; eine staatliche Alterssicherung, die sich wie bisher in Deutschland an Dauer und Lebenseinkommen orientiert; ausreichende Kranken- und Pflegeleistungen. Das heißt: unser gegenwärtiger Sozialstaat muss in seinen Fundamenten gesichert und erhalten bleiben. Weil sich das Gesicht des Kapitalismus ständig ändert, müssen auch die Reformschritte, die darauf reagieren, ständig angepasst werden. Ein flexibler werdender Kapitalismus verlangt einen flexibel bleibenden Wohlfahrtsstaat. Ein epochaler Schritt wäre das bGE also nicht. Viel wichtiger ist ein Abbau prekärer Arbeitsverhältnisse und die Erhöhung des Mindestlohns.

krisendialoge

Schon viele Jahre, eigentlich Jahrzehnte, werden Modelle für ein bGE entworfen, Experimente weltweit durchgeführt und über all dies quer bei Linken und Rechten heftig diskutiert. Die politische Agenda für Regierungshandeln allerdings hat dieses Thema noch nicht erreicht. Welche politischen Kräfte, Malte, könnten ein bGE einführen und wie schätzt Du die Gegenkräfte ein, die es verhindern wollen?

Malte von Baruch

Interessant ist, dass dieses Thema quer zu Links und Rechts liegt. Liberale sind dafür, weil Bürger ohne Einkommen wirtschaftlich exkludiert sind. Ökonomisch spielen sie keine Rolle mehr. Als Arme mit regelmäßigem Einkommen dagegen sind sie weiterhin Konsumenten, deren staatliche Transfers die Gesamtnachfrage erhöhen. Sie sind wieder inkludiert. Die FDP hat deshalb schon lange für ein Bürgergeld plädiert, im Prinzip ein bGE als Existenzminimum. Abbau von Sozialstaatsbürokratie ist ebenfalls in ihrem Sinne.

Auch Anhänger der christlichen Soziallehre, ähnlich der Großmut konservativer Kreise kann sich mit einem bGE anfreunden. Christliche Nächstenliebe hatte immer die Armen im Blick. In vormodernen Zeiten mit Hilfe karikativer Einrichtungen, in der Moderne mit dem Ziel durch staatliche Fürsorge und finanzielle Unterstützung Armut schlechthin zu überwinden. Von der Idee her ist unsere Sozialhilfe die politische Antwort auf Armut und schafft sie ab.

Der Linken fällt es schwer einem bGE zuzustimmen. Statt Grundeinkommen wird ein möglichst hoher Mindestlohn favorisiert. Clemens, Du argumentierst klassisch sozialdemokratisch.

Clemens von Baruch

Gut so! Ein sozialdemokratischer Ton muss wieder lauter und entschiedener artikuliert und gehört werden. Die Grundlagen unseres Wohlfahrtsstaates müssen erhalten und die großen Ziele von Vollbeschäftigung und Lohnsteigerungen nicht aufgegeben werden!

Malte von Baruch

Was Rente, Pflege, Kranken- und Unfallversicherung betrifft, hast Du auch Recht. Sie müssen bleiben. Ein bGE wäre kein Ersatz. Die Vollbeschäftigung der Gegenwart aber wird durch den Prozess forcierter Digitalisierung künftig fraglich und Netto-Lohnsteigerungen gibt es schon über 2 Jahrzehnte für die Mittelschicht nicht mehr. Mindestlohn und Arbeitslosenversicherung, Bafög, Ehegattensplitting und Kindergeld dagegen werden beim bGE überflüssig. Ebenso wie die Lohnentwicklung als „starrer Lohn“ nominell in Tarifverhandlungen nie sank, wird es auch beim bGE sein. Je mehr zuverdient wird, ein hoher Arbeitsanreiz muss unbedingt bestehen bleiben, desto geringer wird der finanzielle Aufwand sein. Langsam eingeführt, zuerst bei Kindern und Alleinerziehenden, werden sich möglicherweise Koalitionen finden, die dieses Projekt einführen, erweitern und letztlich für alle deutschen Bürger vorsehen werden. Einer Jamaika-Koalition traue ich es eher zu als Rot-Rot-Grün. Erstere hat für die nächste Zeit auch bessere Chancen als letztere. Allein, wie es Befürworter in allen Parteien gibt, so finden sich bei ihnen weit mehr skeptische und ablehnende Stimmen. Dass dies am kleinbürgerlichen Ressentiment liegt, ist sehr plausibel. Kleinbürger stellen in allen Parteien immer noch die Mehrheit.

krisendialoge

Wie sehr hat sich unsere moderne Welt durch alle die multiplen Krisen, die wir hier in unserem Blog breit ansprechen, verändert? Welche Bilder und Metaphern, Theorieansätze scheinen Euch geeignet zu sein, diese neue Lage unserer Welt angemessen zu beschreiben und zu bewerten? Wie bezieht Ihr – abschließend – diese Sicht auf Eure Position beim bGE und zum Verhältnis von Moral und Politik?

Konrad von Baruch

Die Moderne bereitet mir Unbehagen. Anders als die Aufklärung, die mit Optimismus und viel Hoffnung das dunkle Mittelalter überwinden wollte, hat die moderne Welt mein Grundgefühl nicht „aufgehellt“. Die Lichtmetapher von „Aufklärung“ spricht mich nicht an. Unbehagen deshalb, weil ein Konservativer kulturellen Halt und Sicherheit sucht, aber in der Moderne permanente Bewegung und sich steigernde Beschleunigungen erlebt. Eine passende Metapher wäre eine Wirrwarr auf- und absteigender, vor- und zurücklaufender „Rolltreppen und Förderbänder“, auf denen man sich nur schwer orientieren kann. Dies ist mein Bild der komplexen modernen Welt. Man weiß vielleicht, wie man Ziele im Kurzstreckenformat erreicht, ist aber hoffnungslos überfordert, wenn es um Langstrecken geht.

Was ist zu tun? Das überforderte „Ich“, die Grundfigur der Aufklärung: das Vernunftsubjekt“, ist alleingelassen und braucht Halt durch Institutionen. Nicht irgendwelche! Solche, die durchaus Momente der Aufklärung „bewahren“, also vernünftig im Sinne von angemessen sind. Reformen (Mit Revolutionen sollten Konservative nicht sympathisieren. Das kann, wie Weimar zeigt, nicht gut gehen.) müssen bei der Bildung ansetzen. Erziehung ist der Schlüssel für die großen Sozialsysteme wie Politik, Wissenschaft und Wirtschaft. Schon lange liegt sie im Argen. Neben Selbständigkeit, verstanden als realistische Einsicht in die eigenen Fähigkeiten, sollte „Ehrfurcht vor guten Institutionen“ Hauptziel von Schulen und Hochschulen sein. Das sollte unser Nächstes Thema sein!

Dass ein Konservativer ein Herz für die Armen hat, weit mehr als ein von Ressentiment und Neid zerfressener kleingeistiger Kleinbürger, den viel zu viele sogenannte Konservative im Blick haben, ist in unserem Gespräch mehr als deutlich geworden. Sympathisch ist mir ein bGE durchaus, enthusiastisch werde ich nicht. Wir werden auf seine Realisierung noch lange warten müssen

Clemens von Baruch

Dein Unbehagen mit der Moderne, lieber Konrad, kann ich verstehen. Welcher Linke ist heute noch enthusiastisch, wenn es um die Ziele der Aufklärung geht? Wenige! Der Faschismus als „Verirrung“ der Moderne, die fatale Ideologie einer Verbesserung der Gesellschaft durch Soziologen-Ingenieure mit technokratischen Mitteln, zuletzt die ökologische Gefährdung der Menschheit im Ganzen, all dies ist von Links zuerst thematisiert worden und hat sich in öffentlichen Diskursen durchgesetzt und altlinken naiven Optimismus zerstört. Wir dürfen aber nicht schwarz sehen. Es gibt auch Erfolge, nicht zuletzt den sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaat, der sich auch um die Ärmsten kümmert. Ihn gilt es auszubauen und nicht durch ein unüberlegt und allzu schnell eingeführtes bGW zu gefährden. Erwerbsarbeit darf nicht Sache einer hochbezahlten Klasse von Spezialisten und Experten sein, die sich zu einer neuen Form von Herrschaft aufmachen. Das sehe ich als Hauptgefahr eines zu blauäugig befürworteten bGEs. Deshalb ist meine Metapher für unsere Welt das „Gespräch“. Wenn man miteinander redet, wird Herrschaft hinterfragt und falls nicht mehr zu legitimieren auch aufgelöst. Sogar Aggressionen treten in Gesprächen zurück. Vor allem kann hier die Komplexität einer „Rolltreppen- und Förderbänder-Welt“, eine fatale Vermischung von Lebenswelten und Sozialsystemen, verständlicher werden. Und zuletzt geht es um ein Welt-Gespräch. Denn ein sozialpolitisches „Paradies“ in Deutschland inmitten eines sonst neoliberal gebliebenen Europas und eines „Dschungels“ der restlichen Welt kann nicht zufriedenstellen. Linkssein muss auch weiterhin global, universalistisch, multilateral und -kulturell bleiben. Im Nationalismus schlummert immer noch das Potential eines neuen Faschismus.

Rebekka Baruch

Das Leitbild meiner Welt ist die familiale Fürsorge von Mutter und Vater für ihr Kind. Hier geht es nicht um ein kitschig naives Plädoyer für die Familie als sogenannte Keimzelle der Gesellschaft, sondern um den Startpunkt des Homo sapiens, der sich durch moralisches Sorgen und Behüten von seinen tierischen Vorläufern löste und etwas evolutionär Neues in die Welt brachte, sicher auch mittels sprachlicher Kommunikation, die zur Verständigung, d.h. zum Konsens oder Dissens führen kann.

Fürsorge heißt aber nicht paternalistisch über einen Schutzbefohlenen zu bestimmen oder gar zu herrschen, sondern zunächst über Zwang, dann immer mehr über Zusammenarbeit den Schützling zur Eigen- und Selbständigkeit, in der Sprache der Aufklärung: zur Mündigkeit zu führen. Dass diese Grundidee auch in der Moderne zur Weiterentwicklung unseres Sozialstaates und eines bGE dienen kann, habe ich ausführlich begründet. Eine familiale und danach eine Sekundärsozialisation in Schule, sogar Hochschule – hier sollte wieder wie noch in den 60iger Jahren des letzten Jahrhunderts ein Philosophikum eingeführt werden – …

Konrad von Baruch

Sehr richtig! Sehr gut, Rebekka!

Rebekka Baruch

Klar, dass Dir dieser Vorschlag gefällt! …

Beide Sozialisationsagenturen, sowohl Familie wie auch Schulen und Hochschulen, brauchen genügend finanzielle Mittel, um ihrer Aufgabe gerecht zu werden. Ein bGE könnte es für die Familien leisten, die es am Nötigsten brauchen: Familien mit Kindern und geringem Einkommen und die große Mehrheit der Alleinerziehenden, in der Regel Frauen. Was Schulen und Hochschulen betrifft, steht Deutschland mit seinen Bildungsausgaben innerhalb der OECD beschämend schlecht da.

Malte von Baruch

Von Metaphern und Bildern zur Veranschaulichung meiner Weltsicht halte ich wenig. Ich halte mich mehr an Theorien, die mir passend, treffend und plausibel erscheinen. Sie müssen, dazu zwingt die Logik der Wissenschaft, ständig überprüft und weiterentwickelt werden, was auch für Luhmanns Systemtheorie gilt. Die frühbürgerliche Konzeption des Staates als Repräsentant des Ganzen der Gesellschaft in der Gesellschaft erzeugt die falsche Perspektive einer Steuerungsinstanz, die andere Sozialbereiche führt, leitet und kontrolliert. Dass dies für die Wirtschaft nicht der Fall ist, wußte Marx sehr früh, dass es aber auch für Wissenschaft, Bildung, Kunst und öffentliche Medien, d.h. für alle Funktionssysteme nicht gilt, sehen seine Epigonen bis heute nicht wirklich ein und kann vor allem mit einem systemtheoretischen Ansatz erkannt werden. Weil es im politischen System um kollektiv bindende Entscheidungen geht, gehören sozialstaatliche Ziele und Ansprüche notwendig dazu. Einen liberalen Nachtwächterstaat, von dem immer noch einige Liberale träumen, kann es nicht geben. Wohlfahrtsstaatliche Programme helfen Exklusionen, also Aussperrungen von den modernen Funktionssystemen, zu verhindern. Dass Exklusionen nicht nur ferne Regionen, Slums in Afrika und Favelas in Südamerika, betreffen, sondern auch Teilen der armen Bevölkerung bei uns droht, dagegen kann in der Tat ein bGE helfen. Allein allerdings hilft es nicht weiter. Exklusion in der Schule kann mit etwas mehr Einkommen nicht gelöst werden. Auch im Bildungssystem müssen wie im sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaat Programme zur Inklusion entwickelt und immer wieder neu austariert werden.

Eine Kombination von Klassen- und Differenzierungstheorie ist der Luhmannschen Theorie bis heute nicht wirklich geglückt. Dass die Überwindung der segmentären Differenzierung archaischer Gesellschaften durch die Herausbildung stratifizierter Hochkulturen mit Klassenbildung verbunden war, wird von Luhmann präzise hervorgehoben, aber für die moderne Gesellschaft nicht weiterentwickelt. Um die gegenwärtige kritische Lage westlicher Gesellschaften mit ihrem Populismus von „Rechts“ besser zu verstehen, muss die gegenwärtige Klassenlage betrachtet werden. Andreas Reckwitz hat in seinem neuen Buch „Die Gesellschaft der Singularitäten“ eine interessante Interpretation der Gegenwart vorgelegt, die mich überzeugt und die mit Einsichten der Systemtheorie kombinierbar ist. Die Klassenstruktur der bürgerlichen Gesellschaft darf nicht allein vom Gegensatz Kapital und Arbeit verstanden werden. Ein typischer Vertreter des Bürgertums ist neben dem Unternehmer, für Linke der Kapitalist, auch der Künstler und Dandy. Eine Figur, die alle Konventionen, auch die bürgerlichen unterläuft und mit ihnen spielt. Er steht für Einmaligkeit: für Unikate in der Kunst, für die Einzigartigkeit seines Existenzentwurfes, seiner Identität, d.h. für Singularität. Diese andere Grundfigur des Bürgertums gewinnt strukturbildende Kraft. Die neueste Phase des sich ständig ändernden, stets von Krisen begleiteten Kapitalismus wird von hier verständlich. Die Frühphase des Kapitalismus endete im langen 19. Jahrhundert (Eric Hobsbawm) mit Monopolisierungstendenzen und imperial agierenden europäischen Großmächten in den Katastrophen der beiden Weltkriege. Nach 1945 erfolgte die Phase eines erfolgreichen Fordismus, der mit neuer keynesianischer Makroökonomie in allen Industriegesellschaften erfolgreiches Wachstum initiierte und bis in die 70iger Jahre dauerte. Geprägt war diese Zeit von Standardprodukten für den Massenkonsum und von Standardformen des Wohnens in einer scheinbar „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ (Helmut Schelsky), die Exklusivität nur einer kleinen Elite vorbehielt. Das gilt gegenwärtig nicht mehr. Teile der neuen Akademiker-Massen gehören zu einer neuen „kreativen Mitte-Klasse“, die sich von Massenware und Standardformen des Wohnens und Lebens distanziert. Sie sind an Einzigartigkeit, an Singularitäten interessiert. Diese neue Mitte denkt global, universalistisch und grenzt sich deutlich von der alten Mittelschicht ab, die noch mit einfachen Bildungsabschlüssen in den 50iger und 60iger Jahren beruflich als Arbeiter in den großen Industriebetrieben, als Kleinunternehmer und als Angestellte mit lebenslanger Anstellung erfolgreich sein konnten und heute wissen, dass dieser soziale Aufstieg für ihre Kinder vorbei ist. Aus der alten Aufstiegs- ist eine Abstiegsgesellschaft (Oliver Nachtwey) geworden mit der typischen Angst vor Abgehängt-Werden. Die kleinbürgerlichen Werte der alten Mitte sind den neuen Kreativen ein Graus.

Ökonomisch ist die neue Kreativ-Klasse breit gefächert, von Spitzeneinkommen der Stararchitekten, Designer und erfolgreichen Nerds bis zu den vielen prekär Beschäftigten, die jahrelang von Praktika und Zeitverträgen existieren müssen. Dennoch bilden sie eine neue Kulturklasse, die gegen den Populismus der Neu-Rechten immuner ist als die alte Mitte, die nur zu leicht für deren Thesen anfällig wird. Weil ein bGE auch diese neue kreative Mitte unterstützten würde, wäre diese neue sozialstaatliche Regelung ein Gewinn für unsere Gesellschaft. Dabei kann nur Gutes entstehen. Die niedergehende alte Mitte könnte durch ein bGE beruhigt werden. Nur leider, sie will es wegen ihres kleinbürgerlichen Ressentiment und ihrer fatalen Ideologie, die jedes leistungsfreie Einkommen ablehnt, nicht einsehen.

krisendialoge

Auch diesmal wieder vielen Dank für Eure das Thema durchdringenden Beiträge. Wir sollten beim nächstenmal, das scheint Konsens zu sein, über Erziehung und Bildung reden.

Literaturempfehlungen

Douma, Eva Sicheres Grundeinkommen für alle, Berlin 2018– Eine gute Einführung in das Thema.

Grundeinkommen – Von der Idee zu einer europäischen politischen Bewegung, Hg. Blaschke, Ronald u.a. Hamburg 2012.  Detaillierte Darstellung von Modellen und Forschungsstand in Europa.

Precht, Richard David. Jäger, Hirten, Kritiker – Eine Utopie für die digitale Gesellschaft, München 2018.  Ein leidenschaftliches Plädoyer für ein bGE angesichts der heraufziehenden digitalen Welt.

Reckwitz, Andreas Die Gesellschaft der Singularitäten, Suhrkamp Berlin 2017.  Ein Buch, das mit seinen Thesen gegenwärtige Klassenprozesse auf den Begriff bringt und breit erörtert.

Gerechtigkeit und Moral II – im Sozialstaat

Abstract

Rebekka entwickelt eine linke Alternative zum sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaat mit dem Basiswert Fürsorge und hält für dessen Begründung moralphilosophische Argumente für unentbehrlich. Anders Malte. Er rekonstruiert den modernen Sozialstaat als Anliegen sowohl rechter wie auch linker Parteien und zeigt, dass der Gegensatz von Links und Rechts weder in den Auseinandersetzungen der Sozial- noch der Wirtschaftspolitik einen Sinn macht. Politik ist für ihn wie in allen Funktionssystemen der Moderne von Moral gänzlich abgekoppelt, die keine Integrationsformel für den Zusammenhalt der Gesellschaft mehr ist. Ihr Code von Achtung und Nichtachtung wirkt konfliktsteigend. Wer moralisiert, will „verletzen“ (Luhmann).

krisendialoge

In unserem vorletzten Gespräch haben Konrad und Clemens ausführlich ihre Positionen zu Moral und Gerechtigkeit dargelegt. Konrad, seinen auf Gehlen basierenden konservativen Standpunkt, dem Clemens seinen kantianischen entgegensetzte. Beide unterscheiden sich in ihrer zu Grunde liegenden Gesellschaftstheorie, stimmen aber trotz ihrer philosophischen Gegensätze darin überein, dass Sozialpolitik immer auch extrem Arme im Blick haben muss, wie es die Gerechtigkeitstheorie von John Rawls fordert und was real zu selten geschieht. Diesen Faden werden wir heute mit Dir, Rebekka und Malte, aufgreifen und fortsetzen.

Liebe Rebekka, Du bist Feministin und links, erläutere bitte was diese Kombination für unser Thema „Sozialstaat“ bedeutet?

Rebekka Baruch

Dass ich mich als Feministin verstehe, darüber bin ich mir seit meiner Oberstufenzeit sicher. Das gilt nicht im gleichen Maße für mein Links-Sein. Zunächst gehörte beides für mich zusammen, bis mit den Grünen die ökologische Frage als neues globales Strukturproblem auftauchte und mit Schröder der Neoliberalismus in der SPD Raum gewann. Damit wurden Links und Rechts unscharfe Begriffe.

Die Gleichberechtigung von Frauen war zunächst kein Anliegen der klassisch bürgerlichen Parteien. Schon gar nicht von CDU und CSU in der frühen Nachkriegszeit der 50iger und 60iger Jahre, den Jugendjahren meiner Eltern. Damals wurde noch ganz selbstverständlich vom Ehemann als Haushaltsvorstand gesprochen und er musste einem Arbeitswunsch seiner Ehefrau zustimmen. Den Frauen wurden ausschließlich die drei K`s zugeordnet: Kinder, Küche und Kirche. Das hat sich in den Endsechziger und 70iger Jahren geändert. Auch in der CDU und sogar der CSU, selbstverständlich bei den Liberalen hat das Erbe der 68iger Bewegung eingeschlagen. Die neue Frauenbewegung, die sich in dieser Zeit neu konstituierte, spülte auch in die bürgerlichen Parteien Feministinnen hinein, die starke Wirkungen hatten und ohne die es Angela Merkel nie geschafft hätte Kanzlerin zu werden. In der Endphase von Rot-Grün mit Schröders Agenda 2010 wurde ich aber unsicher, was Links-Sein noch bedeuten kann. Warum? Dazu muss ich historisch genauer werden.

Links und Rechts waren im Nachkriegs-Deutschland für professionelle Politikbeobachter nie nur ein Einteilungsmuster für Parteien: links die SPD und weit außen die Kommunisten, rechts die bürgerlichen Parteien CDU/CSU und FDP, sondern immer auch eine Kennzeichnung von deren Flügeln. Alle im Bundestag vertretenden Parteien hatten und haben einen linken und rechten Parteiflügel, wobei Links bedeutet, dass unsere kapitalistische Wirtschaftsordnung durch einen Sozialstaat gezähmt, dieser immer wieder ausgebaut und durch Wirtschaftspolitik reguliert werden muss. Liberale leugnen dies nicht, betonen aber mit Nachdruck dessen ökonomische Voraussetzungen. Bevor verteilt werden kann, muss Wachstum gesichert, also ausreichende Wertschöpfung erarbeitet werden. Nur Kommunisten wollen den Kapitalismus überwinden und sprengen!

Den deutschen Sozialstaat haben in der alten Bundesrepublik die klassische Regierungspartei CDU/CSU zusammen mit der zur Volkspartei aufgestiegenen SPD aufgebaut. Auch die FDP war in der Zeit der sozialliberalen Koalition bei Sozialstaatsreformen mit dabei. Wer in diesen Parteien für sozialstaatliche Ziele eintrat, der konnte mit Recht als Linker angesehen werden, ohne dieser Zuordnung selbst zustimmen zu müssen. Bei der CDU gab es einen linken (Gewerkschafts-)Flügel, auch bei der CSU. Dort waren viele Mitglieder mit dieser Einstellung als Gewerkschaftler und Christen aktiv, zögerten aber sich so zu nennen.

Diese politische Flügelordnung änderte sich, als die Grünen auftraten und ihre ökologischen Anliegen vortrugen. Ihre überzeugendsten Protagonisten verstanden sich als jenseits von Rechts und Links. Das war neu und revolutionär. Es galt nicht nur für ihre umweltpolitischen Ziele (Antiatom, Bio-Landwirtschaft, Grenzwerte verschärfen, Ökosteuer etc.), die primär konservativ die für den Menschen notwendigen natürlichen Umweltbedingungen sichern sollen, sondern auch für ihre frühe Sozialstaatskritik. Der klassische sozialdemokratische Wohlfahrtsstaat, so ihre These, fördert nicht die Freiheitsentfaltung des Bürgers, sondern steigert seine Entmündigung. Das ist Folge seiner bürokratischen Verwaltung und Kontrolle, die jeden Bürger mit seinen Anliegen zum „Fall“ erklärt, ihn isoliert und vereinzelt. Gegen diese Herrschaft der Bürokraten setzten die frühen Grünen die Idee, Gruppeninteressen von Arbeitslosen, Sozialhilfeempfängern, Patienten etc. durch Selbstorganisation artikulieren zu können. Deren Autonomie sollte eine neue weniger bürokratische Art von Sozialpolitik sichern. Mit ihrem ökologischen Anliegen hatten die Grünen Erfolge, ihre Sozialstaatskritik mit den neuen Organisationsideen dagegen verschwanden mehr und mehr und spielen heute leider keine Rolle mehr. Daran sollte wieder angeknüpft werden. Eine linke Position jenseits der sozialdemokratischen (Sozial-)Staatsgläubigkeit und dem Antikapitalismus der Linkspartei kann hier gefunden werden. Links-Sein bedeutet dann nicht einfach Kampf dem Neoliberalismus, der einseitig eine Wirtschaftspolitik fördert, die primär Arbeitgeber-Interessen dient, sondern grenzt sich ebenso scharf von einer Sozialdemokratie und ihrer Staatsgläubigkeit ab. Feministische Sozialstaatspolitik ist dann links, wenn sie auf Fürsorge als Prinzip basiert und benachteiligte Gruppen und deren Individuen zur Autonomie führt. Moralphilosophisch werde ich das gleich begründen und politische Schlussfolgerungen ziehen.

krisendialoge

Malte, Du hast schon lange die Irrelevanz der Links-Rechts Unterscheidung behauptet. Wie antwortest Du auf diese Ausführungen von Rebekka?

Malte von Baruch

Liebe Rebekka, Du arbeitest nicht nur mit dieser Links-Rechts Unterscheidung, sondern daneben auch mit der von Mann-Frau und Jung-Alt. Erst der Dreiklang dieser Unterscheidungen macht Deine feministische Position scharf, die den Patriarchalismus bekämpfen und überwinden will. Gegenwärtig toben noch andere Unterscheidungen im politischen Streit. Der Gegensatz von Volk und Elite, national-unilateral und global-multilateral, Einheimischer und Fremder, vor allem bei den Populisten in Europa und den USA.

Alle diese Unterscheidungen sind Antreiber im Kampf um Aufmerksamkeit und Erfolg in den Arenen der politischen Öffentlichkeit. Konstitutiv für das politische System sind sie nicht. Hier zählt allein die Differenz von Regierung und Opposition. Westliche politische Systeme sind deshalb demokratisch, weil beide Seiten die Seiten wechseln dürfen. In Demokratien herrscht nie das Volk, so die altgriechische Bedeutung dieses Wortes, das es als Ganzheit gar nicht gibt, sondern das in Klassen, Schichten und Milieus gespalten ist. Herrschaft als soziologischer Begriff, fundamental für die Soziologie und Zeitdiagnose Max Webers, auch die von Karl Marx, ist für die Analyse moderner Verhältnisse unangemessen. Er erinnert mit seiner Konnotation personaler und hierarchischer Beziehungsmuster vormoderner Gesellschaften an überwundene Gesellschaftsformationen. Politik in der Moderne ist primär kein Herrschaftsphänomen mehr, auch wenn Reste von Unter- und Überordnung noch vorkommen, sondern die Eigenlogik systeminterner Kommunikationen in den nationalen Teilsystemen des großen Funktionssystems Politik in unserer Weltgesellschaft. Nationale Politik steuert nicht nationale Gesellschaften, sondern wird von den Kommunikationen und Einflüssen in den vielen Systemen der Umwelt des politischen Systems irritiert und muss darauf antworten. Politiker sind in der Moderne Getriebene. Für alltägliche Beobachter müssen diese mehr Reagierenden als aktiv Gestaltenden zwangsläufig immer wieder hilflos wirken. Das schürt Unzufriedenheit beim Wähler. Die zu einfachen Antworten der Populisten, zu denen jetzt auch die CSU gehört, auf die komplexen Probleme unserer Welt verschärfen dieses Dilemma.

Demokratien erlauben der Opposition zum Zuge zu kommen und demokratische Regierungen sind folglich bereit bei Wahlniederlagen zurückzutreten. Das ist keineswegs selbstverständlich, denn Autokratien, die zur Zeit weltweit zunehmen, bekämpfen die stets vorhandene Opposition, indem sie behindert, unterminiert, eventuell als Scheinalternative zugelassen und deren Harmlosigkeit gepflegt wird. Wird sie als Alternative gefährlich und gefährdet die eigene Macht, dann muss sie bekämpft, sogar zerstört werden. Der Übergang vom autoritärem Staat, der eine harmlose Opposition erlaubt, zum Mafia-Staat, der einer Strategie des Rechts des Stärkeren folgt und vor Mord und Terror gegen seine inneren Feinde nicht zurückschreckt, ist fließend. Die Türkei scheint sich dieser brutalen Richtung zu nähern, Russland hat sie wohl schon überschritten. Die USA sind davon aber weit entfernt. Hier agiert zwar Trump mit der Machtstrategie „America first“, hebt das amerikanische Rechtssystem aber nicht auf. Es fehlt die Konsensfähigkeit der beiden Seiten des politischen Systems. Im Falle einer Niederlage würde Trump sicher zurücktreten. Vor allem wegen dieses selbstverständlichen Wechsels von Regierung und Opposition sind demokratisch-westliche Systeme stabil und werden es auch künftig bleiben, aller gegenwärtigen Aufregung und Gereiztheit zum Trotz. Sie vertragen mehr Irritationen, folglich mehr Komplexität als die autokratischen Systeme unserer Gegenwart.

Bei der Links-Rechts-Differenz muss vor allem das Verhältnis von politischen und ökonomischen System betrachtet werden, denn hier liegt immer noch der entscheidende Unterschied. Die Ideologien der frühen Moderne helfen uns heute nicht wirklich weiter.

Der Liberalismus war das erste erfolgreiche Deutungsmuster der Moderne. Die liberalen Aufklärer bekämpften scharf die merkantilistische Wirtschaftspolitik des Absolutismus, der die Exportwirtschaft der absoluten Herrschaftshäuser in Europa dominierte. Gegen diese Staatswirtschaft setzten sie die Logik des Marktes. Wenn beim ökonomischen Handeln jeder seinen Vorteil im Auge hat, steuert eine „unsichtbare Hand“ (Adam Smith) die Wirkungen dieser egoistischen Aktionen hin zum Allgemeinwohl. Ähnlich begründete David Ricardo sein Plädoyer für die komparativen Kostenvorteile im Welthandel der Nationen. Auch hier wird das Wohl aller dann erreicht, wenn jede Nation die Waren und Dienstleistungen auf den Weltmarkt wirft, die es relativ zu anderen am günstigsten produzieren kann. Der Optimismus der liberalen Aufklärer hielt nicht lange an, denn die bürgerliche Gesellschaft wurde mit einem neuen Strukturproblem konfrontiert.

Sofort nach der Französischen und im Zuge der Industriellen Revolution sich steigernd tauchte die soziale Frage in neuer Form auf. Neben dem Bürgertum entstand das Proletariat als Klasse der Lohnarbeiter und forderte seine Rechte und seinen gerechten Anteil. Der freigesetzte Arbeiter war in sozialer Not allein. Er war für sich selbst verantwortlich und damit auf Selbsthilfe angewiesen. Das vormoderne Solidarsystem der „großen Haushaltsfamilie“ und die Karitas der Kirchen fielen weitgehend aus. Neben die klassischen liberalen Grundrechte als Abwehrrechte des Bürgers gegen staatliche Eingriffe kamen deshalb soziale Grundrechte ins diskursive Spiel, die einen intervenierenden und regulierenden Staat anmahnten, der die soziale Not lindern und klären soll. Die unsichtbare Hand des Marktes soll durch die sehr sichtbare Hand des Staates ersetzt werden. Ein soziales „Grundrecht auf Arbeit“, vehement von Sozialisten als Staatsaufgabe gefordert, das vor Arbeitslosigkeit und Armut schützt, kann aber nicht in eine marktwirtschaftliche Ordnung des Arbeitsmarktes implantiert werden. Nur in der Sowjet-Union und ihren Satelliten-Staaten hat eine Zentralverwaltungswirtschaft dies möglich gemacht. Im Kapitalismus stößt der Arbeitswillige zwangsläufig auf die Zwänge von Angebot und Nachfrage.

Der Manchester-Kapitalismus ließ durch diese sozialen Folgen dem liberalen Nachtwächterstaat keine Chance. Bismarck war es, der die erstarkende Arbeiterbewegung mit dem Aufbau seines Sozialstaates zurückdrängen und schwächen wollte. Seine Sozialversicherungen gegen die Grundrisiken von Krankheit, Unfall, Invalidität und Alter wurden beispielgebend für viele europäische Länder. In der Weimarer Republik folgten die Arbeitslosenversicherung als weiterer Schritt einer Risikobewältigung im Kapitalismus. In der Bundesrepublik wurde das System der Sozialversicherungen dynamisiert, vor allem die Rente an die allgemeine Lohnentwicklung angekoppelt. Die zuletzt eingeführte Pflegeversicherung setzt den Siegeszug der staatlichen Sozialversicherung fort. Jede mögliche künftige deutsche Regierung kann diesen Sozialstaat nicht abschaffen. Er hat Verfassungsrang. Man kann ihn höchstens ergänzen und umbauen. Die Befürwortung des Wohlfahrtsstaates ist folglich kein Kriterium für einen linken Standpunkt mehr. Der Sozialstaat muss von allen wichtigen politisch Handelnden, vor allem den Parteien, bejaht werden.

krisendialoge

Im Gegensatz dazu spricht man in der Wirtschaftspolitik vom Keynesianismus als einer linken und vom Monetarismus als einer rechten Position. Ist das noch überzeugend?

Malte von Baruch

John Maynard Keynes entwarf seine nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik als Reaktion auf die große Finanzkrise von 1929. Die Austeritätspolitik verschärfte damals das ökonomische Drama zu einem Desaster. Vorrangig Reichskanzler Brünings Sparpolitik, nicht so sehr die Belastungen des Versailler Friedensvertrages stürzte Deutschland in langjähriges Minuswachstum, hohe Arbeitslosigkeit und Schulden. Keynes reagierte auf diese Dilemmata vieler Staaten mit einer genialen Idee, die Nationalsozialisten ab 1933 mit einem Zivilisationsbruch. Weil beim ökonomischen Schrumpfungsprozess die Nachfrageschwäche auf den Märkten der entscheidende Wirkfaktor ist, muss für Keynes der Staat einspringen. Er erhöht in solchen Krisen seine Ausgaben für Infrastrukturprojekte und soziale Wohltaten, macht mehr Schulden, steigert so die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und stoppt damit den verhängnisvollen Prozeß in eine lang andauernde Depression. Anders als seine vielen Adepten später forderte er aber von den verantwortlichen Politikern, dass die neuen Schulden in besseren Zeiten danach abgebaut werden, sogar für nächste Krisen vorgesorgt wird. Ersteres geschah selten, letzteres nie. Aber in den USA gelang mit Franklin Delano Roosevelt der nachfrageorientierte „New Deal“, eine intelligentere Version als Trumpfs (Baulöwen-)Deals von heute.

Keynes Antipode Milton Friedman drängte seit den 70igern den Keynesianismus ins zweite Glied. Tonangebend wurde für lange Zeit der große Doyen des Monetarismus vor allem deshalb, weil die keynesianische Wirtschaftspolitik scheiterte. Stagflation, also die Gleichzeitigkeit von Inflation und Wachstumsrückgang, bekam man mit staatlicher Ausgabensteigerung nicht in den Griff, zumal die Schuldenlast stieg und stieg. Jetzt wurde statt auf die Nachfrage auf das Angebot gesetzt. Den Arbeitgeber will man für mehr Investitionen ködern durch Deregulierungen, Steuersenkungen, Privatisierungen, weniger Subventionen und Sozialausgaben, d.h. durch den Rückbau des Staates. Christdemokraten und Liberale, auch große Teile der Sozialdemokratie schwenkten auf diesen neuen Kurs. War dies ein Rechtsschwenk in der Wirtschaftspolitik?

Betrachtet man die einzelnen Entscheidungen westlicher Regierungen genauer, z. B. die Agenda 2010 der rot-grünen Bundesregierung oder die Reaktionen auf die Finanzkrise von 2009, war dies kein Abbiegen nach Rechts. Die wirtschaftspolitischen Entscheidungen westlicher Regierungen waren in der Vergangenheit fast immer Doppelstrategien von gleichzeitiger oder sich abwechselnder Nachfrage- und/oder Angebotspolitik. Die aufgehäuften Schulden zeugen von permanenten keynesianischen Ausgabeprogrammen. Sie sind immer eine große Chance die Gunst der Wähler zu gewinnen und deshalb nie verschwunden. Jeder Politiker jedweder Couleur will sie. Daneben stehen die vielen Politik-Programme der letzten Jahrzehnte für mehr Deregulierungen und Privatisierungen. Wenn dieselben Regierungen immer wieder mit ihrer Wirtschaftspolitik gleichzeitig oder abwechselnd links und/oder rechts reagieren, macht diese Differenz keinen Sinn mehr. Nötig sind Konzepte, die stets beide Seiten der Märkte im Blick haben und Angebot- und Nachfrageprogramme intelligenter kombinieren als bisher. Das fordert Dennis Snower, der letzte Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel, schon lange.

krisendialoge

Rebekka, jetzt musst Du nach diesen Ausführungen zur Irrelevanz von Links und Rechts noch einmal Deine neu gefundene Sicherheit beim Links-Sein darlegen. Gehört Dein moralphilosophischer Standpunkt in diesen Zusammenhang? Das hast Du oben angedeutet.

Rebekka Baruch

In der Tat! Zunächst aber muss ich Dich, Malte, als Historikerin loben. Den historischen Prozess der Herausbildung des modernen sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaates hast Du exzellent herausgearbeitet und dabei der Selbstverständlichkeit Nachdruck verliehen, dass jede westliche Regierung sozialpolitische Programme im Auge haben muss. Man kann nicht Nicht-Sozialpolitik machen. Alle Gesetzes-Entscheidungen sind nicht nur auf ihre Finanzierbarkeit zu prüfen, sondern immer auch auf diesen Aspekt zu beziehen. Der von Dir erläuterten notwendigen Zwei-Seiten-Betrachtung bei der angebots- und nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik stimme ich ebenfalls zu. Erstaunlich, dass man für die Erkenntnis dieser Banalität so lange braucht, zumal jede Einwirkung auf eine Seite des Marktes immer auch reale Folgen für die andere hat. Nur künstlich, d.h. im ökonomischen Modell, kann man beides trennen – mit der berühmten Ceteris-paribus-Klausel der Ökonomen – nicht in der Wirklichkeit. Hier liegt nicht unsere Differenz, sie liegt tiefer. Sie hat in der Tat mit Moral zu tun.

Die moralische Basis unseres Sozialstaates ist das Prinzip „Fürsorge für Menschen in Not“. Wenn in der frühbürgerlichen Gesellschaft proletarische Massen als neue Klasse freigesetzt wurden, die weder von den Armen- und Waisenhäusern der Kirchen noch durch die „große Haushaltsfamilie“ mehr sozial betreut werden konnten, dann muss der bürgerliche Staat mit der schon im Absolutismus entstandenen rationalen Verwaltung diese Hilfe organisieren.

Wichtig ist mir das Moralniveau, das dabei im Spiel ist. In allen unseren Interaktionen begleitet uns Menschen als „soziale Wesen“ ein moralischer Blick auf den Anderen. In unserer Sozialisation wird uns diese Perspektive eingeprägt. Auf die Welt kommen wir zunächst ohne Moralbewusstsein, ohne die Fähigkeit zur Übernahme der Perspektive unseres Gegenübers. Der Neugeborene startet als Triebwesen, der Lust sucht und Unlust vermeiden will. Danach erst lernen wir sozial zu agieren. Am Anfang in egozentrischer Einstellung, also unfähig zu sehen, wie unser Gegenüber denkt und uns sieht. Diese Selbstbezogenheit hält lange an, wobei das Selbst des Kindes mit der mütterlichen Bezugsperson verschmolzen ist. Mit Bewältigung der ödipalen Krise brechen wir aus der symbiotischen Beziehung zur Mutter aus, betreten ein neues Sozialniveau mit der Triade von Mutter-Vater-Kind und lernen diese drei Blickwinkel zu unterscheiden. Der anfängliche Egozentrismus wird überwunden, zum Egoismus erweitert, denn zur Maximierung des eigenen Nutzens wird die Übernahme der Perspektive des Gegenübers benötigt, um erfolgreich zu sein. Darüber hinaus lernen wir, uns in Familien und anderen Gruppen einzuordnen. Jeder Mensch muss diese sozialen Fähigkeiten entwickeln, um als ein normales Mitglied seiner Bezugsgruppen agieren zu können.

Je entwickelter und vielfältiger Gesellschaften sind, desto eher kann dieses konventionelle Niveau postkonventionell werden. Diesen Zusammenhang haben die beiden Entwicklungspsychologen und Moraltheoretiker Jean Piaget und Lawrence Kohlberg erforscht. Für Piaget entwickelt sich das Kind von der Präsozialität des Säuglings zu einem Wesen, das von einem heteronomen zu einem autonomen Moralbewusstsein voranschreiten kann. Basis dieser Entwicklung ist die Abfolge von Strukturen des sozialen Zwangs hin zur Zusammenarbeit. Das Kind interiorisiert dabei den objektiven Sinn dieser beiden differenten Muster sozialer Beziehungen, in denen es sich ständig bewegt und entwickelt moralische Kompetenz. Kohlberg, der Piagets Ansatz weiterentwickeln wollte, verzichtet bei seiner Unterscheidung von jeweils 2 Stufen auf jedem der drei Sozialniveaus präsozial, konventionell und postkonventionell auf eine Theorie sozialer Konstitution der Bewusstseinsformen und beschränkt sich auf eine empirische Beschreibung seiner Stufen aufgrund weltweit erhobener Daten. Für Piaget dagegen schlummert in Zwang und Zusammenarbeit gleichsam ein objektiver Sinn, den es hermeneutisch zu rekonstruieren gilt. Er muss deutlich vom subjektiv gemeinten Sinn unterschieden werden, der dem Handelnden selbst bewusst ist. Kohlberg unterläuft das theoretische Niveau seines Lehrers Piaget, eine Schülerin Kohlbergs und Feministin, Carol Gilligan, macht sein Manko wieder gut. Sie störte sich daran, dass männliche Probanden bei ihren Forschungen häufiger postkonventionell eingestuft wurden als weibliche. Woran lag das?

Empirisch auffällig entscheiden sich männliche Probanden bei ihren Lösungen der Moraldilemmata, so die typische Untersuchungsmethode Kohlbergs, sofern sie sich auf dem Niveau postkonventionellen Urteilens bewegen, für prinzipienorientierte Lösungen. Sie argumentieren bei den vorgelegten Problemen mit universellen Werten wie Freiheit, Gerechtigkeit, Menschenwürde. Weibliche Probanden transzendierenden ihre jeweilige Gesellschaft weniger eindeutig, gehen aber gründlicher auf den Einzelfall ein und argumentieren bei ihren Bewertungen der Dilemmata häufig aus empathischer Fürsorge. Ihre konkreteren Lösungsvorschläge wurden von den Auswertern der Untersuchungen, so die Kritik Gilligans, zu häufig als konventionell bewertet, als würde eine Bindung an Gruppennormen ihr Urteil steuern, typisch vor allem für moralische Urteile auf Stufe 3. Das ist für Carol Gilligan unfair und falsch. Damit liegt sie richtig. Auch ich betone als Grundwert des modernen Sozialstaates die Fürsorge. Mit diesem Wert kann die Grundlage einer feministischen Sozialstaatsidee ermittelt werden, die der oben genannten grünen Bürokratiekritik des modernen Wohlfahrtsstaates standhält. Bei einer Fürsorgepolitik für unterschiedliche Betreuungsgruppen kann deutlich mehr auf den Einzelfall und seine Besonderheit eingegangen werden als beim klassischen Verwaltungshandeln der Sozialbürokratien, die alle Fälle über eine gleich Leiste schlagen müssen und dadurch leicht entmündigend wirken. Faktisch ist das notwendige Eingehen auf den Einzelfall schon heute bei der Betreuung von Behinderten wirksam. Warum sollte dieses Vorgehen nicht ausgebaut werden? Diese mögliche und bereits praktizierte feministische Sozialpolitik kann in meinen Augen überzeugend als links bezeichnet werden.

Übrigens Malte, Fürsorge ist kein ausschließlich weiblicher Wert, auch wenn er historisch seinen Sitz im Leben bei den Betreuungsleistungen einer Mutter für ihre Kinder hat. Auch Männer sind zur Fürsorge fähig, wie auch zum Zuhören und zum Zärtlich-Sein.

Die extrem Armen hat auch mein Ansatz im Blick, sogar anspruchsvoller als der prinzipienorientierte von Konrad und Clemens, die typisch männlich postkonventionell verallgemeinernd argumentieren. Was die Ärmsten der Armen je individuell bedürfen, kann nur mit Fürsorge ermittelt werden.

Malte von Baruch

Jetzt muss ich Dich auch loben, Rebekka, weil Dein moraltheoretischer und feministischer Standpunkt sehr stringent entwickelt wurde. Doch ich bin nicht einverstanden, weil ich glaube, dass Moral uns in politischen Zusammenhängen nicht weiterhilft. Es gibt in der modernen Gesellschaft kein Funktionssystem für Moral. Alle großen Funktionssysteme funktionieren moralfrei.

Es kann in der Wirtschaft nur stören moralisch kommunizieren zu wollen. Die Preise sind entscheidend, nicht das moralische Handeln der Personen. Wer als Apartheid-Gegner früher mit keinen Kauf von Früchten das Regime in Südafrika stützen wollte, wusste, dass er nicht ökonomisch-rational, sondern politisch und damit ökonomisch-irrational handelt. Gleiches gilt für den Ausländerhasser, der türkische Läden boykottiert. Er wählt bewußt diese nichtökonomische Entscheidung und verhält sich ökonomisch nicht stringent.

Auch im Bildungssystem handelt ein Lehrer/Professor, der seine Schüler/Studenten nach moralischen Kriterien und nicht nach Leistung (und Anstrengung) benotet, funktionsinadäquat. Gleiches gilt für Patienten, die Moral oder Übereinstimmung in Fragen der Religion und nicht Fachkompetenz beim Arzt erwarten. Ebenso weiß sich jeder Wissenschaftler bei seinem Tun allein der Wahrheit und keiner Moral oder Weltanschauung verpflichtet. Er forscht beflissen mit methodischem Atheismus auch dann, wenn er privat immer noch gläubig ist. Die Logik der Wissenschaft zwingt ihn dazu. In der Moderne ist deshalb nicht nur die Religion, sondern auch die Moral privatisiert worden und damit außerhalb der großen Funktionssysteme angesiedelt.

Warum soll das in der Politik anders sei? Seit Machiavelli wissen wir, kein Politiker kann es vermeiden, berechnend und unehrlich zu sein. Im Blick hat er stets Machtgewinn bzw. Machtsicherung. Luhmann betont bei Politikern den Zwang zur Heuchelei. Sie können nie wahrhaftig sein – notwendigerweise eine Erwartungshaltung unter Freunden und Familienangehörigen, die immer eingefordert werden kann – sondern müssen stets strategisch handeln. Wehe, sie sind zu Freunden ehrlich und diese Freunde erweisen sich als unzuverlässig und tratschen weiter! Wehe, Politiker betonen zu sehr moralische Werte! Sie schlagen nur zu leicht auf sie selbst zurück. Politische Skandale haben hier ihre beiden wichtigsten Ursachen.

Es gibt einen interessanten Unterschied des sozialen Sitz im Leben von Moral und Religion. Religionen waren in vormodernen Zeiten als Weltbilder Hauptgrund sozialer Integration von Gesellschaft. Sie hielten mit ihren Werten und Plausibilitätsstrukturen ihre jeweilige Gesellschaft zusammen. Moral dagegen ist keine Integrationsformel. Ihr Code von Achtung und Nichtachtung wirkt enorm konfliktsteigend. Da moralische Erwartungen Ego selbst binden, muss er sich bei Enttäuschung seiner Erwartung durch ein alter Ego verletzt fühlen. Folglich ist bei Moral noch mehr als beim klassischen Tabu-Thema Religion (Jeder Mormone oder Zeuge Jehovas versteht, wenn man seinen religiösen Annäherungsversuch abwinkt.) in der Moderne Vorsicht angesagt. Moral ist immer möglich, damit ist sie universell. Zum anderen aber ist sie nur konkret anwendbar in Beziehungen von Personen, also partikularistisch. Eines des vielen Paradoxien unserer Weltgesellschaft.

Wir sollten folglich Moral meiden, um Politik, auch Sozialpolitik zu verstehen. Ich rede in der Regel, wie Du weißt, nicht vom Sozialstaat oder überhaupt Staat, sondern vom politischen System. Bei diesem Funktionssystem geht es nicht um Steuereinnahmen und Staatsausgaben, wozu in Deutschland als größter Faktor die Sozialausgaben zählen, sondern um kollektiv bindende Entscheidungen. Mich interessiert vor allem, wie diese entstehen und durch die Verwaltung als Teilsystem der Politik durchgesetzt werden. Der Begriff Staat muss entzaubert werden, weil er scheinbar eine zentral regulierende Instanz der modernen Gesellschaft bezeichnet, die alles steuert, die es in der Moderne aber nicht mehr gibt. Steuereinnahmen und deren Verwendung als Transfers für Haushalte, Firmen und andere Organisationen sind Teil des ökonomischen Systems und im Verhältnis zur Privatwirtschaft und den Privathaushalten sogar ein annähernd gleichgroßer Teil. Zum politischen System gehören sie nicht. Wirtschaft kann ohne diese öffentlichen Gelder nicht verstanden werden. Wer diese Zahlungen anweist und wer berechtigt ist und in welcher Höhe, wird in den kollektiv bindenden Entscheidungen des politischen Systems festgelegt, wandert danach als Gesetzgebung in das Rechtssystem und erscheint als Zahlung der öffentlichen Kassen im ökonomischen System. So komplex muss Staat heute verstanden werden.

Unser Thema einer Unterstützung der extrem Armen ist kompliziert und verlangt eine Analyse, die alle großen Funktionssysteme einbezieht. Wer hier etwas ändern will, was Du und ich durchaus wollen, muss sich anstrengen. Politiker reagieren in der Regel nur, wenn Neuerungen in den Massenmedien als relevantes Thema auftauchen, vielleicht vorher in sozialen Bewegungen oder wissenschaftlichen Diskursen entstanden und von dort aufgegriffen wurden. Sie machen, sofern sie nicht versanden wie die meisten neuen Ideen, dann Karriere, wenn sie zu wahlentscheidenden Topoi werden, danach das Regierungshandeln bestimmen und im parlamentarischen Prozess erfolgreich zum neuen, veränderten Gesetz gerinnen, um anschließend mit Verordnungen die Praxis der Verwaltung in den Behörden zu regeln. Ob in diesem komplizierten Prozess permanenter Änderungen die Anfangsidee einer besseren Fürsorge für die Ärmsten der Armen überlebt, bezweifele ich, obwohl ich es wie Du für diese Gruppe wünsche. Vermutlich braucht es mehrere Anläufe, um ihnen besser helfen zu können.

Rebekka Baruch

Die Genese von Gesetzen und ihr langer Weg bis zur Praxis in den Behörden hast Du brillant analysiert. In der Tat, da kann am Ende etwas ganz anderes herauskommen als ursprünglich beabsichtigt war. Deine völlige Abkoppelung der Politik von jedweder Moral allerdings kann ich nicht zustimmen. Richtig, die Politik kann den Lauf der anderen großen Funktionssysteme in der Moderne nicht mehr steuern, dennoch werden ihre Kommunikationen, also ihre kollektiv bindenden Entscheidungen, von dem Sozialniveau ihrer Verfassung bestimmt. Die Normen des deutschen Grundgesetzes sind dem postkonventionellem Niveau zuzuordnen. Ihre Werte wie Menschenwürde, Freiheit und Sicherheit sind prinzipienorientiert. Auch in der Fürsorge sehe ich, wie oben erwähnt, ein gleichwertiges Prinzip. Moralstrukturen waren auch früher den politischen Ordnungen inhärent. In der Vormoderne waren sie konventionell, weil sie sich an Traditionen der Herrscherhäuser und Religionen orientierten. Nur wenige Philosophen und Propheten erreichten damals als einzelne die postkonventionelle Ebene. Auch die Wirtschaft folgt mit ihrer Amoralität einem der drei Sozialniveaus. Hier dürfen wir wie in den Frühzeiten unserer Sozialisation präsozial unseren Egoismus frönen. Das macht den Kapitalismus leider sehr attraktiv und die meisten von uns zu verrückten Konsumenten.

Weil die Ontogenese der Moral der Phylogenese unserer Gattung folgt, können wir Moral nicht auf das Abstellgleis von Achtung-Verachtungs-Verhältnissen schieben, nur weil sie in der Tat Konflikte steigert und immer „verletzen will“ (Luhmann).

krisendialoge

Herzlichen Dank für Eure Ausführungen. Weil Eure unterschiedlichen Ansichten zum Verhältnis von Politik und Moral, nicht nur bei Euch beiden, sondern auch in dem früheren Gespräch von Konrad und Clemens deutlich artikuliert wurden, werde ich Euch alle vier zu einem Folgedisput einladen mit einem zur Zeit breit diskutierten Thema für den Sozialstaat: dem bedingungslosem Grundeinkommen. Hier könnt Ihr Eure Grundpositionen testen. Bis dann!

Literaturhinweise. (folgen demnächst)

Vom amerikanischen zum chinesischen Zeitalter?

Abstract

Über einen Abstieg des Westens, verstanden als Verlust von globaler Bedeutung für die westlichen Länder, und einen entsprechenden Aufstieg Chinas sind sich alle drei Diskutanten einig. Für Konrad ist sogar eine neue von China dominierte Weltordnung möglich, sofern einige notwendige Reformen erfolgen. Die USA werden sich langfristig wegen der Schwäche ihrer politischen Institutionen nicht behaupten können. Das wird von Rebekka wegen des starken asiatischen Patriarchalismus bestritten, der nur durch den Westen endgültig gebrochen werden kann. Auf ihn vertraut sie weiterhin. Für Malte ist China wegen unzureichender Differenzierungsgrade aller Funktionssysteme der Moderne zu einem globalen Weltmodell nicht fähig.

krisendialoge

Wir leben in unübersichtlichen Zeiten mit Krisen en masse. Mit einem Neonationalismus, siegreich mit Trump in den USA, aber auch in Polen und Ungarn. Mit populistischen Bewegungen in linker und rechter Formation, stark in Italien und Frankreich, die sich in ganz Europa ausbreiten, mit der AFD zuletzt auch in Deutschland. Mit dem bereits sieben Jahre andauernden grausamen Krieg in Syrien, platziert im Vorhof Europas, der den gesamten Nahen Osten erfassen und destabilisieren kann.

Das sind einige der Gefahrenherde unserer Gegenwart. Wie bewertest du, Konrad, diese gegenwärtige Weltlage? Ist das Ende der über 200 Jahre dauernden Dominanz des Westens in Sicht und bahnt sich eine neue Weltordnung an? Wenn ja, welche?

Konrad von Baruch

Als Francis Fukuyama kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion den Sieg des Westens mit der hegelianischen Denkfigur eines „Endes der Geschichte“ triumphierend interpretierte und viele Intellektuelle damals seiner These zustimmten, war mir sofort klar: Einen Standpunkt jenseits der Geschichte einzunehmen, ein Privileg Gottes, ist uns Menschen unmöglich. Wir stecken immer inmitten historischer Prozesse und haben viel Mühe, ihnen zu folgen und sie angemessen zu deuten. Ein Triumphgeheul des Westens war angesichts der vielen Krisen, die innerhalb westlicher Gesellschaften auch damals grassierten und vielen bewusst waren, gänzlich verfehlt.

Imperien steigen auf uns ab. Das ist der Lauf der Geschichte. Weltgeschichte als Auf- und Abstieg von Imperien ist eine Konstante seit der Herausbildung von Hochkulturen. Größere Völker suchen ihre Chance zur imperialen Entfaltung, kleineren Völkern bleibt nichts anderes übrig als sich zu ergeben bzw. aus ihrem Verhältnis zum überlegenen Hegemon das Beste zu machen. Dass auch in unserer Gegenwart dieser Prozess stattfindet, sollte nicht erstaunen. Spannend ist der Übergang, wenn sich eine Macht verabschiedet, in unserem Fall die USA als Hegemon des Westens, und eine neue Macht ihren neuen Dominanz-Anspruch anmeldet, was gegenwärtig für China gilt. In der Antike verliefen Vorgänge dieser Art kriegerisch. Das muss sich heute zwischen den USA und China nicht wiederholen. Kriege zwischen Atommächten waren im Gegensatz zu deren Stellvertreterkriegen in der Zeit des Kalten Krieges ausgeschlossen und werden es hoffentlich bleiben. Der im Kalten Krieg erreichte Friede, gesichert durch die Paradoxie wechselseitiger totaler Vernichtung (Wer als Erster atomar angreift, stirbt als Zweiter!), muss von einem imperialen Frieden unterschieden werden. Imperien sichern Frieden durch überlegenem Zwang und können Zeiten wirtschaftlichen und kulturellen Wohlstandes für ihre Einflusssphäre auslösen. Das galt für das antike Rom mit Augustus, ebenso für Jahrtausende des kaiserlichen Chinas und für das britische und amerikanische Empire, von dem vor allem wir Deutsche nach 1945 profitierten.

Gegenwärtig haben nur die USA und China die Chance zur Dominanz im Konzert der Staaten. Großbritannien träumt mit dem Brexit von einem Zurück zur hegemonialen Position im alten Commonwealth und wird scheitern. Ökonomisch können die vielen kleinen und größeren Staaten des Commonwealth niemals die Rolle der EU ersetzen. Die Entfernungen sind zu groß und die Handelsvolumina zu unbedeutend. Deshalb bahnt sich in Großbritannien (hoffentlich!) eine Mehrheit für einen „Brino“ an, für einen „Brexit in name only“, den Labour und Teile der Tories befürworten.

Russland mit einem BIP noch unter Italien ist bestenfalls eine Mittelmacht und hat den Verlust der imperialen Größe der alten UdSSR noch nicht verwunden. Die Chancen zu einer wirklichen Modernisierung Russlands wurden schon Peter dem Großen und zuletzt mehrmals von der EU und vor allem Deutschland vergeblich angeboten, um den bisherigen Status als reiner Energielieferer von Erdöl und Gas durch ökonomische Diversifizierung zu überwinden. Zwar meldet sich Russland dank westlicher Zurückhaltung im syrischen Bürgerkrieg als Weltmacht zurück, muss aber bald wegen der finanziellen Lasten dieses Krieges und seiner Folgen die Kooperation mit der EU und den USA suchen. Die Kosten von Wiederaufbau und Sicherung des Friedens in Syrien kann Russland allein, auch zusammen mit dem Iran und der Türkei, nicht tragen. Ohne westliche Hilfe droht dem im Gegensatz zur Sowjetunion kleineren und schwächeren Russland über kurz oder lang dasselbe Schicksal einer Implosion. Putin wird es nicht soweit kommen lassen und stattdessen zu Friedenskonferenzen einladen. Der Zweck des Syrieneinsatzes, Augenhöhe in der Kommunikation mit den USA zu erreichen, ist erfüllt, aber in Wahrheit mehr Schein als Sein.

Der Wiederaufbau Syriens wird vermutlich primär Sache der EU werden, denn die Aufbauhilfe der USA wird bescheiden ausfallen. Erste Zusagen sind bereits gemacht, noch begrenzt auf Not- und medizinische Hilfe. Das Dilemma der EU ist deutlich. Ein Land durch Krieg zu zerstören ist viel billiger als es wieder aufzubauen. Die EU wählt die zweite Möglichkeit, hätte aber schon lange die Chance als potentiell imperiale Macht den gesamten Nahen Osten als ihren Einflussraum durchzusetzen und dort für einen imperialen Frieden sogar zwischen Israel und den Palästinensern zu sorgen ohne all die Zerstörungen der letzten Jahrzehnte. Ein imperialer Friede rund um das Mittelmeer wäre möglich. Stattdessen träumt die EU den kantianischen Ewigen Frieden, der in dieser Region scheitern muss. Der Ewige Friede Kants ist nur zwischen republikanischen Staaten möglich und innerhalb der EU in der Tat verwirklicht, was aber einem Frieden in der Peripherie Europas mit so vielen orientalischen Despotien nicht wirklich weiterhilft.

Die USA haben schon vor Trump begonnen, sich von ihrer hegemonialen Position als dominierender Weltmacht zu verabschieden. Obama zog sich aus dem Nahen Osten zurück, nicht zuletzt, weil die USA die für einen Hegemon des Westens notwendigen Finanzmittel nicht mehr aufbringen wollten und konnten. Wichtiger waren für ihn: eine Hinwendung zur pazifischen Region, Investitionen in die heimische marode und desolate Infrastruktur, ferner in das für die vielen armen US-Amerikaner unzureichende Gesundheits- und Bildungssystem und in eine ökologische Kehrtwende, die den Klimawandel bewältigen will. Damit ist nun mit Trump Schluss. Er verwandelt das Zögern Obamas in einen amerikanischen Nationalismus, der kombiniert mit einer protektionistischen Wirtschaftspolitik das Ende der westlichen Welt einleiten kann, während China mit Riesenschritten zur Weltdominanz voranschreitet.

krisendialoge

Sind der Rückzug der USA aus seiner dominierenden Rolle und der Aufstieg Chinas zu einer neuen Weltmacht Tendenzen, die sich durchsetzen werden? Zunächst sollte ein Blick zurückgeworfen und an die bisherigen Weltordnungen erinnert werden, um danach diese beiden neuen Tendenzen genauer zu analysieren und zu bewerten. Lieber Malte, wie gelangte der Westen zu seiner Vorherrschaft und welche politischen Mittel sicherten seine Dominanz, die nun schwindet?

Malte von Baruch

Die moderne Weltordnung mit der Vormachtstellung des Westens begann nicht erst mit der Aufklärung, der französischen und der industriellen Revolution, sondern politisch nach der Reformation mit dem Westfälischen Frieden 1648. Die Reformation, das zweite Schisma des Christentums, erschuf für Westeuropa die Voraussetzungen, mit denen dieser Teil der Welt seinen Siegeszug für eine über 300 Jahre dauernde Weltdominanz starten konnte. Das muss genauer erläutert werden.

Unmittelbar nach der Reformation folgten Jahrzehnte religiös-politischen Streits. Etliche Fürsten nutzten die neuen Ideen mit ihrer antirömischen Stoßrichtung für ihre politischen Interessen. Ihre Zuwendung zum Protestantismus war weniger ein religiöses Bekehrungserlebnis als rationales politisches Kalkül. Vor allem der Ablasshandel des Papstes entzog ihnen finanzielle Ressourcen. Das konnte jetzt geändert werden und führte in nachreformatorischer Zeit zu 30jährigen religionskriegerischen Auseinandersetzungen mit viel Brutalität, Zerstörung und Grausamkeit, vor allem auf dem Boden der deutschen Territorien, dem Dreißigjährigem Krieg.

Dieser Krieg war im 18. und 19. Jahrhundert noch mehr als die letzten beiden Weltkriege das große Trauma der Deutschen, was heute vielen nicht mehr bewusst ist. Die erfolgreiche Beendigung dieses Konfliktes durch den Westfälischen Frieden setzte ein Weltordnungssystem in Gang, das auf der Basis souveräner Nationalstaaten einen Prozess politischer Evolution bewirkte, der die Welt veränderte. Konstituiert wurde ein System souveräner Nationalstaaten, die sich wechselseitig trotz unterschiedlicher christlicher Bekenntnisse als gleich anerkannten und deren Regierungen ausschließlich das „Ius ad bellum“ zugestanden wurde. Das Kriegsgeschehen wurde domestiziert und rechtlich eingehegt, zum Beispiel die Teilnahme von Warlords und ihren Söldnern unterbunden, die im Dreißigjährigem Krieg vor allem für die schlimmsten Grausamkeiten verantwortlich waren. In der Folge des Westfälischen Friedens waren Kriege in Europa ausschließlich Sache der beteiligten Staaten und deren nationaler Armeen. Das Gleichgewicht der Europäischen Mächte, durch Kriege immer wieder austariert, hielt bis zum 1. Weltkrieg an, der eine neue Epoche der Kriegsführung einleitete. Ab jetzt wurde beginnend mit dem US-Eintritt in diesen Krieg weltweit eine nun vielleicht endende US-amerikanische liberale Weltordnung aufgebaut (mit der UN, der Weltbank und dem IWF, zunächst dem GATT und danach der WHO, sowie der NATO).

Das Entwicklungspotential Westeuropas, das durch die Konkurrenz von Kirche und Papst die Trennung der politischen und religiösen Sphäre bereits andeutete (kein anderer Teil der Welt kannte eine ähnlich hohe Spannung dieser beiden Bereiche), erfuhr durch den Protestantismus und die nachfolgenden Revolutionen einen großen Schub und führte endgültig zur Differenzierung dieser beiden und der anderen Funktionssysteme der modernen Welt. Ebenso wichtig waren auch die wirtschaftliche und leider immer wieder militärische Konkurrenz der europäischen Mächte. Hätte der Dreißigjährige Krieg einen eindeutigen Sieger gekannt und wäre es Kaiser Ferdinand III gewesen, die Friedenssicherung durch eine Pax Europaea des „Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation“ hätte die Entwicklungsdynamik Westeuropas nicht in demselben Maße angetrieben, wie es das Konkurrenzsystem der europäischen Nationalstaaten und ihrer drei Großmächte England, Frankreich und Deutschland bewirkten sollte. Das spricht gegen die schlichte These andauernder Prosperität durch einen imperialen Frieden, lieber Konrad. Die Moderne entstand eher durch Konkurrenz und Kooperation gleichberechtigter Mächte.

Die EU sollte sich bei ihrem Vorhaben einer weiteren politischen Integration auf diesen Vorteil konkurrierender Staaten besinnen und dabei eine daran orientierte Form von Einheit bilden. Einen europäischen Superstaat wie die USA als Einigungsziel einer weiteren Integration der EU ins Visier zu nehmen, wird nicht funktionieren. Die Einzelstaaten der EU prägen für die Mehrheit ihrer Bürger primär deren Identität, die nur ganz vorsichtig das Europäische einbezieht. Sich als EU-Bürger oder sogar als Weltbürger zu empfinden, übersteigt das Vermögen der meisten und bleibt eher einer kleinen intellektuellen Minderheit vorbehalten. Das ist nicht weiter schlimm, weil pragmatisch schon heute die EU als ein politisches System mit unterschiedlichen Integrationsschritten ihrer Teile funktioniert (Euro-Raum,Schengen-Staaten). Macron und Merkel sollten sich bei ihrer künftigen EU-Politik daran orientieren und an einem Kerneuropa arbeiten.

Der Einfluss des Westens schwindet schon lange. Die ersten Phasen der Globalisierung wurden durch Westeuropa angestoßen. Die frühen Entdecker, später die imperialen und ökonomischen Eroberungen der letzten vier Jahrhunderte starteten von Europa aus. Jetzt aber in Zeiten einer voll entfalteten Weltgesellschaft holen andere Regionen der Welt auf. Zuerst waren es Japan und die asiatischen „Tiger-Staaten“ (Südkorea, Taiwan, Singapur, Hongkong), jetzt folgen weitere, vor allem Indien und mit der größten Wucht China. Diese beiden Staaten haben sich wie ihre Vorläufer aus eigener Kraft ohne westliche Entwicklungshilfe aus ihren armen Verhältnissen herausgearbeitet. Als nachholende Gesellschaften erreichen sie Wachstumszahlen des BIP, von denen die bisher führenden Staaten des Westens nur noch träumen können. Japan, Indien und China sind alte Hochkulturen, die es geschafft haben, ein Passungsverhältnis zur Moderne zu entwickeln, vor allem auf dem Gebiet von Technik und Wirtschaft. Nicht jedoch auf dem Feld der Politik. Demokratien im westlichen Sinn sind weder China, noch Indien und Japan. Das wird bei Japan und Indien häufig übersehen. Ihre Kulturen bestimmen die Formen ihrer politischen Systeme und unterscheiden sie deutlich von denen Westeuropas und der USA. China wird weit mehr von der konfuzianischen Tradition mit ihrem Harmoniestreben bestimmt als durch den vom Westen übernommenen Marxismus. In Japan okkupieren regionale Führer die politischen Parteien und der hohe Anpassungsdruck steht im deutlichen Kontrast zum westlichen Individualismus. In Indien leiden vor allem viele Frauen durch die immer noch nicht überwundene alte Kastenordnung, wie gerade in letzter Zeit in vielen Pressemitteilungen über vergewaltigende indische Männer zu lesen war. Gerade das Kastenwesen zementiert soziale Ungleichheit weit mehr als jede Klassenordnung oder Schichtstruktur.

Weil alle westlichen Staaten schon lange stagnieren, von Krisen geschüttelt werden und gleichzeitig in anderen Regionen der Welt die aufholenden Staaten wirtschaftliche Erfolge haben, schwindet die Dominanz des Westens. Und das schon lange vor Trump und den populistischen Bewegungen der Gegenwart.

Für die europäische Politik hat diese Entwicklung gewaltige Konsequenzen. Auf die USA ist nicht nur wie bisher kein Verlass mehr, wie an mehreren Orten mit Recht von der deutschen Kanzlerin konstatiert, sondern es müssen auch bei Themen wie Handel, Klima und zuletzt durch Trumps Bruch mit dem Iran-Atom-Abkommen Koalitionen mit China, Russland u.a. gegen die USA eingegangen werden. Für das quasi-libidinöse Abhängigkeits- und Treueverhältnis der Deutschen zum großen Bruder USA, am stärksten bei der CDU zu finden, kein geringes Problem. Es hilft nichts, wir müssen uns emanzipieren. Frau Merkel scheint es verstanden zu haben.

krisendialoge

Wie bewertest Du, Rebekka, den Schwund westlicher Dominanz? Was bedeutet er aus Deiner feministischen Perspektive? Hat die Vormachtstellung des Westens den Frauen genutzt und was ist von einer möglichen Weltdominanz Chinas zu halten?

Rebekka Baruch.

Die Geschichte der westlichen Dominanz war eine sehr kurze Phase der Menschheitsgeschichte, für uns Frauen aber wegweisend und bedeutsam. Der Patriarchalismus, das Kennzeichen aller Hochkulturen, basierte auf der Hierarchie der alten Männer des Adels über den Rest der Gesellschaft. Der Gegensatz Alt / Jung ging dem Geschlechterverhältnis voran und war für die frühe Menschheitsgeschichte bedeutsamer. Hochkulturen waren vor allem Gerontokratien wie schon vorher die archaischen Gesellschaften. Frauen wurden aber erst in den Hochkulturen zum Privateigentum des Mannes und weitgehend rechtlos gemacht. Archaische Stammesgesellschaften boten ihnen weit mehr Chancen und verdammten sie weniger zum „Anderen“ Geschlecht (Simone de Beauvoir). Die bürgerliche Gesellschaft überwand die Stratifikation und Hierarchisierung vormoderner Gesellschaften durch das neue Organisationsprinzip Gleichheit, was uns Frauen großen Nutzen bringen sollte. Die Frauenbewegungen Europas und danach ihre Ableger in der ganzen Welt sind Folge der französischen Revolution und ihres Gleichheitsgedankens. Die seitdem ständig wiederholten Rufe nach Gleichheit der Geschlechter brachten in mehreren Schüben feministischer Bewegungen noch nicht den vollen Durchbruch, aber doch einige Schritte zur Überwindung patriarchaler Strukturen. Der Fortschritt zur Lage der Frauen ist eine Schnecke und wird noch lange dauern. Er ist aber real. Es kann nicht geleugnet werden: der Patriarchalismus wankt.

Auch bei politischen Ämtern erhöht sich die Zahl von Frauen immer mehr, die Spitzenpositionen einnehmen. Die ersten Regierungschefinnen westlicher Staaten wie Golda Meir und Margaret Thatcher kopierten noch den typischen männlichen Habitus. Für Angela Merkel gilt das nicht mehr. Sie entwickelt aber noch keinen eigenständig weiblichen Politikstil. Ihre Ruhe und Unaufgeregtheit, ihr Pragmatismus, der vom Ende her denkt, ist für das, was feministische Politik bedeuten kann, zu wenig. Visionen stören in der Regel bei politischen Entscheidungen. Aber eine noch zu entwickelnde feministische Politik wird ohne Visionen im Sinne von Real-Utopien nicht auskommen. Das wird Aufgabe der nächsten Generation von Spitzen-Politikerinnen sein. Sie müssen entwickeln und erläutern, vor allem auch Skeptiker überzeugen, was eine feministische Außen-, Sozial- und Sicherheitspolitik sein kann. Noch zeigen die meisten bei diesen Themen Unverständnis.

Das vormoderne kaiserliche China räumte wie alle antiken Hochkulturen Frauen keinen gleichen Rang wie Männern ein. Der Konfuzianismus erwartete von ihnen, zuerst als Tochter unbedingt dem Vater, dann nach der Heirat dem Ehemann und als Witwe dem Sohn gehorsam zu ein. Unterstützt wurde diese Unterdrückung und Anbindung der Frau an das Familiensystem durch die Tradition des Füßebindens. Physisch waren Frauen damit ans Haus gekettet. Das moderne kommunistische China hat mit dieser Tradition gebrochen. Die Gleichheit von Mann und Frau wurde sofort in die erste Verfassung nach Staatsgründung des modernen China 1949 aufgenommen. Die strukturelle Benachteiligung von Frauen vor allem im Bildungswesen endete und ein neues Eherechts mit Monogamie und gleiche Beschäftigungschancen für Frauen wurden eingeführt, ohne aber eine Parität für Frauen in den politischen und wirtschaftlichen Führungspositionen zu erreichen. Einen Drall wie in Europa und den USA entwickelte eine Frauenbewegung in China nicht. Asiatische Frauen sind bis heute weniger kämpferisch als Frauen in westlichen Ländern. Allerdings haben seit der marktwirtschaftlichen Öffnung Chinas etliche Frauen von ihnen gegründete Firmen erfolgreich zu global agierenden Konzernen weiterentwickelt. Auch an den Universitäten, überhaupt im Bildungswesen, holen Frauen in China auf. Vorreiterinnen aber sucht man in Asien, was den Feminismus betrifft, vergebens. Wir Frauen müssen immer noch auf den Westen setzten, zunächst weiterhin auf Europa. Nach Trump spielen hoffentlich auch die USA wieder eine wichtige Rolle.

krisendialoge

Dass der Westen in Gefahr steht abzusteigen, scheint bei Euch allen Konsens zu sein. Abschließend interessiert mich Eure Einschätzung, weil Ihr alle mit einem sich fortsetzenden Aufstieg Chinas rechnet, ob dieses Land die Kraft hat, ein Modell für die Welt in politischer, ökonomischer und kultureller Hinsicht zu werden. Kann China das schaffen?

Rebekka Baruch

Die USA sind eine sehr junge Nation von knapp 250 Jahren, die nur mit Hilfe ihrer europäischen Einwanderer die rasante innerkontinentale und globale Entwicklung zur Weltspitze durchlaufen konnte. Für China, das auf eine Tradition von fünf Jahrtausenden zurückblickt, sind sie Joungsters und Neureiche, denen Tradition und Reife fehlt. Diese Sichtweise ist natürlich unangemessen und überspielt westliches Traditionsgut der Moderne, das auch China im 20. Jahrhundert übernommen hat. Weil der Patriarchalismus, der zwar in Europa wankt, aber immer noch in Asien (und Afrika!) stark ist, und weil der Neoliberalismus im Westen wegen der Schwäche der Sozialdemokratie weiterhin dominiert, sehe ich für das Modell einer fortschrittlichen Politik, das von China für die Zukunft unserer Welt angestoßen werden könnte, wenig Chancen. Zwar wird es zur Zeit für die EU mit China eher eine Zusammenarbeit in der Klimafrage und beim freien Welthandel als mit den Trump-USA geben. Das muss aber nicht so bleiben. Nach Trump wird eine westlich orientierte USA wiedererstehen. Statt eines dominierenden Zentrums sehe ich eher eine multipolare Welt am Horizont, denn so kraftvoll wie früher wird der Westen nicht wieder werden.

Konrad von Baruch

Die meisten Krisen der westlichen Welt haben mit dem übersteigerten Individualismus und der Subjektorientierung ihrer Legitimationsideen zu tun. Das schwächte westliche Institutionen von Anfang an. Der Staat als Zentrum und Leitorgan der Moderne war nur in Hegels Philosophie stark, aber nicht in der Realität westlicher politischer Systeme. Die Wirtschaft, vor allem große Konzerne, und ihre Lobbyisten bestimmen das staatliche Handeln weit mehr als der Wille der Wahlbürger, die leicht zu manipulieren sind. Westliche Regierungen reagieren mehr auf ökonomische Imperative und Versorgungs- und Sicherheitsinteressen ihrer Bürger statt die gesellschaftliche Wirklichkeit zielsicher und konsequent zu gestalten.

Ganz anders China. Es gibt eine Kontinuität vom alten Kaiserreich bis in unsere Gegenwart. Wie schon in Japan verläuft auch Chinas Weg in die Moderne durch kraftvolle staatliche Planung. Noch kein asiatisches Land hat durch eine Kopie des rein marktwirtschaftlichen Manchester-Kapitalismus mit Nachtwächterstaat den Weg in die Moderne aufgeholt. Nur England und die USA waren zu Beginn der bürgerlichen Gesellschaft mit diesem Weg erfolgreich. Selbst in Frankreich hat der Etatismus des Ancien Régime im modernen Frankreich überlebt. In der angelsächsischen Welt sind die staatlichen Institutionen schwach, die kurz- nicht langfristig agierende Wirtschaft dagegen unangemessen stark.

Das gilt aber nicht für China. Hier hat man die frühen Idiotien des russischen Sozialismus und ihrer eigenen kommunistischen Frühzeit überwunden. Statt einer staatlich gelenkten Zentralverwaltungswirtschaft wurde mit Deng Xiaoping eine marktwirtschaftliche Wirtschaftsordnung eingeführt und die Idee einer permanenten Revolution Maos, zuletzt mit viel Brutalität im Bereich der Kultur, überwunden. Beides hat das Land erfolgreich aus der Armut geführt. Staatliche Instanzen und Staatskonzerne leiten die ökonomische und gesellschaftliche Entwicklung an. Freiheitssphären werden weit mehr als im früheren real existierenden Sozialismus zugelassen. Neben der Wirtschaft auch Wissenschaft und (apolitische) Kunst. Konkurrenzsysteme sind allerdings auf die Wirtschaft und das Bildungssystem beschränkt. Mit Konkurrenz im politischen System wird bisher nur auf kommunaler Ebene experimentiert. Natürlich gibt es Proponenten und Opponenten für politische Ziele auch in China. Diskurse mit freiem Gedankenaustausch werden aber auf die Spitze der KPCh beschränkt, sicher auf den Ständigen Ausschuss, vielleicht sogar auf das Politbüro. Deren Kontroversen bleiben somit geheim. Faktisch gibt es zwei Fraktionen: die Traditionalisten und Reformer. Wenn die chinesische Führung den Mut hätte, auch auf der Ebene von Regional- und Nationalwahlen diese beiden Fraktionen, faktisch ein konservativer und ein sozialdemokratischer Flügel, zur Wahl zu stellen, hätten sie schon das Niveau der amerikanischen Demokratie erreicht, die auch nur zwei relevante Parteien mit genau diesen beiden Strömungen kennt. Vermutlich könnte China mit einem derartigen Reformschritt die jetzt schon hohe Stabilität des politischen Systems stärken. Noch fehlt hierzu der Mut.

Vorbildlich ist Chinas Bildungssystem, das schon in Kaiserzeiten die Eliten-Rekrutierung steuerte und keinen leistungsschwachen Erbadel nach europäischen Vorbild kannte. Streng nach Leistung werden in Schulen und Hochschulen immer noch – sogar für einen Eintritt in die KPCh – die Besten selegiert und für Führungspositionen vorbereitet. In China erreichen Absolventen mit Noten unterhalb des Durchschnitts (George W. Bush), mit Abschlüssen von randständigen Militär-Colleges (Trump) oder gar Studienabbrecher (Sebastian Kurz) nie politische Führungspositionen. Sie haben harte Selektionen und jahrelange Bewährung in regionalen Positionen bestanden um Teil der chinesischen Führungscrew zu werden. Das Bildungssystem Chinas stützte schon immer und bis heute die Stärke der Institutionen. Nicht im gegenwärtigen Zustand, aber nach einigen wenigen Reformen kann China durchaus Vorbild nicht nur wie bereits heute für andere Länder, sondern auch zu einem Ordnungsmodell für die Welt im Ganzen werden.

Malte von Baruch

Mit einigen wenigen Reformen wird es nicht getan sein, lieber Konrad. Auf dem Differenzierungsniveau unserer heutigen Weltgesellschaft kommt es nicht allein auf starke Institutionen an, sondern auf Systeme, die mit hoher Komplexität kompatibel sind. Westliche Systeme erreichen hier immer noch die höchsten Werte und China muss aufholen. Das starre Einparteiensystem hast Du, Konrad, bereits erwähnt. Die Dysfunktionen, die hier ihre Ursache haben, sind mit Händen zu greifen. Die besten Köpfe, deren Kritik und Fähigkeiten in Europa und den USA abgeschöpft und gesellschaftlich genutzt werden, stören in China den Betrieb und verhindern gesellschaftlichen Fortschritt.

Noch wichtiger ist aber die Rechtsunsicherheit für inländische Betriebe und ausländische Investoren im gegenwärtigen China. Jeder Unternehmer muss bei seinen Investitionsentscheidungen sicher sein, dass Verträge eingehalten und im Bedarfsfall gerichtlich eingeklagt werden können. Davon ist China noch weit entfernt und gerade für ausländische Investoren ein Problem. Obwohl ich der chinesischen Führung Reformen in diese Richtung zutraue, ist ein Kollaps des Landes ebenso wahrscheinlich, denn ökologische Katastrophen und soziale Unruhen sind in China jederzeit möglich. Ultrastabilität der sozialen Verhältnisse ist trotz populistischer und neonationalistischer Tendenzen eher im Westen zu finden. Im Krisenfall organisiert sich bei uns schnell die immer noch existierende gesellschaftliche Mitte. Extrempositionen werden dann zurückgedrängt, wie Macron in Frankreich eindrucksvoll bewiesen hat. Ein zweiter Faschismus hat weder in Europa noch in den USA eine Chance und Autokraten werden schnell zu einer (allerdings gefährlichen) Witzfigur (noch vor allem im Ausland), wie Trump und Erdogan belegen.

Prinzipiell erreichen nur die hoch entwickelten westlichen Staaten ein für unsere Zeit adäquates Differenzierungsniveau der großen Funktionssysteme. In China, von anderen Ländern ganz zu schweigen, werden die systemspezifischen Kommunikationsformen permanent gestört und behindert. Sie gewinnen nicht ihre bei uns bekannte Eigenlogik und damit soziale Kraft. Das Harmoniestreben der konfuzianischen Tradition Chinas und die noch nicht überwundenen hierarchischen Strukturen stehen dem Denken in Differenzen, welche die Einheitsformeln der Vernunft bei uns abgelöst haben, im Weg. Dennoch: China hat sich in den Jahrtausenden seiner Kultur ständig an neue Verhältnisse angepasst, hat gelernt und war immer auch wegweisend für Gesellschaften seiner Umgebung. Allen voran Japan, das sehr eigenständig Chinas kulturellen Einfluss weiterentwickelt hat. Also: China kann und wird lernen. Aber eine so dominante Rolle, wie sie die USA im amerikanischen Zeitalter der letzten 100 Jahre spielte, wird es weder für China noch irgend einem anderen Land mehr geben.

krisendialoge

Vielen Dank für Eure auch diesmal wieder trotz gleicher Problemeinschätzung differenzierten, aber auch differierenden Beiträge zum Thema.

Lektüre-Empfehlungen der Diskutanten

Joschka Fischer, Der Abstieg des Westens. Europa in der neuen Weltordnung des 21. Jahrhunderts. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018

Der ehemalige grüne Außenminister hält den Abstieg des Westens für unvermeidbar, hofft aber, dass die EU mit einem Kerneuropa ein westliches Momentum retten kann.

Herfried Münkler, Der Dreißigjährige Krieg. Europäische Katastrophe, deutsches Trauma 1618–1648. Rowohlt Berlin, Berlin 2017

Die gegenwärtige Lage des Nahen Ostens darf nicht mit den beiden Weltkriegen und dem Kalten Krieg des 20. Jahrhunderts, sondern muss mit dem Dreißigjährigen Krieg des 15. Jahrhunderts verglichen werden, um diese gefährliche und komplexe Lage verstehen zu können.

Francis Fukuyama, Das Ende der Geschichte (The End of History and the Last Man), 1992

Das triumphale Siegesgeschrei des Westens nach der Hegel-Interpretation von Alexandre Kojève.

Gerechtigkeit und Moral I – in der Politik

krisendialoge

Die SPD stellte „Soziale Gerechtigkeit“ als bedeutsamstes Thema des letzten Bundeswahlkampfes heraus. Meinst Du, Clemens, diese Themenwahl war richtig, obwohl zur Zeit eine Mehrheit der Wahlbürger mit ihrer ökonomischen Lage zufrieden ist und an Gerechtigkeit kein großes Interesse zu haben scheint, jedenfalls deutlich weniger als an der Migrations- und Flüchtlingsfrage? Hat sie deshalb verloren? Erläutere bitte grundsätzlich Deine Sicht von Moral und sozialer Gerechtigkeit in der Politik!

Clemens von Baruch

Soziale Gerechtigkeit“ ist das Markenzeichen linker Parteien. Stammwähler spricht dieses Thema immer an. Wechselwähler, die man für Mehrheiten benötigt, müssen es aber auch bejahen, was zur Zeit anders als in England mit der Labour Party unter Jeremy Corbyn der SPD in Deutschland nicht gelingt. Das liegt weniger daran, dass die Mehrheit unserer Bevölkerung mit ihrer ökonomischen Lage zufrieden ist, sondern daran, dass nicht ausreichend genug die Tatsache herausgestellt wird, dass es 40% unserer abhängig Beschäftigten gegenwärtig nicht besser, sogar schlechter geht als vor 20 Jahren. Weder die SPD noch die weiter links stehende Partei der Linken konnte diese Wahrheit im letzten Wahlkampf überzeugend genug vermitteln. Die neue Groko, mit der wir seit der Entscheidung auf dem Bonner SPD Sonderparteitag rechnen müssen (falls nicht die SPD Mitglieder sie doch noch ablehnen) trotz Ende der kurzen und glücklosen Karriere von Martin Schulz, der verfrüht zum Messias ausgerufen um nach einem knappen Jahr und gravierenden Fehlern seinerseits wie seiner Partei ebenso schnell gekreuzigt zu werden, ist dann eine Chance zur Profilierung und zur Erneuerung für die SPD, wenn sie während des Regierens immer wieder auf den Unterschied ihrer langfristigen Ziele bei Anerkennung ihrer Zwischenschritte beim gemeinsamen Regieren mit der CDU/CSU hinweisen wird. Immerhin will sie nach zwei Jahren eine Bilanz der Groko Regierung ziehen, was auch deren Ende samt Demission der deutlich geschwächten Kanzlerin Merkel bedeuten kann und muss. Die neue designierte SPD Chefin Andrea Nahles hat dazu sicher mehr Power und Format als der überforderte Martin Schulz.

Wenn man Rot-Rot-Grün will, ich bin dafür zu haben, muss vor allem die SPD in den nächsten vier Jahren ihre Bedingungen der Linkspartei gegenüber artikulieren und zu vermitteln suchen. Was auch neben einer mittlerweile nur noch kleinen Groko versucht werden sollte, denn nur so kann sich die Partei erneuern. Dass die Mehrheit der Wähler den Linken außenpolitisch nicht traut, wissen auch deren Funktionäre. Dass in diese Dreierkoalition die Außenpolitik deshalb von SPD und Grünen dominiert werden muss, müsste jedem dieser drei Parteien bewusst sein. Das kann die Linke dann akzeptieren, wenn man ihr dafür einen Ersatz anbietet. Weil die Vermögenssteuer, die Lieblings-Steuer aller Linken, aus verfassungsrechtlichen Gründen problematisch ist – Einkommen aus Vermögen werden (meist pauschal als Abgeltungssteuer mit 25% und leider nicht progressiv) versteuert. Sie eignet sich also eher als Lastenausgleich im Katastrophen- oder Kriegsfall, bzw. als Sanierung der Staatsschulden bei einer Staatsinsolvenz – muss ein vergleichbares Projekt her. In China wird von Reichen für Luxusgüter eine Luxussteuer verlangt, die diese deshalb gerne zahlen, weil es Distinktion und Prestige unterstreicht. Warum soll das nicht auch in Deutschland gelingen? Wer Autos der Oberklasse, Villen, Luxuswohnungen, Designer-Kleidung, wertvollen Schmuck kauft, in Sterne-Restaurants Essen geht, in Luxushotels übernachtet etc., demonstriert seine herausragende Einkommens- und Vermögensklasse und darf dafür Steuer zahlen. Nicht allen, aber vielen wird das gefallen. Diese Steuer kann Teil einer reformierten Mehrwertsteuer werden, bei der im Gegenzug Grundnahrungsmittel mehrwertsteuerfrei werden sollten. Man zahlt eine Luxussteuer weniger zähneknirschend, eher demonstrativ eitel. Sie fällt Reichen auch nicht schwer, denn deren Konsumquote in Relation zum Sparen liegt deutlich geringer als in den Mittel- und Unterklassen.

Für unser Thema muss ich aber, wie verlangt, grundsätzlicher werden. Zunächst gehört Moral in den Bereich monologischer Reflexion für Regeln der sozialen Verkehrs, wobei an Verhaltenserwartungen im Enttäuschungsfall normativ festgehalten wird, ferner zur sozialen Gerechtigkeit als Schnittstelle von Ethik und Politik. Moralisches Räsonieren entwickelt Kant analog der Rechtsproduktion in Republiken. Kants Rechtsprinzip („Inbegriff der Bedingungen, unter denen die Willkür des einen mit der Willkür des anderen nach einem allgemeinen Gesetz der Freiheit zusammen bestehen kann.“) ermöglicht ein politisches Gemeinwesen freier Bürger. Es berechtigt zu willkürlichem Handeln, denn alles ist erlaubt, was nicht explizit gesetzlich verboten ist. Selbst in der Hölle, so Kant, funktioniert dieses Prinzip, weil alle Teufel, Luzifer eingeschlossen, Verstand haben und deshalb eine Republik gründen müssten und keine despotische Diktatur. Jeder Teufel kann tun und lassen (beim Quälen der verlorenen Seelen), wie es ihm beliebt, aber nur im Rahmen allgemeiner Gesetze. Kants Moralprinzip, sein berühmter kategorischer Imperativ(„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ „ Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals nur als Mittel brauchst.“) bindet dagegen den freien Willen autonomer Personen moralisch. Man will nicht nur legal, in Übereinstimmung mit den Gesetzen, sondern darüber hinaus moralisch-legitim handeln, indem man sich vor dem Gerichtshof der Vernunft, seinem Gewissen, rechtfertigt und jede bestehende und neuartige Regel auf ihre Verallgemeinerungsfähigkeit für alle Vernunftwesen überprüft. Zum Funktionieren einer republikanischen Ordnung ist die Orientierung an dieser universalistischen Moral nicht nötig. Eine rein legale Orientierung des Handelns reicht bis heute dem modernen Staat gegenüber aus, insbesondere vor Gericht und der öffentlichen Verwaltung. Der Mensch als moralisches Wesen kann aber mehr.

Kants Rechtsprinzip ermöglicht und legitimiert ökonomische und politische Wettbewerbssysteme, in der jeder Handelnde strategisch seinen Nutzen mehrt. Dass eine Marktwirtschaft auf der Nutzen-Gewinn-Maximierung seiner Teilnehmer basiert und damit moralfrei funktioniert, sieht jeder leicht ein. Dass dieselbe Logik auch die politische Sphäre bestimmen soll, dem muss scharf widersprochen werden. In Zivil- wie auch in Strafprozessen, auch dem Finanzamt gegenüber, darf man strategisch handeln. Hier geht es um Belege oder Beweise und nicht um Moral, die niederen Beweggründe in Mordprozessen als Relikt ausgenommen. Anders aber im Wettbewerb bei Parlamentswahlen. Sie erheben einen Geltungsanspruch auf Richtigkeit und Orientierung am Wohl aller. Deshalb darf eigentlich nicht des eigenen (Partei-)Vorteils wegen getrickst und getäuscht werden und beim Wähler nur der eigene Nutzen im Blick sein, aber viele Politiker und Wähler, vielleicht die meisten, tuen es. Die Dominanz von Wettbewerb in vielen gesellschaftlichen Sphären, neben der Wirtschaft in Bildung und Massenmedien, Kunst und Erotik, schlägt in unserer modernen Gesellschaft voll durch. Nicht nur die sozialen Mikrosysteme von Familien und Peers auch die Struktur unserer großen Makrosysteme beeinflusst unsere Sozialisation und macht uns mehr zu Egoisten als zu Altruisten. Das muss nicht sein. Unser Bildungssystem und die Grundlagen unseres Sozialstaats können gegensteuern. Und dafür gibt es auch philosophische Konzepte, die sich in der Tradition Kants sehen.

krisendialoge

Bevor Du diesen Gedanken, Clemens, näher erläuterst, bitte ich Dich, Konrad, Deine Auffassung von Gerechtigkeit und Moral offenzulegen.

Konrad von Baruch

Immer dann, wenn Philosophen meinen, Gerechtigkeit als elementaren Grundbegriff fassen und bestimmen zu können, gibt es berechtigten philosophischen Widerspruch. Das gilt auch für Kant. Sein Verfahren der Verallgemeinerungsfähigkeit von Maximen oder sozialen Regeln kann auch auf sich widersprechende Sätze angewandt werden. Beispiel: sowohl die Todesstrafe im Falle von Mord (Kant befürwortet sie wie die meisten Staaten der Welt, die USA eingeschlossen) wie auch der gegenwärtige Konsens der Ablehnung dieser Strafe in allen Staaten der EU und des Europarats, kann verallgemeinert werden. Auch jede Variante der unendlichen Zahl von möglichen Steuergesetzen und deren Änderungen, bei jeder Bundestagswahl ein Riesenthema, besteht diesen Test auf Vernünftigkeit. Der Streit über Steuern wird dadurch nicht sinnlos. Nicht kantisch, sondern pragmatisch muss in westlichen Staaten der jeweilige Sieger, bzw. die siegreiche Koalition, entscheiden, was jeweils steuergerecht ist, bis ein anderer Sieger, bzw. eine andere Koalition, das Recht erhält, Steuergesetze wieder zu ändern. Beim Subjektivismus der kantischen Philosophie zu verharren, führt nicht weiter. Lassen wir uns doch von der klassischen Philosophie der Antike anregen, klarer zu sehen.

Seit der neolithischen Revolution gibt es eine Dreiteilung in der Hierarchie gesellschaftlicher Gruppen. Die Spitze der Hierarchie bildet eine Führungsschicht, die anleitet, wesentliche Entscheidungen fällt und Vorbild zu sein hat für die beiden unteren Schichten. Die Mitte der Gesellschaft, der eigentliche Kernbereich und Zentrum, oft auch die Mehrheit, hält das gesellschaftliche Ganze am Laufen. Es nimmt von oben die Entscheidungen an, konkretisiert sie und gibt Anweisungen nach unten weiter, wo Handlanger, die dritte Schicht oder Klasse, diese auszuführen haben. Die Dreiteilung gab es in die Antike und sie gibt es noch heute. Adel und Klerus bildeten die Spitze vormoderner, Bürgertum und Funktionseliten die Spitze moderner Gesellschaften; Handwerker und Bauern die Mitte in der Antike und höhere Angestellte und Beamte die Mitte in der Moderne. Sklaven, Gesellen, Knechte und Mägde wurden von Arbeitern, einfachen Angestellten und Angelernten im unteren Bereich abgelöst. Noch heute spiegeln die Reste der Dreiteilung des deutschen Bildungssystems diese Hierarchisierung wieder. Sogar die Aufteilung unserer Parteien in Links, Rechts und Mitte arbeitet mit einem Dreierschema, wie auch die Seelenkonzepte von Platon und Freud, sogar die christologischen Trinität-Spekulationen.

Es gibt keine und gab auch noch nie soziale Gleichheit in menschlichen Gesellschaften, die große Illusion aller Linken, sondern immer die drei genannten Arten sozialer Positionen, denen jeder einzelne zugeordnet werden kann und muss. Diesen zugewiesenen Platz soll man nicht wie in vormodernen Zeiten durch Geburt, sondern durch Leistung im Bildungsprozess erreichen. Gerechtigkeit ist das Ergebnis dieser fairen Allokation. „Jedem das Seinige!“ Das wusste schon Platon, der erste Befürworter einer Selektion durch Bildungserfolge, sogar für Frauen. Dieser Satz gilt noch heute. Er muss nur ergänzt werden durch: „Jedem eine Chance!“ Nicht die Illusion sozialer Gleichheit darf oberstes Ziel der Politik sein, sondern Chancengleichheit. Nicht Reichtum darf den Weg nach oben ebnen, sondern Erfolge in Schulen, Hochschulen und Eliteuniversitäten. Die Bildungsinstitutionen sind der Nukleus jeder Gesellschaft, nicht Familie, Wirtschaft oder Politik, wie in der Regel Konservative (alten Schlags), Liberale und Linke meinen. Um Bildungspolitik müsste es in jeder Parlamentswahl zuerst gehen, viel zu wenig geschieht es. Vor allem von Frankreich sollte das Modell von Eliteuniversitäten zur Rekrutierung von Führungskräften in Wirtschaft und Politik übernommen werden, denn nur die Besten verdienen den Platz an der Spitze, wie Macron in Frankreich eindrucksvoll beweist, was ihn deutlich von dem neuen Kanzler und Studienabbrecher Kurz in Österreich unterscheidet. Umgekehrt muss Frankreich von unserem dualen beruflichem Bildungssystem lernen – was Macron bereits in die Wege leitet -, denn die Unterklasse braucht kein Abitur, das sich gegenwärtig zum „Haupt-Schulabschluss“ entwickelt. Ein Abschluss der 10. Klasse reicht für viele Handwerker- und Verwaltungsberufe wie auch einfache Polizisten völlig aus. Die Hauptschule sollte ganz abgeschafft werden. Sie hat sich zur ersten Variante der Sonderschule entwickelt.

Sogar eine Änderung unseres Wahlrechts sollte überlegt werden. Das preußische Dreiklassenwahlrecht könnte Vorbild für ein neues Mehrstimmenwahlrecht der drei Bildungsklassen sein: eine Stimme für die Angehörigen der Unterklasse mit einfachem Schulabschluss der Klasse 10, zwei Stimmen für jeden in der Mitte mit Abitur und drei Stimmen für alle Hochschulabsolventen. Freiheit und Gleichheit, die Grundwerte der Moderne, bleiben auch von mir im Gegensatz zu Platon anerkannt. Jeder hat die Chance aufzusteigen und durch Leistung eine höhere Klasse zu erreichen. Auch Kant hat den Bürgerstatus nur der Klasse derjenigen zuerkannt, die „sich selbst ernähren“ können, d.h. in diese Klasse durch Leistung (damals oft auch durch Heirat) aufsteigen. Bei gleichen Präferenzen für unsere politischen Parteien wie gegenwärtig würden sich die Ergebnisse unserer Wahlen deutlich ändern. Die noch Massen- bzw. Volksparteien CDU und SPD würden verlieren, FDP und Grüne, die beiden Parteien der Besser-Gebildeten, dagegen gewinnen. Warum sollten wir statt von großen Koalitionen oder Jamaika nicht auch einmal von Gelb-Grün oder Grün-Gelb regiert werden? Beide Parteien vertreten bedeutsame Konservativismen: die Tradition der „sozialen Marktwirtschaft“ und die „Rettung der Umwelt (Schöpfung)“. Wenn beide zusammen regieren können, werden sie auch ihre gegenwärtigen Animositäten verlieren. Für mich kein unerfreulicher Blick in die Zukunft.

krisendialoge

Ich merke, Clemens, du willst heftig widersprechen. Anschließend darfst Du, Konrad, sofort reagieren.

Clemens von Baruch

Bei unserem Thema kann sehr gut die Differenz von Konrad und mir deutlich werden. In meiner philosophischen Sozialisation habe ich gelernt als Sympathisant von Kant und Marx nicht im Banne ihrer Philosophie zu verharren. Du aber, lieber Konrad, scheinst mir doch bei Platon stehenbleiben zu wollen. Die Geschichte der Philosophie bietet mehr als einige Anmerkungen zu dessen Philosophie. Sie kann als Abfolge von drei Paradigmata rekonstruiert werden, die einerseits immer reflektierter, andererseits immer bescheidener die Aufgaben der Philosophie beschreiben.

Platon entwickelt aus den Anfängen der griechischen Philosophie eine Ontologie, die behauptet durch Denken hinter die Erscheinungen der Dinge zu gelangen und deren Wesen und Substanz erkennen zu können. Nicht jeder hat die Begabung dies zu erreichen. Aber die Erinnerung an den Aufenthalt im Reich der Ideen bei der unendlichen Abfolge der Seelenwanderungen und der Erfolg im langen Bildungsprozess, der zur Elite der philosophisch Denkenden führt, macht es möglich durch Staunen zum Denken und dann zur Wahrheit zu kommen. Dieses Paradigma wurde von den Theologen des frühen Christentum mit Enthusiasmus übernommen und war lange erfolgreich, bis die Aufklärung in Kant den klassischen Repräsentanten des zweiten Paradigmas fand. Für ihn war der Zugang zum Wesen der Dinge nicht mehr möglich. Das Erkennen des „Ding an sich“ ist uns verwehrt. Kant schlägt eine „kopernikanische Wende“ zum Subjekt und seinen Erkenntnisbedingungen vor. Seine Explikation dessen, was im Subjekt Erkenntnis möglich macht, unsere „Anschauungsformen“ und „Verstandeskategorien“, überführt den antiken Dualismus von Wesen und Erscheinung in die Dreifach-Differenz von transzendentalen Erkenntnisbedingungen, Erscheinungen (der Kant ebensowenig wie Platon traut) und Transzendenz. Beim Jenseitigen können wir die drei Glaubenspunkte: „Unsterblichkeit der Seele, Gott und Hoffnung auf ewiges Leben“ nicht wissen, sondern nur dank unserer praktischen Vernunft, von der theoretischen streng zu unterscheiden, logisch erschließen.

Platon, lieber Konrad, war eitel und elitär. Kant dagegen bescheiden, was die Reichweite menschlichen Erkennens betrifft, aber tiefgründiger in seiner Argumentation. Nicht Wesenserkenntnis wird inhaltlich offengelegt, sondern formale Bedingungen wissenschaftlicher Forschung und rechtlicher und moralischer Verhältnisse geklärt. Das Staunen der Griechen wird vom systematischen Zweifel der Modernen abgelöst.

Kants mentalistisches Paradigma, grundlegend für die gesamte Bewusstseinsphilosophie nach ihm, ist die erste Version der Philosophie in der Moderne, die die Herausforderung durch die Aufklärung auf den Begriff bringt. Sie galt ab Mitte des 19. und vor allem seit Anfang des 20. Jahrhunderts als überholt. Nach den Modeerscheinungen von Lebens- und Existenzphilosophie, die sich bis in die 60iger Jahre des letzten Jahrhunderts tonangebend hielten, kam mit der Sprachphilosophie, vor allem Wittgensteins, ein neues Paradigma in die Welt, das wiederum Reichweite, Tiefe und Aufgabe der Philosophie neu beschreibt. Nicht das logische Schließen, Kants fundamentale Tätigkeit seines Philosophierens, sondern das Sprechen der Menschen ist konstitutive Basis unseres Menschseins. Alles Reden und Schreiben, auch das philosophische, kann die Wände des Hauses unseres Seins, unserer Sprache, nicht verlassen, denn alle menschliche Kommunikation ist notwendig auf Sprache angewiesen.

Der Rückzug und die Beschränkung auf Sprachanalyse war Aufbruch der Philosophie zu neuen Ufern. Neue Fragestellungen wurden möglich, alte Fragen und Probleme als Scheinprobleme entlarvt. Die Konjunktur der Analytischen Philosophie hielt lange an. Ihre enge Verbindung mit dem Positivismus führte aber zur Aussperrung praktischer Fragen. Auf die Erörterung moralischer und rechtlicher Themen wurde lange weitgehend verzichtet. Sie basieren, so das positivistische Argument, auf individuellen und gesellschaftlichen Entscheidungen, die auf Werten gründen und keinen Wahrheitsanspruch erheben können. Diese Einschränkung konnte immer weniger gehalten werden. Die Reichweite der Philosophie wurde arg begrenzt, vor allem beim Rückblick auf Kant, der die antike Differenz vom Wahren, Schönen und Guten auf höherem Niveau beibehalten und sich nicht auf das Wahre beschränkt hatte. Dieser Rückblick führte zur Wiederbelebung des kantischen Programms, jetzt aber mit dem neuen sprachphilosophischen Paradigma. Jürgen Habermas, der Kant grundlagentheoretisch weiterentwickelt, und John Rawls, der an die altehrwürdige Tradition des Gesellschaftsvertrages anschließt, sind die entscheidenen Figuren, die sich hier verdient gemacht und die praktische Philosophie rehabilitiert haben.

John Rawls, langjähriger Philosophie Professor in Harvard, rekurriert auf den Common-Sense vernünftiger Bürger und rekonstruiert deren Zustimmung zu Grundsätzen, die Gerechtigkeit in freien demokratischen Gesellschaften möglich machen, v.a. für die gerechte Verteilung sozialer Grundgüter, für Vermögen und Einkommen, Freiheitsrechte und gleiche Chancen.

Rawls geht nicht wie die klassischen Gesellschaftsvertragstheoretiker von einem Naturzustand aus, um Konstitutionsbedingungen zum Übergang vom Natur- zu einem bürgerlichen Zustand zu finden, sondern wählt als Ausgangshypothese in seinem Gedankenexperiment eines Urzustandes einen „Schleier des Nichtwissens (veil of ignorance)“, bei dem für alle Beteiligten des „Gerechtigkeitsvertrages“ gilt, keine Kenntnis der eigenen sozialen Position in ihrer Gesellschaft zu haben. Ihr allein an der Vernunft und nicht an privaten Interessen orientierter Common-Sense lässt sie folgenden beiden Grundsätzen zustimmen:

Jede Person hat den gleichen unabdingbaren Anspruch auf ein völlig adäquates System gleicher Grundfreiheiten, das mit demselben System von Freiheiten für alle vereinbar ist.“ (John Rawls, Gerechtigkeit als Fairness – ein Neuentwurf, Frankfurt a.M. 2006, S. 78)

Gut kantisch hat der Grundsatz gleicher Freiheitsrechte absoluten Vorrang vor dem zweiten. Zunächst muss Freiheit gesichert werden, bevor danach Gerechtigkeit zum Zuge kommt. Kant ist als zeitgenössischer Beobachter und Sympathisant der französischen Revolution vor allem ein Philosoph der Freiheit. Diesem Erbe fühlt sich John Rawls verpflichtet. Der zweite Grundsatz, der über Kant hinausführt, lautet:

Soziale und ökonomische Ungleichheiten müssen zwei Bedingungen erfüllen: erstens müssen sie mit Ämtern und Positionen verbunden sein, die unter Bedingungen fairer Chancengleichheit allen offen stehen; und zweitens müssen sie den am wenigsten begünstigten Angehörigen der Gesellschaft den größten Vorteil bringen (Differenzprinzip).“ (John Rawls, Gerechtigkeit als Fairness – ein Neuentwurf, ebd.)

Der zweite Grundsatz, das Differenzprinzip, sichert zunächst soziale Gleichheit durch den für jeden Bürger möglichen Zugang zu politischen Ämtern und beruflichen Positionen ohne jede Form von Diskriminierung. Zur Erreichung sozialer Gerechtigkeit soll man stets die Ärmsten im Blick haben. Die Gesetzgebung vor allem aus der Perspektive dieser Gruppe zu betreiben führt weit über das Modell der kantischen Republik hinaus und wird der Komplexität unserer gegenwärtigen hochentwickelten Gesellschaften gerecht, die einen sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaat kennen.

Für Kant war die klassische Gewaltenteilung Grundbedingung seines Republik-Modells mit deutlichem Primat der Legislative. Hier werden die allgemeinen Gesetze als Volkswille formuliert, die für die Exekutive bindend sind, die deshalb sogar von einem Monarchen eingenommen werden darf, da dessen Absolutismus gebrochen wurde. Er muss sich an die Gesetze halten. Auch die Judikative muss die Gesetze nur anwenden. Gerechtigkeit wird erreicht, wenn die Vernünftigkeit des Gesetzgebungsverfahrens gesichert wird. Treten Probleme und Krisen auf, kann das geltende Recht immer wieder geändert oder neues eingeführt werden. Der Rechtspositivismus klingt hier bereits an. Dieses klassisch gewordene Modell einer Republik entspricht der heutigen Wirklichkeit nicht mehr. Die gesellschaftliche Entwicklung ist weit über die einfache Form der kantischen Republik hinweg geschritten und deutlich komplexer geworden. Weder hat Kant den Kapitalismus als ausdifferenziertes Wirtschaftssystem noch den auf ihn reagierenden und ihn zähmenden Wohlfahrts- samt Parteienstaat voraussehen und begrifflich erfassen können. Auch die Ausdifferenzierung der Wissenschaften zu eigenständigen, sich weiterentwickelnden und neu verbindenden Disziplinen war für ihn unvorstellbar, zumal sie sich um die Vorherrschaft der Philosophie, für Kant noch ganz selbstverständlich, keinen Deut kümmern.

Anders als Kant kennt Rawls die Differenz von Staat und Gesellschaft, die er als ein Generationen übergreifendes Kooperationssystem versteht, dessen Reproduktion gerecht gesichert werden muss. Wenn moderne Gesellschaften eine marktwirtschaftliche Ordnung zulassen, was seit dem Ende des real existierenden Sozialismus weltweit der Fall ist, dann nimmt soziale Ungleichheit überall zu und muss durch Umverteilung reguliert werden. Die von Rawls verlangte Orientierung, die Interessen des am wenigsten begünstigten Bevölkerungsteils bevorzugt zu beachten, ist ein kritischer Maßstab, der der in der Regel für die Mitte und die höheren, also am meisten bevorzugten Klassen ausgerichteten Sozial- und Steuerpolitik die Zustimmung versagen muss. Rawls ist hochaktuell, gerade in Zeiten, in denen die Schere zwischen Reich und Arm immer mehr auseinandergeht. Fast jede politische Entscheidung müsste, hielte man sich an dieses Prinzip, anders und zugunsten dieser Bevölkerungsklasse abgeändert werden.

Ein weiteres Merkmal hochentwickelter moderner Gesellschaften hat Rawls im Blick, wenn er für diese einen kulturellen Pluralismus konstatiert. Er denkt dabei an Anhänger unterschiedlicher religiöser und philosophischer Globallehren, die sich zwar antagonistisch gegenüberstehen, aber dennoch den beiden Gerechtigkeitsprinzipien im Rahmen eines „übergreifenden Konsenses (overlapping consensus)“ zustimmen können. Rawls nennt damit eine wichtige Voraussetzung, ohne die Demokratie in der Moderne nicht funktionieren kann. Wegen des Antagonismus von in vielen differenten Lebenswelten verankerten Werten besteht die Gefahr, dass sich politische Gegnerschaft in einen archaischen Freund-Feind-Gegensatz zurückentwickeln kann. Dann könnte ein „übergreifender Konsens“ unmöglich werden und ein latenter in einen offenen Bürgerkrieg umschlagen. Die USA, in denen Rawls lebte, nähert sich dann diesem gefährlichen Punkt, wenn eine gemeinsame Politik von Republikanern und Demokraten nicht mehr möglich wird. Leider gibt es Anzeichen dafür.

Konrad von Baruch

Lieber Clemens, ich beginne mit Deinem letzten bedrohlichem Gedanken. Du unterschätzt die Kraft der amerikanischen Institutionen gewaltig! Bei der Ablehnung von Trump sind wird uns beide einig, auch Malte und Rebekka. Wir alle bewerten ihn als unfähigen, egomanischen Präsidenten, der den USA nicht gut tun wird. Er ist aber nicht in der Lage, und das scheint uns zu unterscheiden, die Grundstruktur der amerikanischen Gesellschaft zu verändern. Das komplexe System der Checks and Balances in den USA funktioniert doch. Es gibt anders als in Russland und der Türkei:

  • eine unabhängige Justiz mit vielen mutigen Richtern trotz Zunahme konservativer Richter beim Supreme Court,
  • eine unabhängige Presse- und Medienwelt, die ihn nicht nur vergöttert, sondern auch hart kritisiert,
  • den Mut von Millionen, die gegen ihn demonstrieren wollen, dürfen und dies auch tun,
  • unabhängige Wissenschaften, auf deren Mitglieder auch weiterhin Verlass sein wird.

Wenn seine Anhänger merken werden, dass der durch seine Steuerreform – sein bisher einziger wirklicher Erfolg – entfachte Aufschwung weniger bei ihnen, sondern vor allem bei den Reichen ankommen wird, ist auch seine Wiederwahl in drei Jahren keineswegs sicher. Selbst wenn er wiedergewählt werden wird, womit man rechnen sollte (Kleine Einkommensbezieher freuen sich oft über die Brosamen, die bei ihnen ankommen und übersehen die großen Zuwächse woanders!), ist nach acht Jahren der Trump-Spuk vorbei und die USA werden sich regenerieren. Ein unfähiger Präsident kann die Kraft der US-Institutionen nicht zerstören.

Worin unterscheiden wir uns? Nicht darin, dass ich dogmatisch an Platon hänge und Du Kant mit Habermas und Rawls weiterdenkst. Nein, wie ich ausführlich begründet habe, zwingt mich die Moderne dazu Platons Ontologie zu reformulieren, in Teilen sogar aufzugeben. Neben Platon treten für mich Charles Darwin und Arnold Gehlen.

Warum vor allem Gehlen? Für seine Anthropologie sind die Instinkte beim Menschen weitgehend reduziert und machen ihn zu einem Mängelwesen, das aber weltoffen ist. Unsere Unspezialisiertheit zwingt uns, eine eigene Welt zu schaffen. Im Gegensatz dazu hat das Tier spezialisierte Organe und sein Verhalten wird sicher durch Instinkte gelenkt. Welt ist hier Umwelt, die nicht verändert werden muss. Die menschliche Antriebsstruktur ist dagegen einer Reizüberflutung ausgesetzt. Nur durch den Aufbau und den Erhalt sozialer Institutionen kann unser Miteinander Sicherheit und Stabilität gewinnen. Institutionen sind es, die unsere Instinktmängel voll ausgleichen. Welt muss der Mensch durch Naturveränderung gestalten, was zu unserer Überlegenheit dem Tier gegenüber führt.

Betrachtet man Gesellschaft aus dieser Perspektive, werden mehrere Wurzeln der Moral nach Gehlen sichtbar. Rawls bezieht sich einseitig auf die Gegenseitigkeits- und familiale Solidaritätsmoral, die er in typisch kantianischer Manier universell erweitert. Er reflektiert nicht die Institutionen-Moral, die notwendig ist um den Fallstricken der Aufklärungsphilosophie zu entkommen.

Rawls Differenzprinzip, die Perspektive der Ärmsten als Entscheidungshilfe bei sozialpolitischen und steuerrechtlichen Fragen zu übernehmen, ist als Leitidee für politisches Handeln durchaus brauchbar. Man kann nur staunen, dass so wenige sich daran halten. Rawls erklärt nicht, warum seinem Prinzip westliche Regierungen kaum folgen. Es rührt daher, dass die hohen Staatsausgaben für Sozialprogramme in westlichen Demokratien überall Beglückungs-Programme für die Mittelschichten sind. Genauer: die obere Mittelschicht – Reiche sind sehr erfindungsreich um Steuern zu minimieren – zahlt sie primär für die Mittelschicht unter ihr. Unterschichten werden dagegen mit wenig abgespeist.

Die wirklich Ärmsten der Armen sind neben alleinerziehenden Müttern vor allem Obdachlose. Nirgends wird der Skandal zunehmender Obdachlosigkeit, immer mehr auch von Jugendobdachlosigkeit, zufriedenstellend gelöst. Ausnahme sind allein obdachlose Mütter mit kleinen Kindern. Sie holt man in Deutschland sofort von den Straßen und organisiert ihre Unterbringung. Obdachlose Kinder und Säuglinge hält der Durchschnittsdeutsche im Gegensatz zum Inder, der dem Elend nicht ausweichen kann, dem Kindchenschema sei dank (ein Instinktrest am Menschen mit Wirkung), nicht aus. Warum löst man das Problem Obdachlosigkeit nicht ein für alle Mal? Einige wenige Millionen Euro würde es kosten Obdachlose zu versorgen. Es wäre Peanuts, denn Politiker rechnen üblicherweise in Milliarden. Die Erklärung dieses Skandals ist einfach. Obdachlose, wie überhaupt die Unterschichten, spielen keine bedeutsame Rolle als Wähler. Sie gehören in der Regel zu den Nichtwählern, die nicht wirklich zählen. Sie kann man übersehen und sie werden es auch. Ein Glück, dass es noch die Kirchen und ihre engagierten gläubigen Mitglieder gibt, die sich kümmern.

So sehr ich Rawls Differenzprinzip anerkenne, seine philosophische Begründung überzeugt mich nicht. Dieses Prinzip ist nicht mehr als ein Teilmoment unseres Sozialstaats, den nicht nur jede westliche, sondern als Anspruch jede Verfassung unserer Welt einbezieht. Die Perspektive wird nur von Normalfall des arbeitenden auf den arbeitsunfähigen Bürger gelenkt, der nicht vergessen werden sollte. Im Rahmen verbindlicher Verfassungsinterpretationen ist dieser Fall vermutlich überall als Pflicht staatlicher Fürsorge anerkannt. Allein, es gibt die Differenz von Verfassungsanspruch und Verfassungswirklichkeit. Dieser Gegensatz ist nicht auflösbar. Politisches Handeln bedeutet nicht anderes als im Zeitablauf zu entscheiden, welche Norm und welcher dazugehörende Wert jeweils zum Zuge kommt. Dieses zeitliche Abarbeiten von Problemen und abwechselnde Beachten von passenden Werten, auch der drei Werte von Rawls: Freiheit, Chancengleichheit und Gerechtigkeit, bedeutet einen Pragmatismus, den ich schätze. Antagonismen lösen sich im Laufe dieser Sequenzen auf und neue entstehen sofort wieder und verlangen eine weitere Entscheidung. Ein ewiger Prozeß. Je mehr man sich dieses Dilemmas bewusst ist, desto mehr neigt man wie ich zum pragmatischen Konservativismus. Politik ist immer auch Enttäuschung für diejenigen, die gerade andere Themen und Werte im Sinne haben. Deshalb gibt es auch zeitlich beschränkte Legislaturen, die ein neues Spiel und einen neuen Anfang ermöglichen. Er gibt dann auch hin und wieder für die politische Linke die Chance zum Regieren. Das ist nur gerecht. Sie leidet unter diesem Dilemma besonders, Politik nur selektiv gestalten und Entscheidungen treffen zu müssen.

Rawls steht als überzeugter Kantianer in der Tradition der Aufklärung. Es reicht nicht für unsere Gegenwart ein neues Paradigma der Philosophie plausibel vorzustellen. Wichtiger ist es über die Aufklärung aufzuklären. Das, was Gehlen mit Gegenseitigkeits- und familialer Moral im Sinn hat, ordnet Kants transzendentaler Ansatz der empirischen Erfahrung, der Welt der Erscheinungen zu. Die Bewusstseinsphilosophie der Aufklärung überschreitet den Bereich des Empirischen und bleibt bei ihrer Reflexion über das epistemische und moralische Ich, über das Vernunftsubjekt und seine Vermögen im monologisch und abstrakt konzipierten Einzelnen als Teil der noumenalen Welt gefangen. Gehlen dagegen beginnt sein philosophisches Denken konkret mit der Kommunikation archaischer Völker. Er sieht in der Gegenseitigkeitsnorm und der Solidaritätspflicht für den eigenen Clan und Stamm etwas, das als Norm bleibt und bis heute Geltung beanspruchen kann. Beide Normen leben fort.

Die Pflicht zur solidarischen Hilfe fällt umso leichter, je näher man sich dem Hilfsbedürftigen verbunden weiß, sei es als Nachbar, Freund oder Verwandter. Hilfe gelingt weniger leicht Fremden gegenüber, vor allem dann nicht, wenn diese keine Volksgenossen sind. Sozialpolitik ist zwar als staatlicher Auftrag in einem langen historischen Prozeß für den modernen Nationalstaat selbstverständlich geworden, einen Ausbau der EU zu einem Sozialstaat lehnt zur Zeit eine breite Mehrheit der Europäer sicher ab. Dass Solidarität auf die gesamte Menschheit zu beziehen sei, ist typischerweise nur Intellektuellen und Gesinnungsethikern möglich, nie der breiten Masse. Für Gehlen wird dieser Moralansatz so zum Humanitarismus und damit weit überzogen. Wer die Menschheit liebt, versagt in der Regel am konkreten Nächsten. Erst ein außerirdischer Feind kann die Menschheit moralisch zusammenschweißen und zu einer handlungsfähigen Einheit machen. Feindliche Aliens sind aber mehr Science Fiction als reale Gefahr. Eher sehe ich dann eine Chance für eine von vielen unterstützte universalistische Moral, wenn die wachsende ökologische Krise breiten Mehrheiten einen drohender Gattungstod als wahrscheinlich nahelegt. Das ist neben der schon in den 50iger Jahren erkannten Gefahr einer Selbstauslöschung unserer Gattung durch atomare Abschreckung eine weitere Bedrohung. Für Kant war noch selbstverständlich: das Individuum ist sterblich, die Gattung aber nicht. Die Differenzen unserer Gegenwart zur Lebenswelt der Klassiker müssen stets mitbedacht werden.

Auch die Arbeiterbewegung hat sehr schnell im Laufe ihrer Geschichte ihre internationale Solidarität nur noch auf Kundgebungen proklamiert, quasi als Sonntagspredigten. Solidarität wurde auf den Nationalstaat und seine Bürger begrenzt, die Entwicklungshilfe für den ärmeren Teil in unserer Welt ist eher ein Almosen, das oft kontraproduktiv wirkt und dem Geberland mehr nützt. Gefährlich wurde es in Deutschland, wenn Politiker der extremen Rechten sozialstaatliche Versprechen auf Volksgenossen begrenzten, gleichzeitig Hass auf Fremde schürten und Sündenböcke für alles Negative im Angebot hatten. Früher waren es die Juden heute redet man in diesen Kreisen von Muslimen, die an allem Schuld seien. Man muss hoffen, dass die AFD nicht an den Erfolg der Nationalsozialisten anknüpfen kann. Glücklicherweise werden in der Geschichte Wiederholungen in der Regel zur Farce. Hoffen wir es.

Die drei von Rawls proklamierten Werte: Freiheit, Chancengleichheit und Umverteilung zu Gunsten der Ärmsten teile ich auch, wie fast jeder politisch interessierte Bürger, der nicht nur auf seinen eigenen Vorteil aus ist. Diesen Egoismus teilen häufig, das sollte nicht erstaunen, sowohl die Armen wie auch die Reichen. Verständlicherweise treten Reiche für einen schlanken Staat ein, der Steuern senkt und für die Märkte Freiräume schafft. Hier, nicht selten auch durch Steuerbetrug, kann Vermögen gebildet und vermehrt werden. Moralisch steht man auf derselben Stufe wie Angehörige der Unterschicht, die allein auf den Staat hoffen, ihn aber auch versuchen auszutricksen. Steuerbetrug und Sozialbetrug, Schwarzarbeit und Schwarzgeld stehen sich gleichberechtigt gegenüber. Die Klasse der Reichen und Superreichen denkt und handelt moralisch auf demselben Niveau wie die Klasse der Armen – natürlich bei beiden nicht in jedem Einzelfall.

krisendialoge

Ich muss an dieser Stelle unser Gespräch für heute unterbrechen. Unser Thema muss zusammen mit Malte und Rebekka noch einmal aufgegriffen und erweitert werden. Ich bin gespannt, wie sie sich äußern werden. Was Rawls betrifft, beweist ihr beiden, dass trotz unterschiedlicher philosophischer Positionen man sich in einem „übergreifenden Konsens“ finden kann, aber sobald es konkret wird, ein Dissens unausweichlich wird. Danke Euch beiden für dieses Gespräch.