Evolution und Gesellschaft in Zeiten der COVID-19 Pandemie – Erziehung und Bildung III (Teil A)

Abstract

Wir erleben erneut eine gravierende globale Krise. Nach Finanz- und Klimakrise setzt als Neuestes eine Pandemie unseren Globus in Angst und Schrecken. Nach den Abebben erster Wellen in Europa, nach staatlich verordneten Shut- und Lockdowns und dem Beginn vieler Lockerungen auch in Aufregung und Widerstand. Es folgen zweite Wellen in Europa und Asien, eine Verschärfung der Lage in den USA und vielen Entwicklungsländern. Darauf gehen wir in unserer Diskussion ein und erörtern Hintergründe und Szenarien möglicher Weiterentwicklungen. Gleichzeitig schließen wir unseren Dreiteiler „Erziehung und Bildung“ ab, indem wir das Alterswerk von J. Habermas „Auch eine Geschichte der Philosophie“ auf den bisherigen Diskussionsstand und unser neues Thema beziehen. Wir würdigen und besprechen sein neues Buch in einem bald folgenden Teil B. Damit wird unser neuer Blog gleichzeitig zu einer Rezension.

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Die Abschluss-Diskussion unseres Dreiteilers „Erziehung und Bildung“ muss sich, das habt ihr alle gefordert, auch auf die global grassierende Pandemie des Coronavirus SARS-CoV-2 beziehen. Diese neue Krise wird unsere Welt noch lange im Griff haben und unabsehbare Folgen haben. Konzentrieren wir uns zunächst auf die Stichworte „Schule“ und „Evolution“.

Schulen wurden europaweit nicht nur geschlossen, sondern es wurde versucht sie in Pandemie-Zeiten in digitalisierter Form weiterzuführen. Schüler sollen nicht nur in verlängerte Osterferien gehen, sondern sich zuhause zum schulischen Lernen mit ihren Lehrern vernetzen und so neue Lernerfahrungen machen, die zukunftsrelevant werden können. Nichtintendiert, aber wirkungsvoll gab es einen Schub in Richtung Digitalisierung der Schulen. Erste Auswertungen liegen nach vorsichtigen Lockerungen von schulischen Shutdowns vor, wobei die bekannten Schwächen des deutschen Bildungssystems nicht behoben wurden: schwache digitale Ausstattung und ungleiche Bildungschancen. Auf dieses Thema werden wir am Ende unseres Gesprächs im Teil B eingehen.

Das Stichwort Evolution ist aus zwei Gründen zu erörtern. Wir haben in unseren letzten beiden Gesprächen unser Thema Bildung theoretisch von Kant über Habermas bis zu Luhmann verfolgt und dabei die Entwicklung dieser gesellschaftlichen Sphäre evolutionstheoretisch in Augenschein genommen. Jeder der beiden Groß-Soziologen folgt diesem Pfad. Malte hat zuletzt den Versuch unternommen, eine Skizze der soziokulturellen Evolution der Bildung von der Archaik bis zur Moderne zu entwerfen mit Hilfe einiger Begriffe der Systemtheorie Luhmanns. Clemens hat knapp den Ansatz von Jürgen Habermas dagegen gesetzt. In der Zwischenzeit hat Habermas sein Alterswerk „Auch eine Geschichte der Philosophie“ vorgelegt, das die Differenzierung von Glauben und Wissen evolutions- und lerntheoretisch von der Einheit und den Spannungen dieser Bereiche in vorgeschichtlich und hochkultureller Zeit bis zu deren Trennung in der Moderne genealogisch rekonstruiert. Ein beachtliches Werk eines großen Gelehrten von 1700 Seiten in zwei Bänden. Jeder von Euch hat es gelesen, so dass ich gespannt bin, wie ihr es auf unsere Thematik bezieht. 

Evolution ist aber auch auf die neueste Krise der gegenwärtigen Covit-19 Pandemie in Beziehung zu setzen. Viren sind evoluierende Systeme, die sich extrem schnell ausbreiten können und ständig mutieren. Was auch für den neuentdeckten Coronavirus SARS-COV-2 gilt. Er nutzt in unserer Spezies eine neue Ausbreitungschance, nachdem er es schaffte, vielleicht von Fledermäusen oder Schuppentieren auf den Menschen überzuspringen. Eine absichtliche oder unfallartige Entwicklung des Virus in einem chinesischen Labor in Wuhan gehört eher in den Bereich gegenwärtig explodierender Verschwörungstheorien.

Malte von Baruch

Eher Verschwörungsidiotien. Theorien verlangen anspruchsvolle, an wissenschaftlichen Methoden geschulte Voraussetzungen. Die gegenwärtig kursierenden und sich widersprechenden Verschwörungsideen erfüllen sie nicht im Entferntesten. Die neuen digitalen Medien verhindern eher rationale Aufklärung als sie zu ermöglichen.

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Einverstanden!

Der neue Virus hat einen neuen riesig globalen Raum für sich gewonnen und rast nun um die Welt. Im menschlichen Körper trifft er auf ein komplexes System von Antikörpern, die seiner Ausbreitung Paroli bieten. Ist der Virus aber, wie jetzt der Sars-CoV-2, dem Immunsystem des Menschen unbekannt, stößt er auf weniger Gegenwehr, die erst mühsam aufgebaut werden muss. Alte und Vor-Erkrankte sind dem neuen Virus hilfloser ausgeliefert als Junge und Gesunde, bei denen viele ohne Beschwerden mit dem Virus fertig und immun werden. Anders die Älteren. Bei ihnen kann der Virus leicht vom Rachen in die Lunge gelangen, dann Atembeschwerden und Lungenentzündungen, oft auch Trombosen bis zu totalen Organversagen bewirken. Die Abwehrsysteme kollabieren bzw. überreagieren, was zu einem schnellen Tod gerade bei diesem Personenkreis führen kann. 

Schon in frühen Phasen der Krankheit noch ohne Symptome kann man andere infizieren. Eine Herdenimmunität, die uns nach neuen Grippewellen hilft, werden wir erst langfristig erreichen, wenn etwa 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung die Krankheit durchlaufen haben. Das kann Jahre dauern. 

Medikamente fehlen gegenwärtig, auf neue bzw. die Zulassung einiger im Zusammenhang mit Ebola und HIV zugelassener Pharmaka, die vielleicht helfen können, laufen erste Versuche. Remdesivir wurde mittlerweile zugelassen. Ob es wirklich in der Lage ist, Symptome bei Schwererkrankten zu lindern, wird man erst nach längerem klinischen Einsatz sehen. Noch länger, viele Experten hoffen bis zum Frühjahr bis Herbst 2021, werden wir auf Impfstoffe warten müssen. Vielleicht gelingt die Entwicklung eines Impfstoffes nicht, denn für die bekannten Erkältungsviren des Corona-Typs konnte noch kein Impfstoff konstruiert werden. Dann heißt es für die Menschheit. Wir müssen mit dem neuen Corona Virus für immer leben.

Ausnahmezustände sind, das merken jetzt alle, die Stunde der Exekutive. Mediziner haben als Berater das große Wort und höchsten Einfluss auf unsere Regierungen. Einige der führenden Virologen Deutschland sind plötzlich in aller Munde und wurden als neue Superstars schon als nächste Kanzler gehandelt, um kurz darauf mit Morddrohungen überzogen zu werden. Die emotionale Erregung unserer Weltgesellschaft hat sich gesteigert. Darüber müssen wir sprechen. 

Hoffnung gepaart mit Szenarien eines guten Endes dieser Krise wechseln sich ab mit Sorgen und Panikattacken, die nur noch das Schlimmste für einen Selbst, die eigene Familie und die Gesellschaft im Ganzen befürchten lassen, schnell gefolgt von erstaunlicher Unbekümmertheit beim Nachlassen der Fallzahlen. Viele meinen bereits – fälschlicherweise – das Schlimmste sei in Deutschland überstanden. Wir sind weltweit alle herausgerissen aus der Normalität des bisherigen Alltags und erleben, wie fragil unser aller Existenz ist. Sammeln wir zuerst Eure Hoffnungen und Befürchtungen ein, die Euch zur Zeit bewegen, wie auch die Themen, die Euch zunächst mit Covid-19 besonders am Herzen liegen und die wir gemeinsam ansprechen und erörtern sollten!

Rebekka Baruch

Auf diese Pandemie war Deutschland schlecht, aber viele Länder noch schlechter vorbereitet. Das hätte nicht sein müssen. Pandemie-Planungen, sogar mit der Annahme eines neuen Corona Virus, wurden 2013 in Deutschland durchgeführt, im Bundestag diskutiert und vom Robert-Koch-Institut (RKI) ausgewertet. Wichtige Schlussfolgerungen blieben aus, so dass zunächst einfachste Dinge wie Schutzkleidungen, Masken, Desinfektionsmittel etc., aber auch Beatmungsgeräte für einen erwarteten Ansturm auf die Krankenhäuser wie in Italien, Spanien, den USA und Brasilien auch bei uns zu fehlen schienen. Nur das Glück, dass uns der neue Virus zwei bis drei Wochen nach Italien erreichte, bot genügend Zeit uns ohne Überforderung unseres Gesundheitssystems der Pandemie zu stellen und auf ein totales Kontaktverbot wie in Spanien, Italien und Frankreich verzichten zu können.

Dass die Wahrscheinlichkeit von Pandemien steigen kann, predigt die WHO seit Jahren. Gelagert für mögliche Katastrophen werden in Deutschland aber Gas, Erdöl, Benzin und Diesel, auch eine riesige Anzahl vieler Nahrungsmittel, aber nicht medizinisches Material in ausreichenden Mengen. Dabei hätte allen klar vor Augen stehen können, dass die Wahrscheinlichkeit von Kriegen deutlich geringer ist als die von Pandemien. Covid-19 wird nicht die letzte sein. Von einem neuen Schweinegrippenvirus, der auf den Menschen überspringen kann, berichten chinesische Wissenschaftler jetzt im Juli 2020 schneller.

In nur wenigen Tagen hat sich der Alltag in Deutschland und weltweit durch einen Shutdown der Wirtschaft und einen Lockout der BürgerInnen gewandelt, der jetzt wieder gelockert wird. Weil Deutschland bei der Vorbeugung der Pandemie so erfolgreich war, was die Verhinderung eines Kollaps des Gesundheitssystems und die Anzahl von Toten betrifft, verfängt umso mehr das Präventionsparadox bei vielen, d.h. die Logik des Verdachts, dass die politischen Maßnahmen, vor allem die vielen Freiheitseinschränkungen, überhaupt nicht erforderlich gewesen wären.

Die Bevölkerung trifft der neue Virus nicht gleich. Hoffnung kann man für Jüngere und auch für Frauen, sogar Schwangere haben, die nach Expertenmeinung deutlich günstigere Prognosen einer Erkrankung haben. Sorgen müssen sich die ältere Generation und alle diejenigen machen, die mit ihren Vorerkrankungen für den neuen Virus anfällig sind. Das können auch Jüngere sein.

Wirklich bedrohlich wird sich die Covid-19 Pandemie im Rest außerhalb Chinas und Europas auswirken. Was wird in den schlecht vorbereiteten USA weiter geschehen? Die neue Krise tobt sich jetzt im Süden der USA schlimmer als zuletzt in New York aus, d.h. in den Kernstaaten von Trump. Patriotische US Amerikaner, die Trump verehren, sehen es als Pflicht an ohne Maske und möglichst unbekümmert der Corona-Krise zu begegnen. 

Wie wird sich in den nächsten Monaten oder sogar 2 bis 3 Jahren, solange rechnen Epidemiologen mit einer endgültigen Bewältigung, die Krise in anderen Weltregionen mit katastrophalen Gesundheitssystemen entwickeln? Wie wird es Afrika, Südamerika und asiatische Länder außerhalb Chinas mit ihrem mangelhaften Gesundheitsschutz für Arme treffen? Für Indien und Nigeria muss man sehr besorgt sein. Für Staaten im Osten Europas scheint das auch zu gelten. 

Häufig hört man, Covid-19 sei die Ebola Epidemie der Reichen. Das kann nicht stimmen! Nach China und Europa hat der neue Virus den Rest der Welt erreicht und macht vor den Armen nicht Halt. Er wird sie härter treffen als uns. Das ist in Brasilien zu sehen. Soziale Distanzierung von 1,5 bis 2 Meter, für uns schon schwer, ist in den Slums Afrikas, Asiens und Lateinamerikas gänzlich unmöglich. Wer weiß, wie schlimm es dort wirklich angesichts weit überforderter Krankenhäuser und Arztpraxen ist? Wir haben zu wenig Informationen. Es wird in vielen Ländern zu wenig getestet. Den offiziellen Zahlen kann man nicht trauen, sie treffen nicht die Anzahl der wirklich Infizierten. Wir müssen auf die harten Zahlen der Statistiker zur Übersterblichkeit warten. Erste Zahlen legen eine coronabedingte Erhöhung nahe und das weltweit.

Konrad von Baruch

In den weniger entwickelten Staaten, vor allem Afrikas und des Nahen Ostens, wird die Pandemie weniger Aufregung bewirken. Die jüngeren Generationen, sie sind im Gegensatz zum (alten!) Westen die weit größere Mehrheit, werden den Virus besser bewältigen als die Älteren, deren Lebenserwartung weit geringer ist als bei uns. Man lässt sie sterben, ohne dass die Übersterblichkeit, liebe Rebekka, besonders auffällt und kommuniziert wird. Erst später werden Übersterblichkeiten von Wissenschaftlern genauer erhoben werden. 

Vorbildlich reagierte Südkorea auf die neue Corona Pandemie. Drei Strategien vor allem sorgten dafür, dass die Zahl der Infizierten nicht nur reduziert, sondern sogar gestoppt werden konnte. Und das alles ohne den großen Shutdown wie in den europäischen Kernstaaten. 

Erstes wurde früh und massenhaft getestet, so dass man der wahren Zahl der Infizierten nahe war und die Dunkelziffer niedrig bleiben konnte. Das wird bei uns mit unseren zu frühen Lockerungen verspielt. Drive-Ins zum Testen haben sich in Südkorea besonders bewährt. 

Zweitens wird das Bewegungsprofil der Infizierten und der Personen in Quarantäne digital überwacht und per App ein möglicher Kontakt mit ihnen auf jedem Smartphone gemeldet, so dass man ihn vermeiden kann. Wir haben uns auch dazu durchgerungen, warteten monatelang auf die Einführung einer App. Seit Juni ist sie endlich da.

Drittens werden sehr genau bei jedem Infizierten die Kontaktpersonen ermittelt und bei positivem Testergebnis in Quarantäne geschickt. Ähnlich und ebenso erfolgreich ist Taiwan vorgegangen. Das klappte bei uns nur am Anfang der Epidemie in München. Von diesem Land sollte man lernen. Neue zweite Wellen kann man vermutlich so bewältigen.

China verdient bei dieser neuen Krise kein Lob. Auch wenn sie zuletzt erfolgreich mit ähnlichen Mitteln wie Südkorea Neuinfektionen stoppen konnten. Die anfänglichen Vertuschungen, Beweisunterschlagungen und Verfolgung der alarmierenden Ärzte sind nicht zu entschuldigen. Nach diesen Verfehlungen hat China aber wie Südkorea vieles richtig gemacht. Die totale Isolierung von Wuhan und der ganzen Provinz Hubei, vor kurzem auch für Teile Pekings, hat die exponentiell steigende Kurve der Infektionen flach werden lassen, so dass China die gestoppten Industrien wieder starten lässt. Langfristig kann China trotz seines kapitalen Anfangfehlers zum Profiteur der Krise werden. 

Richtig! Der Ausnahmezustand ist die Stunde der Exekutive und das merkt man. Vor allem in Deutschland steigen die Zustimmungswerte der Regierung bei Umfragen und die Opposition tut zunächst gut daran, weitgehend mitzuspielen und nur verhalten zu opponieren. Der Föderalismus unseres Landes scheint sich besser zu bewähren als das Agieren zentralistisch regierter Länder wie Frankreich. Die Bundes- und die Länderregierungen arbeiten trotz Spannungen erfreulich zusammen, einigten sich auf vergleichbare Bestimmungen und riesige finanzielle Hilfen. Mit haushaltswirksamen Maßnahmen von insgesamt 353,3 Milliarden Euro und mit Garantien von insgesamt 819,7 Milliarden Euro. Differenzen werden jetzt in der Phase der Lockerungen aber deutlich. Vorsichtig und staatsmännisch, damit kanzlerfähig reagiert Söder in Bayern, unsicher und unglücklich, damit kanzlerunfähig dagegen Laschet in NRW. 

Wichtig ist, dass das Zusammenspiel der verschiedenen Eliten funktioniert. Sie sind die Träger unserer bedeutsamsten Institutionen, die gerade in außeralltäglichen Notlagen wie jetzt aufeinander zu hören, natürlich auch zu kritisieren und sich abzustimmen haben. Haben nur Virologen und Epidemiologen genügend Einfluss auf die Regierung? Gilt das auch für andere Fachmediziner und für Ökonomen? In China durchbrach erst die Meldung einer Gensequenzierung des neuen Virus an die WHO durch einen führenden Virologen die fatale Vertuschung durch die herrschende Klasse und änderte Chinas Politik in die richtige Richtung. Tut eine Regierung alles Wichtige, um die Epidemie für das Gesundheitssystem beherrschbar zu machen? In der ersten Welle der Pandemie muss der Wert Gesundheit vor anderen rangieren und das politische Entscheiden primär bestimmen. Das ändert sich aber sofort bei den jetzigen Lockerungen. Die eingeschränkten Freiheitsrechte kommen wieder zum Zuge. Dabei muss man Vorsicht walten lassen und neue Infektionen sofort stoppen.

In den Massenmedien muss unseren Eliten mehr Raum zugestanden werden als dem Geplapper der sozialen Medien. Ähnlich den Museen, Theatern und den vielen Künstlern, die jetzt umsonst Internetangebote für jedermann anbieten, sollten auch die führenden Qualitätsmedien wie FAZ, Süddeutsche, Welt, Spiegel, Die Zeit etc. ihre Onlineausgaben allen Interessierten längere Zeit als Probeabo zur Verfügung stellen als üblich. Viele werden sich an niveauvolle Informationen und Kommentare gewöhnen und an einem Dauerabo interessiert und zum Bezahlen bereit sein. Dann vielleicht geraten die Massen weniger in Panik, Furcht und Schrecken und verschwörungstheoretischen Widerstand. 

Jetzt nach dem Abebben der ersten Welle muss die ausgebremste Wirtschaft wieder angekurbelt werden. Die kommende Rezession wird stärker als in der Banken- und Eurokrise von 2009 sein. Aber wir können hoffen. Das Kurzarbeitergeld, in der letzten Wirtschaftskrise erfolgreich eingeführt, wird sich bewähren und hilft beiden Seiten des Arbeitsmarktes, sowohl den Unternehmen wie auch den Arbeitenden. Neu ist in der gegenwärtigen Krise, dass sowohl die Angebots- wie auch die Nachfrageseite zu kollabieren drohen und nicht nur mittelgroße und Kleinbetriebe, sondern auch viele Selbständige und fast alle Künstler in ihrer Existenz gefährdet sind. Das große Hilfspaket der Bundesregierung von zunächst 156 Mrd. Euro und einen Rettungsschirm von 600 Mrd., flankiert von diversen Bundesländer- und EU-Hilfen wird allein nicht ausreichen. Das Paket kann in den nächsten Monaten aufgestockt werden. Zusätzlich ist ein Wiederaufbaufond der EU-Kommission geplant. Die EU-Hauhalte der nächsten 7 Jahre sollen mit 500 Mrd. Euro an Zuschüssen und 250 Mrd. an Krediten für die Länder aufgestockt werden, die von der Corona-Krise besonders getroffen wurden. Dieser Fond vergemeinschaftet erstmals gemeinsame Schulden in der EU. Ein gewaltiger Schritt, den Kanzlerin Merkel bisher vermied und zu dem sie sich endlich bereit erklärt hat. Kredite im Rahmen des Euro-Rettungsfond ESM und der Europäischen Investitionsbank, vor allem für Kurzarbeitergeld, stehen EU Mitgliedsstaaten auch weiterhin wie schon nach der Euro-Krise 2012 zur Verfügung. Man sieht in Deutschland und der EU wird Geld in großen Mengen geflutet, wie es die USA schon immer machen. Die „schwarze Null“, seit gefühlter Ewigkeit unantastbare „heilige Kuh“ der CDU Haushaltspolitik, wird doch noch annulliert. Endlich! Mal sehen, ob Frau Merkel im letzten Jahr ihrer Kanzlerschaft den entscheidenen Schritt zur historischen Größe durch politische Leistung schafft, die ihrem CDU-Vorgänger Einheitskanzler Helmut Kohl historisch ohne viel Zuarbeit in den Schoß fiel.

Aber de Corona Krise ist für unsere Gesellschaft nicht in gleichem Maße wie die zuletzt diskutierte und weiter andauernde Klimakrise gefährlich. Nicht die Gattung ist gefährdet, sondern vor allem die ältere Generation und viele Vorerkrankte. Kinder und Jugendliche, wie auch 80 Prozent der Bevölkerung werden sie vermutlich weitgehend problemlos überwinden. Für ca. ein Prozent der Infizierten allerdings wird sie tödlich verlaufen. Das sind viele. Für uns sterbliche Menschen galt schon immer und wird immer gelten: Memento mori!

Malte von Baruch

Die Funktionssysteme unserer Gesellschaft sind in dieser neuen Krise nicht außer Kraft gesetzt. Vor ihr lebten wir alle in der modernen funktional differenzierten Weltgesellschaft. Wir tun es auch während der Krise und gleiches gilt für das Danach. Es gibt aktuell auch keinen Primat der Medizin, dem die Politik einfach folgen muss um das Problem zu lösen. Irritationen gehen nur von diesem System in alle anderen Funktionssysteme aus. Sie müssen systemadäquat reagieren. Eine funktional differenzierte moderne Gesellschaft kennt keinen Primat eines Funktionssystems.

Nur scheinbar entwickelt sich ein Primat der Politik. Die für unser staatliches Handeln beteiligten Funktionssysteme reagieren nur schneller. In Windeseile werden Gesetze beschlossen, ohne die übliche langanhaltende Aufregung in den Medien und die sonst wenig bemerkte Beteiligung der Lobby- und wissenschaftlichen Expertengruppen. Jetzt dominieren Mediziner, vor allem Virologen und Epidemiologen. Die brutal ausgebremste Gesamt-Wirtschaft wird aber sofort von dem riesigen Teilsystem der Wirtschaft, den staatlichen Geldzahlungen, durch ökonomisches Reagieren wieder angekurbelt.

Lernen müssen wir, dass die Taktschläge, das ständige Auf und Ab von Be- und Entschleunigungsprozessen in unserer Gesellschaft ständig wechseln können. Wir setzten bisher zu sehr auf ein dynamisches Weiter, Größer, Schneller, also auf Wachstum. Jetzt zeigt sich, es gilt und gibt in der Moderne auch das Gegenteil. Nämlich Entschleunigen, Retardieren, das Langsamwerden gesellschaftlicher Prozesse. 

Die Wirtschaft stand in weiten Bereichen still, die Künste versiegen, die Umwelt erholt sich (sicher nur kurzfristig!), aber systemrelevante Systeme wie die medizinische Versorgung und Forschung laufen auf Hochtouren. Verkäuferinnen und Verkäufer in den Supermärkten, Ärzte und Pfleger in Krankenhäusern und Altersheimen arbeiten unter größtem gesundheitlichem Risiko bis zum Limit. Das was Max Weber grundlagentheoretisch unterschied, das alltägliche und das außeralltägliche soziale Handeln, muss auch in die systemtheoretische Betrachtung eingebaut werden. Es gibt den Normal- und den Ausnahmezustand von Gesellschaft. Stärker als die Ausnahme ist aber die Normalität. Es scheint nur, der Virus ändert alles. Wir merken aber, je länger die Pandemie dauert, die Normalität bricht sich Bahn. Der Virus ändert letztlich an der Struktur der Moderne nichts. Die Funktionssysteme laufen surrend weiter.

Wie schon bei der Umwelt- und Klimakrise müssen auch bei der neuen Pandemie die Abhängigkeiten und kausalen Verknüpfungen von Natur- und sozialen Systemen beachtet werden. Besonders bei den Funktionssystemen Gesundheit und (Land-)wirtschaft, natürlich bei den Naturwissenschaften. Hier wie dort verbietet sich eine isolierte Betrachtung, weil die Sozialsysteme notwendig mit Natursystemen gekoppelt sind. Natur ist nicht an sich gut oder böse, schön oder häßlich, sondern läuft autopoetisch ab. Vor allem gilt, sowohl Natur wie auch Gesellschaft sind systemisch organisiert. Dieselben Grundbegriffe gelten für beide Bereiche. Auch wenn die Basis der Natursysteme „Leben“ und die der Gesellschaft „Sinn“ sind, so können ihr Zusammenspiel, ihre Abhängigkeiten und ihre Kausalzusammenhänge mit derselben Grundbegrifflichkeit analysiert und verstanden werden. Komplizierter wird es, wenn wir evolutionäre Prozesse in Natur und Gesellschaft verstehen wollen. Denn die Gesellschaft wie deren Funktionssysteme evoluieren und Mikroben deutlich schneller als alle Säugetiere. Darauf müssen wir bei unserer Besprechung und Würdigung des neuen Buches von J. Habermas eingehen.

Clemens von Baruch

Noch sind in unseren ersten Stellungnahmen zur Covid-19 Pandemie unsere Differenzen nicht herausgearbeitet worden. Ich erwarte, lieber Konrad, Du wirst mir widersprechen.

Vielen sehen in der digitalen Kontrolle von Infizierten, von Personen in Quarantäne und deren Kontaktpersonen, wie sie in den hochentwickelten asiatischen Staaten geschieht, ein Vorbild für uns, um möglichst schnell aus den Gefahren der Pandemie herauszukommen. Effizient ist diese soziale Kontrolle, weil Bewegungsprofile durch GPS Daten, Bankbewegungen der Einkäufe, Gesichtserkennung und Warnhinweise für Personen, die ihnen nahe kommen, ausgewertet werden und mit harten Sanktionen bei Verstößen verbunden sind. In den asiatischen Ländern, die diese Sozialkontrolle des Handy-Tracking durch einen Daten sammelnden und auswertenden Staat praktizieren, gelten nicht unsere Datenschutzstandards. Wir können nicht einfach wie sie unsere Grundrechte suspendieren und totalitär wie China Millionen Menschen wochenlang isolieren und brutal überwachen. In dieser neuen Krise muss Europa beweisen, dass es einen anderen ebenso erfolgreichen Weg aus der Pandemie gibt, wie ihn China, Südkorea und Taiwan praktizieren. Für freiwilliges Tracing, das anonym und zeitlich begrenzt erfolgt, hat sich Deutschland entschieden. Die neue Corona-Warn-App wurde von über 15 Millionen hochgeladen. Hoffen wir, dass sie sich bewährt. Alle Einschränkungen unserer Freiheit dürfen nur während der neuen Krise gelten, danach müssen sie aufgehoben werden. Überhaupt, so mein Ratschlag an die Politik, sollte man viele Gesetze zeitlich begrenzen und sie nicht einfach unbegrenzt gelten lassen, bis neue sie ersetzen.

Konrad von Baruch

Nicht unbedingt von China, vor allem wegen der fatalen Anfangsfehler, aber von Südkorea und Taiwan ist durchaus zu lernen. Die Chancen, die eine digitale Überwachung bieten kann, müssen genutzt werden. Vor dem Individualrecht, das auch ich schätze und würdige, rangiert der Schutz unsere bedeutendsten Institutionen und ihrer Eliten. Die Digitalisierung unserer modernen Gesellschaft, fatal in ihrer Ausbreitung von Trivial- und Trash-Kommunikation und Fake-News, die nur Eliten ausbremsen können, kann mit dieser neuen Krise endlich in die richtige Richtung gelenkt werden. Apps mit diesen Chancen müssen unbedingt in Europa entwickelt und angewandt werden. Asien ist uns in der Entwicklung der Pandemie voraus. Lasst uns von ihnen lernen. Nicht alles muss nachgemacht und möglichst viel in Europa entwickelt werden. 

Wir müssen auch so schnell wie möglich unsere Wirtschaft wieder ankurbeln. Gerade die erfolgreichen Länder Asien fahren nicht die Wirtschaft derartig zurück wie wir mit unserem shutdown. Die Geschäfte, Restaurants, Theater blieben in Südkorea offen. Regeln der Hygiene und für „Social distancing“ werden diszipliniert befolgt. Zusammen mit dem Sozialkontrolle des handy-tracking und der Infektionsketten werden ökonomische Einbrüche vermieden. 

Auch müssen wir uns Gedanken machen, wer am Ende die große Rechnung zu bezahlen hat. Das darf nicht wieder wie immer die Mittelschicht sein, die alles trägt. Vergleichbar ist unsere Lage mit Kriegszeiten. Damals nach dem 2. Weltkrieg gab es einen Lastenausgleich, den die Vermögenden, und sehr hohe Einkommensteuersätze, die die besserverdienenden Einkommensbezieher zu zahlen hatten. Daran werden wir denken müssen. Weiter, warum sollte man nicht jetzt für die daniederliegende Kunst, also für alle einkommenslosen Künstler und Künstlerinnen ein bedingungslose Grundeinkommen auf bescheidenem Niveau einführen? Machen wir doch einmal mit dieser Gruppe die ersten Erfahrungen dieses interessanten Sozialexperiments.

Malte von Baruch

Keiner muss die neuen Schulden bezahlen, wenn der erhoffte Effekt eintritt: das Generieren von Wachstum unserer Wirtschaft. Die neuen Schulden Deutschlands zur Bewältigung der Wirtschaftskrise von 2009 wurden nicht zurückbezahlt. Wir haben durch den lang anhaltenden Wirtschaftsboom nach der Krise nur unsere auf über 80% des BIP gestiegene Schuldenquote erfolgreich auf unter 60% gedrückt und so die Maastricht-Kriterien wieder erreicht. Das ist das Schöne an Staatsschulden: sie müssen nie zurückgezahlt werden, wenn sie erfolgreich genügend Wachstum erzeugen. Spannend wird aber sein zu beobachten, ob die als einmalig geplante Verschuldung des EU-Haushalts durch den Wiederaufbaufond wirklich einmalig bleibt oder nicht doch die EU in einigen Jahren einen weiteren Schritt in Richtung Bundesstaat mit ständiger Staatsverschuldung geht. Wenn die EU genügend Wachstum generiert, wird auch sie nie wieder Staatsschulden zurückzahlen. Dass die EU endlich gemeinsame Schulden einführt und die Bundesregierung ihr Festhalten an der schwarzen Null aufgibt, das lieber Konrad, war in der Tat fällig. Fragen zur Wirtschaftspolitik und Grundsätzliches zur Wirtschaft sollten wir in einem unserer nächsten Blogs unbedingt vertiefen.

Clemens von Baruch

Die EU drohte durch die neue Krise irrelevant zu werden und zu zerbrechen. Sie war und ist immer noch in großer Gefahr. Aber europäische Solidarität kann endlich mit dem mutigen Vorschlag von der EU Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen über 750 Mrd. für den EU-Wiederaufbaufond starten. Leider siegte am Beginn der neuen Krise das Nationale. Grenzen wurden geschlossen, Lieferketten unterbrochen. Der Binnenmarkt versiegte, der die EU doch reich und wohlhabend gemacht hat. Erst spät lief gegenseitige Hilfe an, als Intensivbetten in Grenzgebieten wechselseitig angeboten wurden. Der wichtigste Grund war sicherlich, dass Gesundheit und damit der Infektionsschutz nicht zur Kompetenz der EU, sondern in die Zuständigkeit nationaler, oft regionaler und kommunaler Instanzen gehört. Ihr habt Recht, Rebekka und Konrad, auf Kriege, die doch eher in Europa unwahrscheinlich sind, ist man besser vorbereitet als auf mögliche Pandemien. Die bestehenden Regelungen zur Bewältigung von Infektionen wie auch die vielen früheren Hinweise von Experten und Warnern wie z. B. Bill Gates wurden nicht ausreichend bekannt gemacht und diskutiert. Auch ein Manko unserer Medienwelt! Ein weiteres Problem! Im Osten Europas sehen die Herrschenden die Chance zum Ausbau ihrer „illiberalen Demokraturen“. Auch hier muss die EU aufpassen und darf nicht eine Verletzung unserer Standards, was Gewaltenteilung, Rechte des Parlaments, Unabhängigkeit der Gerichte und der Medien und Chancengleichheit für die Opposition betrifft, durchgehen lassen.

Richtig Konrad, um die ökonomischen Folgen der Pandemie zu überwinden, wird Europa den Wiederaufbaufond benötigen. Den wird es geben, ohne ihn Corona- bzw. Eurobonds zu nennen. Diese können ganz logisch dessen spätere Folge sein.

krisendialoge

Unterbrechen wir an dieser Stelle unsere Diskussion einer ersten Bewertung der neuen Corona-Krise. Wir vertiefen in einem bald erscheinenden Teil B unser Thema, wenn wir das neu erschienene Alterswerk von Jürgen Habermas „Auch eine Geschichte der Philosophie“ gemeinsam aus Euren unterschiedlichen Perspektiven rezensieren werden. Bis dann!

Literaturhinweise folgen im Teil B

Erziehung und Bildung III (Teil A)