Erziehung und Bildung II – Von Habermas zu Luhmann – Pädagogisches Handeln und/oder Funktionssystem Bildung?

Abstract

Im ersten Teil unserer Diskussion stellte Clemens die Grundidee der Pädagogik Kants vor, der einen vierfachen Stufenprozess vom Natur- zum Freiheitswesen Mensch beschreibt. Prinzipiell wurde diese Entwicklungsidee Kants für unsere Gegenwart, insbesondere durch die kommunikationstheoretische Transformation seiner pädagogischen Ideen mit Hilfe der Handlungstypologie von Habermas, als sinnvoll und hilfreich anerkannt, aber als gravierender Mangel gesehen, dass der Rationalist Habermas weder außeralltägliches noch emotionales Handeln in Erziehungsprozessen erkennt. Gegen Kants „Erziehung zur Freiheit“ setzten Konrad und Rebekka auf „Anerkennung von Institutionen“ und „Pädagogische Fürsorge – mit Orientierung am Einzelfall“.

Malte entwickelt im zweiten Teil seine Idee einer Theorie der „Erziehung in der Gesellschaft“ im Anschluss an system- und evolutionstheoretische Überlegungen Niklas Luhmanns. Seinen Thesen wird entgegengesetzt, dass Evolution kein „telos“ kennt, Bildungsprozessen aber mehrere antagonistische Ziele wie Mündigkeit und Selektion innewohnen. Der Streit zwischen system- und kommunikationstheoretischer Analyse von Bildungs- und Erziehungsprozessen bleibt offen.

Rebekka stellt die Orientierung von Schulen an Werten und Lebensformen der Mittelschichten heraus, die bildungsferne Schichten benachteiligen. Die alte, dreigliedrige Klassenordnung von Schulen ist noch nicht überwunden. Die entscheidende Rolle der Lehrers und die mangelhafte Professionalisierung dieses Berufes werden allzuoft übersehen. Auch diesmal plädiert sie wiederum dafür statt systemtheoretischer Ansätze die strukturalistische Theorie des frühen Piaget mit der Analyse von Klassenstrukturen zu kombinieren, wobei sie sich der Klassentheorie von Pierre Bourdieu anschließt und sie auf unser Thema bezieht. 

Da abzusehen war, dass das Thema Erziehung eine dritte Runde beanspruchen wird, endet das Gespräch mit Fragestellungen der Diskutanten, die bei der dritten und letzten Runde angesprochen werden sollten. Noch zu besprechen sind das unzureichende Niveau der Beherrschung von essentiellen Kompetenzen in Schreiben, Lesen und Rechnen bei zu vielen Schülern, die Verirrungen der pädagogischen Didaktik-Diskurse mit ihrer Übertreibung von Schülerorientierung, sowie die Relevanz von Technik in pädagogischen Prozessen. Ferner sollen mögliche unterschiedliche und sich widersprechende Identitätsentwürfe, die für gegenwärtige Schulen Vorbildcharakter haben können, vorgestellt werden. Dazu werden neuere Bücher zu unserem Thema rezensiert werden.

krisendialoge

Malte, Du hast den letzten Blog mit Interesse verfolgt und zugesagt, Deine Sicht der Dinge zum Thema Erziehung und Bildung zu erläutern. Bitte schön!

Malte von Baruch

Erfreulich, dass in der letzten Gesprächsrunde Clemens seinen Schritt von Kant zu Habermas gründlich dargelegt hat. Unser Thema Erziehung und Bildung ist geeignet, um einen weiteren Schritt verständlich zu machen, der für mich wichtig geworden ist, der von Habermas zu Luhmann. Ich werde a) den Stellenwert von Evolution bei beiden Theoretikern kurz anreißen; b) Luhmanns Rezeption einer neodarwinistischen Evolutionstheorie knapp vorstellen und c) auf die Evolution von Bildungsprozessen eingehen.

Zu a) Beide Theoretiker waren in den 60iger bis 80iger Jahren des letzten Jahrhunderts die beiden berühmten Antipoden der damaligen gesellschaftstheoretischen Diskurse, bilden aber keinen einfachen Gegensatz. Nicht nur Luhmann argumentiert systemtheoretisch, auch Habermas, aber mit deutlichem Unterschied. Habermas baut die Systemtheorie in seinen kommunikationstheoretischen Ansatz ein ohne wichtige Grundbegriffe wie „Lebenswelt und System“, „soziale und Systemintegration“ ausreichend genug zu begründen. Hinweise auf die Differenz von objektivierender Beobachter- und handelnder Teilnehmer-Perspektive sind unzureichend. Erstere bezieht sich auf den Objektivismus der Wissenschaften, letztere auf die Teilnehmer-Perspektive, die sich auf die philosophische Tradition der Phänomenologie gründet, die insbesondere Ansätze zur Soziologie des Alltags fundiert. Lebenswelten und Systeme werden als differente Ebenen und als mögliche Perspektiven unterschieden, wobei Systeme bei Habermas erst in der Moderne als Funktionssysteme der Weltgesellschaft auftauchen, die Vormoderne dagegen von der Archaik bis zu allen Hochkulturen als Lebenswelten erscheinen. Insbesondere stellt er für die Moderne das Wirtschafts- und das politische System als strukturdominant heraus, ohne wie Luhmann zu sehen, dass keinem von beiden eine beherrschende Stellung und Steuerung der Gesellschaft mehr gelingt. Während Habermas System- und Kommunikationstheorie als Perspektiven-Differenzen kombiniert, baut Luhmann seine Theorie der Gesellschaft grundsätzlich und konsequent mit Hilfe der Tradition des Systemdenkens auf und rezeptiert modernste Theoretiker der neueren Biologie, wie es schon Talcott Parsons, Luhmanns Vorbild einer modernen Soziologie, vor ihm tat.

Bis heute sind die unterschiedlichen Ansätze einer Evolutionstheorie bei beiden Groß-Soziologen nicht gründlich genug gegenübergestellt worden. Ich konzentriere mich auf die Rezeption dieser Tradition bei Luhmann. Er hat diesen Teil seiner Gesellschaftstheorie von Beginn an umfassend bearbeitet, während Habermas bisher keine entsprechende Theorie soziokultureller Evolution entwickelt hat. Es wird gemunkelt, dass er an an diesem Projekt immer noch arbeitet. Es wäre noch mehr als seine „Theorie des kommunikativen Handelns“ sein eigentliches Hauptwerk. Bisher ist es bei kursorischen Bemerkungen in seiner „ Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus“ geblieben. 

Zu b) Die Evolutionstheorie hat seit ihren Entstehung im 19. Jahrhundert seit Darwin einen Siegeszug sondergleichen vorgelegt und für alle wissenschaftlichen Disziplinen ein erfolgreiches Paradigma geschaffen, das jede Art von „creation science“ argumentativ an die Seite und bereits lange vor der sprachtheoretischen Wende in der Philosophie nachmetaphysisches Denken auf Erfolgskurs schob. Es geht nicht mehr um zeitlos geltende (Natur-)Gesetze, sondern um die Entwicklungslogik des Werdens. Alles Seiende entsteht, entwickelt sich weiter, verändert sich und vergeht. Sein kann nicht mehr als etwas Beständiges verstanden werden und steht nicht neben der Zeit, sondern folgt als zeitliches Werden und Vergehen einer besonderen evolutionären Entwicklungslogik: der Wahrscheinlichkeit des Unwahrscheinlichen (Luhmann). Das gilt sowohl für die biologische „Evolution des Lebens“ wie auch für die „Sinn-Evolution der Gesellschaft“. Mit Evolutionsprozessen wird Unwahrscheinliches zur Realität. Die Differenz beider Formen der Evolution muss unterschieden werden. 

Die vor allem von theoretisierenden Biologen (H. Maturana u.a.) entwickelte Systemtheorie verabschiedet sich von allem Seins-Denken, arbeitet mit der Differenz von System und Umwelt, lehnt damit Ganzheitskonzepte ab und unterscheidet drei evolutionäre Mechanismen: Variation, Selektion und Restabilisierung. Zufällig auftretende Mutationen von genetisch programmierten Zellen sind bei der Evolution von Lebewesen Ausgangspunkt von Variation, das Überleben von Organismen Basis der Selektion und ökologisch stabile Populationen Gegenstand von Restabilisierung. 

Die drei Mechanismen müssen für die soziokulturelle Evolution abstrakter gefasst werden. Variation ereignet sich, wenn Unerwartetes und Überraschendes in Kommunikationen auftaucht. Die jederzeitige Möglichkeit zum Negieren, d.h. eine kommunikativen Offerte abzulehnen, stört die normale Reproduktion sozialer Systeme und kann Variation auslösen. Negationen in humanen Kommunikationen sind ein Varianz-Antreiber. Meistens wird die abweichende Erwartung folgenlos verworfen, also negativ selegiert. Sporadisch aber kann die Struktur des Kommunikationssystems, das heißt der Aufbau von Erwartungen, verändert, damit in neue evolutorische Bahnen gelenkt werden. Diese positive Selektion muss, um Dauer zu gewinnen, stabilisiert werden. Restabilisierung, der neue dritte evolutionäre Mechanismus der Neo-Darwinisten, sichert den erfolgten evoluierenden Vorgang ab, bis das Gesellschaftssystem sich durch neue evolutionäre Schritte weiter differenziert. Soziokulturelle Evolution ist folglich immer auch Systemdifferenzierung.

Zu c) Wenden wir diese hochabstrakten Überlegungen auf unser Beispiel Bildung und Erziehung an und beginnen wir mit der ersten, der segmentär differenzierten Gesellschaftsform, mit der der Homo sapiens startete. Sie kennt zwar als Einheiten nur gleichartige Stämme (zusammen lebende Gemeinschaften) und Clans (Verwandtschaftssysteme), in denen aber unterschiedliche und vielfältige, potentiell evoluierende Kommunikationen die soziokulturelle Evolution angetrieben haben.

Fangen wir mit der Erziehung des Kleinkindes an. Sie verlief von der archaischen Gesellschaft bis zur Entdeckung des Kindes in der europäischen Aufklärung, thematisiert bei Rousseau, in traditionellen Formen, die den einfachen Aufbau der frühen Stammesgesellschaften und der Hochkulturen sicher reproduzierten. Eigentlich war es noch keine absichtliche, also zielorientierte Erziehung, sondern unabsichtliche, hinter den Rücken der Handelnden stattfindende Sozialisation. Erst in der Moderne wird dieses Feld zu einem umstrittenen Thema. Erst jetzt wird Erziehung als geplante Einwirkung entdeckt, erforscht, hinterfragt, problematisiert und die Besonderheit des Kindes herausgestellt, das kein „kleiner Erwachsener“ mehr ist. 

Für gegenwärtige, allzu oft verunsicherte Eltern, steht eine riesige Masse von Beratungsliteratur für die ersten Lebensjahre zur Verfügung, die die Jahrtausende alte Traditions-Sicherheit in Erziehungsfragen wieder gewinnen soll. Was nur schwer zu erreichen sein wird. Gegenwärtig hofft man auf eine Lösung durch Professionalisierung. Wie schon in den Schulen sollen in Zukunft akademisch ausgebildete Erzieher in Kittas und Kindergärten nicht nur die Berufstätigkeit von Müttern, sondern auch die alte Sicherheit in der frühkindlichen Erziehung her- und sicherstellen und familiale Defizite ausgleichen helfen. 

Anders verlief die Entwicklung bei beruflichen Ausbildungsprozessen. Sehr gut, Rebekka, dass Du beides im Blick hast. Erziehung ist in der Tat sowohl Sozialisation und Erziehung in der Familie (früher der Stamm, danach der antike oikos, die mittelalterliche „große Haushaltsfamilie“, danach die bürgerliche Familie bis zur Pluralität familialer Formen heute), wie auch schulische und berufliche Ausbildung.

Die Arbeitsteilung in den frühen archaischen Gesellschaften war einfach strukturiert. Das Sammeln von Früchten, Samen und Wurzeln lernte man durch einfache Nachahmung in kollektiven Aktionen des Stammes schon in frühem Alter. Ähnliches gilt für das gemeinsame Jagen bei Älteren. Auch militärisches Üben, wichtig und beliebt bei Jüngeren im gemeinsamen Spiel, und reales kriegerisches Kämpfen sind kollektive Akte, bei denen einfache Nachahmung überwiegt. Überraschende individuelle Einfälle und Neuerungen, die Waffen betreffend, bieten Variation an und machen, sofern die neuen Varianten angenommen werden, technisch-militärischen Fortschritt möglich, der kriegsentscheidend werden kann. Variation wird so stabilisiert. Noch gehören Krieger in Stammesgesellschaften – meistens Männer – zu keiner Profession wie später Soldaten und Söldner in den Hochkulturen, sondern haben eine Aufgabe, die jedem Mann, selten Frauen, im Verteidigungs- bzw. Angriffsfall zugemutet wird. Herausragende Erfolge einzelner Kämpfer sind Bedingung und Chance für spätere Führungsaufgaben als Häuptlinge, die Vorform für die späteren Könige in den stratifizierten Hochkulturen. 

Auch wenn kollektive Aktionen in frühen Stammesgesellschaften dominant waren – beim Sammeln, Jagen, in Kriegen und religiösen Riten – so kamen exklusive Interaktionsformen von zwei Partnern auch vor. Natürlich in sexuellen und Freundschaftsbeziehungen wie heute auch. An diesen Kommunikationsformen konnten evolutionäre Errungenschaften, die zu Systemdifferenzierungen führen, nicht ansetzten. Sexuelle und Freundschaftsbeziehungen, auch von mehreren, können sich auflösen, neue werden gestartet. Sie selbst werden aber nicht komplexer und differenzieren sich nicht aus. Evolution kann hier nicht ansetzen.

Die entscheidende Partner-Beziehung, die zum Ausgangspunkt für spätere Differenzierungsprozesse wurde, ist das Verhältnis des Schamamen zu seinem Jünger und Nachfolger. Exklusiv ist diese Beziehung, weil die Sphäre des Heiligen beide abschirmt und schützt. Dem Schamanen als charismatisch Qualifizierten werden hohe Einflusschancen zu den als willkürlich wirkenden religiösen Mächten zugesprochen. 

Er agiert als religiöser Führer zwar vor allem in Kollektiv-Riten wie Wetter-Zauber, Begräbnissen, Kriegstänzen, Potlatchs (Tausch von Geschenken unterschiedlicher Stämme, die ersten Formen ökonomischen Austauschs) etc., aber auch in der Bewältigung von Alltagsproblemen bei Krankheit, Streit, Liebesleid, Hoffnungen und Wünschen aller Art, mit denen einzelne Stammesmitglieder zu ihm kommen. Wir haben hier die erste Proto-Profession vor uns, die Kundenwünsche bedient. Neben die dominanten kollektiven Akte der Riten mit allen Stammesmitgliedern tritt eine exklusive Paarbeziehung mit Klienten als Interaktionsform, die Chancen für evolutive Differenzierungsprozesse in den späteren Hochkulturen und unserer funktional differenzierten Weltgesellschaft bieten wird. Solange die magischen Handlungen des Schamanen Erfolge zeigen, und dafür wird alles, natürlich auch alles Trickreiche getan (C. Lévi-Strauss), ist seine Stellung gesichert und seinem jungen Nachfolger der Boden für Anerkennung bereitet. Erziehung ist also in archaischen Gesellschaften vor allem Schamanen-Ausbildung, während Kindererziehung weitgehend in den Bahnen traditioneller Sozialisation erfolgt.

Der Übergang von den segmentären Stammesgesellschaften zu stratifizierten Hochkulturen wurde nach Sesshaftwerdung, Ackerbau und Stadtgründungen möglich. Alle drei Entwicklungsschritte sind erfolgreiche evolutionäre Errungenschaften. An die sozialen Ungleichheiten der proto-politischen Häuptlings-Rollen, der Kriegs- und Friedensanführer – nicht immer in Personalunion – wurde angeknüpft und die neu konstituierten politischen Spitzen der Königshäuser konnten gebildet werden. Die Entstehung von Priesterschaften setzte an der zweiten Ungleichheit der Stammesgesellschaft an, der exklusiven Paarbeziehung von Schamane und seinem Zögling. In der neuen Gesellschaftsformation wurde die Sphäre des Politischen dadurch nicht nur mit der Sphäre der Religion, sondern auch mit der Sphäre von Erziehung und Ausbildung verknüpft. Ermöglicht wurde dieser evolutive Prozess aber nur, weil der Evolution der Sprache der Durchbruch zur Schrift gelang. Die Priesterschulen der Hochkulturen machten ihre Reproduktion wie auch die neue Profession der Schreiber möglich, die als Verwaltungsfachkräfte für die Herrschaft der neuen Könige eine notwendige Bedingung waren. Sie sicherten das soziale Gedächtnis durch das neue Medium Text, das ganz neue Kommunikationen ermöglicht. Die beiden Führungsrollen der frühen gleichartigen Stammesgesellschaften, Häuptlinge und Schamanen, wandelten sich zum Königtum und zur Priesterschaft der neuen hochkulturellen Gesellschaftsformation und machten soziale Ungleichheit zur Selbstverständlichkeit für alle späteren Gesellschaftsformen – bis heute. 

Vieles änderte sich mit dem Durchbruch zur funktional differenzierten Gesellschaft der Moderne. Auf die Herausbildung von Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst und Politik als neue Funktionssysteme habe ich in unseren Dialogen oft hingewiesen. Auch das Bildungssystem wurde zu einem Funktionssystem. Die Verbindungen zur Religion, Priester beherrschten und dominierten die Bildung in allen Hochkulturen, wurden gekappt. Zunächst aber sicherte sich der moderne Staat den entscheidenden Einfluss auf das Bildungssystem. Er anerkennt zwar die Autonomie dieser Sphäre, regiert aber munter in sie hinein. 

Im Ergebnis ist zu konstatieren: die exklusive Paar-Beziehung von Schamane und Zögling ist die Proto-Form eines Bildungsverhältnisses, das sich über die Priester und Schreiber der Hochkulturen weiterentwickelte und zum Bildungssystem der Gegenwart mit ihren Lehrern, Erziehern und Ausbildern führte. Sie sind die Agenten, die heute nicht nur alle Personen unserer Sozialsysteme weltweit erfassen, sondern auch in einem zunehmend autonomen Funktionssystem lebenslanges Lernen, sogar über die Berufstätigkeit hinaus, professionell sicherstellen. 

Richtig, Rebekka, Erziehung und Ausbildung gehören zusammen und haben mit jedem als einen Einzelfall zu tun. Allerdings kennen nur Menschen die lebenslange Fürsorge für jeden. Tiere sehen das nur für ihren Nachwuchs vor und solange es lohnend erscheint. Und die Selektion durch Bildungsanstalten, die Du lieber Konrad betonst, ist eine der Grundfunktionen der Evolution generell. 

Das Bildungssystem begleitet den Lebenslauf einer jeden Person. Er beginnt nach der familialen Erziehung mit Schule, Berufsschule, Hochschule und setzt sich mit permanenter Weiterbildung fort. Auch im Alter kann Bildung jenseits des Berufes gehaltvolle Anregungen bieten. Die mehr sozialpsychologisch vorgestellten Stufen Kants müssen in ein breiter evolutives Spektrum gestellt werden, dann machen sie in der Tat immer noch Sinn. 

Clemens von Baruch

In der Tat! Eine Theorie kultureller Evolution liegt bei Habermas noch nicht vor. ImmerhIn zeigen aber seine bisherigen sporadischen Bemerkungen seinen grundlegenden Ansatz. Er stellt ein Set an Universalien (Kompetenzen) vor, die konstitutiv für die Menschheit sind. Dabei nennt er zuerst im Anschluss an Chomsky eine allgemeine Sprach- und kommunikative Kompetenz, die zur Verständigung über rechtliche und moralische Regulierungen führt, auch zum Aushandeln für strategische Ziele und zu Natureingriffen befähigt, aber ebenso ästhetisches Agieren des Menschen im Blick hat. D.h. die von Habermas unterschiedenen Typen sozialen Handelns werden kompetenztheoretisch begründet. Die Anzahl seiner Gattungskompetenzen erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, denn erst im Nachhinein erkennt der menschliche Geist die Bedingungen, die ihn ermöglichen. Späteren Generationen wird Einsicht in weitere Grundfähigkeiten mit universellem Status möglich sein. Die von ihm genannten Kompetenzen sind aber ausreichend genug ein Theorieprogramm anzudeuten, dass die bei Luhmann vorgestellten Funktionssysteme beschreiben und erklären kann und das überzeugender als er.

Luhmann, wie Parsons bewegen sich im Banne der Biologie, die in der Tat gegenwärtig in wissenschaftlichen Diskursen hohe Anerkennung, sogar Dominanz erworben hat und vielleicht die Physik ablöste, die bis in die Hälfte des letzten Jahrhundert als Modell wissenschaftlichen Vorgehens tonangebend war.

Was Du unzureichend begründet siehst, die Kombination von System- und lebensweltlicher Perspektive, ist gerade ein Ansatz, der überzeugen kann. Mit dem Systembegriff wird die biologisch-evolutionäre Ebene objektivierender Erkenntnis anerkannt, der alle Wissenschaften einschließen kann und mit der lebensweltlichen die wichtige Einsicht zugestanden, dass die Soziologie selbst Teil des Gegenstandes ist, den sie analysiert. Wir dürfen nicht übersehen, dass wir Menschen kommunizierende Wesen sind, die sich auf sich selbst beziehen können.

Malte von Baruch

Richtig, lieber Clemens! Wenn dieser Selbstbezug wissenschaftlich erfolgen soll, muss er wiederum in objektivierender Einstellung geschehen. Auch Luhmann weiß, „dass die Soziologie selbst Teil des Gegenstandes ist, den sie analysiert“. Er vergleicht den Soziologen als Beobachter „im Krähennest“, der auf die Gesellschaft und ihre sozialen Systeme blickt und sie analysiert. Sein Hauptwerk heißt deshalb auch „Die Gesellschaft der Gesellschaft“. Ein Titel, der sich nur dem erschließt, der erkennt, dass das Thema Gesellschaft nur in der Gesellschaft als eigenständige Disziplin des Funktionssystems Wissenschaft behandelt werden kann. Die Systemtheorie innerhalb der Soziologie beansprucht nur erfolgreicher zu sein und höhere Komplexität zu erfassen als handlungstheoretische Ansätze. Das muss natürlich empirisch belegt werden.

krisendialoge

Danke Euch beiden für diesen interessanten Disput. Habermas gegen Luhmann zu stellen und umgekehrt , darauf werden wir sicher noch oft eingehen müssen. 

Liebe Rebekka, sind wir mit den letzten Beiträgen von Malte und Clemens in unserer Vertiefung in das Thema Erziehung und Ausbildung weiter vorangekommen? Welche Aspekte sind Dir noch wichtig?

Rebekka Baruch

Nein, wir sind nicht wirklich weiter gekommen. Förderung einzelner und Selektion aller im Bildungssystem wurden von Konrad und mir bereits in unserem ersten Gespräch hervorgehoben. Neu und interessant am evolutionstheoretischen Ansatz von Malte ist , dass er dies mit evolutionärer Logik bestätigt und ebenso wie ich Bildung und Ausbildung als zwei Seiten einer Medaille sieht, die zusammen gehören. 

Aber führt ein evolutionstheoretischer Ansatz wirklich weiter als der strukturalistische von Piaget, der sich an der Strukturhomologie von Onto- und Phylogenese, also ebenfalls an der Biologie orientiert? Ich denke eher Nein! Die Grundtendenz gesellschaftlicher Entwicklung hin zu mehr Zusammenarbeit und den Abbau von Hierarchien, die Zwang ausüben, kann Piaget überzeugend ableiten.

Malte von Baruch

Beachte Rebekka! Evolutionstheorien verzichten auf teleologische Annahmen. Es gibt kein Ziel der Evolution. Evolutive Prozesse entwickeln sich in eine offene Zukunft hinein. Piagets Ansatz einer sozialen Entwicklung denkt noch alteuropäisch. Geschichte ist für ihn, wie für alle Aufklärer, ein Prozeß hin zu Freiheit , Emanzipation und Autonomie. Die Aufklärungsphilosophie von Kant und Hegel steht auf seiner Seite. Luhmann bricht deutlich mit dieser Tradition.

Rebekka Baruch

Mit Autonomie rechnet aber auch seine These von Funktionssystemen in der Moderne, die nicht mehr zentral gesteuert werden, sondern ihrer Eigenlogik folgen. Um das Telos Autonom-Werden kommt auch Luhmann nicht herum.

Dabei scheint mir eine wirkliche Autonomie des Bildungssystems im Vergleich zur Eigenlogik von Wirtschaft und Politik nicht gegeben zu sein. Im Gegensatz zu Ärzten und Juristen ist für Lehrer eine eher mangelhafte Professionalisierung festzustellen (U. Oevermann). Ein deutliches Zeichen insuffizienter Autonomie des Funktionssystems Bildung im Gegensatz zur Medizin und zum Rechtssystem. Die Ausdifferenzierung des Funktionssystems Bildung ist noch nicht wirklich gelungen. Es hat sich aber globalisiert. Lehrern an Schulen wird Autonomie im Sinne pädagogischer Freiheit trotz vieler rechtlicher Regeln gewährt und die Wirkung ihrer Erziehungsarbeit weltweit verglichen und bewertet. Das Ranking der Nationen bei den Pisa-Tests stößt überall in der Welt auf breites Interesse.

Bedeutsamer als evolutionstheoretische Reflexionen sind mir klassentheoretische Überlegungen zu unserem Thema. Sie sind noch nicht gründlich genug angesprochen worden. Die klassische Schule des letzten Jahrhunderts wurde dominiert von der Mittelschicht. Zwar spiegelt das alte dreistufige Bildungssystem (Volks-, Realschule und Gymnasium) Unter-, Mittel- und Oberschicht der bürgerlichen Gesellschaft wieder, nichtsdestotrotz zwingt die Schule den Kindern den Sprachstil der Mittelschichten auf. Man beachte Basil Bernsteins berühmten „elaborierten Code“ vor allem dann, wenn höhere Bildungsabschlüsse anvisiert werden. SchülerInnen müssen ihn lernen und beherrschen. Diese Anpassung an Mittelschichtstandards ist trotz aller gegenwärtig beobachtbarer Auflösungserscheinungen dieser Schicht und der Herausbildung einer neuen dualen Struktur schulischer Bildung (Gesamtschule und Gymnasium) bis heute spürbar. Man muss das Sprachniveau dieses Codes, differenziertes Sprechen und Schreiben, inkorporiert haben um Bildungsabschlüsse höherer Art zu erwerben und damit höhere berufliche Positionen zu erringen. Vor allem in Deutschland haben Kinder nichtakademischer Eltern nur geringe Chancen für universitäre Ausbildungsgänge. 

Noch tiefgründiger als Bernstein Sprach-Codes erklärt das Habitus-Konzept von Pierre Bourdieu diese Benachteiligung unterer Klassen. Sprachverhalten, Geschmack- und Werturteile konstituieren die Basis von Kulturklassen, die sich voneinander abgrenzen. Die alte tonangebende Mittelschicht differenziert sich seit den 70iger Jahren zunehmend mehr in einen verängstigten Teil, der für sich und seine Kinder sozialen Abstieg befürchtet, den alten fordistischen Zeiten stetigen ökonomischen Wachstums der Nachkriegszeit nachtrauert, die sich steigernde Globalisierung fürchtet und auf all das mit nationalen Reflexen reagiert und einer neuen akademischen Mittelklasse, die global-universalistisch eingestellt ist, in gutdotierten Jobs Arbeit gefunden hat, einen neuen Habitus ausbildet, der zur Distinktion von der alten Mitte genutzt wird. Was auch umgekehrt gilt. Die mobilen und urbanen „Anywheres“ stehen den lokal gebundenen „Somewheres“ (David Goodhart) gegenüber. Der alte Rechts-Links Gegensatz rückt neben – viele meinen, er werde ersetzt – durch den Widerstreit von Stadt und Land, Freiheit und Sicherheit, Offenheit und Tradition. Das hat auch Folgen für das Bildungssystem. Die gut situierten „Anywheres“ schicken ihre Kinder in Privatschulen und Gymnasien, fördern ihren Nachwuchs so gut es geht, um gute Ausgangschancen für deren universitäre Ausbildung zu erreichen, was den „Somewheres“ immer weniger gelingt. Der politische Erfolg der neuen national-populistischen Parteien hat auch hier seinen Grund.

krisendialoge

Da abzusehen war, dass unser Thema auch in der zweiten Runde unabgeschlossen bleiben wird, haben wir uns auf eine abschließende dritte Gesprächsrunde zu unserem Thema Erziehung und Bildung geeinigt. Sagt mir bitte, welche Aspekte beim nächstenmal unbedingt angesprochen werden sollten?

Clemens von Baruch

Aktuell meldet der Suhrkamp Verlag, dass im Herbst das Alterswerk von Habermas erscheint mit dem Titel „Auch eine Geschichte der Philosophie“. Vielleicht finde ich hier Neues zum Thema „Soziokulturelle Evolution“. Der Titel allerdings läßt aufhorchen. Sollte sich Habermas am Ende seines langes Weges mehr als Philosoph und weniger als Soziologe verabschieden? Bekanntlich verstand er sich wissenschaftlich immer gleichberechtigt als beides, obwohl er weit bekannter als Intellektueller klassischen Schlages wurde, der erfolgreich und öffentlichkeitswirksam große Debatten lostrat. Wir werden „lesen“!

Konrad von Baruch 

Klar, dass Du Dich auf das Neueste aus der Habermas-Denk-Fabrik stürzen wirst. Sympathisch finde ich bei ihm die Wende zur Anerkennung moderner Rechts-Institutionen in seinem zweiten großen Werk „Faktizität und Geltung“, faktisch eine Hinwendung zu einer konservativeren Position. In diese Richtung muss auch die Bedeutung pädagogischer Institutionen gesucht werden. Auch sie sind wie alle Institutionen Träger von objektiven Sinn. Rebekkas Insistieren auf diesem Punkt ist in unserem heutigen Gespräch nicht vertieft worden. Ebenso gefallen mir Habermas viele Plädoyers für die EU, die zeigen, dass er postnationales Niveau erreicht hat. Bei ihm leider(!) ohne Rekurs auf imperiale Ambitionen. Er hofft immer noch auf den „Ewigen Frieden“ Kants. Eine Illusion! Realistischer denkt man die EU in Frankreich weiter. Imperiale Töne sind im Umfeld Macrons zu hören. Sehr Erfreulich und nicht weiter erstaunlich für Franzosen!

Vor allem müssen in unser nächsten abschließenden Sitzung die vielen Rückstände von Schulabgängern in elementaren Rechentechniken wie Bruch-, Prozent- und Rechnen mit Potenzen und Wurzeln erklärt werden, was ebenso für die Rechtschreibsicherheit gilt. Sogar Erstsemester in den Ingenieurwissenschaften müssen, so hört man, mathematische Basisqualifikationen nachholen. Für ihr Studium sind sie mit ihrem Abitur nicht wirklich studierfähig. Woran liegt das?

Rebekka Baruch

Vermutlich an einem Missverhältnis von Lernen und Lehren in den Schulen. Die seit Jahrzehnten dominierende schülerorientierte Didaktik in allen Fächern führt zu Übertreibungen. So richtig es ist die Schülerperspektive als LehrerIn einzunehmen, um Unterrichtsinhalte an deren Denk- und Lebensformen anschlussfähig zu machen, so falsch ist es das Lehren zu vernachlässigen. Das selbständige Lernen von SchülerInnen als entscheidende pädagogische Orientierung degradiert LehrerInnen immer mehr zum Moderator, der kaum noch einschreitet. SchülerInnen brauchen Autoritäten, an denen sie sich abarbeiten können. Erst dann gewinnen sie Autonomie. Noch schlimmer wird es, wenn die guten alten Lernziele im neuesten Schrei einer kompetenzorientierten Didaktik zu einer unübersichtlichen Vielfalt von Kompetenzen umdeklariert werden, die SchülerInnen nach jeder Unterrichtseinheit beherrschen sollen.

Clemens von Baruch

Sehr gut Rebekka! Wenn ich dies höre, wie klarer und präziser ist die Übersichtlichkeit von allgemeinen und universellen Gattungskompetenzen bei Chomsky, Piaget und Habermas! Sie unterscheiden zudem noch deutlich die Kompetenz als Ideal von der empirisch auftretenden Performanz.

Malte von Baruch

Ich sehe, wir haben genug Themen für eine weitere, hoffentlich abschließende Sitzung. Mich interessiert dabei die Relevanz von Technik für pädagogische Prozesse. Sie war immer bedeutsam, wurde oft überschätzt und war nicht selten ein Fiasko, wenn man an die Sprachlabore der 60iger bis 70iger Jahre denkt. Gegenwärtig geht es natürlich um Internet und Computer. Wie wichtig sind sie eigentlich, wenn Schüler dabei nicht selten ihren Lehrern etwas vormachen.

krisendialoge

Herzlich Dank auch diesmal für Eure, wenn auch nicht unbedingt weiterführenden, so doch vertiefenden Beiträge zu unserem Thema. Weiterführendes wurde aber von Euch für unsere Abschlusssitzung angekündigt.

Literaturhinweise

Niklas Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft I und II, Frankfurt a.M. 1997 

Im Band I Kapitel 3 entwickelt Luhmann die Grundlagen seiner soziokulturellen Evolutionstheorie als Teil seines gesellschaftstheoretischen Projekts.

Habermas, J., Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus, Frankfurt a.M. 1976

Der Titel mit seinem „Zur“ deutet den vorsichtigen Start einer Theorie soziokultureller Evolution an, den er in dieser Aufsatzsammlung im Anschluss an die marxistische Geschichtstheorien in Grundzügen vorstellt. Bisher ist es bei diesen vorläufigen Überlegungen geblieben.

Oevermann, Ulrich, Theoretische Skizze einer revidierten Theorie professionalisierten Handelns, in: Pädagogische Professionalität, Hg. Combe A.u.a. Frankfurt a.M. 1996, S.70ff U. Oevermann, ehemaliger Assistent von Habermas in Frankfurt, entwirft in diesem langen Aufsatz seine Theorie der pädagogischen Profession in Anlehnung an die auf ihn zurückgehende sozialwissenschaftliche Methode einer „Objektiven Hermeneutik“, auf die sich Rebekka mit ihrem Insistieren auf den objektiven Sinn sozialer Gebilde bezieht.

Lévi-Strauss, Claude, Der Zauberer und seine Magie, in: ders. Strukturale Anthropologie I, Frankfurt a.M. 1978, S. 183-203

Der berühmte französische Ethnologe und Begründer des Strukturalismus hat die Verwandtschaftssysteme, Heiratsregeln und das Wilde magische Denken früher Kulturen erforscht. 

Bourdieu, Pierre, Die feinen Unterschiede, Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt a.M. 1982ff

Diese berühmte Studie des französischen Soziologen, der die Konstituientien ökonomischer, sozialer und kultureller Klassen entwickelt hat, wird gegenwärtig beim Blick auf die Herausbildung und Spaltung neuer Mittelklassen wieder hoch aktuell. Das Bildungssystem der Moderne wurde von ihm lebenslang analysiert.

Geplante Rezensionen

Kaube, Jürgen, Ist die Schule zu blöd für unsere Kinder?, Berlin (Rowohlt) 2019

Precht, Richard David, Anna, die Schule und der liebe Gott, München (Goldmann) 2013

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