krisendialoge
Der Terror hat seit 9/11 ein anderes Gesicht als in den 70igern des 20.Jahrhunderts. Damals erschreckten linksradikale Politgruppen, die ein kleiner verirrter Teil der 68iger Bewegung waren, die westliche Welt. Heute sind es radikale Islamisten, ebenfalls ein kleiner Teil der Weltreligion des Islam, die Schrecken und Tod bringen und auf die unsere Politiker noch keine befriedigenden Antworten gefunden haben. Sicherheit wird im Westen zu dem viele Wahlen entscheidenden Thema. Freiheit, der Basiswert unserer Gesellschaftsordnung, wird zunehmend eingeschränkt und droht mehr und mehr verloren zu gehen, kritisieren nicht wenige Intellektuelle. Stimmt das und wie gefährlich ist der Islamismus und wie gefährlich ist der Islam, auf den sich die Täter berufen?
Konrad von Baruch
Freiheit ist der Politikbegriff der Moderne schlechthin. Die Aufklärungsphilosophie der Neuzeit setzt hier an und die beiden deutschen Meisterdenker Kant und Hegel begründen ihn systematisch und tiefgründig. Kants Fundament ist das isolierte, sich um Autonomie bemühende Vernunftsubjekt, Hegel dagegen setzt auf die Vernünftigkeit des modernen Staates, eine Position, die mit meinem Konservativismus eher konvertibel ist. Bis heute finden beide Denker ihre Anhänger, vor allem bei Intellektuellen, weniger bei den breiten Massen des Volkes, denen es mehr um Sicherheit und Ruhe und nicht um Freiheit geht. Beide Philosophen, das sollte nicht vergessen werden, betrachten anders als die französische Aufklärung Religion positiv und prinzipiell mit der Moderne vereinbar. Mit Recht weisen sie die Thesen von Religion als Priesterbetrug und Gott als Lückenbüßer für Nichtwissen zurück. Religion wird bei Kant zur Vernunftreligion und bei Hegel darüber hinaus zur Vorgeschichte der Entäußerungsformen des Welt-Geistes. Deren optimistisches Geschichtsbild einer Fortschrittsgeschichte der menschlichen Gattung teilen nach dem Höllensturz des 20. Jahrhunderts nur noch wenige. Religion verschwindet auch nicht, wie die nachkantische, vor allem marxistische Philosophie meint, sondern freut sich – außerhalb Westeuropas – bester Gesundheit und das in ihren beeindruckenden und harmlosen, wie auch gefährlichen Formen.
Beeindruckend ist Religion, wenn sie die Lebenspraxis eines Menschen disziplinierend durchdringt und dessen Moral prinzipiell werden lässt wie bei religiösen Virtuosen, vielen Mönchen und Nonnen. Harmlos sind alle religiösen Menschen, die streng die Regeln und Gebote ihres Gottes einhalten, ohne dabei von anderen dieselbe Verpflichtung zu fordern. Harmlos bleiben sie auch, wenn ihr Missionseifer sanft und unaufdringlich bleibt. Gefährlich wird Religion immer dann, wenn Anhänger andere zu ihren Feinden erklären, sie hassen und vernichten wollen. In allen Weltreligionen gibt es diese drei Gruppen. Im besonderen kennen die drei abrahamitischen Religionen (Judentum, Christentum und Islam) fanatische Anhänger der dritten Gruppe, weitaus mehr als im Buddhismus.
Religion muss von seiner Hauptfunktion verstanden werden. Es geht bei ihr nicht um den Sinn der Welt. Den kann man auch außerhalb der Religion finden und tut es in westeuropäischen Ländern zunehmend mehr. Religion hilft die Kontingenz der Welt auszuhalten, die uns ständig umgibt. Alles ist anders möglich und wenig kann der Mensch als einzelner ändern. Dieses unheimliche Gefühl, dem wir uns sofort ausgeliefert fühlen, sobald wir wichtige Sicherheiten unserer Existenz gedankenexperimentell außer Kraft setzen, beschäftigte den antiken wie den modernen Menschen. Religion drängt die unübersichtliche Mannigfaltigkeit sinnlicher Eindrücke zurück, reduziert sie auf das Wesentliche und hilft so Sozialordnungen zu konstituieren. Die kosmische Ordnung bannte schon in der Antike das Chaos. Auch heute ist es nicht viel anders.
Athen, Rom und Jerusalem sind die drei Städte, deren antikes Erbe bis heute Europa prägen. Athen, die Geburtsstätte der Philosophie und der (direkten Männer-)Demokratie. Jerusalem, der Ort, an dem der Monotheismus des „Einen Gottes“ sich durchsetzte, der nach dem Judentum das Christentum und den Islam beherrscht. Und Rom, der Geburtsort rationalen Rechts, auf dem bis heute unsere rationale politische Ordnung gründet. Die griechische Antike und das antike Judentum sind der kulturell bedeutsame Übergang vom archaisch mythischen zum logischen Denken in der Achsenzeit. So nennt Karl Jaspers den evolutionären Schub, der sich im 6. bis 3. Jahrhundert v. Chr. weltweit ereignete und die narrative Form der Legitimation der sozialen Einrichtungen durch rational philosophisch-theologische Formen ablöste, das Gottesbild ethisierte und damit die Weltreligionen bis in die Gegenwart bestimmt.
Der Islam, mit Judentum und Christentum durch Abraham geschwisterlich verbunden, hatte seine kulturelle Blüte im 8. bis 12, Jahrhundert n. Chr. Anders als das Christentum, das den Niedergang des römischen Weltreiches gestärkt überstand und sich sowohl im Osten wie auch im Westen kulturell durchsetzte und schon bald, aber nur im westlichem Teil, durch die Spannung von weltlicher und geistlicher Macht die Differenz beider Sphären entfalten half, ist der Islam eine durch und durch politisierte Religion. Beide Bereiche können nicht getrennt werden. Der historische Jesus, ein antiker Wanderprediger ohne jeden politischen Ehrgeiz steht Mohammed als politischem Machtmenschen scharf gegenüber. Bisher haben alle islamischen Gesellschaften die Trennung von Religion und Politik nicht erreicht. Ausnahme war bisher nur die moderne Türkei Atatürks mit einem beeindruckendem Laizismus, bis Erdogan sie wieder in die orientalischen Despotie zurückführte. Der islamische Orient bleibt offenbar diesem vormodernem Politikmodell dauerhaft verbunden.
Der Islam breitete sich durch Eroberungen aus, die primär auf politische Beherrschung und nicht auf Mission zielten. Kriegerische Kämpfe waren notwendig, denn freiwillig unterwarf sich keiner. Diese Eroberungen veränderten den Islam. Er eignete sich Elemente der griechischen, christlichen (v.a. byzantinischen) und indischen Lebensart und Tradition an. Einige dieser übernommenen Elemente gab er dem europäischen Westen weiter, insbesondere durch die Rezeption der Philosophie des Aristoteles, der für die christliche Theologie des Mittelalters wiederentdeckt wurde. Überlegen war der Islam damals auf dem Gebiet der Theologie, aber auch der Mathematik (v.a. Algebra), der Medizin und Technik, ebenso durch die Größe ihrer Städte und ihre Toleranz. Diese große Zeit seiner Kulturblüte ist seit Jahrhunderten vergangen. Gegenüber der westlichen Welt fühlt man sich heute unterlegen. Anders als die chinesische Kultur, die sich von Jahr zu Jahr modernisiert und auf dem Weg ist ihre alte Dominanz wieder zu gewinnen, scheint der Islam dem Verfall entgegen zu drängen und sich von weiterer Entwicklung abzukoppeln.
Dschihad hat seine Konnotation zum politischen Kampf nie verloren. Als „Heiliger Krieg“ zielt er auf Welteroberung und erst die Überlegenheit eines Gegners weckte auch bei Muslimen die Bereitschaft zur friedlichen Konfliktlösung. Friede wurde durch die Einsicht, gegen starke Feinde chancenlos zu sein, zu einem Wert im Verhältnis zu anderen Kulturen. In neuerer Zeit wurde Dschihad als innerpsychische Bemühung um einen aufrichtigeren Glauben und einen wirksameren Gehorsam gegenüber Gott und seinem Gesetz verstanden. An diese Verinnerlichung des Islam sollten moderne islamische Theologen, die sich um einen Anschluss an das Niveau europäischer christlicher Theologie bemühen, anknüpfen. Schon dem Protestantismus hatte der Pietismus nach einer Phase der Erstarrung in Orthodoxie gut getan. Die islamistischen Terroristen greifen die alte politische Bedeutung vom Heiligen Krieg wieder auf und sehen sich in der Auseinandersetzung mit dem überlegenem Westen zu jeder Art von Terror berechtigt. Eine fatale Situation.
Feststellbar ist ein Gewöhnungseffekt von Terroranschlägen. Die Aufregung nach einem Anschlag wird immer kürzer, die letzten Anschläge immer schneller vergessen. Noch sind die Opferzahlen im Vergleich zu Todesfällen durch Naturkatastrophen gering, von den Tausenden Toten unseres Verkehrssystems, die wir ganz selbstverständlich hinnehmen, ganz zu schweigen. Zu denken geben sollte die Einsicht, dass der islamistische Terror vor allem muslimische Opfer trifft. Primär haben wir es mit einem innerislamischen Religionskrieg zwischen Sunniten und Schiiten zu tun, ähnlich dem Dreißigjährigem Krieg in Europa, in den die westliche Welt aufgrund fataler historischer Verstrickungen (Kolonialismus, US-Politik) involviert ist. Ein Thema, das unbedingt vertieft werden sollte.
Die Terroristen werden immer brutaler, steigern ihre Anschläge ständig, sogar mit Hilfe von Kindern. Unsere Sicherheitskräfte müssen sich für Ernstfälle dieser Art vorbereiten und leider auch bereit sein, terroristisch agierende Kinder und Jugendliche zu erschießen. Das können wir von den Israelis lernen. Israel ist ein Staat, an dem mir nicht alles gefällt, der aber Jahrzehnte lange Erfahrungen mit Terror hat. Dessen Sicherheitskräfte haben Routinen und Erfolge im Umgang mit dem Terror gelernt und die Bevölkerung reagiert darauf mittlerweile unaufgeregt. Im weiten Orient sind sie der einzige kleine Fleck einer Nicht-Despotie. Gut, dass ihr Schutz Teil unserer deutschen Staatsräson ist.
krisendialoge
Wo stimmen Sie mit ihrem Bruder überein, wo grenzen sie sich ab und wo widersprechen Sie ihm, lieber Clemens?
Clemens von Baruch
Dass mein Bruder eher Hegelianer ist, Rechtshegelianer um genau zu sein, und ich Links-Kantianer, dürfte keinen überraschen, der unsere Texte kennt. Seinen historischen Ausführungen ist weitgehend zuzustimmen, insbesondere seine These von der Kulturblüte des Islam im 8. bis 12. Jahrhundert. Historisch sind er und Rebekka immer herausragend. Ich würde die kulturelle Überlegenheit zum Abendland und die enorme Wirkung der Rezeption der griechischen Philosophie der damaligen christlichen Theologie durch islamische Gelehrte, vor allem Averroës, noch mehr herausstreichen. Die Moderne wäre ohne sie nicht entstanden. Die Aufklärungsphilosophie ruht auf deren Vorarbeit. Sicher hätte ich in jener Zeit lieber im toleranten islamischen Andalusien als im armen katholisch zurückgebliebenem Mitteleuropa leben wollen.
Widersprechen muss ich ihm heftig, wenn er dem Islam jede Art von weiterführender Entwicklungsfähigkeit abspricht. Ebenso wie jeder Mensch kann auch jede Kultur lernen. Gegenüber gegenwärtigen Aufrufen zum Kulturkampf des Westen mit dem Islam, prominent vertreten von dem Harvard-Historiker Samuel Huntington, muss auf die Dialektik von Kulturstreit und Kulturzusammenfluss hingewiesen werden. Wie im Christentum verschiedene Kulturen zusammengeflossen sind, so auch im Islam. Beide profitierten von diesem Kulturaustausch und beide waren in schreckliche und blutige Kulturkämpfe verwickelt. Damals lernten wir von dem überlegenen Islam, kämpften aber leidenschaftlich und brutal gegen ihn in unseren Kreuzzügen und der Reconquista in Spanien. Heute kämpft ein kleiner Teil der Moslems ebenso leidenschaftlich und brutal gegen den gegenwärtig überlegenen Westen. Warum sollte es unmöglich sein, dass ein größerer Teil der Moslems kulturell von uns Menschenrechte, historisch-kritische Auseinandersetzung mit Offenbarungsquellen, Demokratie und Toleranz lernt? Von dem Zusammenfließen der Kulturen zu wissen, macht uns fähig, dem Aufruf zum Kulturkampf zu widerstehen (Trojanow und Hoskoté).
Erste Anfänge einer historisch-kritischen Bearbeitung des Koran fangen gerade an. Analog der „ipsissima verba“ Jesu in den Evangelien „ippsissima verba“ Mohammeds im Koran zu rekonstruieren dürfte spannend sein. Noch muss man wissenschaftliche Arbeiten dieser Art anonym veröffentlichen. Das muss aber nicht so bleiben. Das Christentum, vor allem der Protestantismus, wurde im 19. Jahrhundert durch den Siegeszug der historischen Kritik auf Dauer liberalisiert. Warum soll es nicht möglich sein auch den Islam in Europa liberaler zu machen und, sicher eher langfristig, einen solchen Euro-Islam sich ausbreiten zu sehen. Noch nie hat eine Weltreligion am Ort ihrer Entstehung ihr höchstes Niveau erreicht. Weder das Christentum in Palästina, noch der Buddhismus in Indien. Der Islam, immerhin 600 Jahre jünger als das Christentum, hat vielleicht gerade außerhalb der orientalischen Kernländer weitere Entwicklungschancen.
Bei der Bekämpfung des Terrors müssen wir Mitte und Maß halten, auch wenn die Anschläge der islamistischen Terroristen immer grausamer werden. Zu aller erst geht es in einer Republik um Freiheit. Sicherheit, egal ob innere, äußere oder soziale, ist sekundär. Es geht den Terroristen auch nicht darum, dass wir unsere Freiheitsrechte übermäßig einschränken oder gar aufgeben. Ihr Verhalten ist zutiefst apokalyptisch zu verstehen. Ihren Kampf verstehen sie als Endkampf, der zum Weltende führt. Der Westen kennt diese Einstellung nur noch bei kleinen christlichen Sekten. Die Großkirchen haben sich auf Dauer in dieser Welt eingerichtet und wollen sie gestalten. Solange der Islamismus nicht über den gegenwärtig zusammenbrechenden IS hinaus etablierte islamische Staaten erobern kann, und danach sieht es nicht aus, und solange die Opferzahlen im Vergleich zu Verkehrstoten und Opfern bei Naturkatastrophen gering bleiben, da hat Konrad Recht, kann Mitte und Maß gehalten werden. Noch reagieren westliche Staaten mit der Erklärung von langandauernden Ausnahmezuständen viel zu erregt. Coolness ist angesagt.
krisendialoge
Als Soziologe übst Du Dich, lieber Malte, in Objektivität. Wie bewertest Du das Problem von Religion und Gewalt im Allgemeinen und den islamistischen Terror im Besonderen?
Malte von Baruch
Religion und Gewalt sind früh eine Verbindung eingegangen. Archaische Gesellschaften werden
durch Riten und Magie zusammengehalten. Die Eskalationsgefahr von Gewalt muss intern und extern kontrolliert und gebändigt werden. Intern löst dieses Problem nach René Girard die soziale Institution des Sündenbocks. Die Tötung oder Ausstoßung eines als schuldig empfundenen Individuums reinigt die Gruppe von der Gewaltausbreitung, weil die gemeinsam vollbrachte Gewaltanwendung keinen „mimetischen Vorgang“ (Rache) nach sich zieht. Für Girard ist die dem Opfer nach seiner Tötung dargebrachte Verehrung die Ursache der Erfindung von Göttern und die Wiederholung des Sündenbockvorgangs die rituelle Vergegenwärtigung des Heiligen.
Das antike Judentum und der Islam haben in der Evolution religiöser Opferideen den bedeutsamen Übergang vom Menschen- zum Tieropfer vollzogen. Dieser Wechsel steckt hinter der berühmten Legende von der Opferung Isaaks durch Abraham (Genesis 22, 1-19 und Koran Sure 37, 99-113). Das islamische Opferfest (Īdu l-Aḍḥā ) beruft sich auf diese Erzählung, interpretiert dieses Fest ohne Bezug zum Opfergedanken und fordert soziale Wohltaten. Das Christentum beendet jegliche Opferpraxis durch die Interpretation des Todes Jesu als gewaltsames Sterben eines zum Menschen gewordenen unschuldigen Gottessohnes. Religiöse Opfer samt Wiederaufbau des 70n. Chr. von den Römern zerstörten Tempels in Jerusalem werden ab jetzt sinnlos. Die Opferidee ist im Christentum an ihr Ende gekommen und spielt im Islam keine Rolle mehr.
Extern ist die Spirale der Gewalt in archaischen Gesellschaften nicht zu lösen. Sie unterscheiden im Verhältnis zu anderen Gruppen streng und ausschließlich zwischen Freund und Feind. Dem Freund muss man helfen, den Feind darf man töten. In kriegerischen Auseinandersetzungen kämpften gleichzeitig in einer höheren Sphäre ihre Stammesgötter miteinander. Siegten sie unten, erwiesen sich auch ihre Götter im brutalem Gerangel als stärker. Krieg war der Normalfall, Friede nicht mehr als die oft kurze Spanne zwischen kriegerischen Auseinandersetzungen.
Die Prophetenbewegung des antiken Judentum schuf hier Neues. Sie interpretierten anders als ihre Volksgenossen die Niederlagen Israels gegenüber Assyrien und Babylon nicht als Versagen und Schwäche ihres Kriegsgottes Jahwe, sondern als dessen gerechte Strafe für den Abfall des Volkes. Diese neue, ganz unwahrscheinliche Sicht, die Misserfolge mit dem Festhalten an ihrem Gott kompatibel macht, der eigentlich Erfolge sichern soll, war der Grund für zwei evolutionäre Durchbrüche der Gottesvorstellung. Zum einen setzte sich der Monotheismus historisch durch. Entstanden war diese typische Intellektuellenidee mit Pharao Echnaton, der im antiken Ägypten Reformen startete und scheiterte. Das normale Volk braucht viele Götter und gegen eine übermächtige Priesterschaft war Echnaton machtlos. Auch im antiken Judentum galten ganz selbstverständlich andere Götter als existent. Der eigene Gott forderte nur Exklusivität. Man hielt an dem Partikulargott Jahwe trotz der Niederlage fest und glaubte an seine Überlegenheit gegenüber allen großen Göttern in Israels Umwelt und verdrängte diese zuletzt ganz. Jahwe wurde zum einzigen universellen Weltgott. Die Niederlage des israelitischen Nordreiches gegen Assyrien führte noch nicht zu dieser neuen evolutionär unwahrscheinlichen Sicht, denn die 11 historisch verschwundenen Stämme des antiken Israel gaben wie selbstverständlich ihren Jahweglauben auf und assimilierten sich gegenüber den assyrischen Herrschern. Anders die Niederlage gegen Babylon. Hier siegte die Neuinterpretation der israelitischen Propheten und führte zu einer neuen Ethik und neuen Friedensvision, der zweite evolutionäre Durchbruch. Friede ist nicht mehr die kurze Phase zwischen zwei Kriegen, sondern kann als Schalom-Projekt ohne Rekurs auf Krieg konzipiert werden. In Jahwes zukünftigem universellem Reich werden Schwerter zu Pflugscharen umgeschmiedet (Jesaja 2), ein ewiger Frieden wird möglich und von Gott errichtet werden. Jesus knüpft an diese Friedensutopie mit seiner Botschaft des baldigen Gottesreiches an und predigt deren neue Ethik: absolute „Gewaltlosigkeit“ (Matthäus 5, 38) und das Ende der jüdischen Trennung von Binnen- und Außenmoral. Moralische Prinzipien gelten universell, der jüdische Stammespartikularismus wird überwunden. Jesu Pazifismus passte allerdings nur zu einer religiösen Bewegung, die das Ende der Welt als unmittelbar bevorstehend verstand. Sobald die Kirche sich in der Welt einrichtete, musste seine Forderung nach Gewaltlosigkeit zurückgedrängt und eingeschränkt werden. Kriege wurden als „gerechte Kriege“ auch im Christentum wieder möglich, mit all der Grausamkeit wie zuvor. Einen vergleichbaren Ethisierungsschub, ausgelöst von den alttestamentlichen Propheten und radikalisiert im frühen Christentum, hat der Islam nicht erfahren. Allah wurde nur verhalten zum Allbarmherzigen erklärt. Der Islam war und bleibt bis heute eine Politik-Religion. Nur die muslimischen Sufis bilden eine kleine, mystische Ausnahme von dieser Regel.
Der beschriebene Übergang von archaischer zur antiken Hochkultur wird von Soziologen als Wechsel von segmentärer zur stratifizierten Gesellschaftsform beschrieben. Statt Clans und Stämmen bilden jetzt hierarchisch geordnete Klassen und Stände mit ausdifferenzierten politischen Herrscherhäusern die neue soziale Basis. Neue Funktionen der Religion werden möglich. Die Religion archaischer Stammesgesellschaften war reine Kultreligion ohne Theologie und Priesterschaft. Kollektive Riten wie das Sündenbockopfer und magisch agierende Schamanen bestimmten das Leben. Im Ritus empfand sich das Kollektiv als Einheit, beim Besuch des Schamanen und Zauberers, oft auch Frauen, löste das einzelne Mitglied seine Lebensprobleme. Eine stratifizierte Gesellschaft ist komplexer geworden, vor allem wenn Städte mit ihren Herrscherhäusern entstanden sind, die den früheren Stammesverband sprengten. Die Gesellschaft wird durch Klassen- und Standesgegensätze bunter, Lebensformen explodieren. Wurden in archaischer Zeit Feinde brutal getötet, ganze Stämme vernichtet und nur Frauen und Kinder als Beutegut mitgenommen, lernt man nun einen neuen Umgang mit den Feinden, die zu Sklaven werden. Diese neue Klasse wird zur ökonomischen Basis antiker Gesellschaften. Daneben sichert jetzt auch die politische Macht die Gefahr mimetischer Aggressionen und Religion legitimiert all die neuen sozialen Grundlagen.
Der Vergleich des Islam mit Judentum und Christentum zeigt dessen deutlich geringeres Ethisierungspotential, einen höheren Politisierungsgrad und einen naiv gewordenen Monotheismus. Die christlichen Trinitätsspekulationen sind bereits intellektuelle Glasperlenspiele vor dem Hintergrund der hochkomplex und religiös extrem pluralistisch gewordenen Gesellschaft der Spätantike. Keineswegs sind sie ein Rückfall in einen Polytheismus, wie der Islam fälschlicherweise annimmt. Anders als im Christentum, in dem der Stachel des Pazifismus Jesu immer wieder brutale Gewaltanwendung bremste, vor allem bei Orden und häretischen Sekten, mäßigt der Islam eine sich ausbreitende Gewalt viel geringer. Gewalttätige Gruppen, heute stets Terroristen genannt, begleiten die islamische Geschichte weit mehr als im Judentum und Christentum. Man kann nur hoffen, das der relativ junge Islam im Prozess seiner Modernisierung vom Kulturkampf auf Kulturaustausch umschaltet und lernt.
krisendialoge
Liebe Rebekka. Du widersprichst den Überlegungen Deiner Onkel und Deines Cousins gerne. Ist das auch dieses Mal der Fall?
Rebekka Baruch
Gänzlich widerspreche ich nie, dazu sind alle drei viel zu gebildet und kenntnisreich. So auch diesmal. Es sind nur einige Ergänzungen, die aus meiner feministischen Perspektive gesagt werden müssen.
Der kleine Einschub von Malte, dass archaische Kulturen auch weibliche Schamanen kannten, muss richtiggestellt werden. Das Charisma des Schamanen war anders als das des Kriegers auf beide Geschlechter verteilt. Während der männliche erfolgreiche Krieger zum Anführer der Männer- und Kriegerbünde wurde, Chancen auf die Würde des Häuptlings hatte und später dem männlichen Ältestenrat beitrat, waren weibliche Charismaträgerinnen allein auf den Beruf des Schamanen beschränkt, herausragende Kriegerinnen und Jägerinnen waren selten. Chancen auf weibliche Vergesellschaftungsformen ähnlich den Männern gab es nach Simone de Beavoir für Frauen in archaischen Jäger- und Sammlergesellschaften nicht. Dennoch, Heilerinnen sind oft vorgekommen und haben diese Domäne bis ins hohe Mittelalter gehalten, bis männliche akademische Ärzte ihren Einfluss zurückdrängten, nicht ohne sie als Hexen zu diffamieren, zu verfolgen und vernichten zu lassen. Das konnten sie, weil sich seit den Hochkulturen der Patriarchalismus deutlich durchgesetzt hatte. In archaischen Gesellschaften konnten Frauen führen und weibliche Götter dominant sein. Auch hinter Eva, die in dem Schöpfungs- und Sündenfallmythos der Genesis aktiver und intelligenter als Adam erscheint, vermuten viele Forscher eine Muttergottheit. Seit der Sesshaftwerdung der Menschheit und der Entfaltung der antiken Reiche schmolz der Einfluss der Frauen und der Patriarchalismus gewann die Oberhand.
Der Islam ist deutlich facettenreicher als bisher beschrieben. Wie auch im Christentum sind seine Traditionen weltweit mannigfaltig und verschieden. Sicher, er ist ein Hort ungebrochener Männerherrschaft. Nirgends hatten es Feministinnen schwerer als hier. Nur wenige Jahre im modernen Ägypten, als einige arabische Staaten mit dem Sozialismus sympathisierten, gab es kleine Erfolge in Frauenkämpfen für mehr Gleichberechtigung. Die Rückkehr der Religion im Nahen und Mittleren Osten hat diese zarten Versuche weitgehend gestoppt, Reste zum Anknüpfen sind noch vorhanden.
Der Islamismus ist keine religiöse, eher eine politische Bewegung, die Ressentiments gegen den Westen hegt, ihm die Schuld für die arabische Rückständigkeit gibt und in den politischen Führern ihrer Heimatländer häufig deren Agenten sieht. Das theologische Niveau des islamistischen Terrorismus ist gering. Verteidiger hat er in den großen theologischen Schulen weder bei den Sunniten noch Schiiten. Sein Patriarchalismus ist aber ungebrochen. Ein Glück, Frauen gehören nicht zu deren Führungscliquen. Sie haben sich mit einer dienenden Rolle zu begnügen. Die dschihadistischen Männer dagegen zeichnen sich durch Brutalität aus. Typisch männliche Kriegerideale werden verherrlicht. Schon immer war der Bereich des Krieges wie auch der Gewaltkriminalität in der Geschichte der Menschheit Männersache. Weil der islamistische Terror zuerst Moslems trifft und der Westen eher ein Nebenschauplatz ist, ist Maß und Mitte, Coolness im Sinne von Clemens angesagt.
Sind muslimische Gesellschaften fähig den Terror zu bekämpfen? Diese Frage muss zusammen mit der Reformfähigkeit der islamischen Staaten gesehen werden. Der arabische Frühling ist gescheitert. Hier hatten auch protestierende Frauen eine wichtige Rolle gespielt. Trotz Scheitern dieser Revolten – in Ägypten herrscht heute unter asSisi noch mehr Unterdrückung als zuvor unter Mubarak – muss man nicht nur pessimistisch bleiben. Vielleicht sind in den sunnitischen Staaten mehrere Versuche dieser Art nötig. Der arabische Frühling ist Teil des historischen Gedächtnis dieser Staaten geworden, kann wieder erinnert und reaktiviert werden.
Grundsätzlich muss auch die höhere Reformbereitschaft der iranischen Schiiten im Vergleich zum Wahhabismus bzw. Salafitentum Saudi-Arabiens betont werden. Der Islam hat mit seiner Vergöttlichung des Koran als reines Gotteswort in Arabisch, als Sprache des Himmels, weit mehr Probleme als das Christentum mit seiner Vergöttlichung Jesu zum Gottessohn der hermeneutischen Voraussetzung allen Textverstehens gerecht zu werden. Das Schiitentum immerhin sieht in seinem Rechtsverständnis die Notwendigkeit den Willen Allahs im Koran immer wieder neu auf die jeweilige Gegenwart zu beziehen. Der Koran muss dem sich veränderndem Kontext gerecht werden. Hieraus leitet sich der höhere Pragmatismus und die höhere Reformbereitschaft des Irans im Vergleich zu Saudi-Arabien ab. Auch iranische Theologen gelten für viele als offener und weniger dogmatisch gebunden als ihre sunnitischen Kollegen. Nicht zuletzt ist auch die jahrtausendealte persische Hochkultur des Iran gegenüber der Vergangenheit räuberischer Beduinen des sehr jungen Staates Saudi-Arabien (gegründet 1932) zu sehen, der ähnlich den USA über wenig Tradition, aber über Milliarden verfügt. Wer auf eine lange Geschichte zurückblicken kann, weiß um den notwendigen Wandel, geht ihn auch behutsam an. Der dazu gehörende Konservativismus ist flexibel, vorausschauend und wenig starr. Anders die mit Gold protzenden Saudis, mit denen sich, wenig erstaunlich, der Gold liebende Donald Trump gut versteht.
Dennoch! Frauen haben es schwer im Islam. Während der historische Jesus ihnen gegenüber für einen Juden seiner Zeit erstaunlich offen war, sie als Jünger- und Anhängerinnen schätzte, gilt das für Mohammed zum Teil auch. Er unterdrückte seine Frauen nicht, ermunterte sie sogar ihn zu kritisieren, drückte aber weniger als Jesus ihre Gleichberechtigung aus. Befreiungstheologische und feministische Ansätze haben sich im Anschluss an diese Tradition im Christentum entwickelt. Der Islam bietet noch nicht Vergleichbares.
Richtig, Frauen sind nicht das friedliche Geschlecht. Aggressionen,Wut und Gewalt sind ihnen nicht fremd. An Terroranschlägen aber, das beweist die Geschichte, sind sie deutlich weniger beteiligt als Männer, an den islamistischen Anschlägen nur vereinzelt. An den Freiheitsbewegungen der Moderne aber, waren sie aktiv dabei, sowohl während der französischen Revolution, der Arbeiterbewegung und den Sozialbewegungen seit den 70iger Jahren. Wenn es um Freiheit, Gerechtigkeit und Rettung unserer Umwelt geht, kann man sich auf uns Frauen verlassen. Wenn es um Terror, Gewaltkriminalität, Egozentrismus in der Politik geht, sind leider Männer dominierend.
krisendialoge
Vielen Dank Euch allen. Das nächste Gespräch wird sich mit der Bundestagswahl beschäftigen. Geplant sind die Themen Euro und Europa, Gerechtigkeit und Sozialstaat sowie innere Sicherheit. Ich hoffe, ihr verratet auch Eure Parteipräferenzen.