Von Simone de Beauvoir zu Jean Piaget und Judith Butler und zurück – Interview mit der Historikerin und Feministin Rebekka Baruch

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Du, liebe Rebekka, bist die einzige, die neben ihrer Fachdisziplin zum einen sich zum Feminismus bekennt und zum anderen ihren Namen geändert hat, indem Du das „von“ vor Deinem Familiennamen wegfallen lässt. Seit wann legst Du auf beides Wert?

Rebekka Baruch

Sofort mit meiner Volljährigkeit habe ich auf das „von“, ein dezenter Hinweis auf die klein-adelige Herkunft meiner Vorfahren, verzichtet. Eine republikanische Staatsordnung muss mit allen Resten des Feudalismus brechen. Die Namensänderung war für mich eine kleine Sache, für einige in meiner Familie jedoch eine Revolution. Aber viel schwieriger war und ist es, feudale und patriarchale Residuen in der Lebensform der bürgerlichen Familie in unserer Gesellschaft zu überwinden. Fragen der Entstehung und Entwicklung familialer Sozialordnungen haben mich schon in der Schule beschäftigt und mein Studienfach Geschichte mitentschieden. Der Fokus auf den Feminismus ergab sich dabei von allein, insbesondere aus meiner sehr frühen Lektüre von Simone de Beauvoirs „Das andere Geschlecht“.

 

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Welche Bedeutung hat dieses Standardwerk des Feminismus für Dich?

Rebekka Baruch

Eine erhebliche. Zunächst hatte ihr Buch wesentlichen Anteil für meine Identitätsfindung als Frau. Zugleich hat es meine historischen Interessen geleitet, so dass ich immer wieder auf sie zurückkomme. Selbst von Judith Butler aus. Natürlich nicht unkritisch, was im Folgenden deutlich werden soll.

In ihrem großen Werk wird die soziale Stellung der Frau historisch von archaischen Gesellschaften bis zur Moderne beschrieben und phänomenologisch ihre Lage in der frühen Nachkriegsgesellschaft dargelegt. Soziale Beziehungen sieht sie grundsätzlich von widerstreitenden Willen gekennzeichnet, die sich wechselseitig konflikthaft entwickeln und im Falle des Geschlechterverhältnisses die Frau von Anbeginn bis heute zum „Anderen“ verdammen. Anders als der Mann, der sich als homo faber durch technischen Fortschritt zum Naturbeherrscher emporschwingt und als sein Leben riskierender Krieger eine bleibende Vorrangstellung gewinnt, werden Frauen durch Fortpflanzungspflichten und geringere physische Kräfte dauerhaft benachteiligt.

Als das absolut Andere sind Frauen nicht gleichwertig, kein Subjekt, sondern als Tauschgüter in primitiven Gesellschaften Objekt ihrer Clans. Im Patriarchalismus der antiken Kulturen als Privateigentum des Mannes weitgehend rechtlos und wie eine Sklavin behandelt, emanzipiert sie sich im römischen Reich zur Domina des Hauses und zur Trägerin von Rechten, vor allem des Erbrechts. Je mehr sie aber in Familie und Haus in den folgenden Jahrhunderten gewinnt, desto weniger Rechte gewährt man ihr in der politischen Sphäre. Schon immer hält die Ehe Frauen in Abhängigkeit. Eheliche Gewalt und Vormundschaft des Gatten halten sich von der Ritterzeit über das Lehenswesen bis weit in die bürgerliche Epoche hinein. Emanzipation der Frau gibt es nur außerhalb der Ehe als Witwe oder Unvermählte und auch nur dann, wenn sie Vermögen besitzt. Nur in besitzlosen Ehegemeinschaften, z.B. von Leibeigenen, kann die Frau zu einer Gefährtin auf der Basis von Gleichheit werden.

An diesem Los der Frau ändert die Französische Revolution nichts. Zwar widmen sich einige Bürgerfrauen mit Feuereifer der Sache der Freiheit, z.B. Olympe de Gouges mit ihrer Déclaration de droits de la Femme von 1791, doch sie wie andere enden auf dem Schafott. Beim Ausgang der Revolution genießen auch die Frauen die Freiheit der Anarchie, bei der Neuorganisation der Gesellschaft folgt aber wieder die alte Malaise mit nur wenig mehr Terraingewinn wie Abschaffung des Vorrechts männlicher Erbfolge und Ehescheidung, die in der folgenden Restaurationsphase schon wieder beseitigt wird.

Der Ruf nach Gleichheit der Geschlechter wird in ganz Europa im 19. Jahrhundert sowohl im Bürgertum wie auch bei Sozialisten immer lauter. Der Aufschwung der Industrie verlangt über männliche Arbeitskräfte hinaus nach weiblichen, die aber noch mehr als ihre männlichen Kollegen ausgebeutet werden. Anders als die Frau des Bürgertums ist die proletarische Frau keine Schmarotzerin, sondern in den Augen der sozialistischen Klassiker zusammen mit dem Proletariat auf dem Weg hin zur Befreiung. Gereicht hat es nach langen Kämpfen aber nur zum Frauenwahlrecht im 20. Jahrhundert. Stets haben Männer die Geschichte der Frauen geschrieben, nie sie selbst. Geblieben ist sie bis heute im Zustand des „Für-den-Mann-daseins“, ohne Eigenexistenz, eben das „Andere Geschlecht“. Soweit die Hauptthesen ihres Buches.

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Wie sieht Deine Kritik an Simone de Beauvoir aus?

Rebekka Baruch

Letztlich steht sie mit ihrem Werk im Banne der Existenzphilosophie Satres. Ego und alter ego spiegeln sich wechselseitig im Blick des anderen, erleben sich aber nicht als zur Kooperation fähige Subjekte, sondern als konkurrierende Bewusstseine, die sich gegeneinander unterwerfen wollen. Von daher ist das Schicksal der Frauen entschieden, die sich als eigenständige Gruppe in der gesamten Menschheitsgeschichte noch niemals zur eigenen Selbstbehauptung konstituieren konnte im Gegensatz zu den Männern. Frauen mussten zum Anderen werden, gänzlich abhängig vom anderen Geschlecht. Betrachten wir den homo sapiens aber als ein zur Empathie, zu gemeinsam geteilten Intentionen und zur Kooperation fähiges Wesen (Michel Tomasello), das von Anfang an im Gegensatz zu unseren evolutionären Vorgängern die Rolle des alter ego nicht verfestigt, sondern Erwartungen flexibel variieren kann und die Enge einer egozentrischen Perspektive überwindet, müssen andere Sozialisationsbedingungen angenommen werden, als sie Simone de Beauvoir herausstellt Auch muss der Blick über das Mann-Frau Verhältnis auf die Beziehungen zum Kind und zur Generation der Alten erweitert, also familar werden. Geschieht das, darf die Sozialentwicklung des Menschen nicht als Spannung von Matriarchat, das es vielleicht nie gab, zum Patriarchat gesehen werden, das in der Tat Jahrtausende bestand und immer noch nicht ganz überwunden ist. Will man grob vereinfachen, ist die Menschheit von einer Geriokratie zur kooperierenden Weltgesellschaft vorangeschritten, wobei die Phylogenese der Strukturentwicklung der Ontogenese folgt (Piaget). Analog der Abfolge von Zwang zur Zusammenarbeit als jeweils primäre Form einer sozialen Beziehung in der Phase primärer Sozialisation, entwickelt das Kind, egal ob Junge oder Maid (das Wort Mädchen benutze ich nicht), durch Interiorisierung dieser beiden Muster einer Sozialbeziehung zunächst das Bewusstsein einer heteronomen Moral und in der Folge danach eine autonome Moral. Die Grundbegriffe dieser Sozialisationstheorie des frühen Piaget sind für mein Interesse einer Rekonstruktion der Evolution familialer Lebensformen und des Schicksals der Frauen dabei bedeutender und erfolgversprechender als die Existenzphilosophie Satres. Der spätere Piaget hat dieses soziologische Programm bei seiner Theorie der für beide Geschlechter gleichen kognitiven Entwicklung des Kindes leider aus dem Auge verloren. Für die Sache des Feminismus selbst spielt er deshalb keine wichtige Rolle mehr.

 

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Warum rekurrierst Du auf das auch von Dir als veraltet angesehene Werk von Simone de Beauvoir und nicht auf zeitgemäßere Feministinnen wie z.B. Judith Butler?

Rebekka Baruch

Eine gute Frage! Simone de Beauvoirs berühmtester Satz „Man wird nicht als Frau geboren, man wird es“ wird von Judith Butler tiefgründig erweitert. Es geht ihr nicht allein um die soziologische Selbstverständlichkeit, dass jedermann/frau nur durch Sozialisation eine Geschlechtsidentität (gender) als Mann oder Frau gewinnen kann, sondern dass auch das biologische Geschlecht (sex) eine soziale Konstruktion ist. Die medizinische Beurteilung jedes Neugeborenen folgt nicht einer Orientierung an der Natur, sondern ist die Entscheidung einer sozialen Machtinstanz, die normiert und diszipliniert. Judith Butler bestreitet die von den meisten Feministinnen geteilte Voraussetzung, dass alles auf der Zweigeschlechtlichkeit von Frauen und Männern basiert und außerhalb dieser Dualität nichts existiert. Ihr Augenmerk gilt denen, die außerhalb dieser Normen angesiedelt sind: Menschen, die geschlechtlich nicht klar einzuordnen sind, deren Begehren nicht in heterosexuellen Bahnen verläuft, die nicht mit dem Geschlecht, das ihnen körperlich zugeschrieben wird, leben wollen. Im Blick hat sie die schwul-lesbischen, queeren und Transgender Kulturen. Die Binarität der Geschlechter will sie stören, aufbrechen und immer wieder ihre Unnatürlichkeit aufzeigen.

Sie folgt weitgehend Foucault, dem klassischen Vertreter der postmodernen Vernunftkritik. Für ihn sind das Gefängnis neben Schule, Militärkaserne, Krankenhaus und staatlicher Bürokratie Disziplinarmächte der modernen Gesellschaft. Nicht Freiheit des Individuums, sondern Einordnung in die Sozialsysteme der Moderne qua Disziplin ist das Schicksal des modernen Menschen. Wir werden nicht immer freier und autonomer, sondern immer mehr in diffizile Machtstrukturen verstrickt. Staatliche Kontrollen, Verrechtlichung und Normierung der Lebensumstände, wissenschaftliche Durchleuchtung, ökonomische Beherrschung, pädagogische Disziplinierung, Abhängigkeit von moderner Medizin etc. nehmen permanent zu. Die Hoffnungsfigur der Aufklärung, das freie, autonome bürgerliche Subjekt, vor gut 200 Jahren von den Klassikern der Aufklärung entdeckt und zum Träger einer besseren, humaneren Welt gemacht, löst sich auf. Foucault wettet, „dass der Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand“ ( M. Foucault, Die Ordnung der Dinge, Frankfurt a. M. 1974 – letzter Satz!). Eine gewaltige Herausforderung für mich und viele andere!

 

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Man sieht: das Projekt der Aufklärung kann sehr unterschiedlich bewertet werden. Neben den hoffnungsvollen, auf Fortschritt setzenden Interpreten wie Piaget rückt der postmoderne pessimistische Skeptiker Foucault. Warum folgst Du nicht dem postmodernen Zeitgeist?

Rebekka Baruch

Vielleicht weil ich als Historikerin freier bin von intellektuellen Moden als andere Kulturwissenschaftler und Philosophen. Philosophische Grundbegriffe dienen mir nur heuristisch als Basis für die Strukturierung meines Vorwissens und Vorurteils, das meine historisch-kritische Arbeit anleitet. Die Sprache der Existenzphilosophie eines Heideggers, Satres oder Jaspers ist in der Tat überholt. Piaget überzeugt mich für meine Arbeit sogar mehr als Habermas, weil er die soziale Basis der praktischen Vernunft und vor allem ihren Erwerb im Prozess der Sozialisation plausibler erklären kann. Kommunikative Kompetenz ist nicht Teil eines männlichen oder weiblichen Vernunft-Subjekts, sondern objektiver Sinn in humanen Kooperations- und Verständigungsprozessen, die unsere Gattung von Anbeginn kennzeichnen und an denen sich Kinder beiderlei Geschlechts akiv im Prozess der Sozialisation abarbeiten.

Ohne Zweifel muss mit Judith Butler der Blickwinkel auch auf Randgruppen jenseits heterosexueller Beziehungen erweitert werden. Man sollte nicht nur an Transvestiten, Cross-Dressing etc. denken, auch ein Blick zurück in die Geschichte der Homosexuellen in der Antike, der Kastraten und Eunuchen in Mittelalter und Orient, Polygamie und Polyandrie weltweit usw. kann Verstehen erweitern. Die Pluralität der historischen Lebensformen kann gut mit den gegenwärtigen mithalten. Simone de Beauvoir und Jean Paul Satre sind selbst zu einem Modell eines „freien Paares“ jenseits der Heterosexualität geworden, das schon in den 60iger und 70iger Jahren breite Wirkung zeigte und es auch in Zukunft wieder kann.

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Ich danke Dir für dieses Vorstellungsgespräch.