Wollten Intellektuelle der frühen Moderne ihre gegenwärtige Gesellschaft verstehen, versuchten sie ihre jeweilige Epoche auf den Begriff zu bringen. Die Philosophie der Aufklärung gab ihnen die Mittel dazu in die Hand. Dem Zeitgeist nahe zu sein, ihn zu erfassen, war Ausweis des aufgeklärten Intellektuellen, der ihn in den Rang einer Avantgarde erhob und ihm verhalf seine Gesellschaft und ihre neuesten Tendenzen zu durchschauen – im Gegensatz zum Normalbürger, der im Traditionalismus verharrte und dem Neuen misstraute.
Das gilt gegenwärtig nicht mehr. Einen privilegierten Zugang zur Erkenntnis unserer sozialen Verhältnisse heute hat keiner mehr. An Zeit-Geister wird nicht mehr geglaubt und deshalb treten Zeitdiagnosen an deren Stelle. Die philosophisch ambitionierte Durchdringung wird abgelöst vom Verarbeiten möglichst vieler teils fundierter teils trivialer Prognosen. Zeitgeist damals gab es nur im Singular, ihm waren die intellektuellen Köpfe als Personen unterschiedlich nahe, was ihr Selbstwertgefühl und ihre Distinktion prägte. Zeitdiagnosen heute kann es nur im Plural geben. Der eine sieht die neueste Entwicklung gesellschaftlicher Wirklichkeit so, der andere anders. Wissenschaftliche Trends stehen neben vielen in Lebenswelten verankerten Deutungsmustern. Diese Pluralität der Perspektiven ist Kennzeichen unserer hoch individualisierten Gegenwartsgesellschaft.
Wie können diese teils einfachen teils hochkomplexen Trends und Deutungsmuster unserer sozialen Wirklichkeit geordnet und gewertet werden? Ein Heranziehen der Philosophie-Klassiker bietet sich an, denn sie verhelfen auch heute noch zum Sichten und Ordnen und zeigen an, wie nah oder fern wir mit unserem Denken den Meisterdenkern sind.
Prinzipiell kann heute jeder an einer einzigartigen Weltanschauung basteln mit Anleihen religiöser, philosophischer und politisch-ideologischer Weltbilder. Faktisch ist keine individuelle Weltanschauung einzigartig. Soziologen klären uns auf, dass jeder beeinflusst wird von Familie, Peers, schulischer und universitärer Ausbildung, Leselektüre etc.. Diese Einflüsse steuern die Weltbild-Bastelei des einzelnen. Je reflektierter man um diese Einflüsse weiß, aber auch je bewusster man sich an klassischen Positionen orientiert bzw. sich von ihnen abgrenzt, desto gebildeter kann der einzelne auftreten und seine Originalität auszudrücken versuchen.
Dieser Blog versucht zu helfen die Vielfalt der Weltsichten offenzulegen, zu Annahme und Ablehnung anzuregen und niveauvoll zu ordnen. In Zusammenarbeit von krisendialoge als Moderator und Mitgliedern der Familie von Baruch als Dialog-Partnern. Anders als viele Familien, die ihre Differenzen gerne verleugnen um eines Scheins von Harmonie und Einheit willen, bestehen die von Baruchs auf Differenz ihrer Ansichten auf philosophisch fundierter Grundlage. Sie bleiben dabei bewusst gesprächsbereit und haben eine Tradition regelmäßigen argumentativen Austausches etabliert. In diesem Blog ist eine Reihe ihrer Diskussionen zu aktuell politischen Themen, zu ihrer philosophischen und aktuellen Lektüre und zu Grundfragen menschlicher Existenz geplant.